Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Probleme und Lösungen für den Schulalltag

Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Rabaukenmama » Mo 23. Jan 2017, 15:38

orangenminze hat geschrieben:...mir gehen gerade noch Familien durch den Kopf, die ihre (meist sind die Töchter betroffen) Kinder am liebsten gar nicht oder nur so kurz wie nötig zur Schule gehen lassen wollen. Da sind zum einen islamische, bildungsferne Familien, zum anderen aber auch freichristliche Familien, in denen die Mädchen maximal die Pflichtjahre zur Schule gelassen werden. In meiner Jahrgangsstufe war so ein Mädchen, die auf Wunsch ihrer Eltern und deren Glaubensgemeinschaft nach der 10. Klasse die Schule verlassen musste. Auch wenn das Mädchen sehr gerne Abitur gemacht hätte. Ich weiss nicht, ob sie überhaupt zur Schule gelassen worden wäre, wenn es keine Schulpflicht geben würde...


Naja, es geht ja um die Abschaffung der Schulpflicht, nicht der Bildungspflicht. Wenn die Kinder die jährlichen Externistenprüfungen bestehen ist alles in Ordnung, wenn nicht kann man die Prüfung noch 2x wiederholen. In Extremfällen, wenn z.B. im Rahmen der ersten Prüfung schon festgestellt wird, dass die Leistungen eines Kindes deutlich zurückliegen, gibt es sehr wohl gesetzliche Möglichkeiten, das Recht für homeschooling zu entziehen. Kommt aber selten zur Anwendung. Allein aus diesem Grund werden trotz homeschooling-Möglichkeit Kinder aus bildungsfernen Familien (auch die Mädchen, die eigentlich nichts lernen sondern nur heiraten sollen) weiter in die Schule geschickt werden. Die Eltern haben ja immer noch die Möglichkeit, das Kind einfach öfter "krankheitshalber" zu entschuldigen, wenn sie nicht wollen, dass es so häufig in die Schule geht :twisted: .

Ich kenne übrigens ein österreichische Frau, deren Eltern trotz ausgezeichnetem Volksschulzeugnis nicht wollten, dass sie aufs Gymnasium geht, weil die Nachbarn sonst denken könnten, die Familie würde sich für "was besseres" halten :roll: . Tja, die Motive für solche Entscheidungen sind oft echt krass...

...in der Hauptschule galt sie dann auch auf Grund ihrer vielfältigen Interessen um umfassenden Allgemeinbildung bald als "komisch" und als "Streberin".


orangenminze hat geschrieben:Und was die Verantwortlichkeit der Eltern angeht: ... die Mehrheit würden für ihre Kinder bestimmt weiterhin die Regelschule wählen, aus einem Leistungsdenken heraus und weil sie denken, das Schule auch ein Ort des sozialen Lernens ist...
Eine Möglichkeit den Einzelfall zu prüfen, würde für die wenigen Ausnahmen reichen. Wahrscheinlich nicht sehr praktikabel und zu kostspielig, aber nur mal so angedacht.
lg orangenminze


Na, kostspielig bestimmt nicht! Hast du Dir schon mal angeschaut was Beschulung kostet? Vergleich mal die Kosten von einem Jahr Schulbesuch mit den Kosten und dem Verwaltungsaufwand EINER Externistenprüfung! Rein vom Kostenfaktor müsste man die Eltern, die Homeschooling praktizieren, um ein vielfaches mehr unterstützen, als man das aktuell tut.
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Momo » Mo 23. Jan 2017, 17:34

Rabaukenmama, ich denke auch nicht, dass homeshooling nur cool und einfach ist und dass es zu jeder Familie passt. Ich weiß auch nicht, ob ich es mir zutrauen würde, wenn überhaupt, dann auch hier mit einem sehr freien Ansatz ;) ganz abgesehen davon merke ich jetzt, wie wichtig meiner Tochter der Kontakt zu Kindern unterschiedlichsten Alters ist. Sie liebt es zwar auch, sich selbst zu beschäftigen und braucht das auch, doch im Kontakt mit ihren Freundinnen blüht sie regelrecht auf. Gerade heute hat sie mir erzählt, dass sie von den älteren Mädchen jetzt in den "Club der starken Mädchen", eine wilde mädchenclique, aufgenommen worden ist. Sie wird voll akzeptiert und wächst dadurch über sich hinaus.

Doch auf das Thema Schulpflicht sind wir ja durch den Einwand von Bliss Sohn gekommen, der es sich ideal vorstellen könnte, in Ruhe zu Hause zu lernen und lediglich freiwillig zu schulischen Vorlesungen zu gehen, ähnlich einer Universität. Diese Idee finde ich sehr gut und diese Lernform würde bestimmt einigen Kindern liegen. Doch die Umsetzung scheitert an der schulpflicht. Es gäbe einfach viel mehr Möglichkeiten für tolle neue Lernwege, wenn wir uns endlich von der Schulpflicht verabschieden würden. Das ist alles, was ich damit sagen möchte.

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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Rabaukenmama » Di 24. Jan 2017, 08:24

Momo hat geschrieben:Doch auf das Thema Schulpflicht sind wir ja durch den Einwand von Bliss Sohn gekommen, der es sich ideal vorstellen könnte, in Ruhe zu Hause zu lernen und lediglich freiwillig zu schulischen Vorlesungen zu gehen, ähnlich einer Universität. Diese Idee finde ich sehr gut und diese Lernform würde bestimmt einigen Kindern liegen. Doch die Umsetzung scheitert an der schulpflicht. Es gäbe einfach viel mehr Möglichkeiten für tolle neue Lernwege, wenn wir uns endlich von der Schulpflicht verabschieden würden. Das ist alles, was ich damit sagen möchte.


Bei der Beschreibung von Bliss Sohn hatte ich nicht den Eindruck dass er in der Schule grundsätzlich unglücklich ist. Was ich verstanden habe bevorzugt er IN DER SCHULE angeleitetes lernen gegenüber "freiem" lernen , weil er der Meinung ist dass er für "freies lernen" ja gar nicht erst in die Schule gehen muss- das kann er ohnehin zu Hause machen - egal ob Schul- oder Bildungspflicht besteht.

Die Umsetzung von freiem lernen zu Hause scheitert mMn nicht an der Schulpflicht. Wenn die Schule was mit dem scheitern des freien lernens zu Hause zu tun hat dann ist es die Tatsache, dass durch die immer öfteren Ganztagsschulen und den oft noch mit zusätzlichen Aktivitäten verplanten Abenden und Wochenenden zu wenig Zeit und Gelegenheit dafür ist.

Wenn ein Kind vormittags in die Schule geht hat es nachmittags, abends, an den Feiertagen, Wochenenden und in den Ferien noch Zeit, seinen Interessen nachzugehen (vorausgesetzt natürlich, die Anforderungen der Schule sind nicht so hoch dass die ganze Zeit Hausübung gemacht oder gelernt werden muss). Wenn die Eltern durch eigene Arbeit das Kind aber jeden Nachmittag bis 18h in die Schule bzw. den Hort geben und das Kind vielleicht auch noch um 20h todmüde ins Bett fällt bleibt natürlich kaum Zeit für freies, unangeleitetes lernen und spielen. Eltern mit so einer Zeitplanung ´könnten aber auch homeschooling nicht umsetzen.
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Momo » Di 24. Jan 2017, 10:06

Bliss hatte geschrieben:

Seine Idealvorstellung wäre, dass man in Eigenregie zu hause lernen dürfte. Dazu Angebote in Form von Vorlesungen und angeleiteten Übungen wie an der Uni. Aber freiwillig, so dass tatsächlich nur interessierte Kinder anwesend wären. Aber eben relativ kurze Präsenzzeiten. Dann hätte man auch noch genug Zeit für alle Arten von sonstigen Beschäftigungen, die in der Gruppe stattfinden, ohne dass diese sich nur aus der begrenzten Zahl von Schülern rekrutieren, die auf eine bestimmte Schule gehen.
Bliss




Rabaukenmama hat geschrieben:
Wenn ein Kind vormittags in die Schule geht hat es nachmittags, abends, an den Feiertagen, Wochenenden und in den Ferien noch Zeit, seinen Interessen nachzugehen (vorausgesetzt natürlich, die Anforderungen der Schule sind nicht so hoch dass die ganze Zeit Hausübung gemacht oder gelernt werden muss).


Natürlich steht es jedem Kind frei, nach der Schule zu Hause zu lernen, was es ja auch in jedem Fall macht, denn auch (oder gerade) Spielen ist Lernen. Mir geht es um die Wahlfreiheit, sich selbstständig für den passenden Bildungsweg entscheiden zu können und nicht zur Schule gehen zu müssen. Und um die Möglichkeit, ganz andere Lernkonzepte ohne Schulpflicht entwickeln zu können. Unsere freie Schule ist im Grunde durch die Freiheit ein Bildeglied zwischen "normaler" Schule und homeshooling. Ich bin sehr froh, dass es diese Alternativen gibt!

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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon orangenminze » Di 24. Jan 2017, 16:23

@ Rabaukenmama: Du hast natürlich Recht und es geht um die Abschaffung der Schulpflicht, nicht der Bildungspflicht. Ich habe meine Gedanken nicht zu Ende aufgeschrieben. Was das Mädchen aus der freichristlichen Familie angeht, die in meiner Jahrgangsstufe war, so denke ich, dass die Eltern in jedem Fall die Schulzeit so kurz wie möglich gehalten hätten, egal ob in der Schule oder zu Hause. ABER: dadurch, dass das Mädchen in die Schule gehen musste, hat sie die Möglichkeit erhalten, ein anderes Wertesystem als das der eigenen Familie kennen zu lernen. Abgesehen davon, dass es für alle Kinder, die in dogmatischen oder verwahrlosten Verhältnissen aufwachsen sicher eine Bereicherung ist, denke ich, dass das eigentlich für alle Kinder sinnvoll ist. Also festzustellen, dass es eine Gesellschaft außerhalb der Familie gibt, mit entweder gleichen oder unterschiedlichen Werten. Einfach, um den Horizont zu erweitern und Möglichkeiten aufzuzeigen. Denn wenn wer weiss; vielleicht konnte das Mädchen andere Werte noch nicht für sich umsetzen, aber schafft es, ihre eigenen Töchter Abitur machen zu lassen? Denn klar, zu Hause hätte sie vielleicht nach Lehrplan zum Thema Kinderrechte gelernt, dass Kinder das Recht auf Bildung haben, aber vielleicht hätte es den Zusatz gegeben: so sagt das staatliche System, unser (göttliches) Wertesystem steht über diesem und besagt, dass....und es hätte keinen externen Erwachsenen gegeben, der eine andere Meinung vertritt.
Vor einigen Wochen lief der Film Captain Fantastic im Kino, der unter anderem auch das Thema Homeschooling aufgreift. Zuerst mag man während des Filmes denken: wow, toll, dass die Kinder (neben einem echt grenzwertigen körperlichen Training) ein unglaubliches Wissen haben, gelernt hhaben, selbständig zu denken; wie arm ist im Vergleich dazu das staatliche Schulsystem. Aber es gibt eben auch die Kehrseite der Medaille, dass die Kinder "Opfer" des Idealismus ihrer Eltern sind und sehr isoliert aufwachsen.
Das mit den Kosten meinte ich folgendermaßen: warum nicht eine Schulpflicht, die man auf Antrag umgehen kann? Damit in der Hauptsache die Interessen des Kindes gewahrt werden und nicht die Interessen der Eltern, da kann ich nicht einschätzen, wie realistisch das wäre, wer eine solche "Prüfung" vornimmt etc. Wie läuft das bei Euch in Östereich.
Ansonsten bin ich übrigens der Meinung, dass es gut ist, dass sich die Schullandschaft verändert hat und es freie Schulen, Regelschulen etc. gibt. und wenn es Kinder gibt, denen es gut tun würde, zu Hause beschult zu werden, würde ich nicht sagen, dass geht auf keinen Fall, aber es erscheint mir sinnvoll die Motivation für eine solche Lösung zu prüfen.
lg orangenminze
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Rabaukenmama » Mi 25. Jan 2017, 17:21

orangenminze hat geschrieben:Das mit den Kosten meinte ich folgendermaßen: warum nicht eine Schulpflicht, die man auf Antrag umgehen kann? Damit in der Hauptsache die Interessen des Kindes gewahrt werden und nicht die Interessen der Eltern, da kann ich nicht einschätzen, wie realistisch das wäre, wer eine solche "Prüfung" vornimmt etc. Wie läuft das bei Euch in Östereich.
Ansonsten bin ich übrigens der Meinung, dass es gut ist, dass sich die Schullandschaft verändert hat und es freie Schulen, Regelschulen etc. gibt. und wenn es Kinder gibt, denen es gut tun würde, zu Hause beschult zu werden, würde ich nicht sagen, dass geht auf keinen Fall, aber es erscheint mir sinnvoll die Motivation für eine solche Lösung zu prüfen.
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In Österreich ist häuslicher Unterricht (bzw. Unterricht in einer Schule ohne Öffentlichkeitsrecht) nur dann erlaubt, wenn er dem Unterricht an einer öffentlichen Schule bzw. einer Schule mit Öffentlichkeitsrecht mindestens gleichwertig ist. Man stellt dazu einen Antrag im Referat für Externistenangelegenheiten. In Wien werden die Externistenprüfungen (bei Pflichtschülern) an vom Stadtschulrat eingerichteten Prüfungsschulen absolviert (in den Bundesländern ist es meistens an "normalen" Schulen). Bei Pflichtschülern sind die Erziehungsberechtigten für die zeitgerechte Anmeldung zur Prüfung verantwortlich. Nach bestandener Prüfung muss man den Erfolg bei der Kommission f. Externisten mittels Jahreszeugnis (=Prüfungszeugnis) nachweisen - und zwar noch vor Ende des Schuljahres. Wer das nicht rechtzeitig schafft muss mit einer Verwaltungsstrafe rechnen. Wenn ein Pflichtschüler die Prüfung nicht bestehen sollte, muss er das entsprechende Schuljahr (also das, wo er die Prüfung nicht bestanden hat) an einer öffentlichen Schule oder eine Schule mit Öffentlichkeitsrecht wiederholen.

Allein aus diesen Gründen besteht mMn kaum Gefahr dass homeschooling von generell bildungsfeindlichen Eltern missbraucht wird. Die müssten dafür die Schulbücher (oder Alternativen) selbst besorgen und finanzieren und sich außerdem sowohl um das lernen als auch um die Prüfungstermine und die zeitgerechte Einreichung der Zeugnisse kümmern. Da ist es viel einfacher das Kind in die nächstbeste Schule zu schicken und halt einfach krankheitshalber Entschuldigungen zu schreiben wenn man das Kind mal doch nicht hinschicken will. Passieren kann so gut wie nichts. Ich weiß aus zweiter Hand von Eltern, die mit ihren Kindern unter dem Schuljahr für mehrere Wochen in die Türkei geflogen sind und die Kinder einfach in der Zeit "krankheitshalber" in der Schule entschuldigt haben. Das ist aber eher eine Spitze des Eisberges und nicht die Regel. Aber dass Kinder einfach mal weil man zu bequem war, sie rechtzeitig zu wecken und herzurichten, ein paar Tage in der Schule fehlen ist in manchen Familien leider gängige Praxis. Solange Mama oder Papa dann eine Entschuldigung schreiben und es nicht extrem ausufert wird es ohne weitere Folgen durchgehen.

Wegen sozialer Isolation mache ich mit bei Kindern von (meist sehr engagierten) Homeschooling-Eltern keine Gedanken. Die Kinder sind meistens in einem starken Familienverband mit regelmäßigen Kontakten zu Personen verschiedenen Alters und haben durchaus Freunde. Da praktisch alle Kindern, die man so kennt, in die Schule gehen, kann man sich als Eltern gar nicht vorstellen wie das "ohne" funktionieren könnte. Aber es klappt bei den meisten Familien sehr gut. Weil sich - wie gesagt - jemand, der nicht echt an der umfassenden Bildung und Entwicklung seiner Kinder interessiert ist, sich homeschooling gar nicht erst antut.

@Momo: Ich verstehe dass es Dir darum geht, überhaupt die MÖGLICHKEIT für homeschooling oder Unterricht in Schulen ohne Öffentlichkeitsrecht zu haben. Die Möglichkeit finde ich in Österreich ja grundsätzlich und auch von der Umsetzung her sehr gut. Abe dann krankt es wieder an ganz entscheidenden Möglichkeiten, z.B. bei behinderte Kindern. Ein Kind im Rollstuhl kann homeschooling machen, ein blindes Kind, ein gehörloses Kind oder ein Kind mit down-Syndrom oder nachgewiesener Wahrnehmungsstörung nicht. Dabei sind es gerade DIESE Kinder, welche man mit homeschooling viel besser unterstützen und fördern könnte als mit den Möglichkeiten, die man sonst hat.
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Momo » Mo 6. Feb 2017, 13:01

In Berlin hatten wir eine Woche Winterferien, heute ist wieder der erste Schultag.

Gestern hat sich meine Tochter ein Weihnachtslied umgedichtet und sang es immer wieder fröhlich:

" Morgen Kinder wird's was geben, morgen werden wir uns freuen, welch ein Jubel, welch ein Leben wird in unsrer Schule sein! Ein Mal werden wir noch wach, heißa dann ist Schuuuuuultag!"

Ich glaube, dem muss ich nichts mehr hinzufügen....

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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Willow77 » Mo 6. Feb 2017, 13:16

Ach wie schön, Momo, dass du die für dich und vor allem deine Tochter richtige Schule gefunden hast. Klingt echt super.

Ich war als kind zwar längst nicht so musikalisch und kreativ wie deine Tochter mit dem Weihnachstlied, allerdings habe ich die Schule auch geliebt. Ich war eine totale Aussenseiterin, wurde gehänselt von den anderen Kindern und total ausgeschlossen. Der Unterricht war klassisch frontal ohne extras. Und doch: Ich habe Schule geliebt. Bis auf die ersten Jahre als Teenager, da habe ich Schule wie jeder um mich herum gehasst, was ich aber mehr auf die Pubertät beziehe, denn die letzten Beiden Jahre bis zum Abitur habe ich wieder sehr interessant gefunden.

Nicht jedes Kind ist für jede Schulform geeignet. Oder wie ein Lehrer in unserer Ausbildung mal sagte: Im Prinzip, wenn Kinder aus einem starken sozialen Umfeld kommen, und zu Hause einen Rahmen haben, kann man in der Schule freier arbeiten, wenn die Kinder aber zu Hause keinen Rahmen haben, sind sie mit zu viel Freiheit in der Schule schnell überfordert.

Und dann gibt es da noch Kinder, wie mein Sohn. Sehr intelligent, aber auch sehr faul. Er hätte in einer freien Schule nicht gelernt. Nein. Nie und nimmer! Ich wollte ihn Homeschoolen, und habe es nicht gewagt, er hätte sich von mir nichts sagen lassen. Gar nichts. Er hat durch die strukturierte klassisch frontale Schule sehr schnell und gut lesen gelernt, auch dank seiner Intelligenz denke ich mal. So dass er jetzt neben Hausaufgaben und spielen und Freizeitaktivitäten Stundenlang lesen kann. Er hat im November mit Harry Potter angefangen, hat mitte Januar Band 6 beendet. Bei Antolin hat er ein paar tausend Punkte. Wenn er jetzt auf eine freie Schule wechseln würde, würde er auch nur lesen lesen lesen lesen. Schreiben und Mathe sind aber auch wichtig. Aber ohne ein bisschen Zwang würde er es nicht machen. Seine kleine Schwester würde schon eher auch in einem freien System lernen.

Und dann gibt es noch Brennpunktschulen: Wie mein Mann (Lehrer 2. Schuljahr) dieses Jahr verzweifelt: Die hälfte der Klasse ist ok, wird irgendwas zwischen Lehre und Uniabschluss irgendwann machen, die andere Hälfte wird die Schule verlassen und kaum lesen/schreiben/rechnen können. Könnten die es besser, wenn die Schule frei wäre? Bräuchten die nicht im Gegenteil noch mehr gelenkten Einzelunterricht mit therapeutischen Ansätzen???
Schwer zu sagen.

Ich könnte noch mehr schreiben, muss jetzt aber die Kiddies von der Schule abholen.

LG,
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Linasina » Mo 6. Feb 2017, 15:49

Genauso ist es bei meiner Tochter auch. Sie will sich nicht anstrengen. Hausaufgaben macht Sie im Hort aber wehe Sie muss mal eine Berichtigung machen. Selbst ein Fehler ist schon zu viel. In einer freien Schule würde meine Tochter nur bequeme Sachen machen. Lesen hätte Sie dort bestimmt heute noch nicht gelernt.
Aber dass was Momo anspricht dass die Kinder motorisch sehr aktiv und aufgeweckt sind dass erwähnt unsere Lehrerin in jedem Elternabend. Sie hat eine Lösung gefunden. Abwechslung. Nicht immer sitzen sondern Entspannungsübungen zwischendurch usw.
Aber da musste jedes Kind durch und Disziplin gehört dazu. Auf dem Gymnasium müssen Sie auch Stundenlang sitzen und müssen dass machen was der Lehrer sagt. Oder gibt es auch freie Gymnasialschulen?
Trotzdem toll das Momos Tochter ihren Weg ganz frei geht und schon den Stoff der 2. Klasse kann.
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Momo » Di 7. Feb 2017, 11:03

Hallo Willow uns Linasina,
meiner Tochter würde es nicht anders gehen, wenn sie Aufgaben tun müsste, Ihre Fehler korrigieren müsste etc. Und wenn wir mal ganz ehrlich sind, geht uns uns selbst nicht auch so? Wie motiviert sind wir, wenn wir Dinge tun müssen? Und wie leicht fallen uns andererseits Aufgaben, Erledigungen etc., an denen wir Freude haben, die uns interessieren? Was schaffen wir alles innerhalb kürzester Zeit durch unsere Eigenmotivation und brauchen andererseits Stunden für eine popelige Aufgabe, wenn wir sie ungern machen??? Den Kindern geht es doch nicht anders! Doch aufgrund der Lustlosikeit Dinge zu tun, die von einem verlangt werden, darauf zu schließen, sie würden keine Eigenmotivation entwickeln können, kann einfach nicht stimmen! Vielleicht interessieren sie sich für bestimmte Themenbereiche mehr, für andere weniger, für einige früher für andere später, doch sie werden vieles eigenmotiviert lernen. Und weil sie Lernen mit etwas Positivem verbinden und gelernt haben, selbstständig ihre Ziele zu verfolgen, werden sie auch eigenmotiviert die Dinge lernen, die sie brauchen, um ihre Ziele zu erreichen. Das ist nämlich auch ein ganz bedeutender Nebeneffekt des eigenmotivierten Lernens- Kinder verstehen, dass sie für sich lernen. Sie verstehen, dass sie selbst verantwortlich sind, dass sie selbstwirksam sind. Sie tun Dinge nicht, weil sie dazu gedrängt werden, sondern weil sie es von sich aus wollen. Könnt Ihr Euch vorstellen, welche Kraft junge Menschen entwickeln können, die dies erfahren und gelernt haben??

Liebe Grüße von Momo
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