Schulentscheidung

Probleme und Lösungen für den Schulalltag

Re: Schulentscheidung

Beitragvon Rabaukenmama » Do 26. Mär 2020, 16:16

Katze_keine_Ahnung hat geschrieben:Wie läuft es bei euch, mit all den Kindern zuhause? Meinen Jungs fehlt definitiv die soziale Komponente...


Hallo Katze_keine_Ahnung!

Bei uns läuft es erstaunlich gut, aber ich will nichts verschreien. Die soziale Komponente, die es vielen Kindern schwer macht, die momentane Isolation zu überstehen, fällt bei meinen Jungs ja großteils weg. Es gibt keine Freunde, die sie gerne besuchen oder mit denen sie was unternehmen wollen. Mein jüngerer Sohn hat zwar einen Freund im Internat, aber selbst der ist gewohnt, diesen Freund über einen längeren Zeitraum nicht zu sehen, z.B. in den Ferien. Immerhin fragt mein jüngerer Sohn hie und da, wann er wieder in die Schule darf und wann das Internat wieder aufsperrt.

Mein älterer Sohn fühlt sich zu Hause pudelwohl. Da wird er wohl auch noch einige Zeit bleiben müssen, denn gestern habe ich ihm selbst die Haare geschnitten und er schaut fürchterlich aus :P . Hab die Einstellung vom Haarschneidgerät irgendwie nicht auf Anhieb kapiert und statt 23mm war 1mm eingestellt :schwitz: . Bin dann natürlich draufgekommen, aber hinten musste ich doch ziemlich viel ausscheren, damit es zumindest gleichmäßig aussieht. Mein Sohn nimmt es gelassen und meint, im Moment sieht ihn eh keiner :mrgreen: .

Mit dem lernen zu Hause geht es mal besser, mal schlechter. Ich bin wirklich froh, dass meine Kinder grundsätzlich klug sind und ich eigentlich nur "Überwacherin" ihrer Aufgaben bin und nicht noch zusätzlich viel erklären muss ;). Aber ich merke jetzt doch, was für eine kniffelig schwere Sprache deutsch ist. Mein normal intelligenter jüngerer Sohn eigentlich sehr gut, was logisches Denken angeht.

Heute hatte er z.B. persönliche Fürwörter. Die Nennform stand unten und er musste die richtige Form in einen Lückentext einsetzen.

Bei "füttern" war der Satz z.B. "Du FÜTTERST die Katze." Also statt EN am Schluss des Wortes ST
Dann war "schauen" und "Du SCHAUST fern." Wieder EN weg und statt dessen ST hin.
Nächstes war "baden" und "Du BADEST im See." Mein Sohn hätte logisch korrekt "Du BADST im See" geschrieben.
Dann war "waschen" und "Du WÄSCHT deine Hände." Da hat mein Sohn "Du WASCHEST deine Hände." kombiniert.
Usw.

Er wollte dann Erklärungen dafür, warum das so unterschiedlich ist. Aber ich habe keine. Wer hören kann ist hier einfach klar im Vorteil und mit Logik lässt sich die deutsche Grammatik nicht erschließen. Es muss jede Form für jedes Wort auswendig gelernt werden :roll: . Kein Wunder dass es kaum gehörlos geborene Menschen gibt, die grammatikalisch korrekt schreiben können!

Aber das sind eigentlich Luxussorgen. Sowohl mein Mann als auch ich haben nach wie vor unsere Jobs. Wir sind auf Kurzarbeit umgestellt und nächste Woche werde voraussichtlich ich arbeiten gehen und mein Mann ist bei den Jungs zu Hause. Wir haben keine Schulden bei der Bank und durch die Eigentumswohnung nur geringe Fixkosten. Der größte Brocken ist das Internat für unseren jüngeren Sohn, da will ich aber noch klären, ob wir das (Euro 980,-/Monat ohne Essen) auch dann zahlen müssen, wenn er für mehrere Wochen zu Hause ist.

Ansonsten bin ich froh, dass es elektronische Medien gibt und meine Jungs beide auch imstande sind, sich selbst zu beschäftigen (mit malen, lesen, basteln,...). Die mit dem Lagerkoller bin hier in erster Linie ich :oops: .
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Re: Schulentscheidung

Beitragvon charlotte12 » Do 26. Mär 2020, 19:55

Für deinen jüngeren Sohn ist das geschriebene Deutsch ja praktisch eine Fremdsprache. Wäre da nicht ein ähnlich systematischer Ansatz sinnvoll wie für hörende Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen? Gibt es nicht auch im Deutschen so wie in anderen Sprachen feste Regeln und unregelmäßige Verben, die man extra lernen muss? Warum soll ein gehörloses Kind Deutsch nicht ebenso gut lernen können wie Menschen mit anderer Muttersprache? Vielleicht ist meine Frage komplett dumm -ich habe keinerlei Erfahrung mit gehörlosen Kindern, hatte mich das nur bei deinen Beiträgen immer wieder mal gefragt.
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Re: Schulentscheidung

Beitragvon Rabaukenmama » Fr 27. Mär 2020, 09:32

charlotte12 hat geschrieben:Für deinen jüngeren Sohn ist das geschriebene Deutsch ja praktisch eine Fremdsprache. Wäre da nicht ein ähnlich systematischer Ansatz sinnvoll wie für hörende Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen? Gibt es nicht auch im Deutschen so wie in anderen Sprachen feste Regeln und unregelmäßige Verben, die man extra lernen muss? Warum soll ein gehörloses Kind Deutsch nicht ebenso gut lernen können wie Menschen mit anderer Muttersprache? Vielleicht ist meine Frage komplett dumm -ich habe keinerlei Erfahrung mit gehörlosen Kindern, hatte mich das nur bei deinen Beiträgen immer wieder mal gefragt.


Deine Frage ist nicht dumm. Nur lernt ein Großteil der Menschen Sprache über das hören. Im Beispiel "Du badest im See" wissen hörende Kinder, dass es nicht "Du badst" heißen kann, weil die das noch nie so gehört haben. Ähnlich ist es bei Mehrzahlbildung. Wenn die Mehrzahl von "der Apfel" "die Äpfel" lautet, warum ist dann nicht die Mehrzahl von "der Uhr" logischerweise "die Ühr"? Für hörende Menschen schlichtweg, weil es sich ungewohnt anhört. Und für anderssprachige Menschen mit der Zeit einfach nur, weil sie es noch nie so gehört haben.

Logik gibt es kaum. Es gibt männliche, weibliche und sächliche Artikel. Warum hat der Stuhl den männlichen Artikel obwohl er eine Sache ist und das Mädchen, welchesdoch klar weiblich ist, hat den sächlichen Artikel? Wenn es "die Susi" und "der Kuchen" heißt, warum ist dann der Satz "Ich gebe die Susi der Kuchen." falsch?

Wenn man eine Sprache immer wieder (korrekt gesprochen, versteht sich) hört, entwickeln die Menschen ein Gefühl dafür, was richtig und falsch ist.Das muss nicht in der direkten Konversation sein, auch Lern-DVDs, Filme oder Nachrichtensendungen erfüllen diesen Zweck. Aber dieser Informationskanal fällt bei Gehörlosen komplett weg.

Lesen ist mit hören da nicht vergleichbar. Wenn ein Gehörloser einen längeren Text liest konzentriert er sich auf den Inhalt, den er versteht, weil er weiß, dass etliche Wörter dieselbe Bedeutung haben.Die Konzentration ist auf dem Inhalt, wenn man da lange nachdenken würde, warum hier "rief" und da "gerufen" steht, würde man entweder wuggy oder nie fertig werden.

In Gebärdensprache gibt es nur die Nennform, keine Artikel und keine Füllwörter und es ist trotzdem eine vollwertige Sprache. Da der Gebärdenraum dreidimensional genutzt werden kann (so werden z.B. Zeiten wie Vergangenheit odet Zukunft dargestellt) und mehrere Gebärden zu einer anderen kombiniert werden können (Inkorporation), ist wirklich nichts mit gesprochener Sprache vergleichbar.

"Ich fahre mit dem Bus in die Schule." heißt z.B. ICH -BUS-SCHULE. " Da sich das "fahren" aus dem Kontext ergibt, wird es weggelassen. "Ich bin mit dem Bus in die Schule gefahren." bedeutet ICH-BUS-SCHULE-FERTIG. Und "Ich werde morgen mit dem Bus in die Schule fahren" wird gebärdet MORGEN-ICH-BUS-SCHULE.

BEI anderen Personen z. B. er oder wir ändert sich nur ein einziges Wort. Wenn du dir nur die Möglichkeiten dieses einen Satzes mit allen persönlichen Fürwörtern und in allen Zeiten vorstellst, weißt du, wie schwer das ist.

Mein Sohn hat ein gutes Wortbildgedächtnis und kennt den passenden Artikel für den 1.Fall der meisten üblichen Wörter (wobei er bei Mädchen auch in Einzahl stur auf "die" beharrt :mrgreen: ), aber das mit den Fällen, wo aus DIE plötzlich DER wird, versteht er einfach nicht.

Darum liebt mein Sohn ja Mathe, weil alles so schön logisch ist ;) .
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Re: Schulentscheidung

Beitragvon charlotte12 » Mo 30. Mär 2020, 17:38

Danke für deine ausführliche Erklärung :) Mir war nicht klar, dass die Gebärdensprache eine dermaßen unterschiedliche "Grammatik" hat wie gesprochene Sprachen.
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Re: Schulentscheidung

Beitragvon Auguste » Fr 3. Apr 2020, 20:28

Hallo Rabaukenmama,

Herzlichen Glückwunsch zum Schulplatz :D

Dann bleibt ja nur noch Daumen drücken, dass es auch für den Sohnemann passt und er sich dort wohl fühlt - falls die Kids jemals wieder in die Schule gehen dürfen. :schwitz:

Bei uns ist das homeschooling die reinste Katastrophe. Wir Eltern müssen derzeit mehr arbeiten als vor den Schulschließungen ("systemrelevant"), die Kids sind bis 18.00 oder 19.00 Uhr allein zu Hause und müssen den ganzen Kram hier zu Hause selbst managen - inclusive Mahlzeiten für sich und den Hund. Bei meiner Tochter läuft es solala, zumindest macht sie ca. 2/3 der Aufgaben irgendwie und "liefert" auch an die Lehrer.

Sohnemann macht so gut wie nichts, zockt lieber oder hockt vor dem Fernseher :schwitz: Wenn er etwas macht, dann macht er Mathe. Nur Mathe. Deutsch, Englisch, Kunst, Musik, Nawi, Gewi - alles uninteressant, kein Bock, langweilig... Wenn wir dann abends zu Hause sind, ist er von der Zockerei und Glotzerei so "durch", dass er auch nichts mehr gebacken bekommt.

Nun denn. Wir warten ab, wie es weitergeht. Ich bin ja schon froh, wenn nach Feierabend das Haus noch steht, die Kids gesund und munter sind, der Hund draußen war und im Idealfall sogar etwas zu fressen bekommen hat ;) Wenn das jetzt bis zum Sommer so weitergeht, dann ist das neue Schuljahr für Sohnemann mal eine Herausforderung und nicht nur Langeweile 8-)

Gruß
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Re: Schulentscheidung

Beitragvon Rabaukenmama » Sa 4. Apr 2020, 12:33

Hallo Auguste!

Bei uns läuft es mit homeschooling besser als erwartet, was aber sicher daran liegt, dass ich auf Kurzarbeit (und im Moment freigestellt) bin, und ich daher doch ein Auge drauf haben kann, was die Kinder so machen. So lasse ich z.B meinen älteren Sohn jetzt einige Kinderbuch-Klassiker lesen, die er "freiwillig" nie begonnen hätte (weil er ja nur seine Comics und Wissenbücher mag), ihm aber dann doch gefallen. Naja, und mit Kleinsohn kämpfe ich mich durch die deutsche Sprache :schwitz: .

Als ich ein Kind war, war das Wort "tun" eingesperrt und die Lehrer mochten nicht, dass wir es verwenden. Es heißt nicht "Das Kind tut radfahren" sondern "Das Kind fährt Rad". Ich habe aber beschlossen, für meinen gehörlosen Sohn "tun" wieder freizulassen, denn die Nennform in Kombi mit "tut" ist allemal richtiger als alles, was er sonst mit viel Mühe produziert ;) .
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Re: Schulentscheidung

Beitragvon charlotte12 » Sa 4. Apr 2020, 13:34

@Rabaukenmama: Zum Verb "tun" - meine Tochter weigert sich gerade, die zweite Strophe von "kein schöner Land" zu lernen. "und taten singen" sei schlechtes Deutsch, womit sie ja irgendwo recht hat. Du siehst also, offensichtlich taten sogar die alten Klassiker das Verb "tun" verwenden...

Mit dem Homeschooling kämpfen wir hier auch gerade. Dummerweise ist mein Beruf ebenfalls systemrelevant, dh. ich arbeite nicht weniger als normal sondern mehr. Kind macht von selbst genau NULL, dh. wir haben die wenige freie gemeinsame Zeit die letzten zwei Wochen gefühlt nur mit Bergen von genau vorgeschriebenen langweiligen Wiederholungsaufgaben ohne wirklichen Lerneffekt verbracht, fielen dabei immer weiter zurück. Mit Verspätung schickte ich dann die mühsam unter Opferung des Hausfriedens durchgesetzten Aufgaben ein - und bekam eine nette Email zurück mit allen Lösungen und der Bitte, die Eltern mögen doch die letzten zwei Wochen selbst korrigieren, das könnten die Lehrer nicht leisten. Daraufhin habe ich diese Woche massiv Aufgaben gegen Anspruchsvolleres ausgetauscht, mit durchschlagendem Erfolg auf die Stimmung vom Kind und damit auch von mir. Ich hoffe jetzt nur, dass kein Lehrer auf die Idee kommt, das Ganze doch noch genauer anzusehen :oops: Bei uns möchten die Lehrer offensichtlich im Homeschooling keinen relevanten Stoff durchnehmen und scheinen davon auszugehen, dass alle Eltern zu Hause sitzen und nicht wissen, was sie mit all der Zeit anfangen sollen, anders kann ich mir die Berge an sinnfreien reinen Beschäftigungsaufgaben für Eltern und Kinder nicht erklären.
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