Hallo Goldfisch!
Gratuliere zur getroffenen Entscheidung. So, wie du deine Tochter beschreibst, ist Schule in so ziemlich jeder Hinsicht besser für sie als Kindergarten. Schön, dass du erkannt hast, dass das Setting "Kindergarten" (so, wie er jetzt ist, aber auch "besser") gar nicht (mehr) zu deiner Tochter passt. Ich bin schon gespannt, was du (hoffentlich) hier berichtest, nachdem die Schule angefangen hat.
Ich schreibe dir mal, wie es und seinerzeit ergangen ist (Achtung, auch lang

!).
Mein jüngerer Sohn ist gehörlos und außerdem noch frühkindlicher Autist. Er war in einem sehr guten, bilingualen Kindergarten (österreichische Gebärdensprache und deutsch) mit einem Super-Betreuungsschlüssel (4 Pädagoginnen, 2 Sonderpädagoginnen, 4 Helferinnen und eine Leiterin für 40 Kinder). Alle konnten auf hohem Level Gebärdensprache, es gab sogar zwei native signerinnen.e Außerdem kam noch die Frühförderin (ebenfalls gebärdensprachkompetent) für zwei Stunden pro Woche zu ihm in den Kindergarten und er hatte bei einer Sonderpädagogin noch eine halbe zusätzliche Stunde Einzelförderung.
Nach der Autismus-Diagnose hat der Kindergarten die Empfehlungen der Autismus-Ambulanz berücksichtigt und kleinere Spiel-Settings für meinen Sohn gemacht, also nicht mit der ganzen Gruppe, sondern nur mit 1-2 anderen Kindern. Der Kindergarten war außerdem vernetzt mit der Frühförderin, der Logopädin und der Ergotherapeutin meines Sohnes. Die haben wirklich SEHR viel für ihn gemacht und er hatte etliche "Extrawürste". Trotzdem ist er im letzten Jahr gar nicht mehr gern in den Kindergarten gegangen.
Mein Sohn konnte mit 5 Jahren alle Buchstaben benennen und einige Wörter lesen und schreiben. Wir haben damals jeden Tag den Tagesplan mit Bildern auf unserem whiteboard festgehalten. Da stand "Alexander fährt mit dem Bus in den Kindergarten". Einmal hat mein Sohn das vehement durchgestrichen und deutlich "KEIN KINDERGARTEN!" hingeschrieben. Es gab auch immer wieder Proteste und Tränen, wenn der Behindertenbus kam, um ihn zum Kindergarten zu bringen.
Er ist ein Juli-Kind und er sollte mit frischen 6 Jahren und einem Monat regulär eingeschult werden - in einer Sonderschulklasse speziell für gehörlose Autisten, und nach Sonderschullehrplan! Ich fand ihn aber noch überhaupt nicht schulreif. Er war sprachlich auch in Gebärdensprache etwa 2 Jahre "hintennach", also mit 5 1/2 Jahren auf dem Stand eines 3 1/2jährigen. Außerdem war er weder trocken noch sauber, brauchte also Tag und Nacht Windeln. Kommunikation war schwierig, da der Blickkontakt sehr flüchtig war, was bei Gebärdensprache als Hauptkommunikationsweg besonders blöd ist. Mit anderen Kindern (auch mit gehörlosen, gebärdensprachigen) konnte mein Sohn so gar nichts anfangen. Freunde hatte er keine.
Daher wollte ich ihm noch ein weiteres Jahr im Kindergarten ermöglichen, obwohl er gar nicht gerne hingegangen ist. Ich habe gehofft, dass er in dem Jahr seinen sprachlichen Rückstand aufholen würde und dann in den Regelschullehrplan für Gehörlose einsteigen könne. Lesen, schreiben und rechnen ging ja schon recht gut. Und vielleicht würde er in dem Jahr auch schaffen, die Windel endlich loszuwerden.
Doch es kam alles anders. In Wien dürfen nur jene Kinder städtische Kindergärten besuchen, die am Stichtag noch keine 6 Jahre alt sind. Da der Kindergarten meines Sohnes ein städtischer war, würde er diesen Platz im Fall einer Rückstellung verlieren. Andere Kindergärten für diese Bedürfnisse gab nicht bzw. nur einen, der aber auch nur Kinder unter 6 Jahren aufnahm. Eine andere Möglichkeit wäre eine Vorschluklasse gewesen, aber da gab es nichts in Gebärdensprache. Lautsprache oder Lippen lesen konnte mein Sohn aber gar nicht, somit fiel diese Möglichkeit auch völlig weg.
Daher habe ich der regulären Einschulung mit 6 Jahren zugestimmt. Mein Sohn wurde in einer bilingualen Mehrstufen-Kleinklasse für gehörlose Autisten eingeschult; in Mathe nach Regelschullehrplan, in allen anderen Gegenständen nach Sonderschullehrplan. In seiner Klasse waren außer ihm noch 3 Kinder, davon eines 13 Jahre alt mit Schwerstbehindertenlehrplan, eines 10 Jahre alt mit Sonderschullehrplan, und eines 8 Jahre alt mit Sonderschullehrplan. Unterrichtet wurde die Klasse von zwei gebärdensprachkompetenten Sonderpädagogen.
Und was soll ich sagen? Mein Sohn hat sich von Anfang an sehr wohl in seiner Klasse gefühlt. Nach nicht mal zwei Wochen stand er schon 10 Minuten vor der Ankunft des Behindertenbusses wartend auf der Straße, weil er es nicht erwarten konnte, in die Schule zu kommen. Er freundete sich außerdem schnell mit dem 2 Jahre älteren (ebenfalls gehörlosen und autistischem) Buben in seiner Klasse an. Nach etwas Eingewöhnungszeit war er ein guter, konzentrierter Schüler der gerne und fleißig arbeitete.
Im zweiten Schuljahr haben wir aus privaten Gründen entschieden, unseren Sohn unter der Woche ins Internat (der Schule angeschlossen) zu geben. Auch hier hat er sich sehr wohl gefühlt. Die Gruppe war überschaubar und sein Schulfreund war auch dort. Er hat in seiner Internatsgruppe, wo auch schwerst mehrfach behinderte Kinder waren, auch schnell Verantwortung für die "Schwächeren" übernommen, also für sie den Tisch gedeckt, den Rollstuhl hingeschoben oder die Betreuerin geholt, wenn ein Liegekind sich im Bett nicht wohlgefühlt hat. Auch in der Klasse hat er bald den Lehrern geholfen, den Unterricht vorzubereiten. Er wusste genau, welches Kind die Informationen in Blockschrift braucht, und welches auch Druck- oder Schreibschrift lesen kann. Als ein weiteres geistig behinderter Bub in seine Klasse kam, hat mein Sohn immer "aufgepasst" dass der nichts anstellt und bei Ausflügen nicht wegläuft. Er hat ihm auch immer wieder (in Gebärdensprache) alle Abläufe erklärt

. In diesem Setting war er nicht mehr das "arme, behinderte Kind" sondern eine echte Hilfe für die Lehrer und Betreuer. In dieser Rolle hat er sich wohl gefühlt und dabei viel soziale Kompetenz gelernt.
Vergangenes Schuljahr durfte dieser Sohn dann innerhalb seines bestehenden Klassenverbandes (mit mittlerweile 6 Kindern) vom Sonderschullehrplan in den Regelschullehrplan wechseln. Er besucht jetzt (mit 10 Jahren) die erste Klasse Mittelschule und hat dort ganz normal seine Tests und Schularbeiten, wie jedes Regelschulkind. Seine Leistungen sind durchwegs gut (nur Einser und Zweier im Zeugnis) und er ist auch bei den Hausübungen sehr selbstständig.
Ich hätte nie gedacht, dass sich mein Kind in der Schule so wohl fühlen könnte. Rückblickend war die (erzwungene) reguläre Einschulung für ihn der absolut richtige Weg. Sprachlich (in Gebärdensprache) hat mein Sohn längst alles aufgeholt. Die Windel tagsüber hat er geplant ab seinem 8. Geburtstag weggelassen, die Nachtwindel ab seinem 9. Geburtstag. Dafür musste ich ihm aber bis seinem 10. Geburtstag noch immer den Popo abwischen. Jetzt macht er das aber auch selber. Und es wird NIE jemand fragen, wie alt er war, als er es gelernt hat

.
Die Lieblingsgegenstände meines Sohnes sind Mathe, Englisch und Geografie. Außerdem interessiert er sich für Mondphasen, Body-Maß-Index, Astronomie, Altersforschung und den menschlichen Körper. Er ist auch ziemlich sportlich, fährt gerne Rad (wir haben ein Eltern-Kind-Tandem), ist ein guter Schwimmer und turnt gern.
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)