"Anerzogen"?

Fragen aus dem Alltag, Tipps und gute Ratschläge

"Anerzogen"?

Beitragvon Tilia » Fr 25. Okt 2019, 08:46

Hallo!

jetzt muss ich doch nochmal etwas Allgemeines in die Runde einwerfen:

Ich hinterfrage mich die ganze Zeit im Umgang mit dem Kind, habe Angst, doch die totale verkappte überehrgeizige Mama zu sein. Fördere ich zu viel? Habe ich die überdurchschnittlichen Fähigkeiten anerzogen? Zur Frage, wie es dies und jenes gelernt hat... mein Kind kann selbstverständlich nicht hellsehen. Ich antworte, wenn es fragt. Und wenn es versucht, einen Text zu entziffern, helfe ich auch von mir aus. Heißt ohne Hilfe lesen lernen zum Beispiel, dass man von alleine irgendwann herausbekommt, wie auf Deutsch "ch" ausgesprochen wird, wie "äu" usw.? Das habe ich dem Kind erklärt. Und auch, wie die einzelnen Buchstaben lauten. Weil es lesen wollte. Weil es nach Buchstaben gefragt hat, seit dem Kleinkindalter. Dass ich keinen Unterricht oder ähnliches mache, ist klar. Aber im normalen Leben, während des Spiels, des Spazierengehens, des Kochens... erzähle ich Vieles, was in Richtung "anlernen" gedeutet werden kann. Weil das Kind das Thema darauf lenkt. Weil es mich (und das Kind hoffentlich auch) interessiert. Und dann fallen meine Antworten vielleicht nicht unbedingt so spärlich wie unbedingt notwendig aus. Versteht Ihr mich? Ich habe Angst, es falsch zu machen. Ich fühle mich latent unter Druck, weil das Kind bestimmte Sachen macht, die man eher erst zwei-drei Jahre später macht. Natürlich macht es mir Spaß, mit dem Kind zusammen Sachen zu "lernen", ich liebe abstrakte Zusammenhänge (selbst getestet HB) und vermittele diese sehr gerne. Und ich bin auch stolz, wenn es solche Sachen versteht. Ich weiß nicht, wo die Grenze ist zu "zu viel". Und wo ich stehe... Das Kind ist extrem perfektionistisch und wird bei Fehlern wütend. Ist das meine Schuld? Vermittele ich den Eindruck, dass es sich durch dieses Können meine Liebe verdienen muss? Das wäre so schrecklich.

Ihr könnt meine Fragen nicht beantworten, weil Ihr uns nicht kennt. Aber hat vielleicht noch jemand solche Selbstzweifel? Kennt Ihr das?

Danke.
Tilia
 
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Re: "Anerzogen"?

Beitragvon charlotte12 » Fr 25. Okt 2019, 09:40

Hallo Tilia,

diese Gedankengänge kenne ich gut aus der Kleinkindzeit meiner Tochter. Lass dich "einfach" vom Kind leiten. So lange beim Kind Interesse da ist, passt das Angebot. Egal wie alt das Kind ist, egal was üblich ist. Ich habe in Mathe aus denselben Überlegungen wie du sie hast definitiv zu wenig gefördert. Ich habe das Interesse am Rechnen im zweistelligen Bereich damals nicht aufgegriffen, weil es in der Schule noch nicht dran war, und habe das später bitterlich bereut - als das Thema dann endlich mal dran war, hatte mein Kind (sicher auch mitbedingt durch eine komplett unfähige Lehrerin...) komplett dichtgemacht. Kind ist mittlerweile in Klasse 4, jetzt erst ist es nach häuslichem Üben erst mit Bestechung, dann allmählich freiwillig, wieder so weit, wie es vor der Einschulung war und findet ganz allmählich und mit Rückschlägen zu der Überzeugung zurück, dass es in Mathe kein kompletter Versager ist, gestern hat es zum ersten Mal seit Jahren wieder einen Hauch von Neugier auf Mathe entwickelt. Interesse an einer Sache bedeutet, dass das angebotene Futter für die Entwicklung passend ist. Und es ist sicher nervenschonender für sämtliche Beteiligten, wenn du dich jetzt vom Interesse deines Kindes leiten lässt als wenn du Jahre später mit Bestechungen und Drohungen versuchst, deinem Kind die Dinge beizubringen, die es zum richtigen Zeitpunkt spielerisch und mit viel Spaß gelernt hätte.
Vermittele ich den Eindruck, dass es sich durch dieses Können meine Liebe verdienen muss? Das wäre so schrecklich.

Ich würde darauf achten, "Können" und deine Liebe nicht zu koppeln. Dass du sie also einfach so in den Arm nimmst und sagst, wie lieb du sie hast. Wenn es dir gerade in den Sinn kommt und nicht in Verbindung mit irgendeiner Leistung, ruhig auch mal nach Dingen, die nicht so toll waren, wenn sich die Wogen geglättet haben. So nach dem Motto "Ok, Schwamm drüber. - Ach, übrigens, hatte ich heute eigentlich eigentlich schon erwähnt, dass ich dich ganz fürchterlich lieb hab?"
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Re: "Anerzogen"?

Beitragvon alibaba » Fr 25. Okt 2019, 09:47

Ich hatte nie Selbstzweifel. Warum? Ich fand und finde es normal, wenn ein Kind fragt, zu antworten.

Meine haben mich auch gefragt. Konnten nichts durch nichts. Frage - antwort- Frage - Antwort. Ich habe auch erklärt, dass c und h ein "ch" sind. Vielleicht hätte sich das Kind auch selbst erschlossen, ich hab's halt erklärt, fertig.

Ich habe auch kein Wunderkind. Es konnte und kann nicht nach dem einmaligen ansehen eines z.B. Gedichtes dieses perfekt und fehlerfrei auswendig. Mein Kind kann das auf jeden Fall schnell - etwas lernen, egal was - aber nicht durch das einmalige lesen. Nein, geht hier nicht! Oder die "Baderegeln" wie in einem anderen Thread von @rabaukenmama geschrieben. Bei uns ist das eine große DIN-A5-Tafel mit kleiner Schrift. Bildchen -viel Schrift daneben! Wenn sich das mein Kind angesehen hätte, wäre es ihm sicherlich gelungen, anhand der Bildchen zuzuordnen, was für Regeln gelten (Bild = Logik) aber den kleinteiligen Text dazu und das für alle Baderegeln - Nein, das kann mein Kind nicht. Also hier ist nichts mit ansehen und perfekt herunter beten.

Ich habe auch immer - wie Du - erklärt. Wenn zugehört wurde, auch umfangreicher.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die das nicht wollen, nicht zuhören oder weg gehen oder das Thema wechseln. Ich glaube, da gibt es also kein "zu viel". Zu viel = es wird nicht mehr zugehört. Dann hörte ich natürlich auch auf.

Interessant finde ich jetzt deine Information, dass wir deine Fragen dir nicht beantworten können. Wenn ich das nehme und dazu noch deinen Thread aus der IQ-Test-Abteilung frage ich mich - ganz neugierig - ob du nicht vielleicht ein bisschen zu ängstlich bist. Ich glaube ja, will Dir aber nicht zu nahe treten, dass es nicht um dein Kind geht, sondern um Dich. Du hast irgend etwas. Wenn du noch etwas mehr schreibst, dann schaue ich mal, ob ich das konkreter greifen kann.

Um es kurz zu machen. Ich habe das wie du gemacht, aber habe keine Selbstzweifel deswegen.
alibaba
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Re: "Anerzogen"?

Beitragvon Auguste » Fr 25. Okt 2019, 10:44

Hallo,

Intelligenz kann man nicht "anerziehen" - die ist entweder da oder nicht. Man kann als Eltern das vorhandene Potential eines Kindes fördern - oder nicht.

Einem 3-jährigen Kind, welches sich nicht für Buchstaben oder Zahlen interessiert und dem das entsprechende Potential fehlt, kannst du 200 Mal erklären wie man "ch" oder "äu" liest und ausspricht oder dass 3 + 8 = 11 ist - das Kind wird es nicht begreifen und auch nicht anwenden können. Irgendwann plappert es vielleicht nach - hat aber keine Ahnung, was es bedeutet.

"Ohne Hilfe lesen lernen" heißt nicht, dass das Kind sich die Buchstaben komplett selbst erschließt und dann ohne jegliche Hilfe lesen gelernt hat. "Ohne Hilfe lesen lernen" heißt, dass man dem Kind das Prinzip des Lesens nie erklärt hat (also das Zusammenziehen der Buchstaben/Laute zu Silben und der Silben zu Wörtern), sondern dass das Kind allein aufgrund der Kenntnis der Buchstaben selbst herausbekommen hat, dass man die Laute zu Silben und Wörtern zusammenziehen muss, um zu lesen. Und man darf einem Kind, wenn es mit dem Lesen beginnt, auch Besonderheiten in der Aussprache wie bei ch, äu, sch, st usw. erklären - egal wie alt das Kind ist ;)

Meine Kinder haben sich beide das Lesen selbst beigebracht und wurden bereits lesend eingeschult. Von uns haben sie nur die Buchstaben erfragt - wie das Lesen funktioniert, haben sie selbst herausbekommen. Aber selbstverständlich haben sie Hilfe bekommen bei schweren Wörtern oder obigen Buchstabenkombinationen, wenn sie bei uns nachgefragt haben ;) Wir haben uns aber nie mit ihnen hingesetzt und "richtig" lesen geübt - so wie es in der Schule gemacht und verlangt wird. Die Kids haben ihre Bücher selbst gelesen, sind nur hin und wieder angekommen "Mama, wie heißt das Wort?" - dann haben wir es gesagt und sie haben allein weitergelesen.

Wenn die Kinder fragen, dann bekommen sie Antworten (nicht nur beim Lesen). Und die Antworten lauten nicht "Dafür bist du zu klein" oder "Das lernst Du später". DAS frustriert kluge Kinder und bremst sie aus. Vernünftige Antworten frustrieren nicht. Die stillen den Hunger nach geistiger Herausforderung. Wenn es "zu viel" wird, dann signalisieren die Kinder das schon. Sie werden unruhig, wechseln das Thema, gehen weg. Du machst nichts falsch, wenn du die Fragen Deines Kindes beantwortest. Auch dann nicht, wenn die Fragen nicht altersgemäß sind oder die Antworten etwas umfangreicher ausfallen. So lange das Kind interessiert zuhört, ist alles o.k. :)

Auch ist es nicht ungewöhnlich, dass kluge Kinder perfektionistisch veranlagt und schnell frustriert sind, wenn etwas nicht sofort klappt. Das kommt durchaus häufiger vor - und es ist nicht Deine Schuld :). Kluge Kinder haben oft eine bestimmte Vorstellung im Kopf, wie etwas zu funktionieren und auszusehen hat - und wenn sie es dann nicht hinbekommen, werden sie wütend und zweifeln an sich selbst.

Das hängt auch damit zusammen, dass der Kopf viel weiter ist als der Körper. Die Hände eines 3-Jährigen können nun mal nicht zeichnen wie die Hände eines 6-jährigen Kindes ;) Dafür ist die Motorik einfach noch nicht genug ausgebildet. Dann ist es extrem frustrierend, wenn man als 3jähriger im Kopf das Bild wie das eines 6jährigen Kindes "sieht" und es verdammt nochmal nicht hinbekommt, das auch so zu malen ;) Einige der klugen Kinder verweigern deshalb solche Tätigkeiten komplett, wenn sie von vornherein erkennen, dass sie ihren eigenen Vorstellung nicht gerecht werden können. Dann machen sie lieber gar nichts. Kluge Kinder müssen auch lernen, mit ihrem Frust umzugehen. Dem einen gelingt das besser, dem anderen schlechter - wie bei allen anderen Kindern auch.

Du kannst Deinem Kind nur vermitteln, dass du verstehst, warum es gerade wütend ist. Dass Du Dein Kind auch lieb hast wenn es Fehler macht und dass es nicht schlimm ist, wenn man nicht alles sofort perfekt kann. Auch kluge Kinder haben das Recht, mal wütend oder bockig zu sein ;) Es sind Kinder - daran sollte man immer denken. Und wenn die 3 oder 4jährige nicht Aufräumen will oder gerade bockig ist, weil sie bei 5 C draußen keine Jacke anziehen mag, dann darf man als Mama/Papa ruhig dran denken, dass sie eben erst 3 oder 4 Jahre alt ist - auch wenn sie vielleicht schon lesen und rechnen kann wie eine 6 jährige ;)

Mir das Alter meiner Kinder immer wieder selbst bewusst zu machen, hat mir vieles im Alltag mit meinen Kindern erleichtert - ihnen altersgemäßes Benehmen einfach zuzugestehen - und trotzdem die nerdigen Fragen von 3 oder 4jährigen zu beantworten, bei denen ich manchmal selbst erst mal Google befragen musste ;) Mann "darf" den Kindern auch mal sagen, dass man die Antwort auf die Frage gerade nicht weiß und erst nachschauen muss, ob man das (gemeinsam?) herausfinden kann. So lernen die Kinder nebenbei, dass es durchaus "erlaubt" ist, nicht alles zu wissen und sich Informationen erst beschaffen zu müssen ;)

Das Wichtigste ist, dass das Kind glücklich ist. So lange das Kind glücklich und zufrieden ist, machst Du auch nichts wirklich falsch. Eltern müssen übrigens nicht perfekt sein und dürfen auch Fehler machen ;)

Gruß
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Re: "Anerzogen"?

Beitragvon Tilia » Fr 25. Okt 2019, 14:00

Danke euch!

Alibaba: dein Selbstbewusstsein finde ich toll. Klar ging es jetzt um mich, in diesem Thread ganz explizit. Kinder sind an sich nie das Problem, sondern ihre Umwelt. Zu ängstlich trifft in vielen Bereichen sicher auch zu. Auch, was Erziehung betrifft. Was mir immer bewusst wird bei einem Kind, das so schnell lernt, ist die Gefahr der Projektion, man projiziert seinen eigenen Ehrgeiz auf das Kind. Das will ich nicht. Da bin ich einfach vorsichtig.
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Re: "Anerzogen"?

Beitragvon Bliss » Fr 25. Okt 2019, 15:45

Fragen beantworten ist nie verkehrt, man merkt ja auch in der Regel schnell, ob die eigene Antwort auf dem Niveau des Kindes ist, oder ob man es überfordert.

Was den Umgang mit Fehlern angeht hängt viel vom Charakter ab, ich habe 4 Kinder und da ist der Umgang ziemlich unterschiedlich. Bei dem Kind mit Wutausbrüchen habe ich geschaut, dass er auch mitkriegt, wenn ich mal einen Fehler mache und dass die Welt davon nicht untergeht.
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Re: "Anerzogen"?

Beitragvon Meine3 » Fr 25. Okt 2019, 17:24

Hallo Tilia,

Ich hinterfrage mich die ganze Zeit im Umgang mit dem Kind, habe Angst, doch die totale verkappte überehrgeizige Mama zu sein. Fördere ich zu viel? Habe ich die überdurchschnittlichen Fähigkeiten anerzogen?


Wenn das Kind diese Förderung verlangt, viel fragt, viel wissen will, dann ist diese Förderung NICHT zu viel. Ganz einfach. Zu viel WÄRE "Förderung", wenn man dem Kind etwas aufdrängt, wozu es von sich aus keinerlei Interesse zeigt, wenn man nicht aufhört zu erklären, obwohl sich das Kind längst wegdreht oder anderweitig signalisiert, dass es genug hat. Ich kenne diese Gedanken auch, aber mach dich davon frei...Eislaufmuttis stellen sich SOLCHE Fragen überhaupt nicht 8-).


Zur Frage, wie es dies und jenes gelernt hat... mein Kind kann selbstverständlich nicht hellsehen. Ich antworte, wenn es fragt. Und wenn es versucht, einen Text zu entziffern, helfe ich auch von mir aus. Heißt ohne Hilfe lesen lernen zum Beispiel, dass man von alleine irgendwann herausbekommt, wie auf Deutsch "ch" ausgesprochen wird, wie "äu" usw.? Das habe ich dem Kind erklärt. Und auch, wie die einzelnen Buchstaben lauten. Weil es lesen wollte. Weil es nach Buchstaben gefragt hat, seit dem Kleinkindalter. Dass ich keinen Unterricht oder ähnliches mache, ist klar.


Es gibt tatsächlich Kinder, die das lesen komplett selbst erlernen. Durch zuschauen beim lesen, durch erfragen der Buchstaben und der "Rest" kommt von selbst. Mein Sohn wusste auch nicht "von allein", dass c und h "ch" ausgesprochen wird. Er ist auch nicht eines dieser "Selbsterschließer", dafür fragt er uns den ganzen Tag und ständig Löcher in den Bauch :lol:...Er ist jetzt 1.Klässler und kann nun alle Buchstaben, weil im Klassenzimmer ein Plakat hängt, wo alle Buchstaben mit einem entsprechenden Bild des Anfangsbuchstaben (A wie AFFE) aufgelistet sind, andere Kinder tun das eventuell nicht, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind dem Unterricht zu folgen :fahne:... Vorher hat er nur vereinzelte Buchstaben gekonnt, weil das Interesse nicht allzu groß war. Von NICHTS kommt NICHTS, Das zusammenziehen der Buchstaben zu Wörtern allerdings haben wir nie erklärt, das hat er einfach so gemacht, ich weiß nicht wie. "Ohne Hilfe lesen lernen" bedeutet tatsächlich ohne Hilfe. Aber: nicht jedes hochbegabte Kind lernt ohne Hilfe lesen ;). Das ist ein Vorurteil. Mein Neffe (höchstbegabt) hat in der Schule lesen gelernt, dann aber in einem Affentempo. Mein Bruder auch in der Schule. Ich zu Hause (Vorschulalter) durch Buchstaben erfragen und selbst schreiben.

Aber im normalen Leben, während des Spiels, des Spazierengehens, des Kochens... erzähle ich Vieles, was in Richtung "anlernen" gedeutet werden kann.


Ist das relevant? Fragst du das, weil du dich fragst, ob dein Kind tatsächlich hochbegabt ist oder nicht? Das kannst du dadurch nicht herausfinden. Ob dein Kind hochbegabt ist oder nicht (Per Definition also einen GESAMT-IQ Wert von 130 oder mehr hat), das zeigt eben nur ein Test. Die FRage ist, ob das relevant ist, wenn es ihm in der Vorschule grade gut geht und er keine Probleme (mehr?) hat.


Weil das Kind das Thema darauf lenkt. Weil es mich (und das Kind hoffentlich auch) interessiert. Und dann fallen meine Antworten vielleicht nicht unbedingt so spärlich wie unbedingt notwendig aus. Versteht Ihr mich? Ich habe Angst, es falsch zu machen. Ich fühle mich latent unter Druck, weil das Kind bestimmte Sachen macht, die man eher erst zwei-drei Jahre später macht.


Ja, ich verstehe dich. Alle meine Kinder sind so. Ich antworte oft erst einmal "spärlich", aber meist kommt dann die nächste Frage und darauf wieder eine und so weiter und so fort. Bei meinem Sohn weiß ich also mittleweile, dass ich ausholen muss, bzw. kann. Unsere Mittlere fragt wenig, nimmt aber ALLES still und heimlich mit, und wird nächstes Jahr zur Einschulung mit Sicherheit fließend und sinnerfassend lesen (derzeit sind wir beim langsam einzelne Wörter lesen und schreiben nach Gehör)

ABER: du machst nichts falsch. Ein kluges Kind zu haben, ist doch nichts schlimmes oder falsches. Du kannst ein Kind, dass im unteren Durchschnitt der IQ-Leiste herumdümpelt nicht durch fragen und antworten zum Genie machen.

Ich weiß nicht, wo die Grenze ist zu "zu viel". Und wo ich stehe... Das Kind ist extrem perfektionistisch und wird bei Fehlern wütend. Ist das meine Schuld? Vermittele ich den Eindruck, dass es sich durch dieses Können meine Liebe verdienen muss? Das wäre so schrecklich.


Ich habe, wie schon erwähnt, 3 Kinder. Alle drei sind perfektionistisch bis zum umfallen, äußern dies aber SEHR unterschiedlich (auch in unterschiedlichen Bereichen, in einigen Bereichen ist beispielsweise mein Sohn sehr FAUL und überhaupt nicht perfektionistisch, einfach weil es ihn nicht bockt) und gehen auch sehr unterschiedlich damit um. Du machst nichts falsch, solang du die Bedürfnisse deines Kindes bedienst. Punkt.
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Re: "Anerzogen"?

Beitragvon sinus » So 27. Okt 2019, 18:25

Tilia hat geschrieben:Hallo!

Ich weiß nicht, wo die Grenze ist zu "zu viel". Und wo ich stehe... Das Kind ist extrem perfektionistisch und wird bei Fehlern wütend. Ist das meine Schuld? Vermittele ich den Eindruck, dass es sich durch dieses Können meine Liebe verdienen muss? Das wäre so schrecklich.

Ihr könnt meine Fragen nicht beantworten, weil Ihr uns nicht kennt. Aber hat vielleicht noch jemand solche Selbstzweifel? Kennt Ihr das?

Danke.


Die Grenze ist da, wo das Kind nicht mehr interessiert ist.
Das merkt man doch deutlich. ;)
Meiner Großen beispielsweise wollte ich im Vorschulalter die Uhr beibringen. Sie war aber eher wenig daran interessiert. Ich habs x mal erklärt, sie wollte es einfach nicht wirklich lernen und hat nicht zugehört und genervt reagiert.
Ebenso Schleife binden. Sollten die Kinder im Vorschuljahr lernen. Was hat sie gezetert und geschimpft, als wir das geübt haben.
Bei Sachen, die sie interessieren, lässt sie dagegen nicht locker und holt sich ihre Informationen.
Fürs Programmieren im Minecraft hat sie sich durch Bücher, Internetrecherche, Tutorials und Minecraftwiki die Infos zusammengeklaubt.
Meine Große lässt sich insgesamt nur sehr ungern was zeigen/erklären, sie möchte sich Dinge lieber selbst aneignen.
Darum besteht bei ihr nicht die Gefahr, dass ich ihr was zu viel beibringe...

Perfektionistisch ist meine Große auch - aber nur in einigen Dingen. Bei selbst gesetzten Zielen. Ziele die ihr aufdoktruiert wurden, sind ihr nicht so wichtig, da ist sie gern mal "luschig".

Ich habe auch sehr oft befürchtet, dass sie meine Ansprüche zu erfüllen versucht, aber es gab dann auch immer wieder Vorfälle, wo ich sicher bin, dass es mit mir rein gar nichts zu tun haben konnte.
So wollte sie im Urlaub mal einen bestimmten Baum erklettern. Das hat keiner verlangt, warum auch.
Der Baum war nur durch Kraft UND Geschick zu bezwingen. Sie hat es lange und verbissen versucht, bis es schließlich klappte.
Nun sollte man meinen, sie sei damit zufrieden... Aber weit gefehlt.
Sie musste sich offensichtlich unbedingt beweisen, dass es auch ein zweites und drittes Mal klappt. Die richtige Technik hatte sie raus, aber es wurde dann immer schwieriger, weil die Kräfte nun nachließen.
Sie war höchst verzweifelt und wir mussten sie schließlich mit Schimpfen und Drohen überreden, weiter zu gehen.
Wir wollten noch ein Eis essen gehen.
Sie war so ärgerlich über sich selbst, dass sie dann nichtmal das Eis wollte, weil sie das Gefühl hatte, sie habe es nicht verdient, weil sie ihrer Meinung nach gescheitert war.
(Wir haben ihr dann einfach eines gekauft und in die Hand gedrückt und irgendwann hat sie es dann doch noch gegessen)
Aber sowohl den Baum zu beklettern, noch das Eis nicht verdient zu haben hatte IRGENDETWAS mit mir zu tun.
Das war darum für mich so ein Schlüsselerlebnis, wo ich mich dann davon befreit habe, verantwortlich für ihren manchmal wirklich verbissenen Ehrgeiz zu sein.

Beispiel Radfahren, Schwimmen und Skifahren lernen. Das gestaltete sich ebenso schwierig, wie die Sache mit dem Baum und da dachte ich tatsächlich: was mutest du dem Kind zu? Muss es das jetzt wirklich lernen? Verlangst du womöglich unnötig was von ihr?
Im Nachhinein - nach vielen solchen Erlebnissen mit dem Kind - bin ich aber inwzischen überzeugt, dass es nicht mein "Leistungsdruck" war, sondern ihr eigener...

Ein anderer Vorfall, wo ich mir noch lange Vorwürfe machte:
Sie war so 3 Jahre alt und wir wollten ein Eis essen am Spielplatz. Sie hatte einen hellen Pulli an und ich sagte einfach nur so dahin: "Pass bisschen auf, dass du nicht so arg kleckerst, das Schokoeis macht sicher Flecke auf dem Pulli!"
Sie wollte nach diesem Satz das Eis direkt gar nicht mehr haben und es ging kein Weg rein, dass sie es noch aß. Auch als ich versicherte, dass eventuelle Flecke spätestens bei der nächsten Wäsche bestimmt raus gehen würden...
Ein einziger achtlos dahingesagter Satz von mir... und sie hat dann wirklich ewig gar kein Eis mehr gewollt. Nur wegen der Kleckserei und diesem einen Satz von mir dazu! (Wir legen übrigens an sich keinen sonderlichen Wert auf adrette Kleidung oder so. Also chic herausgeputzt wurde mein Kind nie, sie war immer eher in "Räuberkluft" unterwegs)

Also ja - ich kenne Selbstzweifel, die man im Umgang mit so Kindern immer wieder bekommt.
Meine Große (fast 11) bringt mich bis heute ständig an Grenzen und ich lerne ständig was über mich und über sie und über Erziehung dazu.
(Meine kleine Tochter ist übrigens leichter zu nehmen, da muss ich seltener und weniger an mir zweifeln. Bin aber natürlich jetzt auch schon geübter. :P )

Selbstzweifel sind übrigens per se erstmal nichts schlechtes, find ich, denn sie führen zu Selbstreflexion. Und man lernt davon so unglaublich viel dazu...

Aber gerade die Gefahr, dass man einem schlauen Kind Wissen aufzwingt, sehe ich nicht.
Höchstens, dass es manchmal das falsche Wissen ist. Also Dinge, die es emotional noch nicht verkraften kann. Das ist mir durchaus ab und an passiert – im Gespräch oder bei "Materialien", die ich dem Kind zur Verfügung gestellt habe.
Einmal haben wir über Zeit, Dimensionen und Unendlichkeit etc geredet, danach entwickelte sie die fixe Idee, dass die Zeit auch einfach mal anhalten könnte. Sie hatte richtig Angst davor... Und die Vorstellung der "Unendlichkeit" ängstigt sie bis heute. Darum will sie über so Themen wie Weltraum, Universum nicht reden und mag auch keine Filme, wo sowas vorkommt.
Ein andermal wollte sie wissen, was genau mit einem toten Körper passiert. Ich erklärte es ihr bis hin zu den Mikroorganismen, die den Körper zersetzen.
Da hab ich mir im Nachhinein Vorwürfe gemacht, dass ich einem so kleinen Kind sowas erzählt habe. Allerdings hatte sie selbst immer weiter gefragt und wollte es ganz genau wissen.
Das Gespräch hatte zum Glück dann keine negativen Folgen.
Als sie sich mit ca. 4 für Sagen interessierte, kaufte ich ihr ein Buch über die Siegfried-Saga. (ein illustriertes Kinderbuch)
Die endet ja in einem ziemlichen Blutbad... diese Geschichte hat sie dann auch sehr lange und intensiv beschäftigt.

Einmal war völlig verstört von den Nachrichten. Es ging damals um den bewusst herbeigeführten Flugzeugabsturz. Sie hatte das im Radio gehört. Das war im Jahr vor der Einschulung.
Bisher hatten wir das Radio immer beim Frühstück laufen gehabt und auch oft über die Nachrichten gesprochen. Sie interessierte sich damals sehr dafür.
Aber an dem Punkt hab ich dann festgestellt, dass das noch nichts für sie ist und sie die Nachrichten möglichst nicht mehr mithören lassen.

Also klar macht man nicht immer alles richtig, aber wenn man aufmerksam bleibt und sich immer mal wieder hinterfragt (was du ja offensichtlich schon tust), kann man den Kurs ja ggf. auch immer wieder korrigieren.
Muss man mit wachsenden Kindern sowieso ständig - also den Kurs neu berechnen. :D ;)
Zuletzt geändert von sinus am So 27. Okt 2019, 21:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: "Anerzogen"?

Beitragvon sinus » So 27. Okt 2019, 21:16

PS: Ich möchte dir bei dieser Gelegenheit gleich noch folgende Bücher empfehlen, die mir persönlich sehr geholfen haben:

Echtes Kompendium, aber wirklich gut zusammengefasst:

Elterntraining Hochbegabung. Fit für Ihr schlaues Kind in drei Tagen!
von Gabriele Gorny



Hier finde ich sehr gut beschrieben, welche Besonderheiten auftreten und welche Probleme:

Jenseits der Norm - hochbegabt und hoch sensibel?:
Die seelischen und sozialen Aspekte der Hochbegabung bei Kindern und Erwachsenen
von Andrea Brackmann



Das für mich bisher umfänglichste Buch zum Thema, mit sehr vielen konkreten Hilfestellungen zu sehr vielen konkreten Problemstellungen:

Hochbegabt - und trotzdem glücklich: Was Eltern, Kindergarten und Schule tun können, damit die klügsten Kinder nicht die Dummen sind
von Götz Müller, Herbert Horsch, Hermann-Joseph Spicher


Hier werden auch ganz konkret Probleme und Lösungsansätze/Methoden beschrieben:
(Das wurde mir von der Beratungsstelle empfohlen, wo wir Kind getestet haben.)

Hochbegabte Kinder klug begleiten: Ein Handbuch für Eltern
von Dietrich Arnold, Franzis Preckel
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Re: "Anerzogen"?

Beitragvon Rabaukenmama » So 27. Okt 2019, 22:42

Tilia hat geschrieben:Hallo!

jetzt muss ich doch nochmal etwas Allgemeines in die Runde einwerfen:

Ich hinterfrage mich die ganze Zeit im Umgang mit dem Kind, habe Angst, doch die totale verkappte überehrgeizige Mama zu sein. Fördere ich zu viel? Habe ich die überdurchschnittlichen Fähigkeiten anerzogen? Zur Frage, wie es dies und jenes gelernt hat... mein Kind kann selbstverständlich nicht hellsehen. Ich antworte, wenn es fragt. Und wenn es versucht, einen Text zu entziffern, helfe ich auch von mir aus. Heißt ohne Hilfe lesen lernen zum Beispiel, dass man von alleine irgendwann herausbekommt, wie auf Deutsch "ch" ausgesprochen wird, wie "äu" usw.? Das habe ich dem Kind erklärt. Und auch, wie die einzelnen Buchstaben lauten. Weil es lesen wollte. Weil es nach Buchstaben gefragt hat, seit dem Kleinkindalter. Dass ich keinen Unterricht oder ähnliches mache, ist klar. Aber im normalen Leben, während des Spiels, des Spazierengehens, des Kochens... erzähle ich Vieles, was in Richtung "anlernen" gedeutet werden kann. Weil das Kind das Thema darauf lenkt. Weil es mich (und das Kind hoffentlich auch) interessiert. Und dann fallen meine Antworten vielleicht nicht unbedingt so spärlich wie unbedingt notwendig aus. Versteht Ihr mich? Ich habe Angst, es falsch zu machen. Ich fühle mich latent unter Druck, weil das Kind bestimmte Sachen macht, die man eher erst zwei-drei Jahre später macht. Natürlich macht es mir Spaß, mit dem Kind zusammen Sachen zu "lernen", ich liebe abstrakte Zusammenhänge (selbst getestet HB) und vermittele diese sehr gerne. Und ich bin auch stolz, wenn es solche Sachen versteht. Ich weiß nicht, wo die Grenze ist zu "zu viel". Und wo ich stehe... Das Kind ist extrem perfektionistisch und wird bei Fehlern wütend. Ist das meine Schuld? Vermittele ich den Eindruck, dass es sich durch dieses Können meine Liebe verdienen muss? Das wäre so schrecklich.

Ihr könnt meine Fragen nicht beantworten, weil Ihr uns nicht kennt. Aber hat vielleicht noch jemand solche Selbstzweifel? Kennt Ihr das?

Danke.


Hallo Tilia,

erst mal herzlich willkommen hier. Der Perfektionismus, alles möglichst "richtig" zu machen ist wie der Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt ;) . Dein ganzer Beitrag hier fragt: Mach ich was falsch? Übertreibe ich etwas? Bin ich eine gute Mutter? Huch, warum regiert mein Kind so heftig - hätte ich irgendetwas ander machen sollen? Deine Tochter scheint Dir in vielerlei Hinsicht ähnlich zu sein, was ich garantiert NICHT negativ oder abwertend meine :fahne: .

Selbstzweifel sind Teil einer Persönlichkeit, ebenso wie Hochbegabung (das eine hat aber nichts mit dem anderen zu tun). Man kann weder Hochbegabung "anerziehen" noch Selbstzweifel - aber eine gewisse genetische Komponente gibt es natürlich. Hochbegabte Eltern haben häufiger hochbegabte Kinder als durchschnittlich begabte Eltern - was aber für den Einzelfall nichts aussagt. Und ich vermute diese genetische Komponente auch bei anderen Eigenschaften, unabhängig davon, ob sie von der Gesellschaft jetzt als "gut" oder "schlecht" angesehen werden. Meine Kinder bestätigen diese These meinerseits übrigens. Sie haben sowohl gute als auch weniger gute Eigenschaften von mir UND von meinem Mann.

ABER - meine Kinder haben nicht nur "normale" Defitzite, sie sind auch beide diagnsotizierte Autisten, der ältere Sohn hat zusätzlich noch ADHS und der jüngere Sohn ist zusätzlich noch gehörlos. Daher sehe ich deutlicher als viele andere Eltern, wie viel bzw. wie wenig Erziehung, Förderung, usw. bewirkt. Mein älter Sohn hat sich mit 4 1/2 Jahren selbst das lesen beigebracht - nachdem er schon über 2 Jahre alle Groß- und Kleinbuchstaben erkennen und benennen konnte.

Es kam NIE eine Frage nach Umlauten, Aussprache oder ähnlichem. Ab dem Tag, wo mein Sohn mir die ersten Schilder und Plakate vorgelesen hat, konnte er es einfach. Nach Gehör schreiben konnte er bereits mit 3 Jahren und 9 Monaten - also noch deutlich vor dem lesen. Als er mit 6 1/2 Jahren regulär eingeschult wurde hatte er bereits weit über 100 Bücher selbst gelesen. Da er den anderen Erstklässlern weit voraus war haben ihm die Lehrerinnen der Mehrstufenklasse gleich nach einem Monat Schule Schreiblernhefte für Schreibschrift gegeben. Da war mein Sohn sehr kurz mit Eifer dabei - und wollte dann plötzlich nicht mehr. Nun, es war keine Eile und die Lehrerinnen meinten, mein Sohn könne die Schreibschrift auch mit seinen gleichaltrigen Klassenkameraden im ersten Halbjahr der 2. Klasse lernen.

Aber dann, als es so weit war, wollte mein Sohn immer noch nicht. Er hat sich richtiggehend gewehrt, Weinkrämpfe bekommen, wenn er was in Schreibschrift schreiben sollte und war kreuzunglücklich. Naja, man hat ihn dann in Ruhe gelassen und er durfte weiter Druckschrift schreiben. Erst jetzt, in der vierten Klasse,hat er die Schreibschrift wieder aus Eigenmotivation probiert und mittlerweile schafft er schon, einen ganzen Aufsatz in Schreibschrift zu schreiben. Rückblickend ist mir auch klar, warum mein Sohn da so lange nicht wollte: er war nicht der Überflieger! Und er hatte in dem Alter, als das Schreibschrift-schreiben dran gewesen wäre, bereits ganze 4 Jahre! sehr viel und intensiv in Druckschrift geschrieben, wo hingegen seine Mitschüler gleich nach dem erlernen der Buchstaben und dem eigentlichen Lesen-lernen zur Schreibschrift übergegangen sind.

Mein jüngerer Sohn konnte mit 3 Jahren alle Buchstaben (in Gebärdensprache) durch nachfragen. Er hat mich mit 3 Jahren und 3 Monaten damit überrascht, dass er aus dem Gedächtnis seinen Namen schreiben konnte. Dabei habe ich ihm den nie vorgeschrieben und da er komplett gehörlos ist kann er ihn nicht "nach Gehör" geschrieben haben. Hatte mein Kind also übersinnliche Fähigkeiten :gruebel: ? Auf Anhieb konnte ich es mir wirklich nicht erklären, dabei war des Rätsels Lösung ganz einfach: die Kindergärtnerinnen haben auf die Zeichnungen der Kinder deren Namen geschrieben (in Druckschrift), damit die Eltern erkennen konnten, welches der im Flur ausgestellten Bilder von ihrem Kind war.

Binnen kurzer Zeit konnte mein Sohn dann auch die Namen der anderen Kindergartenkinder sowohl schreiben als auch buchstabieren. Lesen war schwieriger, weil Gebärdensprache eine andere Grammatik hat als deutsche Laut- und Schriftsprache. Aber auch das konnte er bei Schuleintritt (regulär, mit 6 Jahren) schon ziemlich gut. Problem ist immer noch das schreiben, vor allem die Grammatik. Da macht er die typischen Fehler der Gehörlosen, schreibt also "Ich komme aus die Schule." weil er zum Wort Schule den Artikel "die" abgespeichert hat. Oder er erschließt sich logisch die Mehrzahl "die Ühr" statt "die Uhren" weil die Mehrzahl von "der Apfel" ja auch "die Äpfel" ist.

So, und jetzt komme ich dazu, warum man mMn keine Fähigkeiten "anerzogen" oder "aberzogen" werden können. Mein jüngerer Sohn hat bedingt durch seine 2 Behinderung neben einigen Begabungen und auch Ausnahmetalenten auch große Defizite. Sein rechnerischer IQ liegt akutell bei 86 (der Test gilt aber als nicht auswertbar, wegen zu großer Unterschiede), also am untersten Rand des Normalbereiches. Es gibt Aufgaben, wo er mit seinen 7 Jahren gerade mal auf dem Stand eines 3jährigen Kindes ist während er anderen den Stand eines 12jährigen erreicht.

In der Schule ist das schwierig. Eines seiner Defizite ist beschreiben von Bildern. Ich bin mir sicher, dass mein Sohn Bilder gut sehen kann und auch erkennt, was er sieht. Aber er versteht nicht, warum er das, was er auf einem Bild sieht, beschreiben soll. Der andere sieht es ja auch, also wozu das Ganze? Das ist so eine Sache, die ich immer wieder versuche, an meinen Sohn heranzubringen, vor allem weil ich WEISS, dass es das Problem nicht intellektueller Art ist, sondern darin liegt, dass sich ihm der Sinn der Aufgabe nicht erschließt. Mein Sohn kann den Großteil des Wiener U-Band-Netzes auswendig, was er von dem in den Stationen ausgehängten Plänen gelernt hat. Warum kann er dann nicht beschreiben, was er sieht, wenn auf einem Bild ein Pferd auf einem Tisch steht? Er versteht sogar denn Witz der Sache, denn er zerkugelt sich vor lachen, aber eine Beschreibung bekommt man trotzdem nicht aus ihm heraus.

Ich schreibe nicht nur hier, im Forum für kluge Kinder, sondern auch in einem Forum für behinderte Kinder. Und da gibt es eine Rubrik "Kindergarten und Schule", wo etliche sehr engagierte, bemühte Eltern beschreiben, wie sehr sie sich bemühen, ihren lernbehinderten oder geistig behinderten oder wahrnehmungsgestörten Kindern auch nur ganz rudimentäres Wissen zu vermittlen.

Aus diesem Grund schreibe hier hier manchmal, Beschwerden über ein wissbegieriges, ehrgeiziges, oft hochbegabtes Kind ist jammern auf hohem Niveau. Das meine ich natürlich nicht böse, sondern es soll mal verdeutlichen, wie schlimm es umgekehrt wäre, einem 8jährigen Kind beibringen zu wollen, endliche selbst seinen Namen zu schreiben, oder 10jährigen Kind immer wieder das plusrechnen im 10er Bereich zu erklären. Und immer das Gefühl, selbst was "falsch" zu machen, weil das Kind es eben einfach nicht kapiert!

Zumindest so lange das Kind noch keine fixe Einrichtung (Krippe, Kindergarten, Schule, Hort,...) besucht, und die Eltern das Kind nicht aktiv "ausbremsen" ist das Hauptproblem der Eltern, wie sieselbst VON ANDERN (Eltern) gesehen werden. Hier ist es wirklich nötig, sich ein dickes Fell zuzulegen, und etwaige Bemerkungen beim einen Ohr rein- und beim anderen wieder rausgehen zu lassen ;) .

Ich erinnere mich da an eine Szene als mein Sohn in der Garderobe laut die Einladungskarte zu einer Geburtstagsfeier vorlas, die ein Mädchen vom Kindergarten bekommen hatte. Die Mutter des Mädchens fragte mich verwirrt "Hat er das jetzt wirkich geselen?" (blöde Frage, sie war ja daneben und wie sollte er es sonst korrekt sagen?). Als ich bejahte fragte sie meinen Sohn mit zuckersüßer Stimme "Na, hat dir das lesen die Mama beigebracht?" und mein Sohn antwortete ganz cool "Nein, das hat sich mein Kopf selbst beigebracht!". Das Gesicht dieser Mutter hättest du sehen müssen :mrgreen: . In dem Moment wurde mit klar, wie viel gesünder ein offener Umgang mit Begabungen ist, als so ein rumeiern und erklären, dass man mit dem Kind nichts speziell was geübt hat...

Die Leute, die dich und dein Kind mögen, werden das auch weiterhin tun, unabhängig von Begabungen und Defiziten. Und diejenigen, die eifersüchtig auf das schauen, was dein Kind schon kann, und der fixen Ansicht sind, du MUSST ja mit dem Kind zu Hause stundenlang üben, die lassen sich mit noch so vielen Worten ohnehin nicht von der Wahrheit überzeugen. Also kannst du auch gleich ganz getrost sagen "Ja, meine Tochter ist eine ganz Schlaue!" ohne dich dafür genieren zu müssen ;) .
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)
Rabaukenmama
Dauergast
 
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