Woher kommt diese Wut

besondere Ansätze für besondere Kinder

Woher kommt diese Wut

Beitragvon chillout » Mi 7. Nov 2018, 23:44

Hallo Zusammen
Ich melde mich wieder einmal. Unser Sohn (5 Jahre alt) geht nun seit August in den KiGa (Schweiz). Die Wochen vor KiGa-Beginn waren der reinste Horror. Ihr habt keine Vorstellung. Täglich mehrere massive Wutausbrüche, inkl. Beissen, Hauen, Treten, Dinge zerstören etc. Tagelang sass ich abends nur noch weinend auf dem Sofa, weil ich einfach total an meine Grenzen kam. Ich rastete selbst immer öfters aus, schimpfte nur noch lauthals herum, drohte mit unsinnigen Verboten etc.
Nun gut, aus der Verzweiflung heraus wandte ich mich an eine Elternberatungsstelle. Die Dame meinte nach fünf Minuten für sie sei der Fall klar: ich solle meinen Sohn auf ADHS abklären lassen.
Ich wollte aber nicht gleich alles überstürzen und wartete den KiGa Beginn ab.

Bereits ab dem ersten Tag im KiGa schien mein Sohn viiiiel ausgeglichener, entspannter. Erzählte stolz, was er alles gelernt hat. Lernte in den ersten zwei Wochen bis 100 zählen (wohl von älteren Kindern(?)). Fragte mich nach drei Wochen, ob er jetzt in den 2.KiGa gehen könne. Als ich ihm erklärte, dass er jetzt noch ein ganzes Jahr im 1. KiGa sein werde, wurde er richtig wütend...
In den Herbstferien wurde es dann wieder ganz schlimm mit Wutausbrüchen, nicht auf uns hören, kleineren Bruder verhauen.. so dass wir unseren Urlaub abbrechen mussten. Zuhause schien mein Sohn wieder viel ruhiger, spielte mit seinen Freunden, zog sich auch mal zum alleine spielen in sein Zimmer zurück.

Ich war nun letzte Woche beim Kinderarzt zu einer normalen Kontrolle und sprach diesen auf ADHS an. Er beschäftigte sich eine Weile mit meinem Sohn und meinte, er wäre so ganz und gar nicht typisch für ADHS. Er könne sich auf ein Thema fokussieren, lasse sich auch nicht einfach ablenken etc. Aber natürlich müsse man ihn auch z.B. in der Gruppe sehen, wenn ihn z.B. ein Thema nicht interessiere. Ich werde mich nächste Woche mit der KiGa Lehrerin treffen, um zu fragen, wie er sich dort verhält.

Zudem warte ich auf einen Termin bei einer Kinderpsychologin.

Ich bin einfach so ratlos, wie wir mit unserem Sohn umgehen sollen. Ich meine, kennt ihr dieses Verhalten? Diese "irre"Wut in den Augen? Dieses regelrechte Durchdrehen? Es erschöpft mich einfach so sehr. Und ich bemitleide unsere ganze Familie, die so sehr darunter leidet. Und natürlich auch meinen Sohn. Aber es fällt mir oft auch einfach schwer, Verständnis für sein Verhalten aufzubringen. Ich meine, ich hatte blaue Flecken an den Armen, weil er mich so sehr gebissen hat. Und es macht mich auch sehr wütend. Auch Wut auf mich selbst, dass ich ihm nicht mit mehr Ruhe und Geduld begegnen kann. Dass ich mittlerweile auch oft selber ausraste, weil ich am Ende meiner Kräfte bin.

Mein Partner und ich nehmen uns regelmässig Auszeiten, damit wir wieder ein wenig Energie tanken können. Aber trotzdem: geht diese Phase irgendwann vorbei? Wird es noch schlimmer?(dann kann ich mich gleich einweisen....)

na ich bin mal gespannt auf eure Ratschläge

lg chillout
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Re: Woher kommt diese Wut

Beitragvon Rabaukenmama » Do 8. Nov 2018, 22:03

Hallo chillout!

Laß dich erst mal virtuell drücken! So Situationen wie du sie beschreibst sind extrem belastend. Ich habe auch so einen "Wutbürger" zu Hause und weiß, was das heißt!

Zur Frage, ob diese Phase irgendwann vorbei geht kann ich zumindest sagen: es wird besser! Mittlerweile ist mein Wut-Sohn 6 Jahre als und seit Schuleintritt ist sowohl die Anzahl als auch die Dauer der einzelnen Wutausbrüche merkbar zurückgegangen.

Wir hatten in Sachen Kindergarte im Prinzip keine Wahl, weil mein Sohn gehörlos ist und daher nur eine gebärdensprachige Einrichtung in Frage kam. Der Kindergarten war zum Glück sehr gut mit kompetenten Pädagoginnen und sehr gutem Betreuungsschlüssel. Vermutlich war er dort trotzdem sozial-emotional überfordert. Mein Sohn ist Autist und hat einfach eine andere Wahrnehmung als andere Kinder. Einerseits kann er sich stundenlang alleine beschäftigen (indem er z.B. Zahlen schreibt), anderseits gibt es Phasen, wo er dringend 1:1 Aufmerksamkeit braucht, die er vermutlich im Kindergarten - rein organisatorisch - nicht immer bekommen konnte.

Jedenfalls waren zur Kindergarten-Zeit pro Woche in "normalen" Phasen 4-7 extreme Wutanfälle (Dauer jeweils 20-60min) üblich. In schlechten Zeite waren es bis zu 3 solcher Anfälle pro Tag und bis zu 10 die Woche :schwitz: . Dazwischen noch die kleineren Wutanfälle (wie bei "normalen" trotzigen Kindern, mehrmals täglich 2-10min) und Quengeleien. Es war SOOOO anstrengend!

Die Anfälle kamen auch nachts, aus dem Traum heraus. Sohnemann ist aufgewacht und hat einfach nur gebrüllt als ginge es um sein Leben. Er war absolut nicht zu beruhigen. Ich hatte zeitweise auch Angst, dass die Anfälle epileptischer Natur sein könnten und war bei verschiedenen Ärzten, Psychologen und Neurologen. Einmal habe ich in meiner Verzweiflung in der Nacht, als der Anfall nach einer Stunde noch immer nicht vorbei war, die Rettung angerufen. Die ist dann auch gekommen und die Polzei gleich mit :shock: . Nachgefragt, was die Polizei da mache (es war 3h morgens) meinten die, ich hätte ja am Telefon gesagt, dass der Patient aggressiv sei. Ja, habe ich sehr wohl, als ich danach gefragt worden bin, ich habe aber auch gesagt, dass er 5 Jahre alt ist! Bekam dann noch einen Vortrag von einem Polizisten, wann "man" die Rettung zu rufen hat, und dann sind die Polizisten wieder gefahren. Die Rettung hat mich und Sohnemann (der sich inzwischen beruhigt hatte) in eine Krankenhaus gefahren und dort haben wir 90min auf eine Ärztin gewartet, die uns dann heimgeschickt hat mit dem Tipp, doch mal ein EEG zu machen :P .

Mittlerweile sind wir bei 1-3 Anfällen pro Woche, Dauer nur noch 15-30min. Das ist WESENTLICH leichter als noch vor einigen Monaten! Mittlerweile weiß ich auch, dass diese Anfälle bei Autisten "Meltdown" genannt werden (kann man in Zusammenhang mit Autismus googeln). Sie fangen an wie ein ganz normaler kindlicher Trotzanfall mit einem ganz normalen Auslöser. Das kann sein, dass wir schon vom Spielplatz heim müssen, das Kind aber nicht will, dass es keine Gummibärli mehr gibt oder dass das Kind "selber" den Wasserhahn abdrehen wollte. Daraus kann dann ein ganz "normaler" Trotzanfall entstehen (mit kreischen, auf-den-Boden-werfen, eventuell schlagen,...) und der KANN sich dann - aus welchen Gründen auch immer - in so einen Meltdown steigern.

Ich merke mittlerweile sehr schnell, wenn die Situation so "kippt". Im Unterschied zum normalen Wutanfall geht beim Meltdown gar nichts mehr, auch nicht, dass das Kind seinen Willen kriegt. Wenn es z.B. angefangen hat, weil man dem Kind keine Gummibärli geben wollte, ist das Kind beim normalen Wutanfall sofort beruhigt, wenn es dann doch seinen Willen bekommt (wie psychologisch empfehlenswert das ist steht auf einem anderen Blatt Papier ;) ). Beim Meltdown wird einem das Kind die Gummibärli in hohen Bogen nachwerfen! Es GIBT dann keine Beruhigung, es ist wirklich mit einer (Atom-)Kernschmelze zu vergleichen, wo man die Reaktion einfach nicht mehr aufhalten kann.

Einzige Möglichkeit, das Ganze halbwegs zu überstehen ist selbst ruhig bleiben und vor allem DABEI bleiben. Zumindest bei meinem Sohn war extrem wichtig, NICHT wegzugehen und das Kind NICHT mit sich und seiner Wut (strafhalber) allein zu lassen. Wenn ich nicht mehr dabei bleiben konnte mußte es eben mein Mann oder umgekehrt. Andererseits durfte man auch nicht zu nahe kommen, einfach wegen der Verletzungsgefahr. Sohnemann hat in diesen Phasen gehaut, getreten, gebissen, Brillen und Möbel sind in Brüche gegangen,...

Also einfach daneben stehen, möglichst nichts mehr sagen oder tun (alles, was man sagt oder tut oder auch NICHT sagt und NICHT tut, ist sowieso falsch) und abwarten, bis das Ganze vorbei ist. Das ist mir Gott sei Dank meistens gelungen, aber nicht immer. Ich habe auch schon rumgebrüllt wie eine Irre (nicht gerade sinnvoll bei einem komplett gehörlosen Kind) oder bin auch handgreiflich geworden, GsD aber selten und ohne meinen Sohn damit zu verletzen. Meinem Mann ging es genauso. Er ist ja auch nur ein Mensch!

Und danach sind alle Beteiligten wie gelähmt und brauchen Stunden, sich wieder zu erholen!

Was die Vermutung bezüglich ADHS betrifft: ich weiß nicht, ob und wie häufig ADHS-Kinder solche Wutanfälle haben. Ich habe auch einen älteren Sohn mit ADHS und Asperger Autismus. Der hat zwar eine geringe Frustrationsschwelle und fängt gleich mal zu kreischen an, wenn ihm was nicht passt, aber solche Wutanfälle hatte der wirklich noch nie! In ein, zwei Minuten war der immer wieder ruhig. Bei ihm wurde die ADHS übrigens erst kürzlich (mit 8 Jahren) diagnostiziert. Und wenn ihn Dinge interessieren kann er sich durchaus konzentrieren. Nicht alles Ärzte oder Psychologen kennen sich mit ADHS oder Autismus wirklich aus. Leider herrscht zu diesen Wahrnehmungsstörungen auch in Fachkreisen oft ein profundes "Halbwissen" und Autismus wird z.B. ausgeschlossen, weil das Kind in die Augen des Gegenüber schauen kann. Oder ADHS wird ausgeschlossen, weil das Kind 15min pausenlos in einem Buch liest...alles Unsinn!

So viel mal zu meinen Erfahrungen. Du kannst auch gern per PN Fragen stellen!

Lg Rabaukenmama
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Re: Woher kommt diese Wut

Beitragvon chillout » Mo 12. Nov 2018, 15:48

Liebe Rabaukenmama

Danke für deine Antwort.

Oje, das tönt auch sehr anstrengend bei euch. Das mit diesem "meltdown" trifft bei uns auch zu. Wenn mein Sohn total in Rage ist, dann nützt echt gar nichts mehr :? aber Autist ist er nicht... gibt es das vielleicht auch bei Nicht-Autisten?

Das mit dem Ruhigbleiben ist eben so eine Sache bei mir. Ich explodiere einfach zu oft, mich macht das alles echt fertig. Ich würde so gerne mehr Geduld und Ruhe ausstrahlen. Aber es gelingt mir oft nicht und dann ist natürlich auch der Frust über mein eigenes "Versagen" gross und es wird ein richtiger Teufelskreis.

Ich weiss, dass mein Sohn sehr viele Qualitäten hat und auch sehr sensibel ist. Ich würde mir auch für ihn wünschen, dass er einen besseren Umgang mit seiner Wut und seinem Frust lernen kann. Wie kann ich ihn dabei nur unterstützen?

lg chillout
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Re: Woher kommt diese Wut

Beitragvon Rabaukenmama » Mo 12. Nov 2018, 16:49

Hallo chillout,

hast du schon mal überlegt, selbst Hilfe in Anspruch zu nehmen? Bei uns (meinem Mann und mir) war das wirklich sehr notwendig. Da war einerseits die Machtlosigkeit mit unseren Problemen.

Vor der Wut des Kleinen war mal eine Phase mit extrem herausforderndem Verhalten beim älteren Bruder. Der war damals 5 Jahre alt. Dass es ihm irgendwie nicht gut ging, war klar. Schließlich hatte er nicht "nur" einen kleinen Bruder, sondern der hat auch auf Grund seiner Behinderung gaaanz viel Aufmerksamkeit bekommen. So gesehen haben wir seine Reaktionen lange auf Geschwistereifersucht geschoben. Angefangen hat es mit wieder-einnässen im Kindergarten. Wir haben organisch alles abklären lassen - alles bestens, das einnässen ist offensichtlich psychosomatisch. Dann kam einkoten dazu. Schließlich hat unser Sohn mit seinen Fäkalien rumgeschmiert - im Kindergarten, bei den Großeltern und zu Hause :twisted: . Dazu kam wirklich umögliches Verhalten auch Fremden gegenüber. Ich weiß noch gut, wie er z.B. beim Urlaub am Meer wildfremde Leute mit nassem Schlamm beworfen hat. Darauf angesprochen meinte er immer, er wisse nicht, warum er das getan hat. Es war einfach nicht ranzukommen.

Ich fand in der Phase ein Zeitungsinserat "Sind sie bei der Erziehung ihrer Kinder überfordert? Kinderschutzzentrum hilft schnell und unbürokratisch!" und habe spontan angerufen. Bin dann mit meinem Mann zum ersten Termin dort. Ich hatte die Hoffnung, dort wurde man unser Problem anhören und sich dann unseren Sohn anschauen um uns dann zu helfen. Sei es mit konkreten Verhaltenstipps für uns, irgendeiner Therapie für ihn oder Medikamenten.

Tja, und dann kam es ganz anders. Die Psychologin hörte aufmerksam zu, hatte Verständnis, ließ uns frei erzählen was unser Sohn macht und wie es uns damit geht. Und danach ging es uns besser, obwohl sich an der Situation ja gar nichts geändert hatte. Eine Woche später hatten wir den nächsten Termin, wieder ohne Kind. Die darauf folgende Woche wieder,...nach 2 Monaten waren wir beide vieeeel ruhiger und gelassenes als vorher und das herausfordernde Verhalten hörte langsam aber stetig wieder auf.

Wir haben dann den Abstand unserer Termine bei der Psychologin verlängert. Erst alle 2 Wochen, dann alle 4, und dann sind wir verblieben, dass wir uns bei Bedarf wieder melden.

Bei den Wut-Problemen mit dem jüngeren Sohn (ca. 2 Jahre später) haben wir ein Eltern-Coaching besucht. Das waren 5 Abende in einer Gruppe mit ca. 10 Eltern und 2 Psychologinnen. Auch das war hilfreich, wenn auch nicht so stark, wie die Einzel-Settings. Wir sind dann auf das Angebot der Psychologin beim Kinderschutzzentrum zurück gekommen und hatten wieder einige Einzel-Termine (als Paar) bei ihr. Und wieder wurde es besser, ohne dass wer unserem Sohn speziell was beigebracht oder was mit ihm "gemacht" hat. Die nächste Besserung brachte dann eben der Schuleintritt.

Vielleicht hast du auch eine Möglichkeit, einfach FÜR DICH Hilfe anzunehmen. Bei uns hat schon gewaltig geholfen, einfach frei zu erzählen, was bei uns Sache ist. Die Psychologin war oft selbst ratlos und hat eigentlich selten konkrete Tipps gegeben. Am meisten geholfen hat uns ihr Verständnis und dass sie uns das Gefühl gegeben hat, nicht an diesem Verhalten "schuld" zu sein. Wir hatten davor bei einfach oft das Gefühl gehabt, "sowieso" alles falsch zu machen.

Wenn du schreibst, dass dich DEINE Reaktion auf die Wut deines Kindes stört und bedrückt dann ist der Ansatz für eine Besserung auch bei dir. Das heißt nicht, dass die Wutanfälle aufhören werden, wenn du ruhig bleibst. Aber zumindest machst du sie nicht noch schlimmer. Und mit der Zeit fühlt es sich für dich "richtig" an, ruhig zu bleiben. Das ist, so blöd es auch klingen mag, Übungssache!

Mir hat bei der Wut meines Sohnes auch leichter gemacht, ruhig zu bleiben, wenn ich seine Gebärden dabei genau angeschaut habe (er ist ja gehörlos und kommuniziert nur in Gebärdensprache). WÄHREND er schreiend, kreischend, mit Tränen in den Augen um sich geschlagen hat, gebärdete er "Ich mag nicht weinen! Ich mag nicht schreien!" - immer wieder. Er war einfach so verzweifelt, weil er selbst aus diesem Verhalten nicht mehr raus konnte. Wenn ich diese Verzweiflung gespürt habe (gelang mir nicht, wenn ich selbst wütend war) wusste ich, dass seine Wut für ihn selbst ein Gefängnis ist. Mir war dann klar, dass er nicht wütend war, weil er mich ärgern wollte, oder weil er schlecht erzogen war, sondern dass es ihn selbst am meisten belastete. Da konnte ich dann gar nicht böse sein. Es war trotzdem anstrengend, dabei zu bleiben. Manchmal, wenn er mir so leid getan hat, habe ich versucht, ihm näher zu kommen um ihn zu beruhigen. Das hat natürlich absolut nicht geklappt und ich habe das schnell wieder unterlassen.

Aber auch, wenn ich mittlerweile geübt bin im Umgang mit diesen Anfällen, bin ich sehr froh, dass es endlich merkbar seltener geworden ist. Und IMMER gelingt es mir auch jetzt nicht, ruhig zu bleiben. Aber meistens, und das ist schon sehr viel.

Alles Gute euch!
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Re: Woher kommt diese Wut

Beitragvon Koschka » Mo 12. Nov 2018, 21:23

Es gibt mehrere Wege die Gesamtsituation zu bessern. Der erste und der wichtigste ist drauf zu achten, dass das Kind ständig bei best möglichen Bedingungen fremdbetreut wird. Auch wenn es Zeit/Geld/Aufwand kostet. Manche Entscheidungen erfordern Mut und Abenteuergeist. Ich habe meine Jungs sehr früh eingeschult nicht weil sie so schlau waren, sondern weil sie in der Schule viel zufriedener waren als im Kindergarten. Wenn es nicht genug hilft, muss man eigene Ansprüche an das Kind und an die Gesamtsituation runterzuschrauben. Wenn es nicht möglich ist ohne Friedenbuch jeden Tag ein Instrument zu üben, dann wird nicht geübt. Es wird nur zum Lehrer gegangen und gelegentlich geübt. Hat ein Kind Talent, wird er später vielleicht doch zum Üben kommen. Wird nicht aufgeräumt, dann räumt man selber auf. Alles was man nicht braucht, wird weggeräumt oder weggeschmissen. Bloß kein unnötiger Kampf. Es ist wesentlich mehr Arbeit sich durchzusetzen als aufzuräumen. Vermeide alle Situationen bei denen dein Kind ausrastet so gut wie es geht. Schraube Ansprüche an das Haushalt runter, koche einfache Sachen, lass Geschir ungespült stehen, aber finde am Tag wenigstens ein Paar Minuten Zeit für dich selbst, wenn das Kind schon im Bett ist.

So wie sich das liest, hast du den gleichen Jähzorn in dich. Hilft dir das nicht den Kleinen zu verstehen? Er kann nicht anders. Er hat seine Emotionen unter Kontrolle. Da ist keine Erziehungsmaßnahme, sonder Schutz, Verständis und Unterstützung angesagt. Es ist unglaublich schwer. Mach dir daher keine Vorwürfe, dass du es nicht immer schafst. Es gibt für dieses Kind keine bessere Mutter als dich. Besser als du würde das keiner machen können.

Wie beliebt ist dein Kind im Kindergarten? Besucht er andere Kinder am Nachmittag? Wenn ja, wie verhält er sich bei solchen Besuchen? Manche Kinder lassen sich nur zuhause gehen, und sind durchaus in der Lage sich woanders unter Kontrolle zu halten. Für sie ist es sinnvoll viel unterwegs zu sein am Nachmittag.
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Re: Woher kommt diese Wut

Beitragvon chillout » Di 13. Nov 2018, 21:50

Herzliche Dank für eure Antworten.

Gespräch mit Kigalehrerin: im KiGa total unauffällig, angepasst, hält sich an Regeln, führt Aufträge gewissenhaft aus, sei sehr weit für sein Alter, evtl. früher einschulen sinnvoll, weiteren Verlauf beobachten.

Leider hatte ich nun einen Nervenzusammenbruch und habe nun Termin beim Psychologen. Weiter zur Diskussion steht meine Arbeitsstelle. Ob es nicht sinnvoll wäre, eine Auszeit zu nehmen, sprich zu künden und dann einfach mal voll und ganz für die Kids da sein.

Ich hoffe es wird alles gut
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Re: Woher kommt diese Wut

Beitragvon mamma42 » Mi 14. Nov 2018, 00:44

Liebe Chillout!

Bei uns war es so, dass unser Sohn mit ca. 4 jahren im Kindergarten und dann vor allem in der 1. Klasse extreme Wutanfälle hatte, er aber jeweils im Kindergarten bzw. in der SChule sich immer angepasst verhalten hatte!
Die Situation im Kindergarten hat sich verbessert, nachdem die Gruppe aufgeteilt wurde und die Gruppenleitung in der neuen Gruppe für stabile und ruhige Verhältnisse gesorgt hat. Die Situation in der Schule hat sich durch den Klassensprung verbessert. Davor sind wir (v.a. ich) wirklich am Stock gegangen.
Besuch von Kindern am Nachmittag hat die Situation eher noch verschlimmert (er hat versucht, sich noch weiter anzupassen und die Wutanfälle wurden noch schlimmer), nachmittägliche Aktionen waren erst recht nicht mehr möglich. Kleinere Fördermassnahmen durch uns und die Lehrerin haben nur die Anzahl der kleineren Wutanfälle reduziert, dafür hat sich mehr angestaut und die grossen wurden immer schlimmer. Mein Kind war massivst unterfordert und hat sich im Unterricht extrem an das Lernniveau und auch an das Entwicklungsniveau seiner Klassenkameraden angepasst, was unheimlich Energie gekostet hat. Ich war ziemlich verzweifelt. Mein Mann wollte auch, dass ich mir Hilfe hole, es kam aber terminlich nicht mehr dazu, er selbst hat aber nur einen Teil der Anfälle selber miterlebt. UNs hat letzlich der Klassensprung geholfen und zum Glück konnte eine externe Beratung mein Kind überzeugen, diesen Weg zu gehen (sein Selbstwertgefühl war nämlih schon so im Keller, dass er das erst nicht wollte).
Nachdem was Du so von DeinemKind erzählst, könnte es sein, dass es bei ihm ähnich liegt. ggf ist es keine Option, ihn zu Hause zu lassen, aber schon ihn im Kindergarten zu springen zu lassen und ihn im nächsten Jahr einzuschulen.
Ansonsten hat es mir geholfen, für die immer wieder nach gleichem Muster auftretenden Wutanfälle sich ein Reaktionsszenario zu überlegen, dass immer gleich abläuft und dem Kind die Möglichkeit gibt, runterzukommen. z.B. wenn er Beim Abholen in den Hort mich angeschimpft hat, bin ich 5m weiter in den Vorraum , mit den Worten, dass ich in 3min wiederkomme. Wenn er sich dann nicht beruhigt hat, noch mal drei Minuten, wenn er sich dann nach weiteren 3min nicht beruhugt hätte, dann wäre ich gegangen und hätte der Hortleitung gesagt, sie sollen ihn 10min später allein nach Hause schicken. Wäre Stufe 3 3x pro Woche vorgekommen, dann hätte er eine Woche alleine nach HAuse gehen müssen. Zu den letzten beiden Fällen ist es nie gekommen. Beim ersten Mal musste ich noch dreimal rausgehen, danach war es meist nur noch einmal (und seltener). Nätürlich habe ich ihm vorher in Ruhe das Vorgehen erklärt. Zuhause hat er dann selber gelernt, sich in seinem Zimmr zu beruhigen (meistens durch iim Bett einigeln). Das sich selber runterbringen klappte aber erst wesentlich besser, nachdem sich die Grundsituation für ihn geändert hat.
Jetzt mit 10 Jahren haben wir schon hin und wieder Anfälle und sehr pampiges Verhalten, nicht aufgrund von UNterforderung sonsern meist, wegen erfahrenen Enttäuschungen (Abweisungen von Kumpels oder eigenes Versagen) und die Wut und Trauer darüber lässt er an uns aus. Ich denke, dass ist auch ein wenig Charactersache..wie man prinzipiell mit so ewtas umgeht. Er verschliesst sich nämlich bei allem, was er als persönliches Versagen oder eine Enttäuschung empfindet. Deshalb war es (und ist es immer noch) schwer, herauszufinden, was ihn damals zu dieser extremen Wut verleitet hat.

Ganz wichtig auch - gönn Dir selber etwas gutes -jeden Tag!
mamma42
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