Was soll ich nur tun?

mein "kluges Kind" macht mich fertig: negative Erfahrungen und Erlebnisse

Re: Was soll ich nur tun?

Beitragvon sinus » Fr 20. Sep 2019, 20:24

charlotte12 hat geschrieben:
Zum dazwischenreden: Kinder haben allgemein Probleme zu warten bis sie dran sind. Ungeduldige Charaktere noch mehr, Einzelkinder NOCH mehr (sie müssen ja nicht so oft "warten" wie Kinder, die Geschwister haben).

Das klassische Vorurteil "Einzelkinder können nicht warten" fällt in dieselbe Kategorie wie "Hochbegabte sind sozial auffällig" oder "Frauen können schlecht Auto fahren". Man könnte genauso umgekehrt argumentieren, dass Einzelkinder durch die erhöhte Aufmerksamkeit, die sie genießen, nicht so sehr um Beachtung kämpfen müssen wie Geschwisterkinder und deshalb besser als diese abwarten können. Fakt ist, dass es keine gravierenden Unterschiede im Sozialverhalten zwischen Einzelkindern und Kindern mit Geschwistern gibt, das ist durch Studien hinreichend belegt.


Volle Zustimmung!
Meine Große war 5 Jahre Einzelkind und war von Anfang an ein wahres Musterkind was die Einhaltung von sozialen Regeln, Rücksichtnahme, Bedürfnisaufschub, Warten können etc betrifft. Sie hatte eher das Problem, sich nicht durchsetzen zu können, wehrte sich nicht, wenn andere sich vordrängelten und wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. (Damit hat sie bis heute Probleme)
Die Kleine dagegen ist da eher "trainiert" durch die Schwester und weiß sich eher mal durchzusetzen und um ihr Recht zu kämpfen.
Zuletzt geändert von sinus am Fr 20. Sep 2019, 20:36, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Was soll ich nur tun?

Beitragvon sinus » Fr 20. Sep 2019, 20:29

Ich persönlich finde das Konzept "erstmal nicht eingreifen und schauen, ob die Kinder selbst eine Lösung finden" übrigens sehr gut und sinnvoll.
Schlecht fände ich, wenn eine Mutter ankommt und von allen anderen Rücksichtnahme erbittet, weil das Kind da liegen muss, um seine Studien betreiben zu können. Das war aber vermutlich nicht der Fall.

Ich selbst habe oft schnell eingegriffen, wenn ich der Meinung war, dass mein Kind andere behindert/stört etc. und vom Kind immer Rücksichtnahme gefordert, nicht zuletzt auch aus dem Wunsch heraus, dass mein Kind als das Einzel- und Wunschkind einer von Anfang an Alleinerziehenden nicht als "verwöhnt und schlecht erzogen" auffällt und ich denke heute manchmal, dass ich darum einen nicht unwesentlichen Anteil daran habe, dass sie sich so stark anpassen zu müssen glaubt.
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Re: Was soll ich nur tun?

Beitragvon sinus » Fr 20. Sep 2019, 20:51

Ja, mit Jungen habe ich keine Erfahrung und da beide Mädchen von Anfang an sehr "zahm" und lieb waren/sind, bin ich sicherlich auch nicht geeignet, Erziehungstipps zu geben. Meine Mädchen müssen eigentlich nicht groß "erzogen" werden, eher gestärkt, bestärkt und begleitet.
Wobei sie es definitiv auch nicht ganz leicht haben, da die Großeltern mit im Haus wohnen, so dass sie sich im Alltag stets einer erwachsenen Übermacht gegenübersehen... :?
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Re: Was soll ich nur tun?

Beitragvon charlotte12 » Sa 21. Sep 2019, 09:32

Ich selbst habe oft schnell eingegriffen, wenn ich der Meinung war, dass mein Kind andere behindert/stört etc. und vom Kind immer Rücksichtnahme gefordert, nicht zuletzt auch aus dem Wunsch heraus, dass mein Kind als das Einzel- und Wunschkind einer von Anfang an Alleinerziehenden nicht als "verwöhnt und schlecht erzogen" auffällt

Genau das. Meine Tochter ließ sich auch lange beim Schlangestehen problemlos von jedem zur Seite schieben, ohne sich zu wehren. Und diese Gedanken, dass mein Kind als Einzelkind bloß nicht mit Dingen auffällt, die Einzelkindern klassischerweise nachgesagt werden und dass ich daher bei Tendenzen in diese Richtung überschießend reagiere, kenne ich nur zu gut. Zumal ich selbst ehemaliges Einzelkind bin. Dieses "typisch EInzelkind" kam bei mir schon als Kind immer als Vorwurf und Abwertung an. Für etwas, was ich nicht ändern konnte. Aber im Gegensatz zu mir schämt sich meine Tochter zumindest nicht dafür, Einzelkind zu sein und erzählt das sehr selbstbewusst. Alles hab ich also doch nicht falschgemacht in der Erziehung ;)
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Re: Was soll ich nur tun?

Beitragvon Rabaukenmama » Sa 21. Sep 2019, 10:28

Hallo,

wenn ich schon die Einzelkinder-können-nicht-warten-Theorie für falsch halte, dann brauche ich doch auch nicht extra entgegenzuwirken. Ich habe kein Einzelkind sondern zwei Jungs, von denen einer problemlos stundenlang warten kann und sich auch mal zur Seite schieben lässt, während der andere schon einen Kreischanfall bekommt, wenn er nur von weitem wo eine Warteschlange SIEHT. Mit dem Vorurteil "schlecht erzogen" muss ich immer wieder leben, vor allem von Menschen, die uns nicht kennen.

Durch seine Gehörlosigkeit grüßt mein jüngerer Sohn nicht und er geht trotz Aufforderung nicht weg, wenn er im Weg steht. Außerdem steigt er öfter mal unabsichtlich jemanden auf die Zehen (er sieht schlecht, verweigert aber die Brille) und merkt es - vermutlich autismusbedingt - nicht einmal. Und ich habe es satt, jedem, der sich da für bemüßigt hält, sich aufzuregen, sämtliche Diagnosen meines Sohnes auf die Nase zu binden. Denn mich nerven dann die wortreichen Entschuldigungen und vor allem der mitleidige Blick und das Bedauern des "armen Kindes". Daher kläre ich meistens gar nicht auf, was wirklich los ist.

Da mein Sohn selbst meistens gar nicht mitbekommt, dass er für "schlecht erzogen" gehalten wird, nehme ich die Sache eben auf mich. Ähnlich ist es bei meinem älteren Sohn. Durch seinen Asperger Autismus in Kombi mit ADHS fühlt er sich oft angegriffen und er hat eine sehr geringe Frustrationsschwelle. Eine Kleinigkeit reicht aus, um ihn aus der Fassung zu bringen und einen kurzen Schreikrampf auszulösen. Und er quatscht ständig alle möglichen (auch ihm fremden) Leute mit seinen Themen nieder, ob sie es nun hören wollen, oder nicht. Auch hier kommt natürlich wieder die Erziehung ins Spiel und ich bekomme ungefragt abwechselnd Vorwürfe und Tipps. Hier sage ich noch seltenes, was wirklich Sache ist. Denn einerseits halten viele Leute ADHS sowieso für "erfunden" und machen alles mögliche, was in der Verantwortung der Eltern liegt (Ernährung, Medienkonsum, mangelnde Bewegung) für die Auffälligkeiten verantwortlich. Und von Autismus haben die meisten so ein "Rain Man"-Bild im Kopf, dem mein Sohn natürlich nicht entspricht, und dann sehe ich mich in der Situation wieder, die Diagnosen meines Sohnes vor Leuten, die uns weder was angehen, noch sich wirklich für uns interessieren, rechtfertigen zu müssen.

Und all das könnte man, wären meine Jungs Einzelkinder, ganz locker darauf schieben :P . Dabei waren sowohl mein Mann als auch ich Einzelkinder, und ich konnte (ähnlich meinem älteren Sohn) nie warten, mein Mann aber (wie der jüngere Sohn) ganz problemlos.

Ich habe auch (wie viele hier) öfter mal abgewartet und nicht eingegriffen. Aber ich musste trotzdem oft eingreifen, weil vor allem mein älterer Sohn immer wieder Phasen hatte, wo er sich (rein subjektiv) von irgendjemanden angegriffen oder ausgelacht gefühlt hat, und sich "rächen" wollte. Es gab auch Phasen (so im Alter von 5 Jahren), wo mein Sohn andere Kinder körperlich angegangen ist (geschubbst, angespuckt, getreten) und da konnte ich natürlich nicht einfach so zuschauen. Was ich in solchen Situationen (wo ich selbst ratlos war) am wenigsten brauchen konnte, waren Ätzer, die meine Erziehung in Frage gestellt haben, weil sie selbst ZUFÄLLIG Kinder hatten, mit denen sie in diese Lage nie gekommen sind. Ich habe auch so ein Kind, aber eben nur EINES von zweien.
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Re: Was soll ich nur tun?

Beitragvon Meine3 » Sa 21. Sep 2019, 21:01

Meine Güte. Ist ja gut :lol:

Dann liegt’s halt auf gar keinen Fall daran, dass er ein Einzelkind ist...Hab ich ja auch bei Weitem nicht geschrieben, dass es „nur“ daran liegt... Ich finde es dennoch nicht „bedenklich“, wenn ein Kind mit 3(!!) Jahren das noch nicht gut kann und seinem Charakter entsprechend oft dazwischen schreit...

Ich bin übrigens selbst quasi als Einzelkind aufgewachsen (meine Brüder sind Halbbrüder und viel älter als ich) und habe ständig zu hören bekommen, dass es schön sei, endlich mal ein Einzelkind zu sehen, das warten kann ;) . Daher wohl meine -offensichtlich irrige(?)- Annahme, Einzelkinder können das oft nicht so gut lernen, da sie es in der Familie nicht so oft MÜSSEN.

So war das übrigens auch gemeint. Natürlich ist es charakterlich bedingt, ob man sich gut zurücknehmen und warten kann oder eher nicht.

Aber: ein Kind, dass dies von Natur aus nicht gut kann, hat mit Geschwistern sehr viel mehr Gelegenheiten dies zu üben, als ein Einzelkind.

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Re: Was soll ich nur tun?

Beitragvon Rabaukenmama » So 22. Sep 2019, 17:38

Koschka hat geschrieben:@Rabaukenmama

Ich stelle auf der Straße auch nie Erziehung in Frage. Ich habe mir hier zugegebener Weise einen provokativen Post erlaubt, weil es nach einem Rat gefragt wurde, was mit dem Kind zu tun sei. Wenn ein Kind sich in der Gesellschaft nicht so benimmt, wie die sozialen Regeln einfordern, gibt es grob gesehen nur zwei Antworten. Entweder tickt das Kind anders, als die meisten Kinder (und da reicht höher begabt nicht für die Erklärung) oder die Erziehng stimmt nicht. Am schwersten trifft es einen, wenn die beiden Themen dran sind.


Ja, das stimmt! Aber in Anbetracht des Alters des Kindes sehe ich in der Beschreibung keine groben sozialen Regelverstöße. Wenn das Kind das Trampolin von unten beobachtet und dadurch die anderen Kinder am springen hindert, dann aber trotz Aufforderung nicht weggehen will, sehe ich darin kein provokantes, regelwidriges Verhalten, sondern einfach ein nicht-verstehen der Situation. Das Kind hat die ToM (Theorie of Mind) einfach noch nicht intus und kann sich nicht in die springenden Kindern, die es durch das beobachten aus der falschen Position am weiterspringen hindert, reinversetzen. Daher hält es die Aufforderung, dort wegzugehen, für eine eher willkürliche Anweisung, die es nicht befolgt. Das ist im Alter von 3 Jahren absolut nichts ungewöhnliches und heißt noch lange nicht, dass das Kind anders "tickt" (im Sinne einer Wahrnehmungsstörung, denn darauf läuft die Aussage ja wohl hinaus). Sich in andere reinzuversetzen lernen Kinder normalerweise im Alter von 3-5 Jahren.

In dem Alter ist auch die Selbstständigkeitsphase der Kinder, also auch hier sehe ich keine groben erzieherischen Fahrlässigkeiten. Und Kleinigkeiten, wie mal in einer bestimmten Situation zu früh oder zu spät zu reagieren kommen bei allen Eltern vor. Wenn das Verhalten in 3 Jahren noch dasselbe ist würde ich deine Aussage unterschreiben.

Mein 9jähriger Sohn hat die ToM übrigens bis heute nicht intus, was bei ihm natürlich schon auf den Autismus zurückzuführen ist, und was auch auffällig ist.
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