Vorteile einer kognitiven Hochbegabung...?

ganz allgemein zu Hochbegabung und IQ, theoretisch und praktisch

Vorteile einer kognitiven Hochbegabung...?

Beitragvon sinus » Fr 6. Dez 2019, 14:02

...nicht aus Elternsicht, sondern aus Innensicht eines Hochbegabten.
Welche Vorteile hat denn ein hoher IQ überhaupt?

Meine seit gestern 11jährige Tochter schimpfte neulich: "Blöde Hochbegabung... was hab ich denn davon? Bisher hat es mir rein gar nichts gebracht. Ich wünschte ich hätte das nicht!"

Ehrlich gesagt fiel mir gar nicht allzu viel Überzeugendes ein, was sie konkret im Alltag und im Leben davon haben könnte...
Wie haben zwei Kinder im Bekanntenkreis, die sind musikalisch sehr begabt, singen, spielen ihr Instrument besonders gut.
Da ist es irgendwie offensichtlicher - sie können ihre Begabung unmittelbar umsetzen und ausleben und damit sowohl "Erfolg" haben, als auch anderen Menschen Freude bereiten.
Aber ein hoher IQ...?

Gut, das Lernen fällt leichter... aber so ganz überzeugend find ich das als Vorteil auch nicht, da dafür eben oft auch die Ansprüche höher sind, wie schnell das Lernen gehen sollte und wie gut man in dem sein möchte, was man sich erarbeitet/erarbeiten mag.

Kurz gesagt - ich hab ein paar Probleme, meiner Tochter überzeugende Beispiele zu geben, wo und wie sie von ihrer hohen kognitiven Begabung profitieren kann.

Was sagt ihr dazu?
sinus
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Re: Vorteile einer kognitiven Hochbegabung

Beitragvon Rabaukenmama » Fr 6. Dez 2019, 15:10

Hallo Sinus!

Was die Vorteile von kogniver Hochbegabung sind erschließt sich mir viel besser, seit ich Kinder mit deutlichem kognitiven Rückstand kennengelernt habe.

Allein dass das lernen leichter fällt macht mMn einen riesengroßen Unterschied. Die Ansprüche, die ein Kind an sich selbst hat, sind ja nicht automatisch an die Hochbegabung gekoppelt, stellen daher mMn eine eigenständige Herausforderung dar. Und zwar sowohl, wenn diese Ansprüche sehr hoch sind, als auch wenn das Kind der Überzeugung ist, nur soviel lernen zu müssen, dass sich eine 4 ("eine positive Note") ausgeht. Manche gehen auch so weit, dass es ihnen nichts ausmacht, trotz kognitiver Hochbegabung eine Klasse zu wiederholen. So was stelle ich mir für die Eltern noch viel belastender vor, als den Perfektionsimus, innerhalb einer Stunde ein Referat vorzubereiten, auf das man sich eine 1 erwartet ;) .

Mein kognitiv fitter älterer Sohn musste wirklich NOCH NIE zu Hause für die Schule was lernen. Er hat sich nie mühsam die Buchstaben "erarbeitet", kam nie mit einem Heft oder Buch daher, wo er sich mit was nicht ausgekannt hätte, und hat noch nie eine schlechtere Note als 2 heimgebracht. Ich habe mir seine Schularbeitstermine nie im Kalender eigetragen (wie ich das von anderen Eltern kenne), bin mit ihm nie Probebeispiele durchgegangen,...es läuft einfach von selbst :) . Mir ist aber bewusst, dass es im Gymnasium schnell anders aussehen kann, vor allem wenn die Eigenmotivation ziemlich grottig ist :P .

Von mir selbst kann ich sagen, kognitive Hochbegabung bedeutet - kurz umschrieben - "schnell im Kopf". Ich bin in meinem Beruf ja auch in der Lehrlingsausbildung tätig und da merke ich den Unterschied besonders stark. Manche Lehrlinge brauchen mehrere Erklärungen einer Sache, manche nur eine, und die kognitiv sehr fitten brauchen oft gar keine Erklärungen, weil sie sich einfach vieles selbst erschließen. Sie stellen auch ganz andere Fragen als Jugendliche mit durchschnittlicher Intelligenz. Aktuell habe ich ein kognitiv durchschnittliches Lehrmädchen und daneben (ein Lehrjahr jünger) einen kognitiv fitten Lehrbuben. Der Unterschied ist schon nach 3 Tagen merkbar! Dabei sind echt beide motiviert, freundlich zu den Kunden und grundsätzlich sehr interessiert an ihrer Tätigkeit. Ein anderes kognitiv mMn sehr fittes Lehrmädchen (3. Lehrjahr) ist jetzt schon besser als manche Kollegen, die schon seit 10 oder mehr Jahren im Betrieb arbeiten.

Für die kognitiv fitten Kinder und Jugendliche selbst erschließt sich ihr Vorteil oft gar nicht so. Sie haben ja nie der Erfahrung gemacht, wie es ist, sich wirklich plagen zu müssen, um überhaupt z.B. in der Schule positive Noten zu bekommen oder komplizierte Zusammenhänge zu verstehen. Das ist so ähnlich, wie z.B. die wirklich sportlichen Kinder keine Ahnung haben, was es bedeutet, trotz harten Trainings eine Leistung (z.B. eine Strecke in einer gewissen Zeit laufen) NICHT erbringen zu KÖNNEN.

Das ist für kognitiv fitte Kinder eine zweischneidige Sache. Denn auch die Erfahrung, dass die Welt nicht untergeht, wenn man mal wirklich eine 5 schreibt oder ein Schuljahr wiederholen muss, oder beim ersten Antritt bei der Lehrabschlussprüfung durchfällt, kann stärkend sein. Bei einigen kognitiv sehr fitten Erwachsenen mit tollen Fähigkeiten beobachte ich große Versagensangst, weil sie einfach DIESE Erfahrungen noch nie gemacht haben, und die allein die Vorstellung, einmal wo zu scheitern, für sie sehr, sehr schlimm ist.

Daher sehe ich den Nachteil der kognitiven Fitness nicht so sehr in den Fähigkeiten selbst, wie darin, sich selbst in erster Linie über Leistung, Können und Wissen zu definieren.

Bin schon gespannt, was hier noch geschrieben wird - interessantes Thema :) !
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Re: Vorteile einer kognitiven Hochbegabung...?

Beitragvon Bliss » Fr 6. Dez 2019, 16:38

sinus hat geschrieben:.

Gut, das Lernen fällt leichter... aber so ganz überzeugend find ich das als Vorteil auch nicht, da dafür eben oft auch die Ansprüche höher sind, wie schnell das Lernen gehen sollte und wie gut man in dem sein möchte, was man sich erarbeitet/erarbeiten mag.



Ich glaube, da muss man einfach mal mitgemacht haben, wie es mit einem kognitiven Rückstand ist, um das nicht als immensen Vorteil zu sehen. Meine Kinder berichten mir immer wieder mal, dass XY mit einem geliebten Hobby aufhören müsse oder nicht zu einem Übernachtungsgeburtstag dürfe, weil sie lernen müsse. Und da geht es um die Versetzung. Ich bin froh, dass ich selbst trotz teils heftiger pubertärer Ausfälle nie diesen Druck erleben musste und meine Kinder bislang auch nicht.

Vielleicht lebt es sich mit einem IQ von 120 besser als mit einer Hochbegabung, weil man viele Vorteile einer überdurchschnittlichen Intelligenz hat ohne schon die eventuellen Problemen einer HB zu haben. Aber ob man mit einer unterdurschnittlichen Begabung besser dran wäre wage ich zu bezweifeln.


sinus hat geschrieben:"Blöde Hochbegabung... was hab ich denn davon? Bisher hat es mir rein gar nichts gebracht. Ich wünschte ich hätte das nicht!"


Ja, was hat man von angeborenen EIgenschaften. Da kann man erstmal nichts dran ändern. Eine gute Startbedingung, mehr nicht. Auch musikalische oder sportliche oder künstlerische Hochbegabung allein nützt ja nicht viel, wenn man nichts daraus macht.
Es fällt deiner Tochter vermutlich schwer, sich vorzustellen, wie ein Leben ohne überdurchschnittliche Begabung wirklich aussieht. Gerade weil man sich ja oft auch in einer Blase bewegt, wo die Freunde auch überdurchschnittlich begabt sind.
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Re: Vorteile einer kognitiven Hochbegabung...?

Beitragvon Karen » Sa 7. Dez 2019, 12:02

Ich sehe Hochbegabung als Potential oder Geschenk. Wenn das Kind etwas will, hat sie gute Chance es zu erreichen. Wenn sie es nicht will, muss sie nicht. Die möglichkeiten sind da, ob das Kind sie nützen will oder kann, hängt von anderen Faktoren ab.
Das andere Faktor is hochsensibilität in kombination mit hochbegabung. Das ist das Thema das mir und meine Tochter sehr beschäftigt. Sie macht zu viele gedanken, sorgt um alles, hat ängste. Sie denkt ständig über Umweltzerstörung, Katastrophen, Krieg, usw. Und sie findet es belastend dass sie darüber denkt und auch zusammenhänge versteht. Hier hatten wir einmal eine spannende Diskussion. Wir sind zusammen mir ihr dazu gekommen dass das die Menschen sind die sich viele Gedanken machen und alles was im Welt falsch lauft sehen, das diese Menachen dann auch verhindern dass es schlechter wird. Sie bewegen dann andere darüber nachzudenken, oder in Umweltschutz, Menschenrechtsorganisationen, Katastrophenhilfe usw mitzuwirken oder die Politik und Kultur dazu bewegen die Themen anzusprechen und Welt ein wenig besser machen. Sie schauen nicht weg wenn was falsch lauft und versuchen zu helfen. Als Kinder sind möglichkeiten begrenzt, später hat man Wahl, und HB hilft dabei. Meine Tochter hat so eine Art zugehörigkeits Gefühl bekommen dass sie zu diesen Gruppe Menschen denen nicht egal ist gehört und es ist was schöne und sie mit ihren Gedanken nicht allein ist.
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