Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Probleme und Lösungen für den Schulalltag
nosupermum
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Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von nosupermum »

Hallo,

hat jemand von euch eine Idee, woher es kommt, dass meine Tochter ihre guten Bewegungen in der Schule verheimlicht bzw. sich dafür schämt?

Meine Tochter (9) hat ihr Schuljahr nach dem Klassensprung super gemeistert. Wirklich toll, ohne etwas nachholen zu müssen, ohne Notenabfall, auch sozial super integriert und vor allem: glücklicher.
Man könnte ja meinen, dass sie vielleicht selbst ein bisschen stolz oder zumindest froh ist, dass es so gut geklappt hat. Oder zumindest erleichtert?

Nun ist es aber so, dass die wie früher die guten Noten gerne mal im Ranzen vergisst. Oder wenn sie davon erzählt, nur in Taschengeld umgerechnet. Leider hat das die Oma eingeführt, konnte ja keiner ahnen, dass sie dabei pleite geht :lol:
Nun kam das Zeugnis und zum wiederholten Mal flippt die total aus, wenn ich die Beurteilung vorlese. Am liebsten würde sie es mir aus der Hand schlagen. Sie hält sich die Ohren zu und läuft brüllend durch die Wohnung.
Ich hab auch immer mal nachgefragt, ob die Lehrerin persönliche Worte an jedes Kind gerichtet hat zum Abschluss. Nö. Kaltherzige Kneifzange, dachte ich. Aber nun fand ich beim Ausmisten der Schulsachen einen wunderschönen persönlichen Abschiedsbrief. Den hat sie nicht durchgelesen. In der Tat hat die sich nicht die Beurteilung im Zeugnis durchgelesen. Die hab ich ihr nämlich falsch (also schlecht) vorgelesen. Da hab ich es gemerkt.
Und auch beim gemeinsamen Übertrittsgesptäch, bei dem die Lehrerin echt mal z zu olle Worte gefunden hat, hat sie so auf Durchzug gestellt, dass sie nichts davon mitgenommen hat.

Ich hab ja echt gedacht, so ein Lob würde das Kind stärken, aber nö. Sie traut sich immer noch nicht viel zu und bewertet sich oft schlechter als andere. Wenn ein Punkt zur 15 gefehlt hat oder sie nur die 14 hat, eine Mitschülerin die 15, dann ist sie ja sooooo schlecht.

Warum macht sie das? Es ist nicht so, dass wir das zum Thema außerhalb unserer vier Wände machen, außer die Ona fragt nach dem Zeugnis. Wir stellen dieses also nicht in den Mittelpunkt vor fremden Leuten. Sie wurde meines Wissens nie damit aufgezogen oder gerobbt. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Noten bedeuten ihr nichts. Einmal sagte sie „15 in Rechtschreibung? Ich schreib doch noch so viele Fehler!“ Als würde sie denken, die Benotung stimme nicht.

Ich will ja kein Kind, dass auf Noten oder gute Beurteilungen fixiert ist und sich darüber definiert. Aber ich dachte, solch ein Lob könne die Stärken? Warum kann die es nicht annehmen?
Auguste
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Re: Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von Auguste »

Vielleicht kann sie das Lob nicht annehmen, weil sich sich für die Noten nicht anstrengen musste? Weil es quasi "Geschenke" sind, für die sie nicht viel getan hat?
nosupermum
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Re: Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von nosupermum »

Das könnte es sein. Es wird ja immer beschrieben, dass die Kinder sich bei einem Sprung durch das Nachholen erstmals geistig ausgelastet fühlen und dass das oft positiv erlebt werde. Ich merke davon nix. Es war vielleicht 3-4 Wochen Anpassungszeit nötig um die neuen Aufgabenstellungen zu verstehen. Dann war wieder Langeweile.

Im Nachhinein war die auch viel größer als gedacht. Sie ha so ein Dankbarkeitstagebuch. Da hat sie mehrmals reingeschrieben wie langweilig es war. Das war auch die Zeit in der sie, rückblickend, einen Einbruch hatte in der Mitarbeit und so
koala27
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Re: Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von koala27 »

Hallo nosupermom,

ich kenne das von unserem Kurzen in sofern, dass es ihm quasi peinlich ist---das "Zeugnis" ( allgemeiner Brief der KL) vom Halbjahr 1 Klasse wollte er weder zeigen noch vorgelsen haben-- er hat es ja erst im März bekommen... und Ende MAI kam er von selber, er wollte das mal hören...
Wir haben ihn damit in Ruhe gelassen--- er hat es bis heute auch nicht den Großeltern gezeigt....

Jetzt hat er gestern ja sein erstes Zeugnis ( ohne Noten ) bekommen und er möchte es den Großeltern zeigen ...damit kam er von selber an.

Und das macht er oft--- egal was es ist-- er zeigt oder berichtet es erst viel später.....wenn ER es möchte.....

Lob annehmen über Sachen die er gut gemacht hat und worauf er stolz sein kann---auch egal was es ist... fällt ihm auch schwer weil es für IHN eben nicht gut ist, er hat einen sehr hohen Anspruch an sich selbst und er weiß wie etwas - in seinen Augen- sein soll---der typische Perfektionismus von HB Kids...
und was so nicht ist, ist eben auch nicht gut und kein Lob etc. wert....

Wir loben ihn trotzdem für die Sachen, von denen wir wissen, dass es ihm schwer fällt und er es trotzdem macht- so gut er eben kann--
und es wird besser--- ganz langsam, aber es geht....er hört zumindest zu, auch wenn er es nicht immer annnehmen kann..
und ab und zu kommt er selber an und berichtet stolz, was er gerade alleine geschafft hat

Ich denke, es hilft nur Zeit zu geben und das Kind selber bestimmen zu lassen, was es anderen zeigen möchte und was eben nicht....
damit es das Gefühl hat, es kann selber entscheiden, was andere erfahren sollen und was eben nicht
"möchtest du es den Großeltern zeigen oder nicht?" und dann die Entscheidung auch akzeptieren....
quasi die Grenzen, die das Kind setzt nicht einfach einreißen, weil es dann das Gefühl hat, es wird einfach über den Kopf von ihm entscheiden und es fühlt sich dann hilflos, weil es selber nichts machen kann


Ich denke immer, dass ich ja auch nicht möchte das bestimmte Leute einige Dinge erfahren-- warum soll ich meinen Kind das nicht genauso zugestehen, wenn es das nicht möchte, dann ist das eben so.
Katze_keine_Ahnung
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Re: Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von Katze_keine_Ahnung »

@nosupermum

sei mir nicht böse, aber das klingt nach Defiziten in der sozialen Entwicklung. Diese schriftliche, so zu sagen in Stein gemeißelte Interaktion zweier Menschen ist deiner Tochter zu viel. Sie weiß einfach nicht, wie man richtig darauf reagiert. Vielleicht wäre es ein Thema für einen Profi, der ihr beibringt, wie man mit Lob umgehen kann.

Wie ist der Umgang mit Kritik? Kann sie Kritik fachlich annehmen?
nosupermum
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Re: Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von nosupermum »

Der Umgang mit Kritik ist total konstruktiv. Bedankt sich für den Tipp und macht weiter. Sie setzt das auch direkt und nachhaltig um. Nur wenn sie anderer Auffassung ist, das ihr Lösungsweg besser sei, dann wird diskutiert.
Es ist wirklich nur das Positive, das sie nicht annehmen kann.
Katze_keine_Ahnung
Dauergast
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Re: Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von Katze_keine_Ahnung »

Ich glaube, dann ist das um so wichtiger das zu klären, warum sie es nicht ertragen kann, wenn sie offen gelobt wird. Die Erklärung, sie habe dafür nicht gearbeitet, erscheint mir dabei viel zu einfach. Vielleicht ist das eine Art innerer Konflikt, dass sie zwischen dem Wunsch das doch zu akzeptieren, und der Angst die anderen dadurch herabzuwertet hin und her schwankt und daher flieht. Vielleicht will sie einfach eine von vielen sein, und nicht hervorstechen. Vielleicht liegen die Wurzeln für diesen inneren Konflik in den in der letzten Woche hier an der anderen Stelle besprochenen Kindergartenthemen. Kinder finden sehr früh auf intuitiven Ebene raus, dass eine Gruppe den Andersartigen schnell ablehnt. Aber sie muss da raus... nur keine Ahnung wie. Sie muss lernen sich zu akzeptieren so wie sie ist. Sie kann beim besten Willen keinen Kopf kleiner werden und gebückte Haltung schadet einem auf Dauer auch wenn es "nur" den Geist betrifft.
nosupermum
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Re: Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von nosupermum »

Vielen Dank für euren Blick auf das Thema. Ihr helft wirklich dabei, Dinge zu reflektieren und auch mal auf nicht beachtete Bereiche zu blicken.

Nein, hervorstechen mag sie nicht. Sie lehnt generell auch alles kompetitive ab. Will ihr Hobby nicht in der Mannschaft machen, weil sie keine Turniere spielen möchte. Das aber aus der Angst heraus nicht gut zu sein. Bastelt gerne aber das Junior-Projekt? Nein. Zwei Wochen später werden die Türme aber am laufenden Band gebaut.
Sie hat sowohl in die eine Richtung Angst zu zeigen, dass sie gut ist und macht das nur auf Terrain, auf dem sie sicher ist. Ihre Spezialthemen zu denen sie aus dem Stehgreif referieren kann. Alles andere wird erst mal pauschal abgelehnt. Zum Programmierkurs musste ich sie nötig und dann war sie Feuer und Flamme. Zwischendurch brach sie immer wieder mal in Tränen aus, weil sie sich online melden musste, weil was nicht geklappt hat. Auch wenn es nur an der schlechten Tonqualität lag.

Sie traut sich nicht viel zu, ist aber gleichzeitig gelangweilt vom Durchschnittsangebot der Schule. Sie selbst würde es nie sagen, weil sie so folgsam ist. Das wäre Auflehnung gegen die Lehrerin und das macht sie nicht. Also, da steckt eine große ambivalenz hinter.

Ich hab deshalb versucht, sie in einem Programm der Begabtenförderung unterzubringen. Nicht um sie kognitiv zu fördern (okay, Aspekt Langeweile war auch relevant), sondern damit die mal unter Gleichgesinnten ist. Der Effekt war schon sichtbar, als die einen normalen programmierkurs und einen von der Förderung gemacht hat. Der Schwierigkeitsgrad, aber auch das zielgerichtetere, emsige Verhalten der Kinder hat ihr gefallen.

Bringevich das in Zusammenhang mit der Langeweile im Unterricht, dem (Gottseidank) mal ausflippen (wenn auch nur daheim) immer Hilfslehrerin spielen zu müssen, dem Wunsch mal mit anderen Kinder mit gleichem Interesse reden zu können, würde ich sagen: es liegt wohl an einem Umfeld, in dem sie sich nicht wiederfindet. Niemand der ihr ähnlich ist, mit dem sie sich mal messen kann, diskutieren kann. Wo die sich selbst in der Leistung einordnen kann.

Aber es wäre falsch das nur auf Leistung zu beziehen. Wo kann sie mit anderen ihres „neuen“ klassenjahrgangs über z,B. Ursachen für Rechtsradikalismus oder Wirtschaftliche Abhängigkeit vom Weltmarkt sprechen. Und wenn sie das mit Erwachsenen macht, dann wird die oft nicht ernst genommen, lächerlich gemacht oder Klugscheißer genannt.
Und das hat sie leider von klein auf erfahren, siehe Kindergarten.

Da würde ich sie gerne rausbekommen, aber ich weiß nicht wie. Es ist schwer hier auf dem Land, mit einer (leider Fixierung) auf Jungs und einem Kind, dass nicht sofort Hurra ruft, wenn man was anbietet
sinus
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Re: Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von sinus »

Nun, meine große Tochter zeigt(e) ähnliches.
Ich kann mir einen ganzen Strauß guter Gründe dafür vorstellen. Das meiste wurde auch schon genannt.

1)
Da wäre das Gefühl, es nicht verdient zu haben, weil es viel zu leicht fiel. Man es darum nicht als wirkliche Leistung anerkennt und man ein Lob deswegen als ungerechtfertigt empfindet.

2)
Dann ist da noch das Gefühl der Ungerechtigkeit gegenüber anderen, denen es schwerer fällt, um solche Leistungen zu schaffen bzw diese trotz Anstrengung nicht schaffen. Und der Gerechtigkeitssinn ist bei klugen Kindern ja meist sehr ausgeprägt.

3)
Dazu kommt, dass man ungern auffällt/heraussticht, weil man lieber "normal" sein möchte und weil man schon erlebt hat oder befürchtet, dass man deswegen gemieden oder anders behandelt wird.

4)
Und dann ist da noch der Druck, der durch Erfolg entsteht. Man selbst oder andere erwarten nun vielleicht, dass es immer so weiter geht.
Man erlaubt sich kein Scheitern, und wenn man schonmal so erfolgreich war, kann es ja gar nicht immer so weiter gehen und es kommt einem auch doppelt schlimm vor, wenn man dann "fällt".

All das sind durchaus gerechtfertigte Gründe, ein Problem mit Erfolgen zu haben, finde ich.
Menschen die generell mehr nachdenken und mehr Weitsicht und Tiefgründigkeit besitzen, überblicken das halt.

Ich würde von meinem Kind darum auch nicht verlangen, dass es all das ignoriert bzw beiseite schiebt, sondern das ernst nehmen und besprechen.
Dabei würde ich aber den Fokus nicht auf die negativen Ausprägungen legen, sondern aufzeigen, dass alles immer zwei Seiten bzw Sichtbares auch unsichtbare "Wurzeln" hat.

Anstrengung:
Eine Leistung, die einem leicht fällt, hat immer eine Vorgeschichte und es stecken durchaus Anstrengungen dahinter, die man vielleicht nur nicht auf den ersten Blick sieht. (Sich bspw auf eine neue Klasse etc einlassen, einen unkonventionellen Weg zu gehen ist auch eine Leistung! Auch mal Langeweile aushalten... usw usf - fiel ihr das immer leicht?)

Gerechtigkeit:
Da würde ich drauf hinweisen, dass man seine besonderen Fähigkeiten ja einsetzen kann, um gegen Ungerechtigkeit vorzugehen, indem man anderen bspw hilft, wenn ihnen was schwerer fällt oder einfach nur Rücksicht nimmt, indem man bspw auch mal Langweile aushält im Unterricht.

Herausstechen:
Da würde ich bspw erwähnen, dass herausstechende Personen auf andere inspirierend und ermutigend wirken können und nicht zwingend gemieden oder geärgert werden.

Erfolgsdruck:
Erfolge lassen sich sowieso nicht nur an Sichtbarem/Offensichtlichem messen. Man kann und sollte auch selbst definieren, was ein Erfolg für einen ganz speziell ist. (Bspw den Mut haben, sich überhaupt auf eine Bühne zu stellen oder einem Wettkampf o.ä. zu stellen kann man, so einem das schwer fällt, höher ansetzen, als auf der Bühne dann einen tollen Auftritt hinzulegen oder eine Platzierung in einem Wettkampf zu belegen!)
Und Scheitern gehört eh zum Erfolg dazu, oft braucht es das sogar, um die Energie und Ehrgeiz für weiter Versuche aufzubringen. Aus gescheiterten Versuchen oder Misserfolgen kann viel Gutes entstehen und darum kann man auch Misserfolge als Erfolge betrachten. Als Lernanlass.
Wenn möglich ergänze ich sowas mit eigene Erfahrungen in einem Leben oder berühmten Erfolgsgeschichten von Erfindern, Wissenschaftlern etc pp., wo aus Fehlern und Misserfolge tolle Dinge entstanden sind.

Kurz gesagt: Ich würde dem Kind seine Gefühle nicht ausreden und diese grundsätzlich akzeptieren, denn all die oben zuerst genannten Gründe, sich nicht zu freuen und nicht stolz zu sein sind berechtigt!
Ich würde ihm aber unbedingt zeigen, dass und wie man die Perspektive darauf wechseln kann.

Meine Tochter bezieht übrigens vor allem Zufriedenheit und empfindet Stolz aus Zielen, die sie sich selbst gesetzt hat.
Wenn sie in einem Computerprogramm nach langen Versuchen endlich etwas hinbekommen hat, was erst nicht klappen wollte.
Ihr ein Bild gelungen ist so wie sie es sich vorgestellt hat.
Aktuell: sie ein Zeugnis ohne 3en geschafft hat.

Ich finde das eigentlich sehr gut, dass sie weitestgehend unabhängig davon ist, was andere als Erfolg definieren und sich eigene Ziele setzt und aus deren Erreichung Befriedigung ziehen kann!
Ich finde das ja sehr viel reifer und potentiell im Leben auch wertvoller, als sich abhängig davon zu machen, was andere erwarten und als Erfolg werten!
Da fällt mir direkt noch ein weiterer Grund auf, den ich oben noch nicht genannt hatte:

5)
Man möchte unabhängig sein und bleiben und sich nicht von anderen vorschreiben lassen, was gut und was nicht gut, was ein lobenswerter, herauszustellender Erfolg und was ein Misserfolg ist.

Wenn dein Kind so wie meine Tochter sich eigene Ziele setzt und sich an deren Erreichung von Herzen erfreuen kann und Stolz empfinden kann, selbst wenn es Kleinigkeiten sind, wie ein gelungener Gesichtsausdruck oder eine sehr lebendig wirkende Körperhaltung einer gezeichneten menschlichen Figur, nachdem man jahrelang gar keine Menschen gemalt hat, weil es einem viel zu schwierig erschien, würde ich mir keine Sorgen machen, das aber unbedingt fördern und mich in solchen Fällen von Herzen mitfreuen.
Denkt mal gemeinsam drüber nach, was sie als Erfolg wahrnimmt und worauf sie stolz ist. Seid gemeinsam "achtsam" gegenüber diesen Situationen und lasst sie nicht ungesehen verstreichen, sondern erfreut euch angemessen daran.
Ansonsten siehe oben, auf "übersehene" Details hinweisen, wenn man glaubt, sich nicht für etwas angestrengt zu haben und du als Mutter es ganz anders wahrnimmst
Zum guten Zeugnis würde ich wohl durchaus sagen, dass ich persönlich es als tolle Leistung empfinde, weil.... und es ansonsten nicht übermäßig betonen/herausstellen, wenn sie das selbst nicht möchte. Das ist nur unnötig beschämend für sie.

PS: Eben kam das Kind, was früher ähnliche Verhaltensweisen wie du sie beschreibst zeigte, mit einem wirklich sehr guten 6.Klasse-Zeugnis heim geschwebt. Sie war sichtlich stolz und glücklich! Und die Großeltern durften es auch gleich sehen.
Es ist aber tatsächlich auch nicht so "vom Himmel gefallen", wie noch die Grundschulzeugnisse und außerdem auch deutlich besser als das 5.Klasse Zeugnis. (Sie hat echt was getan dafür - vor Arbeiten gelernt, sich nicht entmutigen lassen, wenns mal schwere fiel, ihre "Matheangst" überwunden, sehr selbstständig gearbeitet...)
Und sie ist damit zwar unter den besten fünf, aber ragt damit auch nicht besonders heraus.
Das Ziel, keine 3 im Zeugnis mehr zu haben, war ein von ihr selbst gesetztes.
Sprich: Fast alle die von mir genannten Gründe, warum man nicht glücklich über den Erfolg sein sollte, treffen nicht zu. 8-)
Ich habe sie übrigens feste gedrückt und betont, dass es ein sehr verdientes Zeugnis ist und ich stolz darauf bin, dass sie sich von den Startschwierigkeiten am Gymnasium und durch alles rund um Corona nicht hat entmutigen lassen.
Die Blätter sind bunt
nun bellt der Hund
nun lacht der Mund
Raureif liegt auf dem Gras.
Der Has`
friert um die Nas.

(Herbstgedicht der 6jährigen)
Meine3
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Registriert: Mo 11. Mär 2019, 10:55

Re: Kind schämt sich für gute Beurteilungen

Beitrag von Meine3 »

Hallo,

Ich bin nicht Katzes Meinung, dass das ein soziales Defizit ist…

Ich kann mich erinnern, dass du mal geschildert hast, dass die Lehrerin sie des Öfteren vor der ganzen Klasse lobt, was ihr ebenfalls peinlich war. Ich denke also nicht, dass es die Verschriftlichung der Lristungsbeurteilung ist, die ihr zu schaffen macht, sondern generell sie hat wohl eher ein Thema mit „öffentlicher“ Leistungsbewertung.

Und da kommt m.E. eher ein innerer Zwiespalt wegen sehr guter sozialer Kompetenz ins Spiel. Sie weiß, dass die sich durch ihre sehr guten Leistungen und ihr schnelleres Denken von den anderen Kindern unterscheidet, sie versucht sich jedoch innerhalb der Klasse anzupassen. Anpassung passiert in diesem
Alter über Gemeinsamkeiten finden und eben „wie die anderen“ sein. Werden ihre Leistungen zu stark hervor gehoben, löst das vermutlich in ihr einen inneren Konflikt aus zwischen „ich weiß was ich kann“ und „wenn ich dazu gehören will, sollte ich nicht so viel können. Das macht mich „anders“…“

Meine Tochter ist sehr unsicher und sehr angepasst. Sie ist sehr gut in der Schule, fällt durch ihre schnelle Auffassungsgabe und ihre hilfsbereite und soziale Ader auf. Meine Tochter hat absichtlich in einem Lesetest, den sie nachschreiben musste mit einem Schüler, der eine Leseschwäche hat. Sie hat absichtlich getrödelt und einen Fehler eingebaut, damit er sich nicht „blöd“ fühlt :? Sie weigerte sich bei einem Klassenquiz ihre „Konkurrenten“ rauszuwerfen, obwohl diese Regeln für alle in Ordnung waren (der schnellste, der richtig antwortet, „darf“ einen Konkurrenten rauswerfen und einen neuen Gegner wählen.). Sie malt in der Schule wie sie mit 4-5 gemalt hat, da ihre Freundinnen auf diesem Malniveau sind…. Das alles tut sie, weil sie niemanden verletzen oder traurig machen möchte UND weil sie Angst hat, die anderen „merken“, dass sie anders ist. Wir führen darüber viele Gespräche und sie versteht so langsam, dass anpassen gut ist, aber dass es nicht gut ist, sich und seine Fähigkeiten zu verbergen. Sie hat Angst, dass sie nicht mehr gemocht wird, wenn sie zeigt was sie kann. Für uns Eltern ist da die Aufgabe, sie zu bestärken und ihr klar zu machen, dass sie toll und liebenswert ist, so wie sie ist und dass sie auch stolz sein darf, wenn ihr was gut gelingt.
Es kann sein, dass nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält, denn er kann irren, aber in allem, was er sagt, muss er wahrhaftig sein.
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