Momo hat geschrieben:Rabaukenmama hat geschrieben:
Und genau DA versagt mMn das Waldorf-Konzept: darin, auch zu akzeptieren, dass viele Kinder Phasen haben, wo sie nur an einer Sache interessiert sind! Darin, ihnen das Recht einzuräumen, die dem Kind für "freies Spielen" zur Verfügung stehende Zeit EXZESSIV für eine Sache zu nutzen, ohne diese Sache bewerten zu müssen!
Du glaubst ja gar nicht, wie viele schöne Dinge den Kindern in einem Waldorfkindergarten bzw. in einer Waldorfschule geboten werden und dass es natürlich auch begrüßt und unterstützt wird, wenn sich ein Kind in einer Phase exzessiv mit einem selbst gewählten Thema beschäftigt. Dies ist ja unter anderem einer der Gründe, warum die meisten Waldorfschüler, die ich kenne, sich zu motivierten, eigenständigen und sozial kompetenten Menschen entwickeln, die meistens sehr erfolgreich im späteren Berufsleben sind.
Wenn das so zu verstehen ist, dass in Waldorfschulen generell auf die tatsächlichen Interessen der Kinder eingegangen wird, und 4jährige, die z.B. gerne im 3stelligen Bereich rechnen, auch das exzessiv dürfen (und ihnen - nach Bedarf - Material und Wissen zur Verfügung gestellt wird) bin ich sofort für Waldorfschulen für alle.
Ich sehe nur einigen Widerspruch in Deinen Aussagen: einerseits schreibst Du wörtlich "Interessierte Kinder haben ja nicht nur Interessen in EINEM Bereich, oder?", andererseits meinst Du, dass in Waldorfschulen unterstützt und begrüßt wird, wenn sich ein Kind exzessiv mit EINEM Thema beschäftigt.
Du warst in einer Waldorfschule und bist mit dieser Schulform sehr zufrieden - von der Warte verstehe ich natürlich, dass du hinter dem Konzept stehst. Das, was ich bisher über Waldorfpädagogik und Rudolf Steiner und seine Ideen weiß ruft trotzdem in mir gemischte Gefühle hervor. Nicht negativ der Waldorfpädagogik gegenüber, sondern kritisch. Ich sehe - wie gesagt - bei allen Systemen verschiedene Nachteile und bin der Meinung, dass es Kinder gibt, denen das Waldorfkonzept mehr entgegenkommt und andere, die besser mit einem klassischem Schulsystem zurechtkommen. Und damit meine ich gar nicht, dass Kinder, die früher als andere lesen oder rechnen, ins Regelschulsystem gehören.
Die Frage ist auch: welche Fähigkeiten soll ein junger Mensch, der aus der Schule ins Berufsleben eintritt, schon erworben haben? Sowohl intellektuell als auch in Sachen Persönlichkeitsentwicklung! Und da finde ich einfach, dass BEIDES wichtig ist und beide Schulformen (klassische und Waldorf-Pädagogik) einen Bereich zu Gunsten des anderen vernachlässigen.
Meine Cousine ist Sonderschulpädagogin. Sie hat eine Begabung für Sprachen und kreative Dinge, interessiert sich aber NULL für Mathematik und Naturwissenschaften. Sie meint, wenn sie eine Waldorf- oder Montessorischule besucht hätte, würde sie wahrscheinlich nicht mal die Grundrechnungsarten beherrschen. Und da setzt die Frage an: wie viel Mathekenntnisse werden von einem Schulabgänger erwartet? Und wie viel "braucht" man tatsächlich im Leben bzw. in wie vielen Berufen sind Grundkenntnisse notwendig? Ich habe mal in einem anderen Forum erlebt, wie eine Userin ekelhaft "niedergemacht" wurde, weil sie offen zugab, nicht Prozent rechnen zu können.
Umgekehrt gibt es viele durchaus intelligenten Schulabgänger mit guten Noten, die nie gelernt haben, sich selbst zu behaupten oder überhaupt zu erkennen, wo ihre eigenen Grenzen (im Umgang mit Mitmenschen) sind. Die sich z.B. fürchterlich ausgenutzt vorkommen, wenn sie von einem Vorgesetzten gebeten werden, ein Kaltgetränk aus dem Automaten (an dem sie ohnehin vorbeikommen) mitzubringen. Andererseits gibt´s Lehrmädchen, die glauben, sich gefallen lassen zu müssen, wenn ihnen ältere Kollegen oder Vorgesetzte auf den Hintern greifen. Beides Beispiele von jungen Menschen aus meiner eigenen Firma.
Wäre ein interessantes Thema für einen eigenen Thread: Was soll ein Schulabgänger wissen und können, damit er im Leben gut zurechtkommt?
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)