Schulangst, Unterforderung und Unverständnis

Probleme und Lösungen für den Schulalltag
nosupermum
Dauergast
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Re: Schulangst, Unterforderung und Unverständnis

Beitrag von nosupermum »

Ich würde einen Sprung auch nicht kategorisch ablehnen. Meine Tochter hat Kl 3 übersprungen. Gerade wegen Corona war es richtig, denn der Fokus liegt noch mehr auf den schwachen Kindern. Man hat uns offen gesagt, dass nur Förderung in einem Fach geht und nicht in allen, was nötig war. Und in klasse 4 wäre Ende weil dann weder Drehtür nach oben (Kl5) noch Fortschreiten im Stoff ginge.
Die Hochbegabtenberatung hat vom Springen abgeraten und wollte Enrichment forcieren und, so sehe ich das rückblickend, durch Beratungen/Unterstützung der Grundschule das Enrichment in den Schulen generell stärken. Es hätte nicht funktioniert und ich glaube heute auch, dass es nur geht, wenn ein Lehrer es wollen. Wollen sie aber meist nicht. Gründe dafür wurden hier ja schon diskutiert.

Ohne Sprung wäre es nicht gegangen (bei uns). Trotzdem war die Langeweile in KL 4 groß. Ein Sprung löst eben nicht alles. Die meisten denken, damit sei das Kind ausgelastet und die Eltern zufrieden (jetzt hab ich ja mein sichtbar schlaues Kind) und beschäftigt, weil sie mit dem Kind nacharbeiten müssen. Dann nerven sie nicht mehr.

Es ist vielleicht desillusionierend, wenn ich das so schreibe, aber ich habe es so akzeptieren müssen. Widerstand ggü. der Lehrkraft bringt nix. Man muss eigentlich sie die Hochbegabung des Kindes entdecken lassen und sie müsste die Lorbeeren einheimsen, dass OHNE sie/ihn nix gegangen wäre und nur durch sie das Kind aufgeblüht ist.

Trotzdem würde ich kämpfen, wenn es dem Kind schlecht geht. Dann würde ich aber versuchen es in einer anderen Schule unterzubringen, wo man wieder auf neutralem Boden starten kann. Ich glaube nicht, dass man aus einem Kampf so rausgehen kann, dass man dem Kind wieder offen begegnet. Das ist wie wenn man die Klage gegen eine Kündigung gewinnt…
Katze_keine_Ahnung
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Re: Schulangst, Unterforderung und Unverständnis

Beitrag von Katze_keine_Ahnung »

Das Hauptproblem für die begabten Kinder ist die Grundschule. Die Anforderungen der 3. und 4. Klasse der Grundschule und der 5. Klasse eines Gymnasiums unterscheiden sich erheblich. In der 5. Klasse schrumpf die Langeweile bei denen die dadurch leiden, dass sie nichts neues lernen, fast auf Null. Im Deutsch ist kein Abschreiben mehr gefragt, sondern freies Schreiben. In Mathe muss man nicht mehr einfach plus-minus-mal-geteilt rechen, sondern Hypothesen ausformulieren, sie beweisen, formale Mathematiksprache lernen. Die erste Schulaufgabe in Englisch hat eine halbe Seite Text im Readingteil, zu der man Fragen beantworten muss und schon einen Teil zum Freischreiben, bitte grammaikalisch korrekt unter Beachtung der Rechtschreibung. Dazu kommen neue Fächer wie Biologie oder Geographie, die mehr mit Wissen(schaft) zu tun haben, als Sachunterricht der Grundschule. Das muss man allles aleine managen, was an sich schon eine Aufgabe ist. Mein Jungste ist jetzt voll beschäftigt (und ich auch). Die ersten Noten sind nicht wirklich glänzend: nicht begründet, übersehen, Aufgaben falsch verstanden... und auch nicht gewusst.

Der Wechsel, beziehungsweise der Sprung, hilft denjenigen nicht, die sich langweilen weil deren Meinung nach in der Schule falsche Dinge gelehrt werden. "Wer braucht das schon alles???" Da bleibt man lieber in seiner Klasse. Weil die Menge von dem was man aus Sicht solches Kindes nicht braucht, steigt von Jahr zu Jahr.
nosupermum
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Re: Schulangst, Unterforderung und Unverständnis

Beitrag von nosupermum »

Den letzten Abschnitt verstehe ich nicht ganz. Kannst du das noch mal genauer erläutern?

Meinst du, das ist eine Frage der Arbeitshaltung, die sich nicht entwickeln konnte, weil alles zu leicht war und man immer weghören konnte?
Katze_keine_Ahnung
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Re: Schulangst, Unterforderung und Unverständnis

Beitrag von Katze_keine_Ahnung »

Nein, das ist nicht die Arbeitshaltung, sondern das Desinteresse an dem zu erlernenden Stoff. Wie mein Großer in dem Alter mal gesagt hat: "Warum soll ich diese Aufgaben lösen? Die hat jemand schon mal gelöst und die Lösung ist bekannt"
Talju
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Re: Schulangst, Unterforderung und Unverständnis

Beitrag von Talju »

Hallo,
Ich melde mich mal mit einem kurzen zwischen- Update.
Wir hatten mit der Therapeutin aufgrund der aktuellen Situation leider nur ein Telefonat. Sie war erstaunt darüber, wie gut unser Sohn die Geschichte, die sie ihm vorgelesen hat auf sich selbst übertragen hat und angepasste Lösungsstrategien gefunden hat - in der Theorie. In der Praxis klappt es einfach noch nicht so - ist aber ja auch unfassbar schwer.
Da er länger krank war, habe ich Arbeitsmaterialien in der Schule abgeholt. Seine Lehrerin hat mir erzählt, dass sie kürzlich festgestellt hat, wie toll er lesen könne. Das war ihm total wichtig. Ich konnte auch kurz das Problem Ängste ansprechen und sie bot an, auch mal mit der Therapeutin beispielsweise telefonieren zu können.
In einer weiteren Situation gab sie mir das Feedback, dass sie seine kognitiven Fähigkeiten wahrnimmt. Er hat aber große Probleme im „sich organisieren“ und auch bei Reizüberflutung den Fokus zu behalten, insbesondere bei allgemeinen Dingen, wie sich umziehen, Ranzen packen, etc. Das kann ich leider von zu Hause her unterschreiben…
Auch das Thema Angst hat sie schon bemerkt. Aber bisher super mit ihm lösen können. Sie erzählte mir, dass er ihr zu diesem Thema erklärte: am besten mache ich mir meinen Feind zum Freund 😅.
Die Lehrerin ist super lieb und aufgeschlossen. Hier können wir uns sehr glücklich schätzen.
In den Pausen ist er leider oft einsam. Er läuft dann ganz allein über den Schulhof. Aber er traut sich oft nicht andere zu fragen, ob sie miteinander spielen wollen oder mag die Art des Spielens der anderen nicht. Auch zu seinen zwei anfänglichen Freunden hatte er kaum Kontakt noch (durch Krankheit mit dem einen und durch unterschiedliche Interessen mit dem anderen).
Heute hatte er aber einen neuen Schulfreund da und beide hatten Spaß.
Das lässt mich hoffen, dass sich seine soziale Situation noch bessert und findet.
Ein weiteres Gespräch mit der Therapeutin findet hoffentlich in Präsenz im Januar statt.
Auch eine Testung ziehen wir in Betracht, um abzuklären, ob es „nur“ seine Hochsensibilität oder vielleicht doch ADHS ist (einen großen Bewegungsdrang hat er nicht - nicht mehr als andere Kinder).
Ich berichte euch im Januar wie es bei uns weitergeht.
Vielen Dank für eure vielen Gedankenanstöße.
Ich wünsche euch eine schöne Weihnachtszeit.
Rabaukenmama
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Registriert: So 8. Dez 2013, 21:24

Re: Schulangst, Unterforderung und Unverständnis

Beitrag von Rabaukenmama »

Hallo Talju!

Danke für dein update! Das hört sich ja erst mal gar nicht so schlecht an. Ich wünsche euch alles Gute für die weitere Abklärung!

Vieles, was du von deinrm Sohn beschreibst, kenne ich auch von meinem älteren Sohn (mittlerweile 11 und 2. Klasse Gymnasium). Zwischen seinen kognitiven Fähigkeiten und seiner Fähigkeit zur Selbstorganisation liegen Welten. Und auch er kann von erzählten Geschichten viel auf sich selbst übertragen, aber nicht in der Praxis. Wie es im Befund der Kinderpsychologin stand "M. verfügt in der Theorie über ein weit überdurchschnittliches soziales Verständnis."

Mein älterer Sohn ist überdurchschnittlich intelligent mit einer extremen Begabungsspitze im sprachlichen Bereich, und er hat sowohl ADHS als auch Asperger Autismus.

Da ich selbst auch ausgeprägte ADHS habe (und HB bin) kenne ich viele seiner Schwierigkeiten von mir, bzw. aus meiner Kindheit. Vor allem die Selbstorganisation war immer sehr schwierig. Da habe ich erst als Erwachsene Strategien entwickelt, das hinzukriegen.

Immerhin hatte ich als Kind Freunde, was mein Sohn nicht hat (vermutlich autismusbedingt). Sozial-emotional würde ich ihn aktuell auf 6-8 Jahre schätzen, kognitiv auf 14. Mit dieser Diskrepanz ist es natürlich schwierig, Kinder mit ähnlichen Interessen zu finden, die von einer Freundschaft nicht gleichzeitig über- und unterfordert sind.

Mein jüngerer Sohn (gehörloser Autist) hat immerhin einen Schulfreund (auch gehörloser Autist). Er ist übrigens gerade in Sachen Selbstorganisation viiiiiel weiter als sein Bruder.

Wegen Bewegungsdrang: der ist in unserer Familie beim jüngeren Sohn (ohne ADHS) eindeutig deutlich höher als bei seinem Bruder. Ein, zwei Tage ohne größere Bewegungseinheiten und Kleinsohn läuft sehr "unrund" während Großsohn eher mit Couch und Bett zu verwachsen scheint.
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)
nosupermum
Dauergast
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Re: Schulangst, Unterforderung und Unverständnis

Beitrag von nosupermum »

Hallo Rabaukenmama,

ich hab mal ne Nachfrage. Ich hab oft gehört, wenn ihr von den Testergebnissen eurer Kinder sprecht, dass sie bspw besondere Begabungsspitzen im sprachlichen Bereich haben. Wie wirkt sich das aus? Kannst du das mal näher für mich erläutern oder mich zu einem entsprechenden Thread verweisen? Ich hab Begabung bislang eher global betrachtet. Reines allgemeines Interesse Danke!
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