Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Probleme und Lösungen für den Schulalltag

Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Momo » Di 7. Feb 2017, 11:12

Ich gebe Dir recht Willow, natürlich müssen die Eltern diese Freiheit verstehen und mittragen. Es funktioniert nicht, wenn die Eltern z.B.viel Leistungsdruck auf das Kind ausüben, oder wenn Kinder zu Hause sehr autoritär aufwachsen und dann plötzlich in der Schule eine ganz andere Welt erleben etc. Schule und Elternhaus müsssen zusammen arbeiten und sich weitestgehend einig sein, denn es geht auch um einen achtsamen Umgang miteinander. Doch dass Kinder von sich aus nicht mit freiem Lernen umgehen könnten- wenn sie noch keine anderen Erfahrungen gemacht haben- warum nicht? Nichts anderes tun sie doch vor der Schule und dies häufig mit viel Freude. Der Lernfrust beginnt doch meistens erst mit dem Schulstart...

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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon BiHa » Di 7. Feb 2017, 17:16

Momo, wie erklärst Du Dir dann die Kinddr, die auch nach mehr als 3 Jahren an der Montessorischule kaum lesen und schreiben können, dafür aber super Fußballspielen? Ich glaube nicht, dass es tatsächlich bei allen Kindern funktioniert!
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Momo » Di 7. Feb 2017, 19:13

Liebe Biha, was ist denn das Problem daran? Klar sind die Interessen der Kinder verschieden und das eine Kind lernt früher, das andere Kind später lesen und schreiben. Doch lernen werden es alle, denn lesen öffnet einem Türen und selbst wenn es erstmal nur dazu dient, endlich die geliebten Comics lesen zu können oder bei verschiedensten Spielen mitspielen zu können. Und ich beschrieb es schon an anderer Stelle: Auch in den Freien Demokratischen Schulen in Amerika, den Sudbury Schools, lernen die Kinder dann lesen und schreiben, wenn sie es von sich aus wollen. In diesen Schulen gibt es Kinder, die schon vor Schuleintritt lesen konnten und vereinzelt auch welche, die erst mit 10 Jahren lesen lernen. Doch im Endeffekt konnte in der Lesekompetenz später kein Unterschied mehr festgestellt werden. Ganz im Gegenteil: In den Sudbury Schools gab es bisher keinen einzigen Fall von Lese- Rechtschreibschwäche!!! Das müsst Ihr Euch mal klar machen, was das im Umkehrschluss bedeutet!!!

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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Rabaukenmama » Di 7. Feb 2017, 19:40

Mit Druck ist es wie mit Limits. Es gibt Menschen (sowohl Kinder als auch Erwachsene) die ohne besser zurechtkommen und solche, die gerade das "brauchen". Das hat nichts mit der Erziehung zu tun sondern mit der Wesensart. Dass man sowohl Druck als auch Limits erst mal als belastend empfindet ist eine klare Sache. Steht ja entweder ein "du mußt" oder ein "du darfst nicht" darunter.

Ich sehe das nicht nur bei meinen Kindern sondern auch bei meinem Mann. Er ist ein sehr liebevoller und verantwortungsbewußter Vater, BRAUCHT aber manchmal Druck von mir um sich z.B. aufzuraffen, was mit den Kindern zu unternehmen. Bis es soweit ist und sie tatsächlich zur Tür raus sind macht er eher den Eindruck als hätte ich ihn zu seiner Hinrichtung geschickt, als explizit gebeten, mal mit den beiden für 2 Stunden auf den Spielplatz zu gehen. Und wenn die drei dann 4 Stunden später bestens gelaunt heimkommen bedankt sich mein Mann bei mir für den Druck, weil er es ohne nicht geschafft hätte sich zu überwinden und weil er erst in der Situation gemerkt hat, wie gut ihm das tut :mrgreen: .

Wenn mein Sohn mal im Hort nicht mit der Hausübung fertig geworden ist dann vereinbaren wir, wann er sie machen will - ich lasse ihm da freie Wahl in Sachen Tag und Uhrzeit. Aber das, was dann ausgemacht wurde, gilt. Da mache ich Druck und beharre darauf. Zuerst ist mal maulen und Versuche, die Vereinbarung in letzter Sekunde zu ändern. Dann jammern, dass es so viel ist. Erst wenn ich das mal zur Kenntnis genommen haben (nicht ignoriert) macht er sich sichtlich únwillig an die Arbeit. Und dann "läuft" es plötzlich von selbst. Vielleicht kommt mal eine kurze Frust-Kreisch-Attacke wenn mal was nicht gleich so klappt, wie er es sich vorstellt. Aber es geht trotzdem voran. Und wenn er dann fertig ist hat er meistens sehr gute Laune und ist stolz, es geschafft zu haben.

Ich bin mir ganz sicher dass mein Sohn auch in einer noch "freieren" Schule als er sie jetzt besucht, viel lernen würde. Aber ob er sich durch Dinge, die am Anfang zu schwierig erscheinen, durchbeißen würde, bezweifle ich mal. Ich sehe das z.B. bei Mathe. Da kann er sehr gut im 100er Bereich rechnen, sucht sich aber in der Freiarbeit immer deutlich leichtere Beispiele aus. Kann sein; dass Versagensangst dahinter steckt und er sich bei den leichten Rechnungen sicherer fühlt. Kann sein, dass er irgendwann mal die schwierigeren Rechnungen (die er sehr wohl kann, aber nicht ganz ohne Anstrengung) auch freiwillig machen würde. Aber ich verstehe nicht ganz warum er es nicht jetzt zumindest probieren soll.

Mit Limits ist es dasselbe. Bei uns zu Hause gab es lange Zeit gar keine Limits und auch jetzt sind es nicht viele. Egal ob Süßigkeiten oder Medienkonsum, mein älterer Sohn hat immer in einem für mich vertretbaren Rahmen agiert. Es kam schon mal vor dass er den Großteil eines Regen-Sonntages vor dem PC verbracht hat oder eine Mahlzeit mich Schokolade ersetzt. Aber dann war der PC 5 Tage komplett uninteressant und es wurde keine Schokolade mehr verlangt. Mein Sohn hatte viel Spaß mit zeichnen, lesen und basteln und wurde von normalem Essen und hie und da mal ein bißchen naschen satt.

Bei meinem jüngeren Sohn ist das anders. Wären da keine klaren Regeln und keine Limits würde er den ganze Tag vor dem Tablett oder dem PC hängen. Wenn es nach ihm ginge würde das Ding schon um 6h 15 morgens eingeschaltet und dann nie wieder aus. Mit Essen ist es ähnlich. Dürfte er da ständig aussuchen gäbe es nur Kuchen, Kekse, Gummibärli und Pudding.

Ich glaube nicht dass sich die Unterschiede in der Wesensart meiner Kinder (auch im Umgang mit besagten Situationen) durch die Art der Erziehung erklären lassen. Und ich bin nun mal 2-Kind-Mama und kann schlecht zum einen Kind sagen "Du darfst den ganzen Abend Tablett spielen" und zum anderen "Bei Dir wird in spätestens einer Stunde abgedreht!". Oder zum einen "Du kannst Dich bei den Naschsachen frei bedienen!" und zum anderen "Bei Dir ist heute Schluß mit naschen!" Daher mußte ich aus der Situation heraus sehr wohl Regeln und Limits einführen, die für alle gelten, und diese auch entsprechend kommunizieren. Wäre mein älterer Sohn ein Einzelkind geblieben hätte ich vermutlich weiterhin gedacht, alle Eltern, deren Kinder Limits brauchen, hätten was falsch gemacht ;) .

Genau so sehe ich das auch mit der freien Schule. Sie ist nicht besser oder schlechter als Regelschule, sondern einfach eine andere Herangehensweise mit demselben Ziel - unsere Kinder zu selbstständigen, eigenverantwortlichen, selbstbewußten, glücklichen Menschen mit guter Bildung zu machen. Und ich bin der fixen Überzeugung dass es keinen für alle passenden Weg dazu gibt!

Wichtig ist, dass Schule und Kind "zusammenpassen" und am allerwichtigsten ist, welche Lehrpersonen man erwischt. Wie wird damit umgegangen, wenn ein Kind nicht wunschgemäß funktioniert? Wie wird kommuniziert? Völlig egal, was außen draufsteht, es ist ganz wichtig wie die Realität dann aussieht. Und da ist es mMn wichtig, als Eltern einerseits nicht die Augen zu verschließen und für das Kind einzustehen, aber andererseits nicht jedes kleine Problem vom Kind zum eigenen zu machen.

Ich denke es ist leicht, ein System zu loben, das offensichtlich beim eigenen Kind gut funktioniert. Für mich wäre es leicht, staunend dazustehen wenn andere Eltern von Anpassungsschwierigkeiten und Abschiedsschmerz im Kindergarten berichten, weil ich das nie kannte - ohne groß was besonders "richtig" gemacht zu haben. Wir hatten einfach nur Glück, dass die Kindergärten, für die wir uns entschieden haben, mit dem Wesen unserer Kinder gut zusammengepaßt haben. Wenn was nicht so gut passt muß man ohnehin individuell IN DER SITUATION entscheiden, wie es weitergehen soll.
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Momo » Di 7. Feb 2017, 20:51

Liebe Rabaukenmama, ich sehe es auch so, dass es natürlich unglaublich viele unterschiedliche Kinder mit unterschiedlichen (Lern-) Bedürfnissen gibt. Die Einen brauchen mehr Struktur, die Anderen Ruhe, die Dritten den Austausch, die Vierten vielfältige Angebote usw. Doch meiner Meinung nach braucht kein Kind (Leistungs-) Druck. Denn dieser Druck zerstört die Eigenmotivation und dies wiederum behindert das effektive, nachhaltige Lernen. Und genau dieser Leistungsdruck, welcher auch das Bewertungssystem beinhaltet, lässt neugierige Vorschulkinder letztendlich zu gelangweilten oder zappeligen Schulkindern werden, die ihre Lust am Lernen verlieren. Die meisten Vorschulkinder freuen sich auf die Schule und sind begierig, zu lernen. Wie viele der 5- Klässler haben diese Begeisterung noch?

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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Bliss » Di 7. Feb 2017, 23:04

Momo hat geschrieben: Doch meiner Meinung nach braucht kein Kind (Leistungs-) Druck. Denn dieser Druck zerstört die Eigenmotivation und dies wiederum behindert das effektive, nachhaltige Lernen.


Doch, ich war so ein Kind, dass Druck braucht. Und nachdem mir sonst niemand Druck gemacht hat, hab ich mir selber welchen gemacht. Indem ich mir hohe Ziele gesetzt habe (das war die positve Variante) oder in dem ich mich selbst unter Zeitdruck gesetzt habe, indem ich so spät wie möglich mit einer Aufgabe angefangen habe (die Variante ist weniger befriedigend, da ich die Zeit meistens nur vertrödelt habe)

Und genau dieser Leistungsdruck, welcher auch das Bewertungssystem beinhaltet, lässt neugierige Vorschulkinder letztendlich zu gelangweilten oder zappeligen Schulkindern werden, die ihre Lust am Lernen verlieren. Die meisten Vorschulkinder freuen sich auf die Schule und sind begierig, zu lernen. Wie viele der 5- Klässler haben diese Begeisterung noch?


Naja, gerade 5. Klässler haben diese Begeisterung ja oftmals wieder, wenn dann endlich das Tempo angezogen wird. Ich habe jedenfalls eine 5.Klässlerin, die total aufblüht, seit sie am Gymnasium ist. Und die Noten, die in der Grundschule noch unter Flüchtigkeitsfehlern litten sind plötzlich top, weil die Anforderungen gestiegen sind.
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Momo » Mi 8. Feb 2017, 09:02

Bliss, du sprichst von Druck, den du dir selbst gemacht hast. Diesen Druck, man könnte ihn auch Ehrgeiz nennen, kenne ich auch gut. Der Unterschied besteht darin, dass du diesen Druck selbst entwickelt hast, somit entstand dieser Zustand ganz klar aus deiner Eigenmotivation und ist ein sehr effektiver Motor (ich spreche aus Erfahrung ;) ). Wenn allerdings Druck von außen kommt, ist es eine ganz andere Situation. Viele Menschen gehen dann auf Abwehr, bis hin zur Verweigerung. Auf jeden Fall werden sie keine Freude empfinden und die Aufgabe bestenfalls mehr oder weniger widerwillig erledigen.
Warum also braucht ein Mensch Druck und Zwang von außen? Wodurch hat er seine Eigenmotivation verloren? Beobachtet einmal kleine Kinder, mit welcher Begeisterung sie Dinge tun. Und dann schaut euch diese Kinder Jahre später wieder an. Was ist geschehen, wie verhalten sich die Kinder nun in diesen Situationen ? Was ist nun die Motivation, eine Handlung zu tun? Einfach nur, weil es sie interessiert und es dadurch Freude macht oder weil sie es tun müssen oder weil sie vielleicht eine gute Beurteilung dafür bekommen? Oder weil sie Angst haben, schlecht beurteilt zu werden?

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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Rabaukenmama » Mi 8. Feb 2017, 10:23

Ach Momo, wenn ich mich an meine Kindheit erinnere hatte ich Eigenmotivation zu sehr vielen Dingen. Nur waren da leider kaum was dabei, was mir z.B. im Berufsleben was gebracht hat. Mein Lieblingsgegenstand war (wie bei meinem Sohn) deutsch. Vor allem Lyrik hatte es mir angetan, ab ca. 8 Jahren Schiller und ab ca. 14 Goethe. Daneben Claudius, Brecht, Kästner, Kaleko usw. Ich lernte Unmengen Gedichte auswendig. Ich las Unmengen Bücher zu allen möglichen Themen (so, wie mein Sohn das heute tut): Kinderbücher, Romane, Wissenschaftsbücher, Biografien, Comics, Psychologiebücher (für Erwachsene)...

In Deutsch hatte ich sogar im Halbjahreszeugnis der höheren Schule eine glatte 1. Im numerischen Abschlußzeugnis der Hauptschule war es eine 3 - wegen nicht gemachter Schul- und Hausübungen :P .

Fremdsprachen dagegen haben mich nie interessiert. Hätte meine Mutter nicht Druck gemacht könnte ich in englisch vermutlich nicht mal eine Pizza bestellen. Aber gerade da, wo ich jetzt arbeite (im Verkauf) ist englisch ein MUST. Ohne zumindest einer Fremdsprache kann ich mir das Bewerbung-Schreiben in 95% der Fälle gleich sparen.

Mathe war durchmischt. Manche Aufgaben fand ich herausfordernd, andere einfach nur langweilig. Da konnte durchaus sein dass ich, wenn mich mal das Interesse gepackt hatte, voll motiviert dabei war. Aber so interessant, dass ich es auch zu Hause eigenmotivert gemacht hätte, fand ich es auch wieder nicht.

Was habe ich als Kind noch eigenmotiviert gemacht? Ich habe gefischt! Hunderte Stunden saß ich mit Angel oder Netz beim Teich, habe die Natur beobachtet, bin hie und da für eine Runde schwimmen in den See gehüpft und war glücklich :D .
Das nächste: ich habe Briefmarken gesammelt, saß etliche Stunden über meinen Alben, habe abgelöst, sortiert, betrachtet, nebenbei noch manche Infos aufgesogen (z.B. Geburts- und Sterbedaten von berühmten Persönlichkeiten)und war wieder glücklich. Für meine Psyche war das super. Es war auch toll, dass ich zeitlich die Möglichkeit für diese Hobbys hatte, weil ich für die Schule nicht viel machen brauchte und noch weniger tatsächlich gemacht habe :P .

Trotzdem frage ich mich manchmal was gewesen wäre wenn ich das Gymnasium hätte probieren dürfen. Vermutlich wäre ich nie in so eine Mobbing-Situation gekommen wie in der Hauptschule. Und schulisch kann ich mir durchaus vorstellen, dass mich der plötzliche Leistungsdruck erst mal genervt und überfordert hätte. So, wie eine vermutlich ebenfalls hochbegabte Volksschul-Freundin, deren Noten im Gymnasium erst mal stark abgesackt sind. Sie war so ähnlich "gestrickt" wie ich und dachte wohl, es würde im Gym so lässig und ohne lernen weitergehen wie in der Volksschule. Doch dann hat sie kapiert dass das so nicht klappt und hat "lernen" gelernt. Sie hat mit Notendurchschnitt 1,3 maturiert und dann studiert.

Wer weiß wie mein eigener Weg ausgesehen hätte, wäre mir diese Möglichkeit nicht verwehrt worden? Vielleicht hätte ich davon profitiert, vielleicht wäre ich daran gescheitert, man kann es rückblickend nicht mehr sagen. Was ich sagen kann ist, dass ich in meiner ganzen Pflichtschulzeit NIE Leistungsdruck von Seiten der Lehrer oder Mitschüler hatte. Eigentlich war der Großteil meiner Schulzeit unnötig. Das, was ich wirklich gelernt habe, war ohnehin großteils privat und eigenmotiviert. Schule war zwar drucklos, aber ab der Hauptschule hauptsächlich langweiliges Zeit-absitzen. Trotz meiner miserablen Noten (bis auf deutsch) habe ich mich dann, in dem halben Jahr, wo ich die höhere Schule besucht habe TROTZ EINDEUTIGEM LEISTUNGSDRUCK, ein vielfaches wohler gefühlt. Ich vermute ich hätte auch vorher schon mehr profitiert, wenn ich Herausforderungen gefunden hätte, die mich zwar erst mal abgeschreckt, langfristig aber gestärkt hätten.
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Willow77 » Mi 8. Feb 2017, 10:50

Ich nehme mal meinen 9-jährigen Sohn als Beispiel. Womit hat er als Kleinkind seine Zeit verbracht und was hat er gelernt?

Er hat viel gespielt, mit seinen Autos, mit Murmelbahnen (die wir ihm aufgerichtet haben!), mit Lego, mit Puzzeln. Er hat gebastelt, und dazu Fantasie Geschichten erfunden. Zum Laufenlernen musste er sich nicht sonderlich anstrengen. Stehen und an Möbeln entlang laufen, das konnte er irgendwann. Und frei laufen hat er auch erst gemacht, als er es konnte. Er ist also nicht sehr viel gefallen, um sich wieder hochzurappeln und wieder zu fallen oder so. Sprechen konnte er auch einfach irgendwann. Er musste nicht lange verzweifeln und üben und wiederholen, weil wir seine Sprechversuche nicht verstanden hätten. Er konnte einfach von Anfang an deutlich artikulieren, bzw hat erst gesprochen als er es konnte. Fahrrad fahren und davor Laufrad, Bobby car und Dreirad fahren, keine Anstrengung, keine Übungszeit. Er setzt sich drauf und fährt. Punkt.

Was macht er heute noch mit Freude und Begeisterung? Spielen, genau wie da als er klein war. Mit seinen Freunden (oder allein mit seinen Autos oder Legofiguren) Fantasiespiele erfinden. Deshalb geben wir ihm dafür so viel Zeit dafür wie nur irgend möglich. Da er recht intelligent ist, musste er sich in der Schule bisher nicht viel anstrengen, er kann die Dinge irgendwie einfach. Anstrengend für ihn ist nur, sich zu überwinden es auch zu tun. Die Schule hat ihm die Basis im Lesen vermittelt, also das Buchstaben-aneinander-stricken beim Lesen. Und den Rest, also auf höherem als verlangtem Niveau lesen, konnte er plötzlich, usw usw.

Wenn nicht ein bisschen Zwang von Aussen wäre, was würde er dann aus eigenem Antrieb heraus lernen, von all dem, wozu er jetzt schon von der Schule angestubst wurde? Keiner kann das mit Sicherheit sagen, aber er hätte bestimmt den für ihn leichtesten Weg gewählt, um sich nicht anstrengen zu müssen, denn das kennt er ja nicht von klein auf. Sich anstrengen müssen. Natürlich würde ich mir noch ganz andere Unterrichtsformen von seiner Schule wünschen. Natürlich wäre in unserem doch privilegierten Milieu hier noch viel mehr möglich als doofer langweiliger Frontalunterricht. Aber ganz ohne ein bisschen Druck von Aussen, hmm, es würde mich bei ihm wundern. Auf jeden Fall würde er keine Division und keine Subtraktion üben. Die er aber braucht um knifflige Sachaufgaben zu lösen. Die er wiederum liebt. An die er aber erst durch die Schule herangeführt wurde. Nur das Angebot ohne Aufforderung "probier das jetzt mal", wäre er auch nicht darauf gekommen, dass er das mag.

Und ob Kinder zwischen 10 und 18 Jahren noch Begeisterung für Schule haben, hängt glaube ich auch nicht nur von der Unterrichtsform ab. Da kommen hormonelle Umschwünge mit ins Spiel, und bei mir jedenfalls war die Person die unterrichtete genauso wichtig wie die unterrichteten Themen. Die Methode wie unterrichtet wurde war mir egal.

LG,
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Re: Lagebericht 2 Wochen Freie Schule

Beitragvon Rabaukenmama » Mi 8. Feb 2017, 14:02

Willow77 hat geschrieben:Und ob Kinder zwischen 10 und 18 Jahren noch Begeisterung für Schule haben, hängt glaube ich auch nicht nur von der Unterrichtsform ab. Da kommen hormonelle Umschwünge mit ins Spiel, und bei mir jedenfalls war die Person die unterrichtete genauso wichtig wie die unterrichteten Themen. Die Methode wie unterrichtet wurde war mir egal.

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Sehe ich ähnlich. Ich finde toll, wenn es für alle Kinder die Möglichkeit gibt, auf dem eigenen, individuellen Niveau zu lernen. Wenn die Lehrperson die Kinder nicht als Masse sondern als Individuen wahrnimmt. Wenn lernen Spaß macht!

Ob ich mich in einer Schule wohl gefühlt habe oder nicht hing von den Lehrpersonen und den Mitschülern ab. Im letzten Schuljahr war ich 1/2 Jahr in der höheren Schule und 1/2 Jahr im "Polytechnische Lehrgang". Allein der Umgang unter denSchülern war ein Unterschied wie Tag und Nacht. In der höheren Schule wurde entweder frontal unterrichtet oder man mußte sich den Stoff selbst erarbeiten. Es gab echt Lehrer, die in die Klasse kamen und sagten "Heute Buch Seite 58 bis 64" und dann eine Doppelstunde Zeitung lasen. Die Schüler, die aus dem Gymnasium kamen, wußten schon, wie man sich eine Zusammenfassung schreibt und haben die Schularbeit trotzdem positiv bestanden. Ich hatte bei der ersten Schularbeit 4 von 80 möglichen Punkten :P .

Ich wäre allein meiner Mitschüler wegen sehr gerne weiter in diese Schule gegangen (und es gab auch ein paar tolle Lehrer), aber ich empfand es nach den Jahren des Bummelns als entsetzliche Zumutung, plötzlich wirklich lernen zu müssen.

Im Polytechnische Lehrgang gab es keine Klassengemeinschaft. Es war eher eine Horde Pupertanten die sich gegenseitig im cool-sein (=Regeln brechen + Schule schwänzen) Konkurrenz gemacht haben. Es gab einige sehr gute Lehrer, die immer wieder zu Gruppenarbeit angeregt haben. Das war für mich das Allerletzte :twisted: . Keiner wollte was tun und wenn ich mich aufgerafft habe, es doch zu machen, bekamen die anderen meinetwegen gute Noten. Wenn ich selbst auch nichts gemacht habe kann ich schlechte Noten. Mir war hundertmal lieber, selbstständig zu arbeiten - oder es gleich bleiben zu lassen! Ich bin heute noch lieber eigenverantwortlich als team-Player.

Man kann sich den Unterschied zwischen diesen Schulen nur vorstellen, wenn man ihn erlebt hat. Und der hat wirklich nichts mit "frontal" oder nicht zu tun!
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