Unsere Tochter wurde im zweiten Kindergartenjahr auffällig im Verhalten. Wir empfanden sie daheim als recht anstrengend, hatten aber an vier Nachmittagen der Wochen eine private Kinderbetreuung, so dass das dauerquasselnde Kind auszuhalten war. Trotzdem habe ich sie mit sehr schlechtem Gewissen häufig vor dem Kinderkanal geparkt, weil ich sonst schlicht nicht dazu gekommen wäre, mich auch mit den großen Schwestern zu beschäftigen. Der Renner waren damals schon neben „Wickie“, „Dschungelbuch“ und „Kleiner Prinz“, „Beste Klasse Deutschlands“ und alle Dokus, die so liefen. Kurz nach dem vierten Geburtstag gab es eine Woche lang täglich immer wieder Wutanfälle, weil sie eine Dokumentation über die Weltreligionen, die um Ostern rum lief, verpasst hatte.
Der Kindergarten meldete aber dann im Entwicklungsgespräch, dass sich die Lage im Kindergarten zuspitzt. Das Kind würde immer weniger mitmachen, könne im Morgenkreis keine Sekunde stillsitzen und würde eher unruhiger werden als reifer. Nachdem sie an ihrem 5. Geburtstag mit zweistelligen Zahlen rechnete und anfing zu lesen, lag die Vermutung nahe, dass das an Unterforderung liegt.
Im Gespräch mit der DGhK (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind) im April 2015 wurde uns eine sofortige Einschulung des gerade 5-jährigen Kindes in die laufende 1. Klasse empfohlen, der Kindergarten riet zu einer regulären Einschulung im September 2016 wegen der sozial-emotionalen Entwicklung, die bis dahin noch notwendig wäre.
Nach wirklich langen Überlegungen und vielen Gesprächen haben wir uns dafür entschieden, das Kind weiter im Kindergarten zu lassen und ihr in einer Art Homeshooling das wohl notwendige Hirnfutter zu geben.
Dafür nahmen wir in Kauf, dass das Auslassen der ersten Klasse vermutlich nicht mehr zu umgehen ist. Wir hatten aber die Option einer jahrgangsgemischten Eingangsklasse, in der das Übespringen sehr unauffällig möglich sein wird.
Dieses Vorgehen hatte mehrere Vorteile.
Zunächst spart sie sich so vermutlich ein Jahr Grundschule.
Dann können wir und sie im ersten Jahr „Unterricht“ selbst entscheiden, was und wie gelernt wird und wir hatten die Möglichkeit, schon in Voraussicht an klassischen „Baustellen“ fitter Kinder zu arbeiten. Nicht zuletzt hatte sie so tatsächlich die Gelegenheit, in Ruhe die soziale und emotionale Reife zu entwickeln, die für die Schule einfach notwendig ist.
Das Lernprogramm daheim versuchten wir soweit wie nur irgendwie möglich in Form eines „Enrichment“ zu gestalten. Genutzt habe ich dabei ihr Interesse und ihren Lerneifer, den ich in Gewohnheiten überführt habe, um so auch Anstrengungsbereitschaft und Frustrationstoleranz zu fördern.
Konkret sieht das so aus, dass wir (sehr) früh aufstehen und täglich nach dem Frühstück vor dem Kindergarten Schule spielen. Das heißt dann je nach Spiellust „Katzenschule“, „Arme-Kinder-Schule“, „Palastschule in Theben“…
Inhaltlich machen wir in der Zeit die verschiedensten Dinge:
Knobelaufgaben vom Mini-Känguru, Sudokus, Projekte aus "Mathe für kleine Asse", Schachrätsel. Das Kind lernt mit meiner Hilfe auch selbständig Sachthemen zu erarbeiten, die sie interessieren: Vulkane, Planeten, u.ä.. Im Moment lernt sie Hieroglyphen (Sehr empfehlenswert übrigens - Ägypten ist ja eh interessant und Geheimschrift lernen ist auch spannend und das ist sowas von unrelevant für die Schule!

Lernen soll sie auch, dass sie beendet, was sie anfängt, auch wenn es zwischendurch mal anstrengend ist. Eingestreut habe ich immer wieder auch Arbeitsblätter mit Aufgaben, die sie längst beherrschte, wo es nur drum ging, die (laaaaangweiligen) schulischen Rechenwege kennenzulernen und aufzuschreiben (Beim Zehnerübergang bspw. hatte sie echt keine Ahnung, was die auf dem Arbeitsblatt von ihr wollten. Sie rechnet das eben.). Über den Sinn kann man da sicher streiten. Die Kreativität der Lösungswege ist ja oft eine besondere Stärke hochbegabter Kinder. Andererseits ist mir schulkompatibilität für sie wichtig gewesen und sich bewusst zu machen, WAS sie eigentlich macht, wenn sie rechnet, schadet vermutlich nicht.
Langweilige Arbeitsblätter (z.B. auch beim Umüben, Zahlen nicht von unten zu schreiben) wurden mit Aufklebern belohnt, die sie in kleine "15-Kleber-Überraschungen" eintauschen darf. Die Kleber werden nun aber zunehmend durch die Routine ersetzt.
Nachmittags hat sie Ballett, Schachverein, Schwimmen, Blockflötenunterricht und Kinderchor. Ansonsten gehen wir mit ihr gerne in Museen, Konzerte, und ab und zu auch in Opern und Ballettaufführungen (Sie macht das gerne.).
Wir haben also die intellektuelle Förderung komplett nach Hause geholt.
Kindergarten ist dadurch ihre ganz entspannte Spielzeit geworden. Da tobt sie, klettert, hämmert und kann sich grobmotorisch und sozial weiter entwickeln. Sie ist in einem Waldkindergarten.
Für uns war diese Lösung bisher geradezu perfekt. Im Kindergarten ist sie deutlich ruhiger geworden. Sie geht sehr gerne hin. Probleme gibt es ab und zu noch wegen der unterschiedlichen Spielinteressen. ("Die wollen immer entweder Fußball oder Mutter-Vater-Kind spielen!") Bisher ging das aber einigermaßen.
Sie lernt zurückzustecken und die ganz kleinen spielen auch mal "Zauberflöte" mit ihr und lassen sich klaglos zu Monostatos und Vogelfänger einteilen, während sie als Königin der Nacht, Tamino und Pamina gleichzeitig brilliert.

Hilfreich ist auch, dass wir am Wochenende hier daheim eine echt coole und altersdurchmischte Nachbarskinderclique mit total kreativen und netten Kindern haben.
Sowas kann man natürlich nicht eins zu eins übernehmen, zumal jedes Kind andere Bedürfnisse hat. Aber vielleicht ist die ein oder andere Anregung dabei, an die jemand noch nicht gedacht hat. Die körperliche Bewegung und die sozialen Kontakte im langen (!) freien Spiel im Kindergarten sind einfach doch auch wichtig in dem Alter.
Vorzeitige Einschulung kann für hochbegabte Kinder der richtige Weg sein. Es kann aber, wenn es dumm läuft, auch bedeuten, dass die Kinder vormittags in der Schule trotzdem gelangweilt still rumsitzen und nachmittags zusätzliche Förderung brauchen, damit sie einigermaßen ausgelastet sind. Das geht dann aber u.U. auf Kosten der Bewegung und des freien Spiels mit anderen Kindern.
Hui, das war ein langer Text.

Einen Aperol Sprizz für alle, die es bis hierher geschafft haben!
