Therapeutensuche

ganz allgemein zu Hochbegabung und IQ, theoretisch und praktisch

Therapeutensuche

Beitragvon sinus » Mo 20. Jul 2020, 11:34

...wer hier hat denn Erfahrungen mit Therapeuten. Selbst oder beim Kind?

Wir sind da ja gerade auf der Suche und ich finde es sehr schwer.
Einerseits will ich offen sein und denke auch, dass es meinem Kind helfen könnte.
Anderseits habe ich Probleme, der Kompetenz der Therapeuten zu vertrauen.
Ich will da keine "Experimente" mit der Psyche meines Kindes.
Zumal ich befürchte, dass sich die Probleme sogar verschlimmern könnten, wenn man das falsch angeht.

Kennt ihr dieses Misstrauen?

Wir hatten grad ein Erstgespräch, was nicht besonders gut lief.
Ich fand, die Therapeutin (noch recht jung) hatte recht schnell ein bestimmtes Bild von uns, bzw ich hatte das Gefühl, dass es mir nicht gut gelungen ist, rüberzubringen, was ich eigentlich möchte.
Ich hatte ihr u.a erklärt (bzw hatte sie das gefragt), was beim letzten Versuch vor 2 Jahren schief gegangen war (Kind war damals nach dem Gespräch völlig verstört, die Therapeutin war sehr ungeschickt, sprach z.B. vor meiner Tochter von therapeutischen Möglichkeiten die bis hin zu einer Einweisung in eine Klink gingen, was mit uns im Speziellen gar nichts zu tun hatte, war ja nur das Erstgespräch, aber beim damals 9jährigen Kind kam an, dass es sie auch betreffen könnte) und dass zu Tochter bei der Diagnosestellung (andere Stelle, reine Erhebungsstelle) meiner Meinung nach tw falsche Schlussfolgerungen gezogen wurden aus den Erhebungen, die gemacht wurden. (Bspw sollte mein Kind dort Geschichten zu Bildern erzählen. Ergebnis war, dass die Kinder in ihren Geschichten immer allein und ohne Hilfe die dargestellten Probleme lösten. Es kam da niemals eine Mama vor, die half. Schlussfolgerung der Psychologen war, dass meine Tochter sich nicht ausreichend unterstützt fühlt und evtl keine gute Vertrauensbeziehung zu ihren Bezugspersonen besteht. ICH denke dagegen eher, dass es ihr Autonomiestreben widerspiegelt. Sie MÖCHTE selbst Lösungen finden und MÖCHTE nicht angewiesen sein auf andere. Keiner Im Bekanntenkreis, den ich dazu befragt habe, glaubte übrigens an die "zu wenig Unterstützung-These")

Außerdem hatte ich berichtet, dass die Psychologin vor 2 Jahren im zweiten (und letzten Gespräch), wo wir das schlecht gelaufene Erstgespräch noch mal besprachen, gemeint habe, sie spüre viele Zweifel bei mir, eine Therapie betreffend und das übertrüge sich aufs Kind und dann wäre es verunsichert und so würde das Ganze keinen Sinn machen.
Da gab diese Therapeutin dieses Mal ihre "Vorgängerin" direkt recht. Das sei so.
Überhaupt vermittelte sie mir das Gefühl, dass meine Einschätzungen falsch und die der Kollegen richtig seien.
Klar, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Ich hatte auch nicht erwartet, dass sie groß was dazu sagt, dachte nur, sie sollte es wissen bzw hatte sie ja selbst danach gefragt, was denn da schief gelaufen sei meiner Meinung nach.
Aber sie hatte sich ja wenigsten neutral verhalten können, sie gab aber stattdessen zu verstehen, dass ich auf dem falschen Dampfer sei.

Das mit den Zweifeln mag ja auch grundsätzlich stimmen, aber wer bitte hat den KEINE Zweifel bei sowas? Überlassen denn andere ihre Kinder wirklich voller Vertrauen einem wildfremden Menschen?
Ist es nicht eine der Aufgabe eines Psychologen, mit Zweifeln umzugehen und nach und nach Vertrauen zu schaffen?
Mich hat ja keiner gezwungen, nach einem Therapieplatz zu suchen, ich habe mich dazu entschieden, das zu versuchen, TROTZ der Zweifel.
Da gibts doch sicher ganz andere Kaliber, wo die Therapie "verordnet" ist und die das gar nicht selbst wollen. Mit denen müssen sie doch auch klarkommen...

Am Ende des Gespräches erklärte die Therapeutin, nach all dem, was ich so gesagt habe, müsse sie ja fast Angst haben alles falsch zu machen.
Außerdem "drohte" sie uns, dass wir uns gut überlegen sollten, ob wir das beginnen möchten und auch dabei bleiben möchten, ggf würde "was aufgerissen" und wenn man dann abbricht, wäre das sehr ungut.
Alles in allem kam bei mir an, dass sie uns lieber gar nicht nehmen möchte, auch wenn sie das natürlich so klar nicht gesagt hat.
Vermutlich sind wir ihr zu kompliziert und vertrauen ihr zu wenig.

Nun stecke ich im Dilemma. Trotzdem probieren oder weiterschauen?
An anderen Stellen gibts erst in 1/2 Jahr Termine. Hier könnte Kind sofort loslegen.
Menschlich war die Dame sympathisch, aber eben auch sehr jung und ja, ich bin unsicher, ob sie der Aufgabe gewachsen ist bzw das richtig angeht.
An sich muss sich ja das Kind mit ihr verstehen, nicht ich.
Womöglich stimmt es ja auch und KEIN Therapeut genügt je meinen Ansprüchen. :roll:

Hat hier jemand Erfahrungen, hatte auch Zweifel und kann berichten, wie es ihm erging?
Zuletzt geändert von sinus am Mo 20. Jul 2020, 11:53, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Therapeutensuche

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Mo 20. Jul 2020, 11:51

@sinus

Ich habe keine Erfahrung, aber ich kann deine Zweifeln sehr gut verstehen. Mit einem hochbegabten Mädchen in der Pubertät würde ich nur zu einem Therapeuten gehen, der eben Erfahrung mit hochbegabten Mädchen hat, egal auf welchem Wege, beruflich oder eben mit den eigenen Kindern. Wenn du dem Therapeuten nicht vertraust, wie soll denn deine Tochter damit klar kommen?
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Re: Therapeutensuche

Beitragvon sinus » Mo 20. Jul 2020, 11:59

Katze_keine_Ahnung hat geschrieben:@sinus

Ich habe keine Erfahrung, aber ich kann deine Zweifeln sehr gut verstehen. Mit einem hochbegabten Mädchen in der Pubertät würde ich nur zu einem Therapeuten gehen, der eben Erfahrung mit hochbegabten Mädchen hat, egal auf welchem Wege, beruflich oder eben mit den eigenen Kindern. Wenn du dem Therapeuten nicht vertraust, wie soll denn deine Tochter damit klar kommen?



Da gibt es sogar jemanden, leider in einer anderen Stadt. Die ist uns auch von mehreren Seiten empfohlen wurden und wir haben da nächste Woche sogar ein Erstgespräch, weil wir da im Rahmen eines Kurzurlaubs eh in der Stadt sind.
Leider sind es Tür zu Tür 2 Stunden Fahrt, mit dem Zug mit Umsteigen.
Ich hab schon hin- und herüberlegt ... eigentlich ist das nicht machbar. Kostet ja dann auch zusätzlich. Und 4 Stunden Fahrt an so einem Tag wegen 50 Minuten Gespräch?

Hier in unserer Stadt gibt es niemanden, da hab ich schon rumgefragt, u.a. bei der DGhK und der Beratungsstelle für Begabtenförderung.
Die empfehlen alle die Dame in der anderen Stadt. :roll:
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Re: Therapeutensuche

Beitragvon sinus » Mo 20. Jul 2020, 12:07

...blöd finde ich immer - danke Herr Rost :twisted: - dass alle einem einreden wollen, dass die Hochbegabung getrennt von den psychischen Problemen zu betrachten sei. -> Denn Hochbegabte leiden ja statistisch gesehen nicht mehr unter psychischen Probleme, als Normalbegabte.
Ich fühle mich dann immer in der "Spinner"-Position bzw so, als wolle ich andere mögliche Probleme (z.B. in derMutter-Kind-Beziehung) verschleiern oder negieren, in dem ich alles auf die Hb schiebe.
Dabei finde ich nur, das sie mit berücksichtigt werden sollte. Und bin auch überzeugt, dass man da ganz schnell auf dem Holzweg landen kann, wenn man es NICHT tut. (siehe diese Autonomie-Geschichten)
Warum finden ich denn die Probleme meines Kindes in fast allen Büchern über Hb als mögliche Problemfelder, wenn sie damit angeblich so gar nichts zu tun haben...
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Re: Therapeutensuche

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Mo 20. Jul 2020, 12:18

@sinus

das Problem sich anders zu fühlen ist definitiv HB-verbunden. Deswegen würde ich versuchen mit der Dame aus der anderen Stadt Skypetermine zu vereinbaren. Ich glaube ich würde sogar lieber auf die Behandlung verzichten, solange es nicht akut brennt, als zu einem unerfahrenen Therapeut mit vorgefertigten Meinungen gehen.
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Re: Therapeutensuche

Beitragvon sinus » Mo 20. Jul 2020, 12:40

...und Selbstwertgefühl, Ängste und Depressionen (das ihre drei Problemfelder) habe meiner Meinung nach in der Folge zumindest teilweise auch damit zu tun.

Zur Therapeutin sagte ich neulich, dass ich auch ihre ausgeprägte Selbstkritik, die hohen Ansprüche an sich selbst und die starke Selbstreflektion und die Sensibilität als Begleiterscheinungen der Hb dafür mitverantwortlich mache, dass sie die Fragebögen so negativ beantwortet. (Und die Diagnosen gehen ja ausschließlich auf Fragebögen zurück, die sie selbst ausgefüllt hat)
Die Therapeutin meinte dazu, naja, das sei aber auch Teil der Störung, also bspw die ausgeprägte Selbstkritik.

Eine Freundin von mir, selbst Hb und Therapeutin (aber nicht Kinder), sagt, sie kann keine Störung sehen, wenn sie mein Kind anschaut. Sie findet hohe Selbstkritik habe durchaus mit Intelligenz zu tun und tendenziell depressive Menschen hätten nachgewiesermaßen sogar ein realistischeres Bild auf sich und die Welt, als alle anderen.
Sie meinte, eine Therapie kann trotzdem helfen, aber nur als "Zusatznutzen" und Hilfe, nicht als Behandlung einer "Krankheit".
So sehe ich das auch. Ich befürchte wie schon an anderer Stelle geschrieben, dass sie erst krank wird dadurch, dass man sie dafür hält und so behandelt.

Den Vorschlag mit den Skype-Terminen möchte ich tatsächlich auch anbringen. Vielleicht ist da durch die letzten Erfahrungen während Corona ja jetzt etwas mehr möglich.
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Re: Therapeutensuche

Beitragvon Rabaukenmama » Di 21. Jul 2020, 13:26

Ich habe bisher mehr schlechte als gute KJPs und Kinderpsychologen kennengelernt. Da muss man wirklich rumprobieren bis man jemand gefunden hat. Wir sind sehr froh, mittlerweile zumindest einen KJP (Kinder- und Jugendpsychiater) gefunden zu haben, mit dem man auf Augenhöhe reden kann und der bestmöglich auf die Besonderheiten unserer Kinder eingeht. Leider macht der keine therapeutischen Sitzungen.

Für diese Sitzungen war mein Sohn ein halbes Jahr regelmäßig bei einer Kinderpsychologin, die nach Mate Meo arbeitet. An sich eine durchaus kompetente und auch einfühlsame Frau (natürlich habe ich mir in einem Vorgespräch ein Bild von der Frau gemacht), nur leider für meinen Sohn nicht die passende Therapeutin. Denn sie war zu sehr OHHHHMMM, hat nie was von ihm eingefordert und nie die Stimme erhoben. Für andere (eher misstrauische, kritische) Kinder durchaus ideal, auch zum langsam-Vertrauen-fassen, aber mein Sohn hat sie irgendwie nie so richtig ernst genommen und sie ist daher auch nicht gefühlsmäßig an ihn ran gekommen. Wobei sie mMn einen sehr passenden, differenzierten Eindruck von seinen Stärken und seinen Schwächen hatte. Ihr Befund war der zweite (nach dem des KJP) in dem ich mein Kind tatsächlich wiedergefunden habe. Bei allen anderen (insgesamt 4 KJPs oder KinderpsychologInnen) waren die Befunde nur Larifari, wo ich bei Lesen nie das Gefühl hatte, dass es tatsächlich um MEIN Kind ging. Zwei davon waren nicht mal in der Lage, die mit mir bei der Anamnese besprochenen Fakten korrekt in den Befund reinzuschreiben. Und wenn wie mir Tipps zum Umgang mit meinem Sohn gaben habe ich deutlich gespürt, dass sie dasselbe so ziemlich allen Eltern sagen, also nicht richtig hingeschaut hatten, was mein Sohn wirklich braucht, sondern nur allgemeine Klischees bedienen konnten.

Ich würde an deiner Stelle auch das mit den Skype-Terminen ausprobieren, wenn das möglich sein sollte. Für deine Tochter ist es vermutlich auch leichter, sich zu Hause in gewohnter Umgebung mit der Therapeutin auszutauschen. Grundsätzlich wäre die Entfernung für mich wenn wirklich alles "passt", kein Problem. Ich bin viele hunderte Stunden mit meinem jüngeren Sohn zu Sperzialisten gefahren weil dort die Therapien einfach besser waren als bei allem, was "um die Ecke" abgeboten wurde. In der krassesten Zeit war das im Jahr 4x für jeweils 3 Tage (2 Nächte) ins 500km entfernte Innsbruck zur Horchi-Nachstellung, 2x im Jahr nach Linz (über 200km entfernt) zur Ohrstücke-Anpassung, 2x jährlich zum 45min (einfache Strecke) entfernten Orthopäden, viermal jährlich mit 3 verschiedenen Öffis (60min einfache Strecke) zur Augenärztin, einmal wöchentlich mit 4 verschiedenen Öffis in 75min einfache Strecke zur Logopädin und jede 2. Woche ebenfalls mit 4 verschiedenen Öffis (60min einfache Strecke) zur Ergotherapeutin. In Wohnnähe (weniger als 30min einfache Strecke) gab es bei uns nur den Kinderarzt, den HNO-Arzt, den Optiker und den Zahnarzt. Und bitte glaub nicht, ich hätte nicht die näher liegenden Alternativen ausprobiert, bevor ich mich bewusst fürs rumfahren entschieden habe :roll: .

Wenn deine Tochter sich durch die Therapie besser fühlt dann ist das 4 Stunden Fahrt 1-4x pro Monat allemal wert! Wenn es zumindest teilweise auch über Skype (oder Zoom oder Signal, etc.) geht - noch besser!

Ansonsten frage ich mich, was dich selbst bewegt, eine Therapeutin für deine Tochter zu suchen. Denn mir kommt zumindest zeitweise vor, du hast das Gefühl, dass sie das gar nicht braucht. Möchtest du für dich selbst sicher gehen, nichts zu "übersehen" und nichts unversucht zu lassen? Fühlst du dich Menschen gegenüber verpflichtet, die Dir zur Therapie für deine Tochter raten? Was erwartest du davon?

Ob der Therapeut bzw. die Therapeutin passend ist kann dir deine Tochter selbst sagen. Natürlich ist das Erstgespräch mit Dir und wenn du ein ungutes Gefühl hast dann musst du deine Tochter ja gar nicht erst hinschicken. Aber wenn du glaubst, dass es passen könnte, dann vereinbare erst mal 2-3 Einheiten und richte dich dann nach deiner Tochter ob sie dabei bleiben will.
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)
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Re: Therapeutensuche

Beitragvon sinus » Di 21. Jul 2020, 16:38

Rabaukenmama hat geschrieben: Bei allen anderen (insgesamt 4 KJPs oder KinderpsychologInnen) waren die Befunde nur Larifari, wo ich bei Lesen nie das Gefühl hatte, dass es tatsächlich um MEIN Kind ging. Zwei davon waren nicht mal in der Lage, die mit mir bei der Anamnese besprochenen Fakten korrekt in den Befund reinzuschreiben. Und wenn wie mir Tipps zum Umgang mit meinem Sohn gaben habe ich deutlich gespürt, dass sie dasselbe so ziemlich allen Eltern sagen, also nicht richtig hingeschaut hatten, was mein Sohn wirklich braucht, sondern nur allgemeine Klischees bedienen konnten.


Ja, genau, so empfand ich den ersten Begutachtungstermin. Es passte vieles nicht zu uns/meinem Kind, also die Schlussfolgerungen aus den Tests fand ich nicht stimmig.
Die eigentlichen Ergebnisse der Tests - u.a. das sehr schlechte Selbstwertgefühl - war allerdings ja der eigentliche Grund gewesen, dahin zu gehen und da wurde ich in meiner Einschätzung bestätigt.


Rabaukenmama hat geschrieben: Ansonsten frage ich mich, was dich selbst bewegt, eine Therapeutin für deine Tochter zu suchen. Denn mir kommt zumindest zeitweise vor, du hast das Gefühl, dass sie das gar nicht braucht. Möchtest du für dich selbst sicher gehen, nichts zu "übersehen" und nichts unversucht zu lassen? Fühlst du dich Menschen gegenüber verpflichtet, die Dir zur Therapie für deine Tochter raten? Was erwartest du davon?


Ich fand meine Tochter vor den ersten Tests schon auffällig, sie zeigte depressive Tendenzen, zog sich ab Klasse 2 zunehmend zurück und zeigte immer weniger Interesse(n), hatte heftige Wutausbrüche und machte sich dabei selbst ständig schlecht. ("ich bin nichts wert, ich bin zu nichts nütze...")
Außerdem sagte sie in abendlichen Krisen/bei Zusammenbrüchen (etwa 1-3 x im Monat), sie wäre am liebsten gar nicht auf der Welt.

Das war so schonmal ausgeprägt im Vorschulalter (damals dachte ich, es hat damit zu tun, dass die kleine Schwester zur Familie dazukam) und dann verstärkt wieder ab Klasse 2.
Außerdem hatte sie ja auch noch ein traumatisches Unfallerlebnis 3 Tage vor Einschulung (ein Auffahrunfall; sie war ca. 45 Minuten eingeklemmt gewesen, wurde von der Feuerwehr freigeschnitten und per Helikopter ins KH gebracht. Die Autobahn wurde voll gesperrt, überall Blaulicht, der Unfall wurde sogar im TV erwähnt. Im KH stellte sich zum Glück raus, dass ihr nicht allzu viel passiert war.)
Darüber wollte sie lange nicht sprechen, nach und nach haben wir das aber zu zweit zu Hause aufgearbeitet. Immer wenn sie von sich aus drüber sprechen wollte, haben wir das besprochen, den Unfall auch nachgestellt, sie hat ein brennendes Auto gemalt und das dann mit mir zusammen zerrissen und entsorgt etc.
An sich, denke ich, hat sie das gut überstanden, aber nach wie vor mag sie bspw enge Räume/Parkhäuser/Fahrstühle nicht gern. Also sie hat keine Panik davor, aber sie meidet es, wenn möglich.
Ich selbst mochte aber bswp als Kind auch nicht unter Eisenbahnbrücken durchlaufen, wenn gerade ein Zug drüber fuhr und bin dann entweder stehen geblieben der ganz schnell durchgerannt.
Da sehe ich jetzt keine großen Unterschied zu ihrem Verhalten/Empfinden. Mein Bauchgefühl sagt mir eigentlich, dass der Unfall nicht Ursache einer PTBS oder sowas ist...
Aber das war vor 2 Jahren auch eine Fragestellung an die Begutachtungsstelle. (die dann aber gar nicht berücksichtig wurde)

Jedenfalls ließ ich in Klasse 3 vor allem wegen des Verdachts der HB/Unterforderung sowohl den IQ testen, als auch bin mit ihr wegen des depressive Verhaltens zu einer "psychologischen Begutachtungsstelle".
Das Ergebnis der Begutachtungsstelle (nach dem IQ-Test an anderer Stelle, der bei der Begutachtungsstelle dann aber vorlag; allerdings sind sie da im Gutachten und im Gespräch GAR nicht auf mögliche Zusammenhänge eingegangen) war dann die dringende Empfehlung, unbedingt vor Pubertät therapeutische Hilfe zu suchen, weil die Ergebnisse der Fragebögen und Tests auffällige Neurotizismuswerte ergaben und auf eine starke Neigung zu Angststörungen und Depressionen hinwiesen und das alles Hinweise auf eine "internale Störung" seien.
Und weil das Selbstwertgefühl in der Pubertät wohl nochmal sehr in Wanken geraten würde, sollte man da unbedingt vorher schon eingreifen.
Bis dahin kann ich dem noch ganz gut folgen, und darum bin ich der Empfehlung auch nachgekommen und wir haben eine Psychologin gesucht.

Als mögliche Ursache wurde allerdings gesagt, dass man in der frühen Kindheit schauen müsste (idealerweise mit Hilfe einer tiefenpsychologisch arbeiteten Therapeutin) und systematisch, weil ggf eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung oder -Kommunikation zugrundeliegt. Es gäbe da auch zu wenig Ausstausch auf emotionaler Ebene.
Das passt alles meiner Meinung nach ganz und gar nicht. (was mir befragte Freunde, die uns näher kennen, auch bestätigten)
Und da beginnt mein Misstrauen zu den Psychologen.

Ich halte es nach wie vor für sinnvoll, dass meine Tochter am Selbstwertgefühl arbeitet und ggf Strategien erlernt, mit Angst und Stress und heftigen Emotionen besser umzugehen. Dass sie damit Probleme hat, haben wir ja jetzt beim Thema Matheunterricht wieder erlebt.
Da sehe ich als Laie aber eher einen verhaltenstherapeutischen Ansatz.
Aber ich bin eben nur Laie.
Die Schulpsychologin, bei der wir neulich wegen des aktuellen Matheproblems und der immernoch aktuellen Schulunlust waren, meinte dazu, der Ansatz sei im Grunde egal, beides könne und würde ihr helfen.
Auch sie meinte aber nach den Ergebnissen der Fragebögen (dort hatte Kind nochmals welche zu den Themen Selbstwert, Angst und Depression ausgefüllt), sollten wir nach einer Therapiemöglichkeit schauen.

Wie Katze schon sagte, habe ich aber bisschen die Sorge, dass bei falschem Ansatz bzw unpassender Therapie/Therapeutin das Kind womöglich eher kränker als gesünder gemacht wird.
Dass sich dann womöglich Probleme manifestieren, die sie eventuell selbst auf natürliche Weise in den Griff kriegen könnte.
"Neurotizismus" ist für mich auch nicht anderes als (ungereifte) Hochsensibilität.
Und "internale Störung" heißt für mich, dass sie noch nicht ausreichend gelernt hat, ihr intensives Innenleben auf gesunde Weise auszudrücken.
Aber da sehe ich Fortschritte. (bspw ihre kleinen Filmchen, ihr zerstochenes Wutkissen)

Aber ich weiß überhaupt nicht, was die Pubertät da wirklich noch an Zusatzproblemen bringen könnte. Es sind ja jetzt schon mehrere Psychologen, die damit "gedroht" haben.
Ich selbst kann mich übrigens an keine größeren Problem mit und während der Pubertät erinnern. Aber damals war hier auch gerade die Wende und meine Familie aktiv beteiligt. Die äußeren Umstände hielten uns alle ziemlich in Atem. Da war vielleicht einfach zu wenig Zeit & Gelegenheit für Pubertätsdramen.
Ich weiß nur, dass ich zwischen 11/12 und 14/15 auch als Junge rumgelaufen bin und mir damals endlos viele Gedanken um alles mögliche gemacht habe.
Und ein paar Mal habe ich - relativ harmlos - mich mit einem Zirkel auf dem Handrücken durch Herumkratzen selbst verletzt, vor allem immer dann, wenn es Streit mit meiner 7 Jahre älteren Schwester gab, der ich mich hilflos ausgeliefert gefühlt habe. (sie hat mich tw richtig gemobbt) Ich wusste damals einfach nicht wohin mit meiner Wut und meinem Frust.
Da wurde aber kein großes Ding draus gemacht und das kam auch nur so maximal 2, 3 mal vor. Das war so etwa im Alter meiner Großen jetzt.

Ich schwanke halt momentan zwischen der Annahme, dass sich das alle ggf von allein reguliert (was ich durchaus für möglich halte, zumal meine Tochter ja volle Unterstützung und abgesehen vom fehlenden Vater eine heile Großfamilie um sich hat) und der Möglichkeit, dass ich das womöglich einfach (noch?) nicht richtig einschätzen kann, was da noch auf uns zukommt und nichts versäumen will.

Rabaukenmama hat geschrieben:
Ob der Therapeut bzw. die Therapeutin passend ist kann dir deine Tochter selbst sagen. Natürlich ist das Erstgespräch mit Dir und wenn du ein ungutes Gefühl hast dann musst du deine Tochter ja gar nicht erst hinschicken. Aber wenn du glaubst, dass es passen könnte, dann vereinbare erst mal 2-3 Einheiten und richte dich dann nach deiner Tochter ob sie dabei bleiben will.


Die Erstgespräche waren je direkt mit mir und dem Kind gemeinsam.
Beim ersten Mal (vor 2 Jahren) war das Kind wie gesagt danach völlig verstört und wollte auf keinen Fall wieder hin.
Jetzt letzte Woche war meine Tochter vollkommen neutral und meinte, nach einem Termin könne man noch gar nichts sagen. Sie wirkte auch im Gespräch sehr gelassen.
(Als die Psychologin sie selbst fragte, warum sie ihrer Meinung nach da wäre, meinte sie übrigens: "Weil ich so ungern in die Schule gehe". Ob sie alles andere als nicht relevant empfindet, oder nur nichts dazu sagen wollte, weiß ich allerdings nicht. Da jetzt gerade Ferien sind, ist sie derzeit aber auch wieder ausgeglichen und mit sich im Reinen...)

Ich glaube, mich stört vor allem, dass die Psychologin in die gleiche Kerbe schlug wie die Begutachtungsstelle. Mir fehlte da die Offenheit, dass die Ergebnisse der Fragebögen auch andere Schlussfolgerungen zulassen.
Ich hätte an sich auch gesagt, dass meine Tochter da jetzt noch paar Mal allein hingehen solle (bis zu 5 Terminen sind zum "Beschnuppern" vorgesehen) und dann zu entscheiden.
Aber dazu sagte die Psychologin ja, dass wir uns bitte gut überlegen sollten, ob wir wiederkommen und weitermachen, denn falls ggf bei den Terminen "was aufgerissen" wird, ein Abbruch dann sehr ungut wäre.
Das klang so bisschen wie: alles oder nichts, entscheiden Sie das bitte jetzt, sonst droht Gefahr.
Das schreckt mich jetzt ehrlich gesagt ziemlich ab.
Ich finde das nicht gerade vertrauenserweckend.
Und auch nicht, dass sie mit Zweifeln ein Problem hat. Da bin ich der Meinung, dass es ihre Aufgabe ist, die auszuräumen und sie nicht verlangen kann, dass ich sie ohne ihr Zutun einfach ablege.
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Re: Therapeutensuche

Beitragvon charlotte12 » Di 21. Jul 2020, 19:20

Und auch nicht, dass sie mit Zweifeln ein Problem hat. Da bin ich der Meinung, dass es ihre Aufgabe ist, die auszuräumen und sie nicht verlangen kann, dass ich sie ohne ihr Zutun einfach ablege.

Ich kenne mich mit Psychologen überhaupt nicht aus, kenne ähnliches aber aus Arzt-/Zahnarzt-Praxen. Dass man gefälligst Vertrauen haben soll. Für mich war das ehrlich gesagt jedes Mal Grund genug zu flüchten. Ich sehe das auch so - die Zweifel verschwinden und das Vertrauen wächst von alleine, wenn man das Gefühl hat, das Gegenüber hat die Sache im Griff. Das ist ein Gefühl, das kann und sollte man nicht einfach steuern. Man kann Zweifel eine Zeitlang bewusst unterdrücken, aber das schwelt weiter. Im Nachhinein hätte der Zahnarzt damals bei mir fachlich gesehen sogar recht gehabt, der Kinderarzt komplett unrecht, und der HNO-Arzt - weiß ich bis heute nicht. Aber so etwas ist keine Arbeitsbasis, auf mich wirkt das unglaublich überheblich, so nach dem Motto "ich schlau, du doof, höre auf zu denken, glaub einfach unbesehen alles, was ich mache". Mein erster Vorgesetzter sagte immer zu mir "Unterdrücke nie dein ungutes Gefühl. Dieses Gefühl, dass sich die Nackenhaare aufstellen, musst du ernst nehmen. Der Grund ist häufig, dass du unbewusst wahrgenommen hast, dass irgendetwas nicht stimmt. Halte bewusst inne, höre in dich hinein und überlege intensiv, was es sein könnte."
Zuletzt geändert von charlotte12 am Di 21. Jul 2020, 19:30, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Therapeutensuche

Beitragvon sinus » Di 21. Jul 2020, 19:23

charlotte12 hat geschrieben:
Aber so etwas ist keine Arbeitsbasis, auf mich wirkt das unglaublich überheblich, so nach dem Motto "ich schlau, du doof, höre auf zu denken, glaub einfach unbesehen alles, was ich mache".

Ja, das trifft es.

Und da sie vermutlich gemerkt hat, dass das bei uns nicht ganz so einfach geht, hat sie uns durch die Blume zu verstehen gegeben, dass wir am besten gar nicht wiederkommen sollten.
So kam das jedenfalls letzten Endes bei mir an.
Allerdings kann das auch völlig falsch sein und ich interpretiere viel zu viel hinein...

Ich werde trotzdem jetzt dort absagen und hoffe auf den Termin nächste Woche in der anderen Stadt.
(und im September/Oktober rum könnten wir auch nochmal bei einer anderen Praxis vor Ort eine Chance haben.)
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