Koschka hat geschrieben:Halllo Heiner,
Nehmen wir mein Beispiel vom gestern - Spielplatz, rutschen. Mindestens 10 Kinder von 2 bis 7 waren da. Sie sind eine halbe Stunde gerutscht. Die Großen haben sich auf die Rutsche ab und zu hingestellt - das war ein Tunnel. Während dieser halben Stunde gab es keine einzige auseinanersetzung, keinen Streit. Wenn ein Kind es versucht hat ohne sich anzustellen zu rutschen, haben ihn die anderen sehr höflich darauf hingewiesen - bitte am Ende der Schlange hinstellen. Dann sind die gleichen Kinder noch eine halbe Stunde Karussel gefahren. Die haben sich aufgeteilt - Kindergartenkinder vs Schulkinder. Mal musste die erste Gruppe anschubsen, mal die zweite, die kleinen dreijährigen durften mitfahren, die Großen passten immer auf, dass kein 2-jähriges Kind sich verletzt. Entschuldigung, aber das ist alles anders als ein Zoo.
bine1977 hat geschrieben:@Koschka
Kinder lernen auch unter Kindern Sozialverhalten, dass ist soweit richtig. Nur die Wichtigkeit und auch "Richtigkeit" bezweifle ich mittlerweile stark. Unter Kindern allein herrscht ganz schnell das Faustrecht und bauen sich Mobbing-Strategien auf. Sie brauchen definitiv die Anleitung von Erwachsenen dazu.
Bei und im KiGa gibt es einen separaten Raum, wo hauptsächlich die Jungs spielen (Lego, Bauklötze, Autos), da sich die Erzieher da nicht mit reinsetzen, herrscht das Faustrecht. Die großen verstecken das Spielzeug von den Kleinen, damit sie den Raum verlassen, es wird gehauen getreten, geboxt und gekniffen.
Welcher Lerneffekt dort einsetzt, kann ich mir vorstellen.
Bine
Hallo Bine & Koschka,
Zwei Beobachtungen, zwei völlig unterschiedliche Verhaltensweisen, oft sogar von ein und den selben Kindern und zwei unterschiedliche Meinungen und Einschätzungen dazu ...
Meine Ausgangsthese ist ja, Kinder lernen von Kindern im Kindergarten und in der Grundschule kein adäquates Sozialverhalten, mit adäquat ist gemeint, ein Sozialverhalten, das sie später als Erwachsene, wenn sie für sich selbst die volle Verantwortung haben, gebrauchen können. Und genau das ist der Fall !
Aber warum ist das so? Ich möchte das etwas vereinfacht darstellen, damit es verständlich bleibt und nehme daher stellvertretend eine der bekannteste und empirisch gestützten Theorien auf diesem Gebiet, die - Stufentheorie des moralischen Verhaltens -
http://de.wikipedia.org/wiki/Stufentheo ... Verhaltens, die natürlich auch in der wissenschaftlichen Kritik steht, aber auch alle anderen Untersuchungen auf diesem Gebiet kommen grundsätzlich zu diese Ergebnissen, sie eignet sich jedoch hier gut als verständliches Beispiel.
Kindergartenkinder und Grundschüler befinden sich auf der Präkonventionelle Ebene
Diese Ebene entspricht dem Niveau der meisten Kinder bis zum neunten Lebensjahr, einiger Jugendlicher und vieler jugendlicher und erwachsener Straftäter. Auf dieser Ebene erlebt das Kind zum ersten Mal, dass es auch andere Sichtweisen neben der eigenen geben kann, die Autoritätspersonen sind jedoch weiterhin die Vorbilder.
1. Stufe – Die Orientierung an Strafe und Gehorsam: In der ersten Stufe orientieren sich diese nicht an moralischen Ansprüchen, sondern im Wesentlichen an wahrgenommenen Machtpotenzialen. Die von Autoritäten gesetzten Regeln werden befolgt, um Strafe zu vermeiden.
2. Stufe – Die instrumentell-relativistische Orientierung: In der zweiten Stufe erkennen Kinder die Gegenseitigkeit menschlichen Verhaltens. Rechthandeln besteht darin, die eigenen Bedürfnisse und gelegentlich die von anderen als Mittel (instrumentell) zu befriedigen. Menschliche Beziehungen werden vergleichbar mit der Austauschbeziehung des Marktes verstanden. Sie orientieren ihr Verhalten an dieser Gegenseitigkeit, reagieren also kooperativ auf kooperatives Verhalten, und üben Rache für ihnen zugefügtes Leid (tit for tat/do ut des – „ich gebe, damit du gibst“)("Wie du mir so ich dir").
Soziale Regeln, Normen und Erwartungen sind auf dieser Ebene rein äußerlich. Kinder in dieser Phase halten sich nur deshalb an die Regeln, weil es Regeln sind die sich in gut, böse, richtig und falsch einteilen lassen, dafür sind sie empfänglich und sie tun nur deshalb das "Richtige", weil sie dafür belohnt werden und sie unterlassen das "Falsche" weil sie dafür 'Strafe' erwarten. Was richtig und was falsch ist bestimmen auf dieser Ebene ausschließlich Autoritätspersonen wie Eltern, Erzieher/innen, Lehrer etc., sie stellen die Gebote und Verbote auf, und sie sorgen für die Einhaltung dieser Regeln. Was passiert, wenn dieses Regulativ nicht anwesend ist zeigen sehr schön die beiden Beispiele oben mit der Rutsche und dem Spielzimmer.
Betrachtet man dann das Sozialverhalten der Kinder untereinander, was sie ja angeblich voneinander lernen sollen, so lernen sie nicht das richtige und falsche Sozialverhalten vom anderen Kind, sondern das, sagen wir mal schon etwas ältere Kind, das die Regeln, welche von Autoritätspersonen wie Eltern, Erzieher/innen, Lehrer etc. aufgestellt wurden, bereits kennt, gibt praktisch nur diese Regeln als verlängerter Arm weiter, ohne diese Regeln jedoch irgendeiner moralischen oder ethischen Bewertung zu unterziehen, das können sie einfach nicht UND was eigentlich das entscheidende ist, sie können mit dem in dieser Lebensphase erlernten Sozialverhalten im späteren Leben als Erwachsene nichts anfangen, denn später gelten wieder andere Regeln, Werte und Normen und auch dort unterschieden sich die Menschen in Bezug auf ihr Sozialverhalten erheblich, 70% der erwachsenen Menschen befinden sich auf der Konventionelle Ebene der 3. Stufe – Die interpersonale Konkordanz- oder „good boy/nice girl“-Orientierung und der 4. Stufe – Die Orientierung an Gesetz und Ordnung. Eine reflektierende Postkonventionelle Ebene der 5. Stufe – Die legalistische Orientierung am Sozialvertrag wird überhaupt nur von 25% der Menschen erreicht und die sind so gut wie immer über 20 Jahre alt und die 6. Stufe – Die Orientierung am universalen ethischen Prinzip erreichen nur ganze 5% der Menschen.
Ein Kind das von einem anderen Kind im Kindergarten oder in der Grundschule irgendwelches Verhalten "gelernt", abgeschaut, aufgedrückt, eingeprügelt oder sonst wie bekommen hat, kann mit diesem Erlernten im Erwachsenenalter nichts anfangen, es sei denn sie wollen Straftäter werden. Das Sozialverhalten, welches sich im Kindergarten und der Grundschule zeigt, eignet sich nur für die Verwendung in diesem Raum und die Regeln für dieses Sozialverhalten werden ausschließlich von Erwachsenen bestimmt, Kinder geben dieses untereinander lediglich unreflektiert weiter.
Und jetzt kommen wir zu unseren besondern Kindern hier, die ja ein absolute Minderheit sind, denn diese befinden sich, wenn sie sehr klug sind, oder hochbegabt, oft in einem ganz besonderen Dilemma, denn sie befinden sich (so wie ich damals) oft schon als Kinder auf der Postkonventionelle Ebene (also einer Ebene, welche nur wenige Erwachsene überhaupt je erreichen), sie richten sich schon im Kindergarten und der Grundschule nach eigenen universellen ethischen Prinzipien, was dazu führt, das sie mit dem Sozialverhalten, welches im Kindergarten und der Grundschule verlangt wird, rein gar nichts anfangen können und sie könne sich auch nicht auf dieses Niveau zurückbegeben, denn das ist psychologisch gesehen nicht möglich, da sie sich bereits auf einer höheren Stufe befinden, von der es kein zurück mehr gibt und letztlich bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich zu verstecken, oder das Geschehen zu erdulden, denn sie lernen hier nichts für ihr späteres Leben, nicht von den Erwachsenen und schon gar nicht von anderen Kindern.
http://books.google.de/books?id=CK61dg- ... ge&f=false
Daher kommt meine Einschätzung, dass es sich bei Kindergärten und Grundschulen um Zoos handelt (da gibt es ja auch gut und schlecht geführte), sie stammt aus den umfangreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die für Menschen überall auf der Welt gelten und meinen persönlichen Erfahrungen, als eben ein solches Kind, das sich schon sehr früh nach eigenen universellen ethischen Prinzipien gerichtet hat und als Erwachsener der sich, weit entfernt von den meisten anderen Menschen, ganz weit hinten auf der Kohlberg postulierten Postkonventionelle Ebene der Stufe 6 befindet.
http://heinerprahm.he.funpic.de/BBC_Kohlberg_Test.jpg
http://www.bbc.co.uk/science/humanbody/ ... ys/morals/
Liebe Grüße
Heiner