Soziales Verständnis

ganz allgemein zu Hochbegabung und IQ, theoretisch und praktisch
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Mamavon4
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Registriert: Fr 2. Okt 2020, 14:39

Soziales Verständnis

Beitrag von Mamavon4 »

Hallo zusammen

Es würde mich interessieren, ob bei euren Kindern und auch bei euch selbst (falls ihr getestet seid), ein Zusammenhang zwischen dem Testergebnis der Indizie „Soziales Verständnis, bzw. Allgemeines Verständnis“ und eurer sozialen Integration besteht. Mein 8,5 Jahre alter Sohn hatte hier einen Profilwert von 18, genau so wie ich auch. Würde man diesen Wert in einen IQ-Wert umwandeln können, ergäbe das ca. 140. Allgemein gelte ich nicht als hochbegabt, mein Sohn schon.
Eigentlich würde man denken, dass Menschen, die ein angeblich so gutes Verständnis für ihre Mitmenschen, viel Einfühlungsvermögen haben, die sozialen Regeln spüren, etc., deshalb sozial auch sehr starke Menschen sein müssten. Manchmal frage ich mich, wieso dies bei uns nicht ganz zutrifft. Mein Sohn kann die Gemeinheiten der Kinder nicht nachvollziehen, wieso dass sie manchmal so verlogen, hinterlistig und eifersüchtig sind, mal Freund mal Feind, eigennützig, etc. Er hat vom Lehrer auch das Feedback erhalten, dass er immer freundlich, höflich und hilfsbereit zu allen Kindern sei, sogar zu denen, die er nicht mag. Mir geht es ähnlich. Ich behaupte, Menschen schnell einschätzen zu können und wie sie sich in Wahrheit fühlen. Es hat schon mancher gestaunt, der meinte, seine wahren Gefühle verstecken zu können. Hatte schon oft auf der Arbeit mit Mitarbeiterinnen über jemanden diskutiert, wie er gestrickt sei. Man glaubte mir zuerst nicht, bis es sich dann bestätigte. Man fühlt sich in seinen Empfindungen häufig nicht reflektiert und kommt sich als Sonderling vor. Oder man wird bewundert dafür. Das macht einem auf eine Weise auch unsicher. Man hinterfragt viel und grübelt. Es wäre manchmal einfacher, einfacher gestrickt zu sein. Und genau das ist der Punkt: dieses einfacher gestrickt sein, nicht über den eigenen Gartenzaun hinweg denken zu können, festgefahrene Meinungen zu haben, sich nicht in die anderen versetzen zu können, macht uns manchmal Mühe, mit unseren Mitmenschen klar zu kommen und sie nicht als dumm abzustempeln. Sie sind es ja nicht. Und ich nehme es z.B. meinem Mann so oft übel, wenn er sich der Familie gegenüber nicht empathisch verhält. Zwar hochbegabt, wohl aber nicht in sozialen und kommunikativen Dingen :lol: Ich bin oft auch versucht, eine Beraterfunktion einzunehmen, was ich mir am abgewöhnen bin. Die Leute nehmenˋs zwar gerne an, aber wehe man sagt nicht das, was sie hören wollen. Wie erlebt ihr das? Habt ihr oder eure Kinder einen hohen AV-Wert und seid im sozialen Umfeld voll im Hoch? Oder könnte dieses Indiz vielleicht doch der Grund sein, das man eben eher aneckt? Man denkt doch, mit so einem Wert sollte man sozial alles im Griff haben, nicht?
Ein Zeichen von Intelligenz ist der stetige Zweifel. Idioten sind sich immer sicher, egal was sie tun.
Rabaukenmama
Dauergast
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Re: Soziales Verständnis

Beitrag von Rabaukenmama »

Mamavon4 hat geschrieben:Wie erlebt ihr das? Habt ihr oder eure Kinder einen hohen AV-Wert und seid im sozialen Umfeld voll im Hoch? Oder könnte dieses Indiz vielleicht doch der Grund sein, das man eben eher aneckt? Man denkt doch, mit so einem Wert sollte man sozial alles im Griff haben, nicht?
Hallo Mamavon4!

Genau DAS (dass man bei so einem hohen AV-Wert sozial alles im Griff haben sollte) stimmt nicht! Bin selbst HB und mein älterer Sohn hat zumindest eine Teilleistungsstärke im sprachlichen Bereich. Aber sowohl mein Sohn als auch ich haben zusätzlich zur Begabung auch ADHS, was sich in der Praxis mit starken Schwierigkeiten im sozial-emotionalen Bereich bemerkbar macht. Bei mir ist es mittlerweile sozial viel besser als früher, aber das ist meiner Lebenserfahrung und viel Kompensation geschuldet. Bei meinem Sohn kommt noch Asperger Autismus erschwerend dazu.

Bei meinem Sohn steht so schön im Befund der Psychologin "Theoretisch hat M... ein weit über seinem Alter liegendes soziales Verständnis". Dass es praktisch anders aussieht merkt man an den Stimmen aus der Schule sowie der Betragennote. Das liegt nicht etwa daran, dass mein Sohn nicht weiß, welches Verhalten angemessen ist, und auch nicht daran, dass er "einfach gestrickt" wäre. Er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn (den hatte ich auch immer schon), aber ihm fehlt schlichtweg die Fähigkeit, sich in andere reinzuversetzen. Das war bei mir in der Kindheit und auch noch als Jugendliche exakt dasselbe. Dazu kommen bei meinem Sohn noch Probleme mit Emotionskontrolle und mangelnde Frusttoleranz. Eine sehr schwierige Mischung, vor allem vor dem Hintergrund, dass mein Sohn in fiktiven Situationen wirklich sehr empathisch und reif (re-)agiert, dies aber im echten Leben absolut nicht umsetzen kann.

Als ich ein Kind war, hatte ich eben ähnlich Probleme und meine kognitive Fitness hat bewirkt, dass mir dafür absolut kein Verständnis entgegen gebracht wurde. Wie oft habe ich gehört "Naja, beim X.... kann man halt nichts machen, der kann versteht es eben nicht besser" (wenn der sozial auffällig war) und bei mir kam dann "Na, die B.... ist so gescheit, die müsste doch längst wissen dass man (nicht)....".
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)
Katze_keine_Ahnung
Dauergast
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Re: Soziales Verständnis

Beitrag von Katze_keine_Ahnung »

Die Tests kann man mit dem Leben nicht vergleichen. Man kann lernen, wie Menschen sich verhalten. Je kluger das Kind, desto genauer schaut es sich an. Der Begriff der Empathie beinhalten für mich auch das Mitfühlen. Wenn man das berücksichtigen würde, würden die Werte mancher Kinder dann anders aussehen. Die Fähigkeit eigene Emotionen unter der Kontrolle zu halten, kommt auch hinzu. Stelle dir die Situation vor: ein Kind leiht von anderen sein Rad aus. Er baut mit diesem Rad einen Unfall und verletzt sich. Auf dem Papier würde man glatt antworten, man tröste und verarzte den Verletzten, das Rad kann man ja neu kaufen. In Wirklichkeit aber schmerzt vielen den Wertverlust des Rades so sehr, dass es mehr Zorn verursacht, als das Mitgefühl. Man schreit den Verletzten noch an.
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