Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

besondere Ansätze für besondere Kinder

Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Willow77 » Mo 1. Feb 2016, 16:28

Rabaukenmama, Momo,

Vielleicht liegt ein Teil des Problems darin, dass mein Mann und ich schon als Kinder von uns aus sehr gewissenhaft und pflichtbewusst waren (deshalb sind wir wohl beide Lehrer geworden). Und einfach nicht immer mit diesem Sohn klarkommen, der so anders ist. ;)

Vielleicht sollten wir wirklich mehr loslassen, ihm die Zügel seiner Hausaufgaben überlassen, mit der Lehrerin reden...

Im Augenblick und nur bei dieser Lehrerin sehen die Hausaufgaben so aus: Jeeeeeden Montag vier vorgegebene Diktate à 4 kleinen Sätzen für den darauffolgenden Montag machen. Wenn wir ihm die Sätze nicht diktieren, wer dann? Laufdiktat und Zudeckdiktat mag er auch nicht. Dass er einfach abschreibt wollen wir nicht, da er tatsächlich Übung in Sachen Rechtschreibung braucht. (ok, über Sinn und Unsinn dieser Diktat können wir auch reden, davon wird seine Rechtschreibung zwar nicht schlechter aber auch nicht viel besser. Wörter in einem Lernkartei-System üben würde mehr bringen. Vielleicht schlage ich der Lehrerin das mal vor!)

Also sitzen wir mit im Boot, im Augenblick. Und unsere Zeit geht mit flöten, wenn er da sitzt und rumhampelt oder es auf den letzten Drücker verschiebt. Nächstes Jahr gibt's ne andere Lehrperson, also auch ein anderes H-System. Wenn er dann Vokabeln lernen muss oder etwas schreiben muss, kann er das dann gerne auch noch abends im Bett machen, da sehe ich unsere Aufgabe nur noch darin, zu schaun ob 's wirklich gemacht ist, Lerntechniken noch mal erklären (beim französisch Vokabeln und Verben pauken) und helfen, falls nötig.

Jedenfalls mal vielen Dank für eure Anregungen, das gibt Stoff zum Nachdenken.
LG,
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Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Karen » Mo 1. Feb 2016, 19:01

Nur ein paar efahrungen aus meiner hausaufgabenzeit: meine eltern haben es uns komplett überlassen ohne je zu fragen ob es schon gemacht wurde oder nicht. Ab erste bis letzte klasse. Wenn wir hilfe brauchten, haben wir selber gefragt. Ich habe oft hausaufgaben in letzte minute erledigt - oft am pausehof 5 min vom unterrichtbeginn. Hat mich nicht gestört. Und ich arbeite immer noch gerne von deadline bis deadline. Interessant ist dass wenn ich kein deadline habe, bin ich viel weniger effizient und kreativ und das arbeit ist oft weniger gut wenn ich es im letzten moment gemacht hätte. Deshalb habe ich mich in meine uni-zeiten und danach selber deadline gesetzt in dem ich die resultate, projektarbeit usw jemandem versprochen habe. Ich bin meine Eltern sehr dankbar dass sie mir dieses druck und stress erspart haben (sie haben sich für schule sehr interessiert, aber nicht für noten oder hausaufgaben, mehr für was so lauft (kollege, themen) und immer geholfen wenn es nötig war.
Was denkt dein Sohn dazu wenn du ihm fragen würdest ob er will selber für hausaufgaben zuständig sein? Ohne dass ihr nachfragt, kontrolliert usw. Es macht ja auch unterschied bei diktat ob du ihm drängst oder ob er selber zu dir kommt und fragt ob ihr das machen könnt. Notfalls auch um 22.00 am sontag.... Ihr könnt auch ein paar wochen probezeit einführen. Und ich würde es sicher nicht mit lehrerin besprechen -wenn sie damit ein problem hat, kommt sie selber zu euch oder zu deinem Sohn. Wenn es nicht klappt, könnt ihr ja immer nach ein paar wochen zurück zu kontrolle und drängen kehren.
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Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Karen » Mo 1. Feb 2016, 19:23

Strafen und konsequenzen: gibt es bei uns beide nicht. Ich finde "konseqenzen ausdenken" recht komische wort kombination. Für mich entweder gibt es konsequenzen ganz natürlich: (tochter zu langsam, wir verpassen der zug und skifahren liegt nicht mehr drin) oder es gibt die einfach nicht (wie verhalte ich mich wenn mein mann oder schwiegermutter ein glass umkippt?) Und ich fühle mich zuständig warme schuhe mitzunehmen wenn meine 2 jahrige tochter barfuss im schnee laufen möchte, aber sie hat schon das kompetenz zu entscheiden ob sie zu kalt hat oder nicht und ob und wenn sie schuhe anziehen möchte. Für mich ist es oft so, dass wenn ich denke dass meine tochter schon kompetent genug ist zu entscheiden wie sie etwas macht -dann lasse ich sie machen und unterstütze wenn es nicht so klappt wie sie es wollte (in dem ich schuhe mitnehme). Und wenn sie noch nicht kompetent genug ist was zu machen -übernehme ich es und das akzeptiert sie oft gut dass sie sonst viel mitentscheiden darf. Und dann gibt es wenige regel und grenzen die akzeptiert werden müssen (wie zähne putzen). Dann geht es nicht um was ist ein konsequenz wenn sie es nicht macht, aber um dass sie es macht, früher oder später, freiwillig oder nicht.
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Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Rabaukenmama » Mo 1. Feb 2016, 22:18

@karen: bei meinen Kindern nehme ich passende Kleidung auch immer nur mit. Sie lernen ohnehin durch Versuch und Irrtum.

Weihnachten vor einem Jahr hat meine Mutter als ich arbeiten musste auf die Kinder aufgepasst. Kleinsohn fand es witzig beim anziehen wild zu strampeln. Meine Mutter war aber der Meinung er müsse im Winter eine Strumpfhose tragen. Kaum hatte sie ihm eine mit viel Kampf angezogen zog er sie provokant lachend wieder aus. Am Abend war meine Mutter fix und fertig und am nächsten Tag ging es genau so weiter.

Als meine Mutter wieder weg war probierte Kleinsohn dasselbe mit mir. Nur, dass ich ihm die Stumphose nicht wieder anzog. Eine Weile lief er provokant "unten ohne" herum, dann merkte ich, wie ihm kalt wurde und ich rechnete damit dass er gleich kommen würde um mich bein Strumpfhose anziehen um Hilfe zu bitten. Aber Irrtum, er holte nur eine Decke aus dem Schlafzimmer und wickelte da seine Beine ein. Dann war ihm zwar nicht mehr kalt, aber er musste eingewickelt am Boden liegen bleiben. Nach einer Weile ließ er sich widerstandslos die Strumpfhose anziehen und zog sie dann ach nicht mehr aus :mrgreen: . So hat sich etwas Geduld und loslassen gelohnt.
Zuletzt geändert von Rabaukenmama am Di 2. Feb 2016, 08:39, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Willow77 » Di 2. Feb 2016, 08:17

Hallo Karen,

Wie schön dass das bei euch so stressfrei und locker läuft, ganz ohne Strafen oder Konsequenzen.
Wie sieht es denn aus, wenn deine Kinder sich bei den wenigen Regeln weigern, wie zum Beispiel beim Zähneputzen. Wenn dein Kind partout nicht will, nicht den Mund aufmacht, wegläuft, oder immer wieder sagt: später, nachher....? Wie bekommst du Kind dazu trotzdem Zähne zu putzen?

LG,
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Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Rabaukenmama » Di 2. Feb 2016, 08:53

Bin schon gespannt wie Karen das macht. Wir haben ja in vielen Punkten sehr ähnliche Ansichten ;) .

Bei uns ist es so, dass mindestens 1x am Tag Zähne geputzt wird und zwar am Abend. Eigentlich streben wir 2x am Tag an, aber in der Früh vergesse ich selbst machmal und dann ist es mir auch egal wenn die Kinder nur ein bißchen an der Zahnbürste rumkauen, denn in der Früh überlasse ich das ihnen.

Am Abend wird Zähne geputzt und aus! Nicht gemeinsam, weil Kleinsohn ja früher schlafen geht. Ich sage ihm daher dass er ins Bad zum Zähne putzen gehen soll. Wenn er das nicht tut dann wiederhole ich es (je nach Uhrzeit) noch 1-2x und wenn er dann nicht geht wird er eben gegen seinen Willen ins Bad getragen. Dort bekommt er seine Zahnbürste, darf sich selbst die Zahnpasta raufdrücken und dann wird geputzt. Ich putze daneben meine Zähne als "gutes Vorbild" :) .So weit funktioniert das meistens gut, aber wenn ich nachputzen will (weil er natürlich nicht alle Zähne und Zwischenräume erreicht hat) dann geht das Bebrüll und das wehren los.

Ja nach Tages-Temperament muss ich mein Kind dann zwischen meinen Knien "einklemmen", ihm mit der linken Hand beide Hände festhalten und mit der rechten Hand seine Zähne putzen (dabei brüllt er wie am Spieß!). Wenn es ganz arg ist bleibt er dann nicht mehr stehen sondern lässt sich auf den Boden sacken und tritt dort nach Leibeskräften während ich weiter seine Zähen putze.

An besseren Tagen gibt es nur leises Protestgeschrei, an schlechten Tagen ist Kleinsohn nach dem Zähne putzen bis zu einer dreiviertel Stunde sauer auf mich, liegt brüllend am Badezimmerboden und wenn ich ihn gegen seinen Willen raustrage (da muss ich furchtbar aufpassen dass er nicht beim um-sich-schlagen mit dem Kopf gegen den Türstock knallt) läuft er danach sofort demonstrativ wieder rein, legt sich wieder auf den Fliesenboden und brüllt um-sich-tretend weiter :schwitz: .

Bei Großsohn ist es einfacher. Der jammert und brüllt zwar VOR dem Zähneputzen täglich rum (ist irgenwie sein Abendritual), macht aber dann, wenn er mal im Bad ist, keine Schwierigkeiten mehr und manchmal, wenn ich sehe, dass er selbst sehr ordentlich geputzt hat, verzichte ich bei ihm auch schon aufs nachputzen.

Bei Sachen, von denen ich überzeugt bin, dass sie notwendig sind, kann ich sehr konsequent sein. Da gibt es zwar nicht viele Bereiche, aber dazu gehört bei uns nun mal das Zähne-putzen.
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Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Rabaukenmama » Di 2. Feb 2016, 09:27

Karen hat geschrieben:Nur ein paar efahrungen aus meiner hausaufgabenzeit: meine eltern haben es uns komplett überlassen ohne je zu fragen ob es schon gemacht wurde oder nicht. Ab erste bis letzte klasse. Wenn wir hilfe brauchten, haben wir selber gefragt. Ich habe oft hausaufgaben in letzte minute erledigt - oft am pausehof 5 min vom unterrichtbeginn. Hat mich nicht gestört. Und ich arbeite immer noch gerne von deadline bis deadline. Interessant ist dass wenn ich kein deadline habe, bin ich viel weniger effizient und kreativ und das arbeit ist oft weniger gut wenn ich es im letzten moment gemacht hätte. Deshalb habe ich mich in meine uni-zeiten und danach selber deadline gesetzt in dem ich die resultate, projektarbeit usw jemandem versprochen habe. Ich bin meine Eltern sehr dankbar dass sie mir dieses druck und stress erspart haben (sie haben sich für schule sehr interessiert, aber nicht für noten oder hausaufgaben, mehr für was so lauft (kollege, themen) und immer geholfen wenn es nötig war.
Was denkt dein Sohn dazu wenn du ihm fragen würdest ob er will selber für hausaufgaben zuständig sein? Ohne dass ihr nachfragt, kontrolliert usw. Es macht ja auch unterschied bei diktat ob du ihm drängst oder ob er selber zu dir kommt und fragt ob ihr das machen könnt. Notfalls auch um 22.00 am sontag.... Ihr könnt auch ein paar wochen probezeit einführen. Und ich würde es sicher nicht mit lehrerin besprechen -wenn sie damit ein problem hat, kommt sie selber zu euch oder zu deinem Sohn. Wenn es nicht klappt, könnt ihr ja immer nach ein paar wochen zurück zu kontrolle und drängen kehren.


Ich glaube bei mir wäre besser gewesen, meine Mutter hätte mir auch vom ersten Tag an die Verantwortung für meine Hausaufgaben gelassen. SCHLECHTER wäre es bestimmt nicht gewesen. Vielleicht hätte ich dann in der Volksschule ein paar 2er mehr im Zeugnis gehabt, aber die VS-Zeugnisse interessieren später ohnehin keinen mehr.

So, wie sie das bei mir gehandhabt hat, war mir lange Zeit gar nicht bewusst, dass Hausaufgaben ein Teil MEINER Pflichten sind. Das waren diese lästigen, langweiligen, zeitraubenden Sachen, von denen meine Mutter unbedingt wollte, dass sie täglich erledigt werden, und die sie (wenn ich partout nicht wollte) sogar für mich gemacht hat. So lag die Verantwortung bei ihr, weil sie diese "übernommen" hatte und die ganz natürliche Konseqenz, nämlich von meiner Lehrerin für die nicht gemachten Hausaufgaben konfrontiert zu werden, blieb mir erspart. Hier wäre rückblickend "loslassen" die bessere Lösung gewesen.

Aber ich hatte auch einige Knackpunkte, wo ich nicht loslassen konnte. Einer davon war das einnässen meines großen Sohnes. Nachdem er mit ca. 3,5 Jahren von einem Tag auf den anderen tagsüber trocken geworden war dachte ich, dieses Thema sei erledigt. Doch nach ca. 3 trockenen Monaten fing er wieder mit einnässen an. Erst nur sporadisch, dann täglich und bald musste er im Kindergarten aus hygienischen Gründen wieder eine Windel tragen.

Zuerst habe ich mir nicht viel dabei gedacht. Das war zu der Zeit, wo dem Kleinen die Hörimplantats-OP bevorstand, die aus gesundheitlichen Gründen 4x verschoben werden musst. Wir waren alle angespannt und mir war klar, dass mein sensibler Großer diese Anspannung natürlich mitbekommt. Dann war die OP vorbei, Kleinsohn kam kurz darauf in den Kindergarten und ich begann, wieder zu arbeiten. Obwohl wieder Alltag eingekehrt war nässte Großsohn (mittlerweile 4,6 Jahre alt) immer noch täglich ein und trug daher Windeln. Im Kindergarten wurde ich immer öfter darauf angesprochen, wobei einige Pädagoginnen meinten, es wäre jetzt aber schon allerhöchste Zeit zum trocken-werden und andere die nur-nicht-drängen-Theorie vertraten.

Und dann "nahm" ich mir diese Problem. Ich glaubte, es meinem Sohn zuliebe lösen zu müssen. Schließlich wurde er im Kindergarten von Gleichaltrigen wegen des einnässens verspottet und deutlich jüngere Kinder waren schon Tag und Nacht trocken. Das musste sich doch machen lassen! Ich war beim Kinderarzt, der mich aber beruhigte und meinte, das werde er schon noch lernen. Ich versuchte, zu Hause die Windel wegzulassen und hatte täglich etliche nasse Hosen. Ich führte goldene Sternchen als Belohnung für trockene Kleidung ein, die man dann gegen Matchboxautos oder Pixibücher eintauschen konnte. Ich redete auf meinen Sohn ein wie auf eine kranke Kuh, wollte rauskriegen WAS ihn daran hindert, rechtzeitig aufs Klo zu gehen, ließ alles organische (Zu kleine Blase? Zu enge Harnröhre? Zu viel Restharn? Diabetes?...) abklären und stieß immer wieder auf dieses böse Wort "psychosomatisch" :evil: .

Ich habe in der Zeit hier etliche Beiträge zu dem Thema verfasst, wurde wütend wie eine beleidigte Katze wenn wer nur andeutungsweise mit "selber schuld" kam weil ich ja ohnehin "alles" tat, was mir einfiel. Und anstatt besser zu werden wurde es immer schlimmer. Ich erinnere mich an Weihnachtsfeiertage, wo ich voll motiviert war, endlich die Windel wegzubekommen. Mein Sohn hat es geschafft, in 2 Tagen komplette 30 Kleidungsgarnituren nass zu machen. Und er begann noch zusätzlich mit zeitweiligem einkoten :twisted: !

Dann, so um seinen 5. Geburtstag herum, dachte ich mal darüber nach, warum mir diese Sache so unheimlich wichtig war. Und es war nicht gerade schmeichelhaft FÜR MICH als ich dahinterkam. Denn ich hatte selbst das Vorurteil dass gesunde Kinder nur dann einnässen, wenn in der Herkunftsfamilie was grobes "nicht stimmt". Und wenn mein 5jähriger immer noch täglich in die Hose machte, dann würden DIE ANDEREN von uns denken dass wir unser Kind vielleicht mißhandeln oder vernachlässigen oder sonst was grob "falsch" machen.

Diese Erkenntnis war für mich eine Befreiung. Als ich erkannte, dass ich mich nicht wegen meines Sohnes so abmühte, ihn endlich "sauber" zu bekommen, sondern dass es mir eigentlich um MEIN EGO ging und darum, wie mich andere sehen, konnte ich endlich loslassen. Ich musste mich nicht mehr krampfhaft bemühen, das Thema nicht anzusprechen, sondern mein Bedürfnis, darüber zu sprechen, ließ von selbst nach. Ich stellte mir vor, mein Sohn würde sein Lebetag lang Windeln brauchen und merkte, dass diese Vorstellung zwar nicht angenehm war, aber auch keine Tragödie. Und ich machte mir klar, dass diejenigen Menschen, die mich schätzen und mögen das auch weiter tun werden, wenn mein Sohn nicht "sauber" werden sollte. Die diffuse Meinung der "anderen" war mir plötzlich nicht mehr wichtig. Ich ließ die Sache los und es wurde schlagartig besser.

Mein Sohn konnte wieder ohne Windeln in den Kindergarten gehen, hatte aber noch fast ein Jahr lang mehrmals die Woche "Unfälle". Dann zog er sich selbst um und es wurde kein Thema mehr daraus gemacht. Wenn wir unterwegs waren hatte ich Ersatzkleidung mit. Vor etwa einem Monat wurden auch die Unfälle seltener und kurz nach Weihnachten meinte mein Sohn dann, dass er für eine Nachtwindel schon zu groß sei und diese nicht mehr brauche. Von dem Tag an war er auch nachts trocken. Ganz unfallfrei ist er immer noch nicht, beim schifahren gingen z.B. schon mal ein paar Tropfen in die Schihose, weil er zu spät Bescheid gesagt hatte. Aber das war immer wenig und harmlos und ich hüte mich, mich selbst da wieder reinziehen zu lassen. Seine Sauberkeit ist SEINE Verantwortung, nicht meine!

In meinem Fall hat mir das hinterfragen MEINER EIGENEN MOTIVE ("Warum ist mir diese Sache so wichtig?") geholfen, zu erkennen, wem das Problem wirklich gehört und wie ich damit umgehe.
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Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Willow77 » Di 2. Feb 2016, 12:58

Liebe Rabaukenmama,

Ich denke so eine Selbstreflexion, um dahinter zu kommen, warum MIR etwas wichtig ist, und was ICH ändern möchte oder nicht, so wie du es auch beschrieben hast mit der Sauberkeit deines Sohnes, das ist schon wichtig.

Und zu der Hausaufgabensituation von meinem Großen: Ja, je eher er die Verantwortung selbst übernimmt, umso besser. Und naja, auch ich habe spätestens am Gymnasium auch meine H erst 5 Minuten bevor der entsprechende Lehrer kam gemacht.

Selbstreflexion: Warum will ICH unbedingt, das Sohnemann H macht? Er würde sie nicht von sich aus machen. Oder er käme tatsächlich sonntags abends kurz vor dem Schlafen dann auf die Idee, dass er sie noch machen muss. Und ICH/WIR als Eltern haben dann keine Lust mehr. Auch ER wird dann Probleme haben, sie noch zu bewältigen. Das wären dann 16 Diktatsätze auf einmal. Damit macht er UNS dann auch das Leben schwer. Und wenn er ohne zur Schule kommt, mal ehrlich, da wird dann auch erst einmal nicht viel passieren. Erst wenn er regelmässig ohne käme. Und dann werden widerum WIR in die Schule zitiert, zu einem Gespräch gebeten. Das kann es ja wohl auch nicht sein. Ich will eigentlich dass Schule so wenig Impakt auf unseren Familien-Alltag hat wie nur möglich. Kein Theater bei schlechten Noten, helfen wo es nötig ist, kein Theater wegen Hausaufgaben. Weil unser Sohn aber unser Sohn ist, und gerne Theater macht, bleibt im Augenblick irgendwie die Wahl: jeden Tag ein bisschen Hausaufgaben mit oder ohne Theater, oder am Sonntag Abend, wenn alle müde sind einmal riesen Theater. Oder H ignorieren bis wir in die Schule gerufen werden. Und dann ist es ohnehin wieder unser Problem. Bis jetzt haben wir halt jeden Tag (eigentlich nur 4x/Woche) ein bisschen Theater bevorzugt.

Ich denke, es hängt letztendlich auch viel vom einzelnen Kind ab. Wäre unsere Mittlere unser erstes Kind geworden, würde ich jetzt wahrscheinlich jedem "Unsere Erziehung" als die Weltbeste verkaufen wollen. Weil sie von sich aus angepasst ist, und manchmal auch tatsächlich tut was man verlangt: Zähne putzen, anziehen, mal ein bisschen räumen, nicht auf unsere Möbel malen, auch nicht an die Wände,....

Selbstreflexion hat mir geholfen, keinen Druck mehr zu machen, wenn es morgens heißt, in die Schule gehen. Alles war ein "Kampf" mit unserem großen: Anziehen, essen oder auch nicht, zähne putzen, Jacke und Schuhe, pünktlich raus zum Schulbus,... Mittlerweile hab ich erkannt: Pünktlichkeit ist MIR wichtig. Er ist aber mittlerweile alt genug um selbst dafür gerade zu stehen, wenn er unpünktlich ist. Nun kann ich ihm einfach die Info geben: wir frühstücken jetzt. Frühstückszeit ist in 5 Minuten um, ... Wir gehen dann jetzt schon mal raus. Wenn du nicht zu Fuß gegen willst kommst du am Besten bald nach. .... So, bisher hat er nur einmal den Bus verpasst und musste zu Fuß gehen. Sein Problem, seine Verantwortung. Nur das kann ich jetzt, seit er sieben, mittlerweile 8 ist. Kann ich das auch von einem 4,5,6 jährigen Kind verlangen? Die Schultür schließt 3 Minuten nachdem es geklingelt hat. Und dann muss Kind wissen, wo es hin muss um die entsprechenden Knöpfe zu drücken, um reingelassen zu werden, ausser es ist noch ein Erwachsener in der Gegend... Mit 8 traue ich meinem Kind das zu, mit 5 oder 6 halt nicht. Also bin ich solange verantwortlich.

Also, langer Rede kurzer Sinn: ich habe gelernt, meinem Sohn die Verantwortung zu lassen, ob er pünktlich ist. Mit den Hausaufgaben werden wir da auch noch einen Weg finden. ;)

LG,
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Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Karen » Di 2. Feb 2016, 16:02

Hallo Willow,
Meine Tochter ist alles anderes als pflegeleicht und wir haben uns sogar bewusst entschieden kein weiteres Kind zu haben da wir es nicht noch mal durchmachen können ohne das es "Tote" gibt. Unsere Erziehungsstil ist das einzige die für uns alle funktioniert und wir haben es ohne viel Bücher aus eine Grundidee entwickelt: alle müssen jetzt halbwegs zufrieden sein, Tochter inklusiv. Ich bin mir sicher dass wenn wir es eher Mainstream nach Ratgebern versucht hätten, würde es in eine Katastrophe enden. Vielleicht weil sie so anstrengend ist, sind wir eher offen und bereit Lösungen zu finden die nicht optimal aber akzeptabel für alle sind. Und ich habe keine Ahnung ob es so bei einem anderen Kind funktionieren kann. Anstrengend sein hat schon bei ihr mit Geburt angefangen. Sie hat sehr wenig geschlafen, in 30-120 min tackt getrunken bis sie 13 Monate alt war, erst mit 2.5 1 Monat lang durchgeschlafen und wieder damit aufgehört, ohne Einschlafbegleitung geht es gar nicht. Wir haben auch keine feste Zeiten wenn sie ins Bett muss, was bedeutet dass sie erst ins Bett muss wenn ich (oder sie selbst) denken dass sie müde ist. Wenn sie manchmal Mittagsschlaf macht, kann es gut sein dass es erst nach 23.00 passiert. Zwei tage die Woche muss sie 8.00 in Kita sein, aber bis jetzt hat noch niemand beschwert dass sie müde ist...Ganze feste Zeiten für schlafen und essen hat bei uns gar nicht ausser stress gebracht, rituale braucht sie nicht ausser ein paar Kleinigkeiten die bei ihr eher als Zwang aussehen. Essen war auch immer ein Problem da sie Brei komplett verweigert hat, Essen immer als nötige übel gesehen hat und wenn wir das richtige zeipunkt mit essen verpassen haben, hat sie 1-2 stunden brüllt bis sie erbrochen hat oder ohnmächtig geworden ist. Nur milch war einigermassen akzeptabel und jetzt weiss ich dass ein Baby auch ohne Zufütterung gesund und glücklich sein kann und brei gar nicht braucht... . Ich bin eigentlich über unsere Probleme auf diese Seite dank geringen schlafbedarf gestossen, und dann ein paar beitrage gelesen (Momo, rabaukenmama) und habe realisiert dass es doch ein wenig ausserordentlich ist dass meine Tochter mit 20 Monate alle Zahlen erkannt hat mit 2 Jahren Buschschatben gelernt und vor zwei Tagen ihre Name erkennbar geschrieben hat (sie ist jetzt 2 J 9 M) und ein Mädchen gemalt mit körper, augenbraunen, brust, und 5 Finger an jeden Hand. Das anstrengend sein ist jetzt auch nicht mehr vergleichbar mit früher, aber stafen/konsequenen würden bei uns ausser frust und stress gar nicht bringen, deshalb verzichten wir darauf. Thema Zähneputzen: sie hat es gehasst. Wir putzen auch nur am Abend und jetzt langsam will sie auch am Morgen mit mir zusammen putzen, dann darf sie es aber komplett allein was sie nicht so schlecht macht. Wir haben eine Geschichte dazu erfunden (wümli die löcher in zähnen graben) und wir suchen die jedes mal wenn wir zähne putzen. Ich putze auch mit und sie darf mir putzen wenn ich sie zähne putze. Mittelerweile, hat es ohne Geschrei angependelt und sie weiss das sie hier einfach durch muss. Zeit lang (zwischen 18M und 2.5 Jahren) hat es Phase gegeben wenn ich auch mich draufsetzen musste wie rabaukenmama geschrieben hat. Bei uns geht es wirklich um dass die zähne geputzt sind aber wenn sie sich weigert, setzte ich es trotzdem durch - mit zureden, und im schlimmsten fall mit halten. Es geht aber nicht um (wenn du es nicht machts, gibt es das und das nicht), aber "wir machen das während nächste 30-60 min (meisten sage ich wenn du dass und dass fertig gespielt hast), und du kannst mitmachen wenn du möchtest und dann geht es schnell, und wenn nicht, und dann ist es langsam und mühsam, aber wir machen es trotzdem". Zeit spielt dabei keine rolle, da wir nicht um 20.00 in Bett sein müssen. Und zähne putzen und am morgen von der Kita rechtzeitig aus der Haus sein sind eigentlich die einzige Sachen die nicht zu Diskussion stehen. Alles anderes - ich lasse sie meistens machen und wenn sie mich braucht, bin ich auch für sie da - auch in der Nacht oder wenn sie hunger hat um 22.00, ist es auch kein Problem, da darf sie essen. Viele Leute können es nicht nachvollziehen, und prophezeien uns ein Tyrann in Zukunft, aber für uns ist dass die einzige dass funktioniert und von Zukunft habe ich kein Angst weil es immer einfacher wird. Und ich merke jetzt dass meine Tochter langsam gelernt hat Bedürfnisse andere Menschen zu erkennen und mal selber akzeptieren dass es jetzt doch besser ist wenn es anderes ist. Und da wir bei Machtkämpfen nicht mitmachen, kommt sie nicht mehr auf Idee welche zu provozieren - bringt einfach nichts. Ich kann sie jetzt sagen dass ich müde bin und sie lässt mich noch ein wenig schlafen, oder sie akzeptiert dass wir jedes Nacht abwechseln wer bei ihr schläft da wir nicht so geringen schlafbedarf haben wie sie. Süssigkeiten kann sie immer haben und es ist bei uns kein Thema. Tablett - auch und auch ist es kein Thema. ich habe selber mit wenig natürlichen grenzen in sehr schwierigen Zeiten in einem anderem land aufgewachsen, und für mich hat es gestimmt so (bin eher Überfliegerin als umgekehrt, sonst hätte ich nie in der Schweiz kommen können :-), und für meine Tochter stimmt es auch so. Ob es für jemand anderes stimmen kann, habe ich keine Ahnung. Deshalb schreibe ich immer: das sind unsere Erfahrungen, nicht Empfehlungen :-) Und ich bin auch für mein Geduld sogar am Arbeitsplatz bekannt und hier habe ich ein Start Vorteil :-)
Karen
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Re: Erziehungsratgeber - persönliche Bewertung

Beitragvon Willow77 » Di 2. Feb 2016, 16:52

Hallo Karen,
Also sind deine Tochter und mein Großer sich doch irgendwie ähnlich: Auch er hat seit Geburt wenig geschlafen, nachts teilweise im Stundentakt getrunken, nachmittags stundenlang Clusterfeeding, wollte nur getragen werden, nur bei uns schlafen, hat erst mit 3 Jahren die Nacht wirklich durchgeschlafen... Und auch bei uns ist es so, dass wir schon immer versucht haben das zu finden, was bei uns funktionniert, mit so wenig Regeln wie möglich.
Auch wir hatten nie feste zu Bett-geh-Zeiten, er ist jahrelang morgens um 5:00 aufgestanden. Um 6:00 waren wir dann schon mit dem BobbyCar in der Straße unterwegs... Auch uns wurde immer prophezeit: der wächst euch über den Kopf.

Eine gute Phase hatten wir mi ihm zwischen 18 Monaten und plus minus 3 Jahren. In seinem 4. Lebensjahr bekam er zuerst seine Schwester, dann fing der Kindergarten an. Und beides war wohl nicht einfach. Selbst die einzigen Regeln morgens rechtzeitig aus dem Haus kommen und abends Zähneputzen haben nicht mehr funktionniert. Plus: Ganz viel Unsinn stellte er plötzlich auch an. Auf den Möbeln rumspringen (teils für ihn, teils für die Möbel gefährlich), an Fenster malen, ins Fenster treten, Dinge schmeißen, Sachen kaputt machen... Aber gut: Schwester abschaffen geht nicht. Schule abschaffen ist auch nicht einfach.

Nun gut, ich glaube ich habe nun genug negativ über ihn gesprochen. Wenn er nicht auch seine guten Seiten hätte, hätten wir ja auch nicht weiter produziert bis zur aktuellen 13 Monate alten Nummer 3. :D

Immerhin, er hat viel Allgemeinwissen, super viel Fantasie, liest liebend gern und stundenlang Bücher, auch deutlich über seinem Niveau, ist sehr offen für Neues, sehr viel extrovertierter als ich, mit autodidaktischen Zügen, und und und...

Ich wünsche dir, dass alles so positiv bleibt, wie es ist. Und falls die Stimmung umschlägt, dass du weiterhin die nötige Geduld aufbringen kannst.
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