ADHS und ein bisschen Asperger

hochbegabt oder ADS oder beides?

ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Twochild » Do 4. Jun 2020, 22:12

Mein Sohn hat kürzlich die Diagnose ADHS bekommen. Ich bin mir unsicher, was ich von der Diagnose halten soll und versuche euch mal zu schildern warum.
Wir waren beim Kinderpsych, da er zu Hause vermehrt massive Wutausbrüche hatte (bis hin zu Selbstmordrohungen). Er kann keine Minute ruhig sein (außer er liest) und redet ohne Punkt und Komma oder macht anderweitig Geräusche - schon immer. Sozial-emotional ist er meiner Meinung nach nicht altersentsprechend. Seine Emotionsausbrüche mit Schreien und Weinen passieren in der Regel mehrmals täglich, ABER nur zu Hause! Im letzten Kigajahr zeigt er dort auffälliges Verhalten, was jetzt in der Schule kein Thema ist. Häufig geweint und gewütet hat er auch da schon zu Hause. Der Unterschied zu Gleichaltrigen war aber noch nicht so deutlich.

Der Arzt war sich zunächst nicht sicher, ob er die Diagnose ADHS stellen kann, da das Kind während der Testsituation motorisch nicht auffällig gewesen sei (bis auf Pulen an der Lippe und der Trinkflasche). Auch hätte er zwar teilweise etwas voreilig umblättern wollen, aber gemacht, was man von ihm wollte. Der Arzt hat nicht selbst getestet, sondern eine Sozialpädagogin. Der Ki-Psych fragte uns also nochmal, ob es denn wirklich so sei, dass das Kind impulsiv und unruhig sei, was wie bestätigten und er die Diagnose bekam.
Was mich ein wenig stutzig macht, ist die Tatsache, dass die Schule nicht wirklich befragt wurde. Die KL sollte sich lediglich in einigen Zeilen zu ihm äußern. Dort erwähnte sie u.a. das er stänig etwas mit seinen Händen macht, Schwierigkeiten beim Schreiben (Feinmotorik) und des Beibehaltens des roten Fadens beim teilweise sehr langen Geschichten schreiben.

Mein Mann möchte gerne Medis ausprobieren, da er beruflich damit gute ERfahrungen gemacht hat. Ergo hat unser Sohn schon mal durch (auch mit Gruppe). Ich bin skeptisch, da ich meinem Kind keine Medis geben möchte, wenn das Problem vielleicht ganz woanders liegt?!? Andererseits ist es natürlich einen Versuch wert, da die Situation z.T. echt grenzwertig ist und er häufig verzweifelt wirkt.

Da auch ein Verdacht auf ASS bestand, wurde das gleich mitgetestet (wieder von noch einer anderen Dame) und es kamen "leichte autistische Züge" bei raus. Sprich die erreichte Punktzahl reichte nicht für eine Diagnose, war aber auch nicht ganz unauffällig.
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Re: ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Do 4. Jun 2020, 22:25

Hallo,

wie alt ist das Kind? Ich schätze nach deiner Beschreibung, dass es im Grundschulalter ist? Hat der KJP auch den IQ getestet? Wenn ja, wie viel kam raus und mit welchem Profil? Was war der Hauptgrund, weswegen ihr zum KJP gegangen seid? Fühlt sich das Kind unglücklich? Seid ihr als Familie an die Grenze des machbaren gekommen? Beschwert sich die Schule? Wie ist die soziale Situation? Wird dein Kind in der Schule so akzeptiert wie er ist? Hat er Freunde? Hat er Hobbys? Wofür interessiert er sich und was macht er am Nachmittag in einer Standardwoche ohne Corona?

Theoretisch kann MPH die Situation sehr enspannen und allen helfen, sowohl dem Kind als auch der Umgebung. Lange war es sehr verpönnt, aber mittlerweile gibt es Untersuchungen, die langfristige positive Effekte auch nach dem Absetzen nachweisen. Schließ bitte das nicht von vorne rein aus. Wurde auch Verhaltenstherapie verschieben?
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Re: ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Twochild » Do 4. Jun 2020, 22:33

Es wurde auch ein IQ Test gemacht, der auch anders ausfiel, als ich ihn bei einem ADHS Kind erwarten würde. Er wurde mit dem Wisc V getestet

SV 130
VRV 119
FS 88 ( :shock: )
AGD 112
VG 109
Insgesamt ebenfalls 109

Ich finde die 88 im FS schon krass und denke, dass sowas ja eigentlich im Alltag auffallen müsste, oder ??? Das er sprachlich stark ist war schon klar. Die VRV hätte ich schlechter eingeschätzt, ebenso wie die VG.

Ich frage mich (wenn ich das Ergebnis denn Ernst nehme), ob seine Schwierigkeiten vielleicht mit der krassen Differenz zwischen SV und FS damit zu tun haben könnten???
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Re: ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Twochild » Do 4. Jun 2020, 22:53

Katze_keine_Ahnung hat geschrieben:Hallo,

wie alt ist das Kind? Ich schätze nach deiner Beschreibung, dass es im Grundschulalter ist? Hat der KJP auch den IQ getestet? Wenn ja, wie viel kam raus und mit welchem Profil? Was war der Hauptgrund, weswegen ihr zum KJP gegangen seid? Fühlt sich das Kind unglücklich? Seid ihr als Familie an die Grenze des machbaren gekommen? Beschwert sich die Schule? Wie ist die soziale Situation? Wird dein Kind in der Schule so akzeptiert wie er ist? Hat er Freunde? Hat er Hobbys? Wofür interessiert er sich und was macht er am Nachmittag in einer Standardwoche ohne Corona?

Theoretisch kann MPH die Situation sehr enspannen und allen helfen, sowohl dem Kind als auch der Umgebung. Lange war es sehr verpönnt, aber mittlerweile gibt es Untersuchungen, die langfristige positive Effekte auch nach dem Absetzen nachweisen. Schließ bitte das nicht von vorne rein aus. Wurde auch Verhaltenstherapie verschieben?



Er ist 9 und geht in die dritte Klasse. Der Hauptgrund für den Besuch beim KJP waren die krassen Wutausbrüche, das wir mit unserem Latein am Ende sind und das Kind teilweise verzweifelt wirkt.
Grundsätzlich ist er ein fröhlicher, aufgeschlossener und vielseitig interessierter Mensch. In der Schule gibt es laut KL keine gravierenden Probleme. Er hat einige wenige Freunde, wobei er immer der "Bestimmer" ist und sehr viele kreative Ideen hat, die dann auch umgesetzt werden. Die Eltern seines besten FReundes wollen allerdings offenkundig keinen privaten Kontakt der Kinder. Der Freund könne sich verbal nicht durchsetzen. Darüber ist unser Sohn sehr traurig und versteht es auch nicht.

Aktuell liest er die Warrior Cats Bücher, hatte eine kurze Phase in der er sich für Heilkräuter interessiert hat (Heiler Katze bei Warrior Cats). Allgemein interessiert er sich für Umweltschutz und Natur, Politik oder was ihm gerade vor die Nase kommt. Sein neuester Wunsch ist eine Loopstation :lol: Wenn er etwas will, lernt er sehr schnell: Buchstaben mit knapp 2, Lesen, innerhalb von ein paar Monaten erstaunlich gut Schlagzeug spielen (ohne Lehrer, nur mit ein paar Tipps von meinem Mann). Ohne Eigenmotivation ist die Konzentration allerdings schlecht, was auch, wie erwartet, ein Test ergeben hat.
Ach ja, aktuell ist er begeistert vom online Unterricht und davon auf seinem eigenen Padlet (Internetseite) seine Infos und Interessen zu sammeln.

Mein Sohn vermisst coronabedingt die Freunde in der Schule (wird auch noch bis Sommer so bleiben), seine psychosomatischen Beschwerden wie Einnässen, Bauchweh, Übelkeit sind allerdings alle weg. Die Wut ist geblieben.
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Re: ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Do 4. Jun 2020, 23:09

Die Ablehnung der Eltern des Freundes ist bitter. Ich versuche die Situation aus ihrern Augen zu sehen. Sie sind der Meinung, dass die Freundschaft ihrem Kind nicht gut tut. Alleine die Sprache ist kein Grund der Abweisung. Eher die Rolle des Bestimmers und eher das Gefühl, dass ihr Kind nichts zu sagen hat. Was heißt dann Bestimmer? Will dein Sohn aussuchen, was gespielt wird? Oder will er eher, dass die Regeln penibel eingehalten werden? Kann er Kritik vertragen? Wie verhält er sich, wenn jemand sich gegen die Speilregeln verstößt?

Ich bin kein Profi. AGD und VG bei ADHS über 100? Kann ich kaum glauben. FS ist nicht weniger wunderlich. Sieht dein Sohn gut? Hat er Probleme mit Logik?

Du hast die Lehrerin erwähnt, die sich beschwert, dass er den Faden in den langen Geschichten verliert. Dein Sohn hat tolles Sprachverständnis, aber wie gut kan er den Kontext erfassen? Hast du das Gefühl, dass er das unausgesprochene zwischen den Zeilen auch versteht oder eher exakt das was auf dem Papier steht? Kommt es zu Missverständnissen im Zwischenmenschlichem? Z.b. das er sich angegriffen fühlt, wenn ihn jemand einfach anlächeln oder ihm eine aus seiner Sicht unpassende Frage stellt?
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Re: ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Twochild » Fr 5. Jun 2020, 09:51

Katze_keine_Ahnung hat geschrieben:Was heißt dann Bestimmer? Will dein Sohn aussuchen, was gespielt wird? Oder will er eher, dass die Regeln penibel eingehalten werden? Kann er Kritik vertragen? Wie verhält er sich, wenn jemand sich gegen die Speilregeln verstößt?

Ich bin kein Profi. AGD und VG bei ADHS über 100? Kann ich kaum glauben. FS ist nicht weniger wunderlich. Sieht dein Sohn gut? Hat er Probleme mit Logik?

Du hast die Lehrerin erwähnt, die sich beschwert, dass er den Faden in den langen Geschichten verliert. Dein Sohn hat tolles Sprachverständnis, aber wie gut kan er den Kontext erfassen? Hast du das Gefühl, dass er das unausgesprochene zwischen den Zeilen auch versteht oder eher exakt das was auf dem Papier steht? Kommt es zu Missverständnissen im Zwischenmenschlichem? Z.b. das er sich angegriffen fühlt, wenn ihn jemand einfach anlächeln oder ihm eine aus seiner Sicht unpassende Frage stellt?



Er ist im Spiel in sofern der Bestimmer, dass er Spielideen hat und seine Freunde häufig nur Zuschauer, Helfer sind um seine Ideen umzusetzen. Meist ist es irgendwas mit Abstrusen Konstruktionen. Höhlen, Seilsysteme etc. Aber auch Ballspiele, Trampolinspiele denkt er sich aus. Ideen von Freunden nimmt er leidlich an. Er selbst fragt nicht nach und oft wird es dann doch so gemacht, wie er sich das denkt. Wird seine Regel nicht befolgt, kann es durchaus sein, dass er sein Ding weitermacht-dann eben ohne den Freund.

Kritik kann er überhaupt nicht vertragen. Er nimmt, zumindest zu Hause, alles schnell persönlich. Fühlt sich oft angegriffen, weil er die Mimik/Gestik von anderen falsch versteht. Das ist einer der Gründe für Wutausbrüche. In der Schule bzw. außerhalb hat er seine Gefühle aber unter Kontrolle, rastet nicht aus, schreit und heult nicht rum. Es wäre ihm unangenehm, wenn ihn die anderen so sehen würden.

Sehen wurde überprüft, da hatte ich auch schon dran gedacht. Ist alles okay (er ist der einzige in der Familie der keine Brille hat).

Mit dem Kontextverstehen bin ich mir nicht sicher. Müsste ich mal mehr drauf achten... Was das Verstehen von logischen Zusammenhängen angeht ist mir bisher nichts negativ auffallen. Deswegen bin ich ja auch so verwundert, weil ich denke, dass man das bei dem Wert doch eigentlich merken müsste...
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Re: ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Fr 5. Jun 2020, 10:13

Ich kenne dein Kind nicht und man kann im Internet alles mögliche misinterpretieren, aber von deiner Beschreibung her ist Asperger das Grundproblem und ADHS eine potentielle Begleiterscheinung. Auch wenn ihr euch für Medis entscheidet, braucht das Kind jemanden der mit ihm soziale Situationen trainiert. Wenn er so lange relativ unauffällig durchgekommen ist, hat er gute Kompensationsmöglichkeiten. Es ist auch üblich, dass leichte Probleme erst gegen das Ende der GS sichtbar werden, wenn die Anforderungen an Kinder beim Sozial- und Emotialverhalten auf eine neue Ebene steigen.

Ob MPH hilft werdet ihr nur durch Try und Errror rausfinden können. Auf jeden Fall muss irgendetwas in den nächsten Wochen und Monaten geschehen, damit euer Leben für alle beteiligten entspannter und ausgeglichener wird.
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Re: ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Twochild » Fr 5. Jun 2020, 12:21

Katze_keine_Ahnung hat geschrieben:Ich kenne dein Kind nicht und man kann im Internet alles mögliche misinterpretieren, aber von deiner Beschreibung her ist Asperger das Grundproblem und ADHS eine potentielle Begleiterscheinung. Auch wenn ihr euch für Medis entscheidet, braucht das Kind jemanden der mit ihm soziale Situationen trainiert. Wenn er so lange relativ unauffällig durchgekommen ist, hat er gute Kompensationsmöglichkeiten. Es ist auch üblich, dass leichte Probleme erst gegen das Ende der GS sichtbar werden, wenn die Anforderungen an Kinder beim Sozial- und Emotialverhalten auf eine neue Ebene steigen.

Ob MPH hilft werdet ihr nur durch Try und Errror rausfinden können. Auf jeden Fall muss irgendetwas in den nächsten Wochen und Monaten geschehen, damit euer Leben für alle beteiligten entspannter und ausgeglichener wird.


Da gebe ich dir recht. Wenn man das so liest, würde ich das auch denken. Er hat aber auch deutliche Schwierigkeiten im Erstellen/Erhalten einer Struktur und in der Handlungsplanung. Das Matheheft sieht chaotisch aus und wir haben bereits viel Zeit damit verbracht zu üben, wie so ein Heft übersichtlich aussehen kann. Das Schreiben ist ihm ein Graus. Die Rechtschreibung je nach Konzentration okay bis schlecht.

Seit gestern spielt er wieder Schlagzeug (nach ca einem Jahr Pause, hat er so lange gefragt, bis ich es ihm wieder aufgebaut habe). Dach hat auf jeden Fall Entlastung für alle gebracht, weil er einfach froh und ausgeglichen war
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Re: ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Fr 5. Jun 2020, 13:01

Wenn ihr das schon eher verschrieben bekommen habt, würde ich MPH in der nicht retardierten möglichst niedrigen Dosierung die gerade noch wirkt probieren. Das kann solche Probleme wie Ordnung im Heft und Schrift deutlich verbessern. Wenn man eine nicht retardierte Form nimmt, wirkt das nur etwa 4 Stunden, das heißt z.B. nur in der Schule. Man muss es auch nicht jeden Tag nehmen, z.b. am Wochendenden und Ferien auslassen. Es kann kurzfristig wie langfristig zu unerwünschten Effekten kommen, wie Rebound, d.h. wenn die Wirkung nachlässt bringt das Kind gar nichts mehr zustande, Appetitverlust, Agressvität. Aber es muss alles nicht unbedingt kommen, und ich kenne Kinder, die unter MPH spürbar an der Lebensqualität gewonnen haben.

Hat man euch andere Hilfen als MPH angeboten?
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Re: ADHS und ein bisschen Asperger

Beitragvon Rabaukenmama » Fr 5. Jun 2020, 13:26

Hallo Twochild!


Im Vergleich mit meinem ADHS-Asperger Sohn und meinen gehörlosen Nur-Asperger-Sohn sehe ich bei der Beschreibung deines Sohnes (ähnlich wie koschka) MEHR Asperger- als ADHS-Hinweise. Was mich vor allem sehr verwundert ist der Test auf ASS und dass da quasi "ein bißchen Asperger" rausgekommen ist. Kommt mir vor wie "ein bißchen schwanger" :P . Was für ein Test habt ich da in Richtung ASS machen lassen und von wem? Was mich auch wundert ist, dass die Schule nicht wirklich befragt wurde. Ich kenne Asperger-Abklärungen nur als eine Kombi von Testung, Eltern-Fragebogen UND Lehrer-Fragebogen (beide sehr ausführlich).

Gute ASS-Abklärung gibt es in einem Autismus-Kompetenz-Zentrum. Auch SPZ bieten manchmal Testungen an, nur ist hier das Personal nicht spezifisch geschult und gerade bei einem klugen und gut kompensierenden Kind ist Autismus oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Da die SPZ-Ärzte "Generalisten" sind und auch viel mit Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen zu tun haben (welche im Verhalten Autisten oft ziemlich ähnlich sind) gibt es hier häufig falsch-negative Diagnosen. Auch so Aussagen wie "Das Kind ist ein bisschen autistisch" stammen denfinitiv NICHT von Fachleuten, die sich mit Autismus auskennen.

Die Testwerte beim IQ-Test sind jedenfalls nicht ADHS-typisch. Ich bin selbst HB mit ADHS und die Verarbeitungsgeschwindigkeit ist der wirklich EINZIGE Bereich, der bei meinen Tests immer im unteren Durchschnittsbereich war. Auch bei meinem ADHS-Asperger-Sohn war die VG mit 91 der bei weitem schlechteste Wert, während mein jüngerer Sohn ganz andere Schwachstellen hat (bei unauffälliger VG).

Bei meinem älteren Sohn sind die Hauptproblembereiche Frustrationstoleranz und Implulskontrolle. Ähnlich deinem Sohn will er beim spielen immer sagen, was andere zu tun oder zu sagen haben. Er liebt Rollenspiele, aber nur dann, wenn er sie selbst "in der Hand" hat. Er kann ein- und dasselbe Rollenspiel in leicht abgewandelter Form über Monate hinweg immer wieder spielen. Dafür hat er aber selten andere Kinder gewinnen können und so war meistens ich der Spielpartner. Im Gegensatz zu früher kann ich aber im Rahmen der von ihm vorgesteckten Handlung mittlerweile schon eigene Ideen einbringen. Noch vor zwei Jahren habe ich alles vorgegeben bekommen ("Mama, im Spiel sagst du jetzt:...."). Auffällig waren bei ihm in erster Linie die immer wieder kehrenden Mißverständnisse auf Grund falscher Deutung ganz normaler, sozialer Situationen. Wenn ein Kind in einigen Metern Entfernung beim Spiel mit anderen Kindern gelacht hat, dachte mein Sohn, ER würde ausgelacht, weil das Kind ganz zufällig dabei kurz in seine Richtung geschaut hat. Oder er hat der Hortbetreuerin unterstellt, den Ausflug nur zu machen, um IHN zu ärgern. Es gab eine Zeit, da hat er praktisch alles auf sich bezogen.

Bei meinem Sohn hat unretardiertes MPH keinerlei Wirkung gezeigt und das retadierte Medikament hatte extreme, nicht tragbare Nebenwirkungen. Deutliche Besserung haben wir jedoch durch Neurofeedback erreichen können. Die Mißverständnisse sind dadurch zwar nicht weniger geworden, nur reagiert mein Sohn nicht mehr so krass (und teilweise aggressiv) wenn er sich provoziert oder angegriffen fühlt. Auch mit konstruktiver Kritik kann mein Sohn mittlerweile viel besser umgehen als z.B. noch vor einem Jahr. Die Arbeitshaltung ist besser geworden, auch wenn er immer noch jemanden braucht, der ihm bei der Selbstorganisation hilft (hier hat er eine sehr engagierte Hort-Betreuerin :) ).

Mein jüngerer Sohn ist komplett anders "gestrickt". Er interessiert sich so wenig für das, was andere tun, dass kaum Missverständnisse entstehen. Im Gegensatz zum Bruder fühlt er sich nicht mal dann provoziert, wenn er WIRKLICH provoziert wird. So, wie mein älterer Sohn glaubt, ALLE Handlungen anderer hätten was mit ihm zu tun, glaubt mein jüngerer Sohn, NICHTS von dem, was andere tun, würde ihn betreffen. Daher ist er den Großteil der Zeit auch fröhlich und mit sich und der Welt im Reinen (dabei aber oft ganz schön anstrengend und fordernd :P ).

ABER mein jüngerer Sohn hat auch eine andere Seite: wenn ihm etwas "zu viel" wird, kann er lange kompensieren, aber wenn das nicht mehr möglich ist, kippt er in autistische Wutanfälle (Meltdowns), aus denen er lange Zeit nicht heraus findet. Er weint dann, kreischt, schreit, schlägt um sich und fordert immer wieder irgend etwas ein, was er, wenn man es ihm geben will, aber wieder vehement ablehnt. Aus eigene Kraft kommt mein Sohn aus solchen Anfällen nicht mehr heraus. Man muss abwarten, bis sie vorbei gehen, was meistens 30-45 Minuten dauert. Dabei musss man daneben sein und vor allem darauf achten, dass er nicht sich selbst oder andere dabei verletzt. In der schlechtesten Phase hatte mein Sohn mehrere solcher Anfälle in der Woche (bis zu 10) , was uns alle (und auch ihm) sehr viel Kraft gekostet hat. Er selbst war nach den Anfällen irgendwann mal wieder im fröhlich-ausgeglichenen Normalzustand, während der Rest der Familie oft Stunden gebraucht hat, sich davon zu erholen.

Wir haben für unseren jüngeren Sohn von einer Kinder-Neurologin deshalb Risperidon verschrieben bekommen, was wir aber über 1 Jahr nicht verabreicht haben, nachdem wir und über die möglichen Nebenwirkungen informiert hatten. Nach einer sehr schwierigen Zeit mit vielen Anfällen und nochmaliger Rücksprache mit unserem KJP (Kinder- und Jugendpsychiater) haben wir es doch gegeben - und es hat erst mal keine Wirkung gezeigt. Danach haben wir (natürlich in Absprache) die Dosierung erhöht und tatsächlich wurden die Anfälle deutlich weniger und kürzer, unser Sohn war insgesamt interessierter und aufnahmefähiger und hat wirklich keine einzige der unzähligen Nebenwirkungen gezeigt.

Wenn - wie ich jetzt mal ins Blaue vermute - die Hauptprobleme eures Sohnes nicht durch ADHS sondern durch ASS ausgelöst wurden, kann vielleicht Risperidon oder Risperidal bessere Wirkung zeigen als das MPH-Produkte möglicherweise tun. Vielleicht googelst du mal Autismus zusammen mit Meltdown. Dann kannst du feststellen, ob die Wutausbrüche deines Sohnes in diese Richtung gehen oder eben "normale" Wutausbrüche sind. Zumindest bei meinem jüngeren Sohn (der definitiv Meltdowns hat) war die medikamentöse Behandlung hier wirklich erfolgreich. Im Gegensatz zu früher, wo er oft täglich einen oder sogar mehrere Anfälle hatte, die bis zu 2 Stunden gedauert haben, ist er momentan bei 1-3 Anfällen mit einer Dauern von 15-30 Minuten PRO MONAT. Das ist eine wirklich extrem positive Entwicklung!

Was die Medis für euren Sohn betrifft solltet ihr euch erst mal zwei Fragen stellen und zwar "Wie sehr leidet unser Kind unter seiner Störung" und "Wie sehr leidet die Umgebung unter seiner Störung?". Mit Umgebung ist nicht nur die Schule gemeint, sondern auch die Familie und der Freundeskreis, also alle größeren Umfeld-Bereiche des Kindes. Wenn auf der einen oder anderen Seite (oder sowohl/als auch) ein deutlicher Leidensdruck besteht, dann würde ich an eurer Stelle Medikamente ausprobieren - natürlich nur verordnet und begleitet durch zumindest eine Fachfrau oder einen Fachmann.

Unretardiertes MPH (wie z.B. klassisches Ritalin) hat den Vorteil, dass es schnell wirkt - der Unterschied wird also von jetzt auf gleich merkbar sein. Oft nicht ganz am Anfang, weil die Verträglichkeit sehr unterschiedlich ist und erst mal mit niedriger Dosierung begonnen wird. Und wenn es auch nach langsamer Dosissteigerung nicht wirken oder zu viele unerwünschte Nebenwirkungen zeigen sollte, kann man es auch von jetzt auf gleich wieder absetzen. Bei retardierten Medikamenten auf MPH-Basis (die ihre Wirkstoffe über einen längeren Zeitraum verteilt an den Körper abgehen), die schon über einen längeren Zeitraum regelmäßig verabreicht worden sind, wird empfohlen, sie nicht unmittelbar abzusetzen (falls es nicht wirken oder Nebenwirkungen zeigen sollte), sondern begleitet von Profis eben langsam auszuschleifen.

Das Risiko beim ausprobieren von Medikamenten ist mMn gering. Wenn man merkt, dass es deutliche, unerwünschte Nebenwirkungen zeigt, wird man es schließlich nicht weiter verabreichen. Oft muss man nur mehrere Produkte und Dosierungen nacheinander ausprobieren, um herauszufinden, worauf das Kind am besten anspricht. Wenn ein Medikament wenig oder gar keine Wirkung zeigt sollte man es mMn auch absetzen, weil auch wenn keine Nebenwirkungen bemerkbar sind bei langfristiger Einnahme Spätfolgen nicht ausgeschlossen werden können. Hier muss man selbst schauen, in welchem Verhältnis die positive Wirkung zu möglichen Organschäden in 30 Jahren steht. Es ist auch nicht vorgesehen, dass ein Kind, welches z.B. mit 10 Jahren MPH bekommt, den Rest seines Lebens Medikamente braucht. Ich weiß mittlerweile von mehreren Erwachsenen, wo das MPH im Jugendalter langsam ausgeschliffen worden ist und die jetzt ohne Medikation gut zurecht kommen.

ABER: Medikamente sollten nie die einzige Behandlung sein! Je nachdem, wo die individuellen Probleme liegen, sollte man immer noch zusätzliche Möglichkeiten nutzen. Das kann z.B. eine spezifische Autismus-Therapie oder eine Sozialverhalten-Gruppe sein, oder auch eine Selbsthilfegruppe für Eltern. Die Behandlung von Wahrnehmungsauffälligkeiten (egal, ob mit oder ohne Diagnose) sollte immer multimodal sein. In wie weit ihr dann die Schule einbindet oder "ins Boot holt" bleibt euch selbst überlassen.
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)
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