Asynchrone Entwicklung?! - wie fördern?

mein "kluges Kind" macht mich fertig: negative Erfahrungen und Erlebnisse

Asynchrone Entwicklung?! - wie fördern?

Beitragvon Hope » So 17. Nov 2019, 12:45

Hallo ihr Lieben,

Ich hab ja schon über uns berichtet und dass es zuhause und im KiGa große Schwierigkeiten gibt. Wir haben zur Beratung eine Kinder und Jugendpsychologin/Heilpädadogin einer Beratungsstelle zu Rate gezogen. Am runden Tisch mit uns, Erzieherinnen und ihr hat sie aus ihren Beobachtungen und meinen sowie Erzieherinnen Erzählungen nun die Vermutung geäußert, dass bei Sohnemann eine asynchrone Entwicklung vorliegt. Sprachlich/kognitiv auf dem Niveau eines 7-8 Jährigen, emotional (sozial?) noch auf dem Stand eines 3-4 Jährigen. Er ist 5. Außerdem besteht der Verdacht auf eine taktile Wahrnehungsstörung (hypersensibel).
Ihre Empfehlung lautet eine umfangreiche Diagnostik im SPZ (insb HB und auf unseren Verdacht Asperger abklären lassen) sowie ergotherapeutische Abklärung wegen der Wahrnehmung. Für mich war diese Erklärung überraschend weil weder wir noch die Erzieher trotz wirklich großer Bemühungen das bisher erkannt haben. Meine erste Reaktion war eher abwehrend weil ich nicht verstehen konnte, wieso NUR DAS solche Probleme verursachen kann. Nachdem ich das hab sacken lassen sehe ich immer mehr Zusammenhänge zwischen Ursache und Problem und denke das erste Mal JA da passt wirklich alles!

Ihrer Erklärung nach leiden die Kinder unter dieser inneren Zerissenheit 'ein bisschen groß und ein bisschen klein'. Sie versuchen diese starke Unsicherheit zu kompensieren indem sie 'kontrollwütig' werden und ihre Stärken gezielt einsetzen, zB wie Sohnemann andere verbal zu attackieren, nicht schlagen aber andere schlagen lassen. Wir haben schon immer gesagt, und die Erzieher bestätigen das, dass er wie zwei Persönlichkeiten hat. Eine äußerst kompetente, kooperative, freundliche, 'reife' Seite und die andere Seite, provozierend, megasensibel, austickend wegen Kleinigkeiten. Da passt das ja schon gut hin. Und dann sehe ich das Thema Asperger wieder in einem anderem Licht - wo er auf emphatischer Ebene unsere Erwartungen nicht erfüllen kann haben wir mangelnde Emphatie wegen Asperger gesehen, aber vielleicht ist er in dem Bereich wirklich nur zurück? Manch anderes ist Asperger auch so gegensätzlich ("ou man, immer gehen wir den gleichen Weg, das ist voll langweilig!!")....

So und nun stellen sich uns einige Fragen... :roll:

1. Diagnostik SPZ. Erstens irre lange Wartezeiten (Einschulung 2020!) und ich fürchte dass die im Hinblick auf Asperger keine Fachleute sind. Uns wurde ein Kinder und Jugendpsychiater in der Nähe wärmstens empfohlen der angeblich super auf die Kinder eingeht und wo die Wartezeiten sich auf wenige Wochen beschränken. Mein Bauch sagt 'mach das bei dem'. Soll ich mich trotzdem auf die Warteliste fürs SPZ setzen lassen? Geht das überhaupt? Mit Überweisung von KiÄ (Deutschland)?

2. Wie fördern? Wie darauf eingehen? Sollte die Einschätzung stimmen, haben wir da in der Vergangenheit leider einige Wunden geschlagen, weil wir Dinge erwartet haben die er nicht im Stande war zu leisten. Wie können wir ihm helfen? Wie können wir sein Selbstvertrauen wieder stärken? Wie können wir mit ihm umgehen, woher weiß ich was ich wann von ihm erwarten kann und was nicht? Und wie kann ich ihm Raum bieten um sozial emtionale Kompetenzen auszubauen bzw kann man das überhaupt?

3. Wahrnehungsstörung. Hm, also ich bin selbst hochsensibel und meine Haut ist auch bei mir eine besonders sensibles Organ. Und auch ich bin feinmotorisch geschickt, das sehe ich deutlich bei ihm, er hat sehr früh sehr detailliert das malen angefangen und kann, ich sag mal, seine Hände sehr gut benutzen. Ich hab ein bisschen Probleme darin eine Störung zu sehen :gruebel: Wir haben das 'Problem' dass er überhaupt nicht kuschelt bzw sich dabei sehr unbeholfen anstellt. Das macht es schwer an ihn ran zu kommen. Die Psychologin war der Meinung dass er er das was er eigentlich so dringend bräuchte (Nähe, Halt, Trost, Sicherheit) nicht aushalten kann. Habt ihr auch solche Kinder? Wie schätzt ihr das ein? Wie geht ihr damit um?

4. Und zuletzt. Ich habe mich schon dumm und dämlich gesucht aber ich kann dazu im Netz nichts finden! Die Bücher die ich über HB gelesen haben beschreiben diese Kinder als allgemein lebensfest und weniger 'störanfällig'. Mag für die meisten zutreffen, aber es gibt eben auch die andere Seite (sonst gäbe es dieses Forum wohl kaum ;-)). Wo kann ich mich in dieses Phänomen der asynchronen Entwicklung einlesen? Ich bin für jeden Tipp dankbar!

So und nun erzählt doch bitte mal von euren 'schiefen' Kindern! :)

Liebe Grüße
Hope
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Re: Asynchrone Entwicklung?! - wie fördern?

Beitragvon Rabaukenmama » So 17. Nov 2019, 14:33

Hallo Hope,

sehr vieles von dem, was du beschreibst, kenne ich von meinen Söhnen, mal von dem einen, mal vom andere ;) . Beide sind diagnostizierte Asperger-Autisten mit Teilleistungsstärken, der ältere im sprachlichen Bereich, der jüngere (außerdem gehörlos) beim dreidimensionalen Vorstellungsvermögen und im mathematischen Bereich.

Das "koginitv deutlich vorne, sozial-emotional deutlich hinten" kenne ich vor allem von meinem älteren Sohn. Mittlerweile ist er 9 Jahre alt, und die Höchstbegabung im sprachlichen Bereich haben wir genauso schwarz auf weiß wie die Asperger- UND die ADHS-Diagnosen. Und nachdem ich vor allem mit der Asperger-Diagnose länger gehandert habe (dass er ADHS von mir hat, war mir klar :P ), habe ich mich mit beiden Störungsbildern intensiv genug beschäftigt, um mir ziemlich sicher zu sein, dass alle Diagnosen korrekt sind.

Mein 9 jähriger ist aktuell sprachlich auf dem Stand eines 14jährigen, mathematisch auf dem Stand eines 11jährigen und sozial-emotional gefühlte 6 Jahre alt. Und das ist eine ziemlich krasse Herausforderung :schwitz: .

Die asynchrone Entwicklung hatte ich selbst übrigens auch. Ich kam nicht ins Gymnasium (trotz Vorzugszeugnis in der 4. Klasse Grundschule), weil mir laut Schulpsychologin die "soziale Reife" gefehlt hat. Tja, die hat wirklich gefehlt, trotzdem glaube ich heute rückblicken, dass Gymnasium für mich die bessere Lösung gewesen wäre. Aber meine Eltern haben damals nach bestem Wissen und Gewissen ihre Entscheidungen getroffen, genau so, wie ich das heute für meine Kinder tue. Rückblickend lässt sich eben leicht sagen "Ach, hätte man doch damals..." wenn man weiß, was bei der getroffenen Entscheidung rausgekommen ist, aber nicht, was gewesen wäre, wenn...

Zu deinen Fragen:

1. Das mit dem SPZ sehe ich genau wie du, nur dass ich die Erfahrung schon gemacht habe, dort nach ewigen Wartezeiten an eine unfähige Psychologin zu geraten und eine total falsche Diagnose zu bekommen :twisted: . Es ist auch sicher nicht bei jedem SPZ gleich, aber normalerweise sitzen dort "Generalisten", keine Spezialisten. Auch haben die SPZ-Leute viel mit Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen zu tun, deren Verhalten dem von Kindern mit Wahrnehmungsstörung oft ähnelt. Wenn nicht zufällig jemdand dort ist, der wirklich Ahnung von Asperger Autismus hat, dann wissen die Leute dort weniger von Autismus als die meisten Eltern, die sich ja oft schon intensiv damit beschäftigt haben, BEVOR sie im SPZ vorstellig geworden sind. Dafür kennen die meisten Klischees, also so Dinge wie "Kann kein Autist sein, sonst würde nicht in die Augen schauen! (oder immer denselben Weg gehen wollen!" ;) .

Vor allem wenn euch ein KJP schon ausdrücklich empohlen wurde, und auch dein Bauchgefühl das sagt, würde ich diesen Weg gehen und dem Kind damit vielleicht einige Umwege und Unklarheiten ersparen.

Nachdem die unfähige SPZ-KJP bei meinem Sohn mit 4 Jahren nach 5min sowohl ADHS als auch Autismus kategorisch ausgeschlossen hat (es war das, was ich hatte hören wollen :oops: ), hatten wir noch 3 sehr anstrengende Jahre vor uns, bis wir endlich doch die korrekten Diagnosen hatten. Und das war sowohl für unseren Sohn als auch für uns eine sehr herausfordernde Zeit.

2. Naja, "fördern" kann man da nicht. Egal, ob dein Sohn "nur" eine asynchrone Entwicklung durchmacht, ob er hochsensibel ist, oder Asperger Autist - Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht! Man kann es dem Kind leichter machen, indem man es ernst nimmt, aktiv zuhört, auch bei scheinbaren Provokationen (die bei Asperger Autisten oft auf Irrtümern beruhen) ruhig und zugewandt bleibt und vor allem dem Kind seine eigenen Bedürfnisse zugesteht, ohne sie groß verändern zu wollen.

Selbstvertrauen stärken - ist es wirklich das, was ihr wollt? Wenn ein Kind schon öfter ablehnende Erfahrungen gemacht hat, und das nicht auf seine Art (bzw. das, was es gemacht oder unterlassen hat), sondern auf sich selbst bezieht, muss nicht das SelbstVERTRAUEN sondern das Selbst(wert)gefühl gestärkt werden. Also nicht das Gefühl vermitteln "Du bist super! Wie toll du dieses/jenes kannst!" sondern eher "Du bist OK, so wie du bist!". Und das ist nicht so sehr als Aussage wichtig, wie als Gefühl.

Bevor mein älterer Sohn seine Diagnosen hatte, habe ich oft falsch agiert. Entweder habe ich sein Verhalten als Erziehungsfehler meinerseits gesehen, dann war ich zu mild und zu wenig konsequent (wobei ich damit NICHT Strafen meine!), oder ich hielt es für einen Charakterfehler seinerseits, dann war ich zu streng. Sicher hat sein Selbstgefühl darunter gelitten, obwohl ich damals in meiner Unwissenheit einiges getan habe, um sein SelbstVERTRAUEN zu stärken. Ich habe ihn z.B. sehr gelobt, wenn er was gut gemacht hat. Rückblickend hat das aber gar nichts gebracht sondern war eher kontraproduktiv. Mein Sohn hat sich auf der einen Seite gewaltig selbst überschätzt und auf der anderen aber selbst für einen Versager gehalten. Rückblickend ist mir klar, dass das auch die Folge meiner widersprüchlichen Botschaften an ihn war.

Duch die Diagnosen weiß ich, dass er vieles einfach nicht so KANN wie gleichaltrige Kinder. Durch den Widerspruch, dass er denselben Kindern in anderen Bereichen weit voraus ist, habe ich das oft nicht glauben können bzw. wollen. Jetzt versuche ich, auf seine Bedürfnisse mehr einzugehen, und auch sein Selbstgefühl ist meiner Beobachtung nach besser geworden. So wollte er z.B. Judo ausprobieren. Nachdem wir mehrere Sportarten erfolglos ausprobiert hatten, dürfte das endlich ein Erfolg sein. Vor allem aber entspricht es seinen Bedürfnissen: die Gruppe ist klein, er kennt alle anderen Kinder aus der Schule, die Anweisungen des Trainers sind klar. Aber das Training dauert 90 Minuten und bei meinem Sohn ist die Fähigkeit, sich sozial an die Gruppe anzupassen und auch noch auf die Anweisungen zu konzentrieren, schon nach der halben Zeit erschöpft. Dann beginnt er zu blödeln, stört, meckert rum,... Früher hätte ich gesagt dass er da eben durch muss. Jetzt, mit meinem Wissen um seine Defizite, habe ich mit dem Trainer vereinbart, dass ich ihn schon nach 45 Minuten Training wieder abhole. Und so passt es für ihn - und die Gruppe!

3.
Meine Jungs kuscheln beide gerne, nur war es mir bei meinem älteren Sohn lange sehr unangenehmt, weil er dabei meistens grob wurde, ohne es selbst zu bemerken. Da waren so fahrige Bewegungen, mal ein Ellenbogen im Auge, dann ein Knie im Bauch, dann wieder hat er sich (im liegen) auf meine Brust gerollt - kurz, es war eine Herausforderung, mit ihm kuscheln zu wollen. Mittlerweile ist das aber besser geworden und ich zucke nicht mehr innerlich zusammen, wenn er zum kuscheln kommt :mrgreen: .

Mein jüngerer Sohn hingegen ist der Super-Kuschler. Er liebt es gestreichelt, massiert und gekitzelt zu werden und fordert das auch täglich intensiv ein. Sein Bruder hingegen mag z.B. kitzeln überhaupt nicht.

Wenn dein Sohn nicht kuscheln mag, akzeptiert das einfach als seine Eigenheit, unabhängig von der Ursache. Wenn sich dein Sohn ohne kuscheln bei euch wohl fühlt, ist da auch ok. Vielleicht findet ihr auch etwas anderes, was er mag (z.B.ein spezielles Spiel), um die Nähe zwischen euch und eurem Sohn zu stärken. Nähe, Halt, Trost und Sicherheit kann man auch ohne unmittelbaren Körperkontakt geben. Das kann z.B. ein Ritual sein, welches deinem Sohn hilft, in schwierigen Situationen wieder "runterzukommen".

4. Du schreibst, du kannst im Netz nichts finden. Hier ist ein Forum, wo du im Unterforum "Autismus" udn "ADHS" sicher einiges finden kannst. Natürlich sind nicht alle ADHS-ler und Asperger-Autisten hochbegabt, aber die asynchrone Entwicklung haben so ziemlich alle. Und in den Signaturen der User siehst du auch, welche Kinder zusätzlich zu ihren Besondernheiten hochbegabt sind.

https://www.rehakids.de/forum48.html

Natürlich sind da auch viele Beiträge von Kindern, die viel "schlimmer" sind als das eigene ;) . Aber zumindest ich habe dort etliche Paralellen zu meinen Jungs finden können. Bitte mißversteh den Link nicht! Ich kann und will hier keine Ferndiagnose abgeben. Es kann natürlich auch sein, dass dein Sohn eine asynchrone Entwicklung durchmacht, ohne eine Wahrnehmungsstörung zu haben. Aber hier ist einfach jede Menge geballte Erfahrung, die ich dir auf deine Frage hin nicht vorenthalten möchte :fahne: .
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Re: Asynchrone Entwicklung?! - wie fördern?

Beitragvon Auguste » So 17. Nov 2019, 14:44

Hallo Hope,

schwierige Fragen, die Du da hast. Aber ich versuche es mal:

zu 1.)
Wir sind zum KJP gegangen, weil wir eine schnelle Diagnose wollten und nicht monatelang auf einen Termin im SPZ warten. Wir haben einen ausgesucht, der sich mit HB und ADHS auskennt (ADHS war der Verdacht der Lehrerin). Wenn ihr einen in der Nähe habt, der zu Eurem Verdacht "passt", dann würde ich da hin gehen. Wir fühlten uns bei "unserem" KJP gut aufgehoben und der Sohn ist gern dort hin gegangen.

zu 2.)
Bei meinem Sohn wurde ja eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung festgestellt. Das wirkt sich bei ihm so aus, dass er in bestimmten Situationen einfach nicht hört (akustisch) und nicht reagiert, wenn man ihn anspricht. Außerdem braucht er ewig bis er mündliche Anweisungen in die Tat umsetzen kann. Da kann es schon mal passieren, dass er 10 Minuten träumend auf der Treppe sitzt, bevor er sich endlich die Schuhe anzieht :roll: Bevor wir die Diagnose hatten, haben wir ihn immer "angetrieben" und geschimpft. Dadurch wurde er dann bockig und wir sauer. Inzwischen sagen wir uns: "Er macht das nicht, um uns zu ärgern - er kann nicht anders".

Das fährt unsere Emotionen runter und entspannt die Situation deutlich. So können wir das Kind freundlicher erneut drauf hinweisen, dass er doch bitte jetzt die Schuhe anziehen möge und er reagiert auch entspannter und macht das dann auch. Ganz wichtig war für uns die Erkenntnis, dass er Sachen eben einfach nicht kann (oder nicht so schnell/sofort kann) wie andere Kinder in seinem Alter. Als Eltern haben wir unsere Erwartungshaltung zurückgeschraubt - denn unser Sohn kann manches eben nicht (oder nicht so schnell), auch wenn alle anderen gleichaltrigen Kinder das können. Mir hat ganz oft auch geholfen, sich einfach sein tatsächliches Alter ins Gedächtnis zu rufen "Er ist erst 4. Mit 4 muss er das noch nicht können. Er darf sich auch benehmen wie ein 4jähriger - auch wenn sein Kopf schon 6 ist".

zu 3.)
Was das Kuscheln angeht, so ist da meine Tochter (nicht getestet, daher ohne "Diagnose") eher das "Problemkind". Sie kann einfach nicht kuscheln. Wenn man sie länger als 3 Sekunden umarmt, dann windet sie sich wie ein Aal und entzieht sich. So war sie schon immer, auch als Baby und jetzt ist sie 12 Jahre alt. Dabei sucht sie auch die Nähe und kommt auch selbst an, um zu kuscheln. Das Ergebnis ist aber immer das Gleiche. Mehr als 3 Sekunden "richtig" kuscheln gibts nicht.

Ihr reicht es aus, wenn sie einfach in meiner Nähe ist - z.B. neben mir auf dem Sofa sitzt und wir gemeinsam etwas lesen oder uns unterhalten oder nebeneinander im Bett liegen und Fernsehen. Dann kommt ab und zu die Kinderhand rüber und sucht Kontakt, um kurz darauf gleich wieder in ihren Wohlfühlbereich zu verschwinden. Inzwischen kann unsere Tochter es auch akzeptieren, wenn wir Körperkontakt suchen - aber auch nur für Sekunden. Wir haben uns einfach dran gewöhnt :| Das Kind ist halt so. Wir geben ihr so viel Nähe wie sie erträgt - und wenn es nur Händchenhalten ist. Damit kommt sie gut klar und wir haben nicht den Eindruck, dass ihr was fehlt.

Meine Tochter ist übrigens auch ein Kind, dass Wiederholungen nicht leiden kann. Das mit dem immer gleichen Weg, könnte auch von ihr sein ;) Sie wollte noch nie zwei Mal die selbe Geschichte vorgelesen bekommen - immer musste es etwas Neues sein. Bei Gesellschaftsspielen will sie nach jeder Runde die Regeln ändern und quasi
nie nach den vorgegebenen Regeln spielen, weil sie das doof und langweilig findet :schwitz: Wahrscheinlich kommt sie deshalb auch mit Mathe nicht klar - weil sie da immer nach den gleichen Regeln rechnen muss ;)

zu 4.)
Literaturtipps habe ich leider nicht.

Hoffe, ich konnte ein wenig helfen.

LG
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Re: Asynchrone Entwicklung?! - wie fördern?

Beitragvon Hope » So 17. Nov 2019, 22:13

Hallo! Ich antworte mal der Reihe nach :-)

Liebe Rabaukenmama,

Eure gruselige SPZ Erfahrung kenne ich ja, es ist eine von vielen und darum auch meine Zweifel. Ich werde versuchen einen Termin beim KJP zu bekommen. Und dann sehen wir weiter.

Zum Thema emotionale Förderung...hm. Sicher wächst Gras nicht schneller wenn man dran zieht. Aber ich denke dass Ergotherapie bpsw schon seine Daseinsberechtigung hat. Ein Kind dass den Stift nicht richtig hält braucht Hilfe. Ein Kind das mit Gefühlen nicht umgehen kann auch. Ich nehme ihn ja ernst, hat er Angst hat er Angst, ist er traurig ist er traurig, ist er wütend na dann ist er wütend. Das Gefühl selbst ist nicht mein Problem. Wir benennen das auch. ABER ich akzeptiere nicht dass er seine Wut an uns, seinem Bruder oder sonst wem rauslässt. Und da ist er für Trost unnahbar und lässt sich nicht auf Beruhigungsmaßnahmen ein. Er braucht diese Reibung und Explosion an einem Gegenüber.

Selbstwertgefühl, ja wahrscheinlich trifft es das ganz gut. Es ist nicht so dass ich ihn grundsätzlich als Person ablehnen würde, ich denke schon dass ich Menschen, egal ob meine Kinder oder andere, nehmen kann wie sie sind. Allerdings ist sein VERHALTEN eine Katastrophe. Er provoziert von früh bis spät auf heftigste, egal mit welcher Haltung ich ihm begegne. Und natürlich sage ich ihm immer wieder, dass da so nicht geht und ich es nicht erlaube dass er mich oder seinen Bruder so angeht. Ich weiß dass das für ihn nicht schön ist immer zu hören dass er Mist macht, aber ich kann es ja nicht schön reden?! Wenn ich ihn wieder einmal aus dem Zimmer schicke ist das Geschrei groß und ich die Scheißkackmama die ihm nicht erlaubt in dem Raum zu sein und im übrigen bin ICH (nicht er) natürlich auch diejenige die den Bruder geärgert hat. Er weiß selbst nicht was er will, da schaltet sämtlicher Verstand bei ihm aus. Und das zig mal am Tag.
Das mit dem Selbstwertgefühl stärken ist da schon schwer. Wir sagen immer wieder wir lieben dich aber was du tust ist nicht okay. Wir gehen auf seine Interessen ein. Wir nehmen uns Zeit für ihn. ALLE Vorschläge sind blöd und ALLES was wir tun falsch. Er hat sich Brötchen backen gewünscht, als alles bereit stand, war was anderes besser, als ich ohne ihn angefangen habe war ich die dumme Kuh und er hat das Mehl vom Tisch geschleudert. Papa macht einen tollen Papa-Sohn-Ausflug mit ihm, ist auch doof. Ich lenke seinen Bruder mit einem Buch ab damit dieser nicht sein Bauwerk zerstört. Wie könnte ich es wagen seinem Bruder ein Buch vorzulesen und IHM NICHT? Er verliert den Bezug zur Realität und das tagein tagaus ist so mega mega mega anstrengend.
Und ja am Ende des Tages hab ich nicht viele gute Worte für ihn übrig. Meist schlafe ich fix und alle und verheult ein. Zugegeben da fällt es mir schwer ihm positiv zu begegnen, trotz morgendlichem Ritual wo ich mich aufs positive fokussiere, mich sammle und alle Zuversicht die ich auftreiben kann innerlich bereit stelle.

Entschuldigt meine verwirrten Gedanken, ich bin echt erschöpft :(

Zum Thema Literatur/Infos wundert es mich dass ich zum Thema asynchrone Entwicklung nichts finden kann. Ich habe über Hochbegabung gelesen und lese gerade über Asperger. Aber speziell nur die schiefe Entwicklung, dazu finde ich nichts. Ich lese nur immer wieder "kommt bei besonders klugen Kinder oft vor" - naja hilft mir jetzt nicht so viel, ich weiß trotzdem nicht wie damit umzugehen. :roll:

Die rehakids kenne ich, da lese schon fleißig mit :) Danke aber trotzdem! Und ich sehe das nicht als Diagnose von dir, weiß ich doch :fahne: Man merkt ja, ich strecke meine Fühler dankbar in alle Richtungen..

Liebe Grüße
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Re: Asynchrone Entwicklung?! - wie fördern?

Beitragvon Hope » So 17. Nov 2019, 22:20

Liebe Ausguste,

Danke dir! Das stimmt, wenn man weiß was los ist geht man da anders ran. Das werde ich wahrscheinlich noch üben müssen. Problem ist, wie ich einen Beitrag weiter oben schon geschrieben habe, dass ich die Provokationen und Beleidigungen ja trotzdem nicht hinnehmen kann. :(

Was du von deiner Tochter beschreibst kenn ich auch so ähnlich. Ich kann ihn dahingehend annehmen dass er halt kein Kuschler ist aber ich kenne auch keine Alternative mit der ich ihn beruhigen könnte wenn er besonders wütend oder traurig ist. Wie konntet oder könnt ihr eure Tochter in solchen Momenten 'erreichen'?

Liebe Grüße
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Re: Asynchrone Entwicklung?! - wie fördern?

Beitragvon Rabaukenmama » Di 19. Nov 2019, 14:32

Hope hat geschrieben:Und ja am Ende des Tages hab ich nicht viele gute Worte für ihn übrig. Meist schlafe ich fix und alle und verheult ein. Zugegeben da fällt es mir schwer ihm positiv zu begegnen, trotz morgendlichem Ritual wo ich mich aufs positive fokussiere, mich sammle und alle Zuversicht die ich auftreiben kann innerlich bereit stelle.

Entschuldigt meine verwirrten Gedanken, ich bin echt erschöpft :(


Hallo Hope,

ich gehe später gern auf den Rest ein, nur mal kurz zum zitierten Absatze, weil ich genau DAS Gefühl abends sehr gut kenne. Dabei konnte ich mich abends, wenn ich nach 14 oder mehr anstrengenden Stunden des Tages, nur noch rumgekeppelt habe, selbst absolut nicht leiden. Die Kinder waren dann "natürlich" auch entsprechend aggressiv und provokant - ich hatte ja zwei Autisten zu Hause - und das Ganze war wirklich schon ein schlimmer Teufelskreis, aus dem keiner von uns aussteigen konnte.

Aber ich war die Erwachsene, ich hatte es in der Hand, nur konnte ich es nicht. Ich habe dann meiner pratkischen Ärztin davon erzählt und resigniert zu ihr gemeint, sie solle mir einfach irgend etwas verschreiben, damit mir alles egal ist. War natürlich nicht so ganz wörtlich gemeint, aber sinngemäß hat es gestimmt. Meine Ärztin hat es positiver formuliert und gemeint, sie würde mir was verschreiben, was mir helfen würde, die Dinge leichter zu nehmen.

Ich bin so überhaupt nicht der "Ich haue für jedes Problem eine Pille rein"- Typ und habe das Lied "mothers little helpers" lange belächelt. Aber mir war klar, dass ich selbst einen wesentlichen Anteil an der vertrackten Situation zu Hause hatte und dann dachte ich, bevor ich meine Kinder mit Medis vollpumpe (so habe ich das damals tatsächlich gesehen) nehme ich sie lieber selbst.

Ich bekam zwei Präperate, wovon ich von einem abends 1/3 Tablette nehmen sollte und vom anderen eine morgens. Und es war damit wirklich deutlich besser! Zuvor hatte ich Angst gehabt, die Medis würden mein Verhalten und mein Wesen verändern oder ich würde mich damit irgendwie anders oder "high" fühlen, aber nichts davon war der Fall. Die positive Wirkung war, dass ich einfach besser ruhig bleiben konnte und meine Gefühle zwar noch da waren, aber nicht mehr in so extremen Höhen und Tiefen. Nach 3 Wochen habe ich meinen Mann (der mich ja schon lange kennt) gefragt, ob er irgendeine Veränderung an mir feststellen könnte, seit ich die Medis nehme und er meinte nur "Ja, du zuckst nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit aus!" :P .

Liebe Hope, das soll jetzt kein Plädyer für Medikamente sein, aber mir haben sie damals, in der insgesamt wirklich sehr belastenden Situation sehr geholfen. Ich war dadurch nicht willenlos, habe mir nicht alles gefallen lassen, aber bin nicht immer selbst gefühlsmäßig auf dieselben Berg- und Talbahnen geraten, die meine Jungs durchgemacht haben. Das hat sich dann schon binnen kurzer Zeit auch auf ihr Verhalten positiv ausgewirkt, obwohl sie selbst gar keine Medikamente genommen haben.

Mittlerweile hat sich unsere Situation in der Familie wesentlich gebessert. Provokationen und Wutanfälle sind zwar nicht ganz weg, aber das Ausmaß lässt sich mit dem, was wir noch vor einem halben Jahr täglich hatten, nicht mehr vergleichen. Statt dessen lasse ich mich vieeeel mehr auf meine Kinder und das, was sie selbst wollen, ein. Böse Zungen können meinen, ich würde nach ihrer Pfeiffe tanzen. Aber selbst wenn das der Fall sein sollte ist es mir immer noch lieber als ständiger Kriegszustand ;) .
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Re: Asynchrone Entwicklung?! - wie fördern?

Beitragvon Auguste » Mi 20. Nov 2019, 01:11

Hallo Hope,

Oh ja, Wutanfälle kenne ich auch. Von der Tochter. Fing so etwa mit 2 Jahren an und ebbte mit ca. 8 oder 9 Jahren ab. Jetzt mit 12 sind die Wutanfälle nur noch sehr selten (maximal alle 2 Monate, tendenziell wird es immer weniger - trotz Pubertät ;)). In der schlimmsten Zeit hatten wir 1-2 Wutanfälle täglich. Bei ihr waren es immer Phasen. Es gab Wochen mit diesen Wutanfällen und dann wieder 3-4 Wochen wo gar nichts war. Und es war immer nur zu Hause. Im Kindergarten war das Kind völlig unauffällig und ruhig.

Bei den häuslichen Wutanfällen ist unsere Tochter immer komplett ausgerastet, hat Gegenstände um sich geschmissen, um sich geschlagen und herumgeschrien. Die verbalen Äußerungen waren auch absolut unter der Gürtellinie. Du bist doof, Scheiß Mama usw. Mit ca. 6 Jahren wollte sie das erste Mal ausziehen. :roll: Da mussten wir die Haustüre abschließen, sonst wäre sie weg gewesen. Selbstverständlich waren wir an allem Schuld - auch wenn sie wütend war, weil sie z.B. ganz selbstständig ihre Lieblingstasse fallen ließ und diese kaputt ging - das war trotzdem unsere Schuld und wir waren gemein, weil wir nicht verhindert haben, dass ihr die Tasse runterfällt :gruebel: .

Erreicht haben wir unsere Tochter in solchen Momenten überhaupt nicht. Jeder Versuch sie zu beruhigen, schlug ins Gegenteil um - sie steigerte sich noch mehr in die Wut.

Wirklich erreicht haben wir unsere Tochter erst wenn ein Wutanfall vorüber war. Etwa mit 4-5 Jahren konnten wir die Wutanfälle dann mit ihr gemeinsam "auswerten". Meist wusste sie überhaupt nicht, was sie alles getan oder gesagt hat. Wenn man es ihr erzählt hat, dann war sie über sich selbst erschrocken und traurig.

Wir haben dann mit ihr besprochen, dass sie die Wut doch besser allein in ihrem Zimmer rauslassen soll, bevor noch jemandem etwas passiert. Im Rest des Hauses hat die Wut nichts zu suchen. Wenn sie die ganze Wut in ihrem Zimmer rausgelassen hat, kann sie zu uns kommen und die Wut in ihrem Zimmer einsperren. Wir machen dann das Fenster auf, die Wut kann durchs Fenster verschwinden.

Das war ein Bild, mit dem unsere Tochter etwas anfangen konnte. Wir konnten das Kind meist ins Zimmer schicken/schieben um sich auszutoben und sie ist (meist) erst wieder im "Gemeinschaftsbereich" erschienen, wenn sie gesprächsbereit und aufnahmefähig war.

Die räumliche Trennung half uns, die verbalen Tiefschläge einigermaßen überhören und ignorieren. Auch für uns Eltern war das Bild mit der "bösen Wut" hilfreich. Nicht das Kind sagt böse Sachen, das macht die Wut ;) Und das Kind weiß einfach nicht, wie es die Wut vertreiben kann. Dafür kann aber das Kind nichts.

Nach diesen Wutanfällen oder wenn unsere Tochter traurig ist, setzen wir uns zu ihr und fragen, ob sie mit uns reden möchte. Kommt keine Antwort, sind wir einfach nur da in ihrer Nähe. Wir reichen einen Arm zum Kuscheln oder eine Hand zum Halten. Entweder nimmt sie es an oder nicht. Wenn man dann so schweigend neben ihr sitzt, fängt sie bald an zu erzählen. Wichtig ist bei ihr, dass sie von sich aus anfängt - sowohl beim Kuscheln als auch beim Erzählen. Wenn man sie drängt, macht sie dicht und blockt alles ab.

Anfangs hatten wir durchaus ein schlechtes Gewissen, wenn wir das wütende Kind in sein Zimmer "abgeschoben" haben. Aber unsere Tochter hat sich allein in ihrem Zimmer deutlich schneller beruhigt als vorher, wo wir aktiv versucht haben, auf sie einzuwirken.

LG
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