Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Probleme und Lösungen für den Schulalltag

Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon Rabaukenmama » Mi 21. Nov 2018, 15:58

alibaba hat geschrieben:@Rabaukenmama
Wir haben keine Inklusion. Eine I-Klasse gibt es hier nicht. Hier wird in der Tat noch sortiert. Und das vor der 1.Klasse.


Auch in Österreich gibt es den sogenannten "Schuleignungstest". Was ich so mitbekommen habe ist der aber nicht standardisiert, sondern wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Es gibt ein paar motorische Dinge (auf einer Linie gehen, mit geschlossenen Augen an die Nase fassen) ein paar kognitive (den eigenen Namen erkennen und schreiben können, mindestens bis 10 zählen, ein Bild beschreiben) und dann sollten noch ein paar offene Frage beantwortet werden, um die Kommunikationsfähigkeit zu testen. Meiner persönlichen Meinung nach stellt all das für ein gut gefördertes Kind mit IQ 80 kein Problem dar. Es weiß ja keiner, wie viel mit ihm geübt wurde, bis es z.B. den eigenen Namen schreiben konnte. Ein durchschnittlich intelligentes Kind kann hier sogar durchaus schlechter abschneiden, wenn es bisher nicht gefördert wurde.

Ein Jahr länger Kindergarten ("Rückstellung") gibt es hier nicht mehr. Wenn das Kind am Stichtag 6 Jahre alt ist MUSS es entweder eine Schule ODER eine Vorschule besuchen. Und nach dem Vorschuljahr MUSS es in die Schule, egal wie fit oder nicht.

Aber man hat als Eltern einiges an Mitspracherecht bei der Schulauswahl. Es gibt städtische Schulen und Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht (wo man selbst was draufzahlen muss). In beiden Bereichen ist von "streichelweich" bis zu "hier herrscht Zucht und Ordnung" so ziemlich alles dabei, wenn man sich als Eltern die Mühe macht, genauer hinzuschauen.

Der Großteil der Kinder mit Behinderung besucht Inklusionsklassen in ganz normalen Schulen. Gerade bei reinen Körperbehinderungen finde ich es als grotesk, das Kind in eine (womöglich weit entfernte) Sonder-Schule zu schicken, statt mit den anderen Gleichaltrigen in die I-Klasse. Es gibt aber auch Kinder, wo Inklusion einfach nicht möglich ist. Mein jüngerer Sohn ist trotz normaler Intelligenz einer davon. Nicht nur, dass er gebärdensprachigen Unterricht braucht, er lautiert auch ständig vor sich hin, was den Unterricht natürlich gewaltig stören würde. Für diese Kinder gibt es nach wie vor Sonder-Schulen.

Die klassische "Sonderschule" aus meiner Kindheit, die damals hauptsächlich von Kindern mit Lernschwierigkeiten besucht wurde, ist heute übrigens eine Art Auffangnetz für Kind aus sozial schwierigen Verhältnissen.

alibaba hat geschrieben:Ich kann nicht beurteilen, was ein Kind mit einem IQ von 80 kann. Klassenwiederholungen würde ich daran jedoch nicht festmachen wollen. Da würde ich die Gründe viel weiter streuen.


Es ist in die andere Richtung gemeint. Die Aussage ist nicht "Wenn ein Kind die Klasse wiederholen muß, dann ist es nicht intelligent genug" sondern "Mangelnde Intelligenz ist EINER von vielen Gründen, die zu einer Klassenwiederholung führen können". Im Idealfall ist z.B. ein Kind mit IQ 80 nach 2 Klassenwiederholungen kognitiv etwa durchschnittlich unterwegs (weil z.B. mit 10 Jahren am Stand eines 8jährigen Kindes UNTER 8jährigen Kindern.

Einem Kind mit einem IQ von 80 merkt man auf den ersten Blick gar nichts an. Ich wage sogar zu behaupten, dass mein sozial-emotional zurückgebliebener 8jähriger Sohn für Außenstehende auffälliger wirkt als ein angepasstes Kind mit IQ70! Die meisten lernschwachen Kinder sind eher zurückhaltend, damit niemand merkt, was sie alles nicht können. Die Tochter meiner Freundin mit IQ70 war z.B. schon 12 Jahre alt, als sie gelernt hat, die Uhr zu lesen. Wenn man sie unter ihren Klassenkameraden gesehen hat, ist das aber niemanden aufgefallen.

alibaba hat geschrieben:Vielleicht leben wir ja auch einfach zu homogen, hier auf der Insel. ;) Ich tippe jedoch eher darauf, dass das engmaschige Kontrollnetz hier ganz gut funktioniert und dass das Schulsystem durchlässig ist. So ist gewährleistet, dass „Förderschule“ keine Einbahnstraße ist. Selbst auf den Gemeinschaftsschulen kann man sich auf viele weitere Wege vorbereiten, je nachdem auf welchem Niveau Kind dort mitarbeiten kann.

vG


Hier beobachte ich, dass es zu 90% an den Eltern liegt, welche Schule die Kinder besuchen und in wie weit sie auch zu Hause gefördert bzw. gefordert werden. "Sonderschule" ist somit für jene Kinder, deren Eltern sich nicht ausreichend kümmern, durchaus oft eine Einbahnstraße. Dagegen haben Kinder mit niedrigerem IQ, aber förderndem Elternhaus, sowohl in der Schule als auch später im Leben die besseren Karten.
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Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon Koschka » Mi 21. Nov 2018, 16:30

Das mit dem Umfeld der Sonderschule stimmt. Bei uns ist es eine Schule mit schrecklichem sozialen Klima. Mehr als ein Dutzend wirklich auffälligen Schüler teilen sich eine Lehrerin. Dabei sitzen in einer Klasse Kinder mit sozialemotionalen Schwerigkeiten und Kinder mit sprachlichen Problemen. Wie das aufeinader trifft, kann man sich ausmalen. Lerntempo ist langsamer als in der Grundschule, aber es wird in etwa das Gleiche vermittelt. Es gibt sogar Englischunterricht ab der 3. Klasse. Einige Kinder schaffen danach den Wechsel auf eine normale Grundschule oder Übertritt in die Hauptschule. Da der Augenmerk der Inklusion gilt, bleiben in der Förderschule entweder Kinder, wo es vom Verhalten anders nicht geht oder Kinder der Eltern, die sich nicht kümmern.
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Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon Bliss » Mi 21. Nov 2018, 16:32

Fast 10% der Bevölkerung haben einen IQ von unter 80, der Anteil der Förderschüler beträgt in Baden Württemberg 5%. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass auf Förderschulen auch viele Kinder mit normalem IQ sind, müssten es statistisch gesehen schon pro Klasse mindestens 1 Kind auch in BW geben. Genauso wie HB nicht unbedingt sofort auffällt, fallen auch unterdurchschnittliche IQs nicht unbedingt gleich ins Auge und mit entsprechendem Fleiß ist gut möglich, dass man unauffällig durch die Grundschule kommt. Gymnasium dürfte schwer sein.
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Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon alibaba » Mi 21. Nov 2018, 16:44

@koschka

Hier sitzen in den örtlichen Grundschulen ( 5 Stück) keine Kinder die ein Sonderförderheft benötigen. Hier sitzen auch keine Kinder die permanent wegen Auffälligkeiten den Unterricht stören, so das kein Unterricht machbar ist. Aber nein, auch jetzt oder trotzdem ist die Bandbreite der 1.Klässler groß genug.

Es gibt Kinder die auch ihr Bündel tragen müssen, da ist die normale Palette ja groß. Aber Kinder mit kognitivem Förderbedarf gehen hier auf andere Schulen. Das mag in Bayern anders sein ..... das weiß ich nicht.

Förderschule bedeutet hier nicht hinterm Zaun. Die Schularten sind durchlässig, wenn auch mit Klassenwiederholungen verbunden. Förderschule bedeutet hier eher kleinere Klassen, zwei Lehrer, engmaschige soziale Betreuung, Ganztag und ein langsameres Vorankommen. Ich denke, dass so eine Lösung für alle Grundschulen Entlastung bedeutet und sich jeder auf das konzentrieren kann, für was die Schulart gedacht ist. Denn auch das ist oftmals herausfordernd genug.

Auf keinen Fall ist hier vor Ort Förderschule das Auffangbecken sozial schwacher Familien. Auch hier wird getrennt. Für aggressiv auffällige Kinder gibt es andere Förderschulen mit anderen Schwerpunkten, unabhängig vom IQ. Hier wird in der Vorschule der Förderschule sehr genau hingesehen. Lernschwache verbleiben im Förderverbund. Kinder, die nur noch Entwicklungszeit benötigten, gegen dann ganz normal zur Grundschule.

VG
Zuletzt geändert von alibaba am Mi 21. Nov 2018, 17:11, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon alibaba » Mi 21. Nov 2018, 16:54

@Bliss

Was bedeutet denn „unauffällig durch die Grundschule“.

Ich habe keine Ahnung was ein Kind mit einem IQ von 80 kann. Welche Empfehlung bekommt es denn dann? Hauptschule? Dann wäre es aber nicht unauffällig durch die Grundschule gekommen. :gruebel:

Ich kann das nicht beurteilen, aber wenn ich in der GS nicht die Uhr lesen kann, wie Rabaukenmama als Beispiel angab, dann ist man nicht mehr „unauffällig“.

Ich kann doch nicht mit häuslicher Förderung Nichtvorhandenes heraus quetschen. Wenn ein Kind Probleme hat dem Denkprozess schnell zu folgen, wie der Klassenschnitt, dann fällt das doch einer Lehrerin auf. Zumindest stelle ich mir das so vor.

VG
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Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon Bliss » Mi 21. Nov 2018, 17:06

alibaba hat geschrieben:@Bliss

Was bedeutet denn „unauffällig durch die Grundschule“.


Für mich bedeutet das: keine Gefahr die Klasse wiederholen zu müssen. Noten hauptsächlich zwischen 3 und 4. Also ja, Hauptschulempfehlung. Ist das für dich auffällig?
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Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon alibaba » Mi 21. Nov 2018, 17:17

Ja, das wird hier durch die Grundschule so definiert. Das mir bekannte Kind durchlief, genau mit solchen Noten, das komplette IQ-Test-Programm im SPZ, weil es eben auffällig zum Klassenschnitt, war. Übrigens war dieses Kind mit einem IQ von 101 ganz normal begabt. Es bekam eine Hauptschulempfehlung mit einer 4 im Zeugnis der Grundschule.

Ich frage mich daher, was kann ein Kind mit einem IQ von 80? Ich könnte Stein und Bein schwören, dass das nicht mal eine HS-Empfehlung bekommt. :schwitz:

Ich hatte es schon einmal geschrieben, dass man hier, wenn bei VERA8 nicht nur bei Maximalstandard die Kreuzchen sind, die Eltern zum Elterngespräch geladen werden. Ich will jetzt nicht über den Sinn oder Unsinn der Regelung debattieren, aber das Kinder mit einem niedrigen IQ nicht auffallen ...... sorry, ich kann mir das nicht vorstellen. Zumal mir fitte Kinder durchaus auffallen, auch wenn sie vielleicht nun nicht alle hab sind. Aber alleine wie die kommunizieren und argumentieren ist positiv auffällig. Stelle ich das in den Umkehrschluss komme ich wieder dahin, das es mir schwer fällt zu denken, dass Kinder mit niedrigem IQ unauffällig sind.

VG
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Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon Koschka » Mi 21. Nov 2018, 17:36

@alibaba

du hast durch deine Insel ein zeimlich verzerrtes Bild der Realität. Es sah bei uns in der Grunschule vor 6 Jahren ähnlich aus wie bei euch. Heute lebt der Rektor Inklusion, es sind einige Schüler mit Förderbedarf da. In der ersten Klasse wurden 2 Kinder mit Schulbegleiter eingeschult, weil sie sozial-emotional auffällig sind. Die kognitiv schwachen haben kein Recht auf Begleiter. Es ist nach wie vor nicht genug Geld für die richtige Förderung, aber es ist viel besser geworden. Die Kinder müssen nicht mehr weg. Sie müssen nicht noch vor 7 Uhr in ein Bus steigen, der sie in die weit entlegene Förderschule bringt. Sie müssen nicht in einer Klasse mit 15 anderen Problemkindern sitzen. Du wirst an das Märchen von den guten Förderschulen glauben so lange bis dich diese Realität persönlich berührt.

Bei uns dürfen die Lehrer die schwachen Kinder von der Benotung (nach einem entsprechenden Gutachten) befreien. Trotzdem dürfen die Kinder nach der 4. in die Hauptschule wechseln. Ist dass nicht menschlicher als deine Variante?

LG
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Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon Rabaukenmama » Mi 21. Nov 2018, 18:07

alibaba hat geschrieben:Ich frage mich daher, was kann ein Kind mit einem IQ von 80? Ich könnte Stein und Bein schwören, dass das nicht mal eine HS-Empfehlung bekommt. :schwitz:


Wie Bliss schon geschrieben hat: wo sind bei euch dann die ca. 10% der Kinder mit einem IQ von 80 oder drunter? Und wo sind bei euch die (aus welchem Grund auch immer) sozial auffälligen Kinder? Wenn die wirklich alle nicht in den normalen Klassen sitzen dann müßten bei euch von 1000 Schulkindern mindestens 150 an speziellen Förderschulen (oder wie immer ihr die nennt) sein.

Tatsächlich sind sowohl in den Hauptschulen als auch in den Berufsschulen immer wieder Kinder mit niedrigem IQ. In meiner Klasse des "polytechnischen Lehrgangs" war eine 15jähriger Junge, der bei der Deutschaufgabe "Referat über ein Buch" das Vorschulbuch "die kleine Eisenbahn" vorgestellt hat - völlig im Ernst! Der hatte übrigens einen Hauptschulabschluss. Genauso wie die Mitschülerin in der Berufsschule, die mit 16 fest und steif behauptet hat, 1/8 müsse mehr sein als 1/4, denn schließlich sei ja 8 mehr als 4 :schwitz: . Ich kenne den IQ dieser beiden Beispiele nicht, denke aber, dass 80 schon hoch gegriffen ist.
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Re: Wissensstand/Kompetenzen bei Einschulung

Beitragvon charlotte12 » Mi 21. Nov 2018, 20:02

Bei uns ist es auch so, dass teilweise Kinder bereits im Kindergarten zurückgestellt werden und dann ggf. die Förderschule empfohlen wird. Persönlich kenne ich ich drei Kinder, bei denen das so war. Und ich habe von den Eltern Erzählungen über die Förderschulen gehört, von massiven Verhaltensauffälligkeiten, von aggressivem Verhalten, von einem Ausländeranteil von fast 100 %, was sich für mich ehrlich gesagt eher nach sozialer Auslese als nach Auslese aufgrund das IQs anhört. Und davon, wie schwierig es ist, aus diesem System wieder rauszukommen.
In der Klasse meiner Tochter (3. Klasse) gibt es Kinder, die mit großer Mühe einen einzelnen Satz schreiben und den so schlecht, dass man ihn nicht entziffern kann. Es gibt Kinder, die Stunden für dieselben Hausaufgaben brauchen, die mein Kind in 10 Minuten erledigt, die nachmittags nicht mehr zum Spielen raus dürfen, weil sie x-mal dasselbe Diktat üben, das meine Tochter auf Anhieb fehlerfrei schreibt. Und dann trotzdem eine schlechte Note kassieren. Es ist unfair.
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