Waldorfschule

Probleme und Lösungen für den Schulalltag
Momo
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Re: Waldorfschule

Beitrag von Momo »

Rabaukenmama hat geschrieben:

Und genau DA versagt mMn das Waldorf-Konzept: darin, auch zu akzeptieren, dass viele Kinder Phasen haben, wo sie nur an einer Sache interessiert sind! Darin, ihnen das Recht einzuräumen, die dem Kind für "freies Spielen" zur Verfügung stehende Zeit EXZESSIV für eine Sache zu nutzen, ohne diese Sache bewerten zu müssen!
Du glaubst ja gar nicht, wie viele schöne Dinge den Kindern in einem Waldorfkindergarten bzw. in einer Waldorfschule geboten werden und dass es natürlich auch begrüßt und unterstützt wird, wenn sich ein Kind in einer Phase exzessiv mit einem selbst gewählten Thema beschäftigt. Dies ist ja unter anderem einer der Gründe, warum die meisten Waldorfschüler, die ich kenne, sich zu motivierten, eigenständigen und sozial kompetenten Menschen entwickeln, die meistens sehr erfolgreich im späteren Berufsleben sind.

Wie dem auch sei, alle Eltern, die sich mit dem Thema Schule beschäftigen und kritisch reflektieren, werden bestimmt die für ihre Kinder richtige Schulform finden :)
LG Momo
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charlotte2
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Re: Waldorfschule

Beitrag von charlotte2 »

Puh, das sind ja wirklich ganz unterschiedliche Erfahrungen. Vielen Dank! Auf Momos Schule würde ich mein Kind sofort schicken. Auf Koschkas Schule sicher nicht. @Koschka: Sind das bei Dir auch konkrete Erfahrungen mit einer Waldorfschule, Die Du beschreibst? Warst Du selbst auf einer solchen Schule? Oder Deine Kinder? Oder bist Du Lehrerin dort?
@Rabaukenmama: Demnach wäre dann die Waldorfschule eher für Spätzünder geeignet als für meine frühlesende Kleine, eher für musikalisch und künstlerisch begabte Kinder als für Knobler, sehe ich das richtig? Schwierig, das so früh schon richtig einzuschätzen.
Hat jemand Erfahrung mit Mathe/Naturwissenschaften und Waldorf? Da habe ich schon viel negatives gelesen aber eben auch, dass das so alles gar nicht stimmt.
Momo
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Re: Waldorfschule

Beitrag von Momo »

Liebe Charlotte2,
auch zu dieser Frage möchte ich mich kurz einschalten. Es ist wieder mal ein typisches Vorurteil, dass Waldorfschulen vor allem für künstlerisch begabte Kinder sinnvoll ist. Das sehe ich anders, denn der Ansatz, die Schüler in den Unterricht einzubeziehen und nicht nur auf eingepaukte Leistung sondern vor allem auf die individuellen Gedanken und Ideen der Kinder großen Wert zu legen- das bringt auf jedem Gebiet langfristig gute Ergebnisse und viel Motivation beim Lernen. Und in der Mathematik kommt es meiner Meinung nach fast ausschließlich auf die Persönlichkeit des Lehrers an und wie er es schafft, die Zahlen lebendig werden zu lassen ;) Ich habe folgenden Artikel gefunden: http://www.erziehungskunst.de/artikel/p ... orfschule/
Und um noch mal bei meinen eigenen Erfahrungen zu bleiben, in meiner Waldorfschulklasse waren einige Mitschüler, die im naturwissenschaftlichen Bereich sehr begabt waren. Ein Spätzünder war darunter, der dank des Waldorfkonzeptes nicht in der Hauptschule gelandet ist, sondern schließlich das jahrgangsbeste Abitur machte und heute als Professor tätig ist.
LG Momo
Zuletzt geändert von Momo am Mi 16. Jul 2014, 22:42, insgesamt 1-mal geändert.
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Rabaukenmama
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Re: Waldorfschule

Beitrag von Rabaukenmama »

Momo hat geschrieben:
Rabaukenmama hat geschrieben:

Und genau DA versagt mMn das Waldorf-Konzept: darin, auch zu akzeptieren, dass viele Kinder Phasen haben, wo sie nur an einer Sache interessiert sind! Darin, ihnen das Recht einzuräumen, die dem Kind für "freies Spielen" zur Verfügung stehende Zeit EXZESSIV für eine Sache zu nutzen, ohne diese Sache bewerten zu müssen!
Du glaubst ja gar nicht, wie viele schöne Dinge den Kindern in einem Waldorfkindergarten bzw. in einer Waldorfschule geboten werden und dass es natürlich auch begrüßt und unterstützt wird, wenn sich ein Kind in einer Phase exzessiv mit einem selbst gewählten Thema beschäftigt. Dies ist ja unter anderem einer der Gründe, warum die meisten Waldorfschüler, die ich kenne, sich zu motivierten, eigenständigen und sozial kompetenten Menschen entwickeln, die meistens sehr erfolgreich im späteren Berufsleben sind.
Wenn das so zu verstehen ist, dass in Waldorfschulen generell auf die tatsächlichen Interessen der Kinder eingegangen wird, und 4jährige, die z.B. gerne im 3stelligen Bereich rechnen, auch das exzessiv dürfen (und ihnen - nach Bedarf - Material und Wissen zur Verfügung gestellt wird) bin ich sofort für Waldorfschulen für alle.

Ich sehe nur einigen Widerspruch in Deinen Aussagen: einerseits schreibst Du wörtlich "Interessierte Kinder haben ja nicht nur Interessen in EINEM Bereich, oder?", andererseits meinst Du, dass in Waldorfschulen unterstützt und begrüßt wird, wenn sich ein Kind exzessiv mit EINEM Thema beschäftigt.

Du warst in einer Waldorfschule und bist mit dieser Schulform sehr zufrieden - von der Warte verstehe ich natürlich, dass du hinter dem Konzept stehst. Das, was ich bisher über Waldorfpädagogik und Rudolf Steiner und seine Ideen weiß ruft trotzdem in mir gemischte Gefühle hervor. Nicht negativ der Waldorfpädagogik gegenüber, sondern kritisch. Ich sehe - wie gesagt - bei allen Systemen verschiedene Nachteile und bin der Meinung, dass es Kinder gibt, denen das Waldorfkonzept mehr entgegenkommt und andere, die besser mit einem klassischem Schulsystem zurechtkommen. Und damit meine ich gar nicht, dass Kinder, die früher als andere lesen oder rechnen, ins Regelschulsystem gehören.

Die Frage ist auch: welche Fähigkeiten soll ein junger Mensch, der aus der Schule ins Berufsleben eintritt, schon erworben haben? Sowohl intellektuell als auch in Sachen Persönlichkeitsentwicklung! Und da finde ich einfach, dass BEIDES wichtig ist und beide Schulformen (klassische und Waldorf-Pädagogik) einen Bereich zu Gunsten des anderen vernachlässigen.

Meine Cousine ist Sonderschulpädagogin. Sie hat eine Begabung für Sprachen und kreative Dinge, interessiert sich aber NULL für Mathematik und Naturwissenschaften. Sie meint, wenn sie eine Waldorf- oder Montessorischule besucht hätte, würde sie wahrscheinlich nicht mal die Grundrechnungsarten beherrschen. Und da setzt die Frage an: wie viel Mathekenntnisse werden von einem Schulabgänger erwartet? Und wie viel "braucht" man tatsächlich im Leben bzw. in wie vielen Berufen sind Grundkenntnisse notwendig? Ich habe mal in einem anderen Forum erlebt, wie eine Userin ekelhaft "niedergemacht" wurde, weil sie offen zugab, nicht Prozent rechnen zu können.

Umgekehrt gibt es viele durchaus intelligenten Schulabgänger mit guten Noten, die nie gelernt haben, sich selbst zu behaupten oder überhaupt zu erkennen, wo ihre eigenen Grenzen (im Umgang mit Mitmenschen) sind. Die sich z.B. fürchterlich ausgenutzt vorkommen, wenn sie von einem Vorgesetzten gebeten werden, ein Kaltgetränk aus dem Automaten (an dem sie ohnehin vorbeikommen) mitzubringen. Andererseits gibt´s Lehrmädchen, die glauben, sich gefallen lassen zu müssen, wenn ihnen ältere Kollegen oder Vorgesetzte auf den Hintern greifen. Beides Beispiele von jungen Menschen aus meiner eigenen Firma.

Wäre ein interessantes Thema für einen eigenen Thread: Was soll ein Schulabgänger wissen und können, damit er im Leben gut zurechtkommt?
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Momo
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Re: Waldorfschule

Beitrag von Momo »

Rabaukenmama hat geschrieben:
Meine Cousine ist Sonderschulpädagogin. Sie hat eine Begabung für Sprachen und kreative Dinge, interessiert sich aber NULL für Mathematik und Naturwissenschaften. Sie meint, wenn sie eine Waldorf- oder Montessorischule besucht hätte, würde sie wahrscheinlich nicht mal die Grundrechnungsarten beherrschen. Und da setzt die Frage an: wie viel Mathekenntnisse werden von einem Schulabgänger erwartet? Und wie viel "braucht" man tatsächlich im Leben bzw. in wie vielen Berufen sind Grundkenntnisse notwendig? Ich habe mal in einem anderen Forum erlebt, wie eine Userin ekelhaft "niedergemacht" wurde, weil sie offen zugab, nicht Prozent rechnen zu können.
Wie kommt Deine Cousine zu dieser Annahme?
Um wieder mal von meinen Erfahrungen zu sprechen- obwohl ich mathematisch nicht unbedingt begabt bin, habe ich in meinem Abi meine Bestnote im Fach Mathematik erreicht! Warum? Weil ich einen tollen Lehrer hatte und ich letztendlich durch ihn die Logik dahinter begriffen hatte. Das hätte ich nie erwartet, zeigt aber, wie wichtig ein guter Lehrer ist. Übrigens werden die Prüfungen von unabhängigen staatlichen Prüfern abgenommen, es werden nicht nur 4 sondern 8 Fächer geprüft (da zuvor keine Fächer abgewählt werden), außerdem zählen keine Vornoten. Wer also behauptet, das Waldorfabitur sei leicht oder intellektuell auf keinem hohen Niveau, sollte dies mal überdenken...

LG Momo
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Sine
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Re: Waldorfschule

Beitrag von Sine »

Mich würde auch interessieren, wie Walddorfkindergärten und Schulen mit Technik umgehen. Also Autos auf der Strasse, Landmaschinen, Computer usw. Es ist auch nur Hörensagen, aber wenn eine Walddorfkindergartengruppe spazieren geht und an einem Feld vorbei kommt, und die Traktoren werden von den Erziehern geleugnet, mit dem Kommentar: "Der Mensch bestellt das Feld, es gibt keine Maschinen oder diese sind dafür nicht verantwortlich", finde ich das sehr seltsam. Wie gesagt, daß ist auch etwas, was ich nur gehört, bzw. gelesen habe, als eine betroffene Mutter sich über den Kiga "ausgekotzt" hat. Und nicht alles, was im Netz zu lesen ist, ist bare Münze. Darum hier mal die Frage, wie wird damit umgegangen? Gibt es für die Kinder Autos zum spielen bei Walddorf, ich meine nein. Nicht das ich das jetzt überlebenswichtig finden würde, aber mein Sohn wäre zu Grunde gegangen, wenn er nicht mit Autos hätte spielen können (behaupte ich mal). Zumal ihn eh vieles fasziniert, was technisch ist. Also Strom, Maschinen, Flugzeuge, Werkzeug usw.

Wie sehen die Walddorfeinrichtungen den Mittagsschlaf?

Zum Thema was muß ein Schulabgänger können, hatte ich am WE ein Gespräch im Familienkreis. Da ging es um eine Praktikantin, die aus einer Walddorfschule kam, welche ein Telefongespräch erledigen sollte. Hat sie den ganzen Tag nicht gemacht, mit der Begründung: "Das mache ich morgen". Hier kommt es so rüber, als wenn den Kindern jede Zeit der Welt gelassen wird?? Also wenn sie kein Interesse am Rechnen haben, dann müssen sie auch nicht? D.h. sie lernen es dann, wenn ihre Zeit gekommen ist (oder gar nicht?)? Könnte es sein, daß durch diesen Ansatz so eine "ich-hab-die-Ruhe-weg"-Haltung gelernt wird? Was ich heute nicht mache, mache ich morgen. Dann sähe ich da auch Probleme. Denn der Arbeitsalltag funktioniert ja an sich knallhart anders (okay, gibt vielleicht auch Berufe, wo das nicht so ist). Wobei die Ruhe bewahren können, auch nicht zu unterschätzen ist! Aber Aufträge müssen halt erledigt werden.

Neulich las ich in einem Buch (ich werde mal suchen, welches das war, interessiert mich jetzt selbst), daß der Autor für begabte Kinder keine Walddorfschulen (bzw. Kindergarten) empfiehlt, weil eben NICHT individuell auf die Kinder eingegangen (oder vielleicht sollte ich von fördern schreiben) wird. Bei Walddorf ist eher die Gemeinschaft wichtig, die Gruppe macht etwas oder man tut etwas für die Gruppe. Jemand der sein eigenes Süppchen kochen möchte (eigene Ziele), ist dort verloren. (sinngemäß wiedergegeben, so wie ich es verstanden und in Erinnerung habe). Das hatte ich bis dahin zum ersten mal gelesen und fand es zumindest interessant, da ich bisher immer ganz anders gedacht habe.

Da kommen mir jetzt so viele Fragen: wie ist es mit Kritik üben, in diesen Schulen? Wird dort auch diskutiert? Darf man auch quer denken? Vor allem im Bereich der Poliktik, tät mich das interessieren. Werden eigene Gedanken akzeptiert oder eher abgelehnt? Eben und vor allem dann, wenn sie anders sind. Und Genetik und solche Sachen?

Wie wird man in der Walddorfschule an das Abitur (z.B.) heran geführt? Gibt es sowas wie Tests, wo man sein Wissen überprüfen kann oder wie wird das gehandhabt?

Hoffentlich sind diese Fragen nicht zu naiv, aber ich habe echt keine Vorstellung, wie die Walddorfschule funktioniert. Vielleicht gibt es ja ein Buch, was einen guten Überblick verschafft?

Das Thema ist spannend. Ich denke auch, daß ein Mix aus Walddorfansätzen (und co) und normaler Regelschule nicht verkehrt wäre. Oder ganz, ganz anders.
Edainwen
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Re: Waldorfschule

Beitrag von Edainwen »

Sine hat geschrieben:
Da kommen mir jetzt so viele Fragen: wie ist es mit Kritik üben, in diesen Schulen? Wird dort auch diskutiert? Darf man auch quer denken? Vor allem im Bereich der Poliktik, tät mich das interessieren. Werden eigene Gedanken akzeptiert oder eher abgelehnt? Eben und vor allem dann, wenn sie anders sind. Und Genetik und solche Sachen?
Aus meinem Waldorflehrerseminar kann ich nur sagen, dass zwar fleissig diskutiert wird, der Ausgang der Diskussion aber von vorneherein feststeht: das andersartige Denken wird niedergemacht und ausgeschlossen. - Das war dann letztlich der Grund, warum ich aufgehört habe. Von Toleranz andersartigem Gegenüber keine Spur. Z.B. fanden es 90% der angehenden Waldorflehrer absolut daneben, wenn eine Mama mit Kidnern unter 7 Jahren arbeiten geht. Eine Mutter HAT die ersten 7 Jahre zuhause bei ihren Kindern zu bleiben. - Finanzielle Nöte schienen die wohl nciht zu kennen, waren wohl alle aus gut betuchten Familien :gruebel:

Und auch davon, dass wirklich alles vom Lehrer abhängt, habe ich ein Beispiel: In den ersten 7 oder 8 Jahren werden fast alle Fächer (bis auf Fremdsprachen) vom Klassenlehrer unterrichtet. Dazu kommt die Steinersche Vorstellung, dass zwischen 7 und 14 Jahren vorwiegend auswendig gelernt werden soll, d.h. eigenes Denken noch nicht gefragt ist. Ok. Nun zum Beispiel: die Schwester meines Exfreundes hatte 4 Kinder. Die älteren besuchten alle die Waldorfschule, als ich sie kennenlernte, die Kleine war noch im KiGa. Der älteste (schon ca. 15 Jahre) hatte von Mathe null Ahnung. Er konnte nichtmal 15+78 zusammenrechnen. Alle dachten aber halt, dass er halt für Mathe unbegabt wäre. Die beiden anderen konnten es ja auch. Dann kam die Jüngste in die Schule. Selber Klassenlehrer wie beim ganz Großen. 1.Klasse ohne Probleme. Dann in der 2. Klasse der Einbruch: Kind klagt ständig über Kopfschmerzen, alles wäre ihm zuviel ,.... bis irgendwann der Spruch vom Kind kam: "Das kann man doch gar nicht alles auswendig lernen!" Und das war dann der Durchbruch: die Eltern hatten nämlcih nun verstanden, dass das Kind in Mathe jede einzelne Rechenoperation nicht verstanden, sondern auswendig gelernt hatte. Also 1+1=2, 2+1=3, ....15+12=27, ... der Lehrer hatte das nicht bemerkt bzw. wahrscheinlich sogar - gemäß der Steinerschen Pädagogik - gewünscht. Und erst dann kamen die Eltern darauf, dass es beim Großen genauso gelaufen war, der hatte nur länger durchgehalten.

Übrigens sind 80% der "Waldorfkinder" (die jetzt erwachsen sind ;)) "Matheversager", die sich die Grundrechenarten erst mühselig nach Schulabschluss selbst beibringen mussten. Mag sein, dass die alle denselben Lehrer hatten, es liegt aber doch nahe, das mit dem System "auswendig lernen" in Verbindung zu bringen.

@Momo: Ich nehme an, dass man als Schüler einen durchaus anderen Blick auf die Pädagogik wirft, als als "angehender Lehrer" im Lehrerseminar, wo ja vor allem die reformpädagogischen Ideen Steiners gelehrt und durchgekaut werden, die der normale Schüler ja höchstens unbewusst erlebt. Im Lehrerseminar war auch die Anwesenheit von Kidnern höchst unerwünscht. Ich hatte meine damals 3jährige Tochter nämlich die Stunde zwischen Seminarbeginn und Arbeitsende meines Mannes immer dabei und obwohl das Kind brav am Tisch saß und gemalt hat und ganz leise war (was mir auch von den anderen Teilnehmern bestätigt wurde), hat es gestört, wie wenn sie Angst hätte, dass da eine zukünftige Schülerin zuviel vom Überbau mitbekäme :?
Rabaukenmama
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Re: Waldorfschule

Beitrag von Rabaukenmama »

@edainwen + sine:

Ähnliche Erfahrungen wie ihr sie beschreibt habe ich auch mit Waldorf- oder Montessori- Schülern gemacht. Wenn bei uns in der Firma neue Lehrlinge aufgenommen werden (das sind 4-8 pro Jahr) merkt man allein an der Arbeits- und Kommunikationsweise, ob der Jugendliche eine klassische Schule oder Waldorf/Montessori besucht hat. Damit meine ich nicht unbedingt Mathe-Kenntnisse (wir hatten auch mal ein Mädchen aus einer Handelsschule, das ausrechnete, dass man für einen 40x60cm Rahmen 24m² Glasfüllung braucht) sondern generell den Umgang mit fixen Aufgaben und Zeitdruck. Die Schüler alternativer Schulformen sind durchaus nicht in allen Bereichen "schlechter", sondern haben einfach eine andere Vorgehensweise.

Nur, dass sie jetzt im Berufsleben stehen und wenn der Lagerleiter sagt: "Räum diese Ware von der Palette ins Regal" dann ist einfach wichtig, dass das bald geschieht (weil der Platz für die nächsten Lieferungen benötigt wird und nur Ware für Kunden kommissioniert werden kann, die ordnungsgemäß eingeräumt ist) und nicht, dass der Lehrling diesen Auftrag erst mal auf sich "wirken" lässt, bis sich die innere Bereitschaft, ihn auszuführen, einstellt.

Positiv sehe ich, dass diese Jugendlichen meistens ein gutes Selbstbewusstsein haben und sich nicht so leicht aus der Fassung bringen lassen. Gerade im Verkauf oder in der Warenausgabe (die Lehrlinge machen im Laufe ihrer Lehre verschiedene Abteilungen durch) sind das sehr wichtige Eigenschaften - oft noch wichtiger als spezielle Kenntnisse (die sich ja ohnehin ALLE Lehrlinge erst aneignen müssen).

Hat alles Vor- und Nachteile. Unsere Gesellschaft "braucht" ja sowohl kreative Köpfe, die sich durch (Zeit-)Druck und gesellschaftliche Normen nicht so stark beeinflussen lassen, als auch Menschen, die einfach anpacken, was von ihnen verlangt wird, ohne sich jetzt groß den Kopf über die Hintergründe jeder Forderung zu zerbrechen.
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Rabaukenmama
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Re: Waldorfschule

Beitrag von Rabaukenmama »

Momo hat geschrieben:
Rabaukenmama hat geschrieben:
Meine Cousine ist Sonderschulpädagogin. Sie hat eine Begabung für Sprachen und kreative Dinge, interessiert sich aber NULL für Mathematik und Naturwissenschaften. Sie meint, wenn sie eine Waldorf- oder Montessorischule besucht hätte, würde sie wahrscheinlich nicht mal die Grundrechnungsarten beherrschen. Und da setzt die Frage an: wie viel Mathekenntnisse werden von einem Schulabgänger erwartet? Und wie viel "braucht" man tatsächlich im Leben bzw. in wie vielen Berufen sind Grundkenntnisse notwendig? Ich habe mal in einem anderen Forum erlebt, wie eine Userin ekelhaft "niedergemacht" wurde, weil sie offen zugab, nicht Prozent rechnen zu können.
Wie kommt Deine Cousine zu dieser Annahme?
Um wieder mal von meinen Erfahrungen zu sprechen- obwohl ich mathematisch nicht unbedingt begabt bin, habe ich in meinem Abi meine Bestnote im Fach Mathematik erreicht! Warum? Weil ich einen tollen Lehrer hatte und ich letztendlich durch ihn die Logik dahinter begriffen hatte. Das hätte ich nie erwartet, zeigt aber, wie wichtig ein guter Lehrer ist. Übrigens werden die Prüfungen von unabhängigen staatlichen Prüfern abgenommen, es werden nicht nur 4 sondern 8 Fächer geprüft (da zuvor keine Fächer abgewählt werden), außerdem zählen keine Vornoten. Wer also behauptet, das Waldorfabitur sei leicht oder intellektuell auf keinem hohen Niveau, sollte dies mal überdenken...

LG Momo
Ich habe nie irgendeine Behauptung über das Waldorfabitur aufgestellt. Und dass von der Persönlichkeit der Lehrperson alles abhängt habe ich wiederholt geschrieben.

Wegen Mathe: die 16jährige Enkelin einer Freundin ist Montessori-Schülerin und kann im Kopf nicht 75+75 zusammenzählen. Und DAS ist mMn schon schlimm, weil Kopfrechnen in diesen Zahlenbereichen auch mit sehr toleranter Grundhaltung mMn zu den "musts" des Lebens gehört.

Dass sich Montessori- und Waldorf- Padagogik unterscheiden ist mir bewusst. Maria Montessori schätze ich aber deutlich mehr als Rudolf Steiner, vor allem weil sie tatsächlich viel mit Kindern gearbeitet und nicht nur Theorien aufgestellt hat. Ich nenne die zwei Schulformen aber häufig gemeinsam, weil beide versuchen, den (Lern-)druck auf die Kinder bewusst zu unterlassen und statt dessen deren Selbstständigkeit zu förden, indem ihnen interessante Dinge angeboten werden, welche das Interesse und die Neugier wecken - mMn grundsätzlich eine gute Sache.

Nur stellt sich mir da schon die Frage, wie ein Mann, der selbst keine Kinder hatte, und nicht mal längere Zeit unterrichtet hat, überhaupt darauf kommt, allgemeingültige Grundsätze aufzustellen. Und wie bei allen, die bahnbrechende Theorien aufstellen - finden sich sehr bald Nachahmer, Interpreten und Besserwisser, welche diese Ideen zum Dogma erklären. Das sind längst nicht alle Waldorfverfechter und -lehrer, aber leider etliche.

Damit meine ich gar nicht die sehr kritische Auseinandersetzung mit Steiners Ideen, von der man sich z.B. hier ein Bild machen kann:

http://www.psiram.com/ge/index.php/Steiner_Zitate

Möchte hinzufügen, dass ich es nicht für allgemeingültige Weisheit halte, weil einfach jeder Mensch im Laufe seines Lebens immer wieder etwas unbedachtes sagt oder tut. Trotzdem bin ich ein Mensch, der sich gern alle Seiten einer Persönlichkeit oder Sache ansieht. Frei nach dem Zitat von Charles Dickens "Ich brauche Informationen. Eine Meinung bilde ich mir selbst".
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Re: Waldorfschule

Beitrag von Momo »

Rabaukenmama hat geschrieben:
Nur stellt sich mir da schon die Frage, wie ein Mann, der selbst keine Kinder hatte, und nicht mal längere Zeit unterrichtet hat, überhaupt darauf kommt, allgemeingültige Grundsätze aufzustellen. Und wie bei allen, die bahnbrechende Theorien aufstellen - finden sich sehr bald Nachahmer, Interpreten und Besserwisser, welche diese Ideen zum Dogma erklären. Das sind längst nicht alle Waldorfverfechter und -lehrer, aber leider etliche.
Die Waldorfschule entstand nach dem ersten Weltkrieg. In dieser Zeit beschäftigten Rudolf Steiner viele Gedanken und Ideen zur "Dreigliederungsbewegung", d.h. die ‚Freiheit‘ der Kultur, die ‚Gleichheit‘ in der politischen Gemeinschaft und die ‚Brüderlichkeit‘ im wirtschaftlichen Leben. Ausgangspunkt der Schulgründung war die Bitte des Direktors der Zigarettenfabrik Waldorf- Astoria an Rudolf Steiner, eine Schule für die Kinder der bei ihm beschäftigten Arbeiter pädagogisch zu betreuen. Die dann ins Leben gerufene Waldorfschule unterrichtete von Anfang an Jungen und Mädchen aller Schichten, es war die erste Gesamtschule Deutschlands.

Alle Ansätze und Zitate müssen im Zusammenhang mit der Zeit, in der Rudolf Steiner lebte, gesehen werden. Ich bitte in diesem Zusammenhang auch mal zu bedenken, wie revolutionär diese Gedanken für die damalige Zeit gewesen sind in Bezug zur üblichen Schulpädagogik. Und vieles ist aktuell wie nie und wird heute endlich auch von Regelschulen übernommen. Aus heutiger Sicht sieht einiges natürlich anders aus und somit ist es meiner Meinung nach auch wichtig, diese Pädagogik gut für die moderne Zeit zu interpretieren. Und aus diesem Grund muss man sich die Schule und das Lehrerkollegium auch anschauen und sich einen Eindruck verschaffen. Das sehe ich auch so.

Für mich ist wichtig, was "hinten rauskommt" ;) Haben sich die ehemaligen Waldorfschüler zu kompetenten Menschen entwickeln können, die gut im Berufsleben klarkommen und ein glückliches Leben führen, da sie darin bestärkt wurden, ihre Träume zu verwirklichen? Oder welchen Eindruck machen die derzeitigen SchülerInnen? Macht ihnen die Schule Spaß, können sie ihre Potenziale entfalten? Dies sind für mich die Kernfragen. Es gibt an Waldorfschulen immer wieder Feste oder auch öffentliche Monatsfeiern, bei denen alle Kinder Gelerntes aus dem Unterricht zeigen und aufführen. Ich habe dadurch z.B. ganz nebenbei gelernt, vor großen Menschenmengen zu sprechen. Dies ist nur ein kleiner Nebeneffekt für die Kinder.. hier kann man jedenfalls auch als Außenstehender einen guten Eindruck der Schulatmosphäre gewinnen.

Und wenn ein Kind nicht so gut rechnen kann oder ein Telefonat herauszögert- gibt es diese Kinder nicht in jeder Schule?
Momo
Zuletzt geändert von Momo am Do 17. Jul 2014, 12:47, insgesamt 1-mal geändert.
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