Lesenswert zwei

Hochbegabung geht oft mit Wahrnehmungesstörungen Hand in Hand

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Beitragvon sinus » Sa 5. Okt 2019, 17:37

Das Buch:
Lorenz Wagner "Der Junge, der zu viel fühlte".

Ich hab es eben ausgelesen und fand es in vielerlei Hinsicht sehr interessant.
Ich habe viele Eigenschaften/Verhaltensweisen meiner Tochter gefunden, die bei ihr, ohne dass sie eine "Störung" hat, durchaus vorkommen und wo ich auch Ansätze mitnehmen konnte, wie man ggf. besser damit umgehen könnte.
Bei ihr nennt sich das wohl noch "Hochsensibilität". Früher hab ich aber tatsächlich immermal wieder gedacht, dass sie evtl ein Aspergerkind ist... Zum Glück hat sich inzwischen einiges davon schon "verwachsen".

Ich fand die These spannend, dass die rasante Zunahme von Diagnosen wie ADHS und Autismus nicht nur mit aufmerksamere Beobachtung, Giften u.ä. zu tun haben könnte, sondern womöglich mit der heutigen Welt zu tun hat, die schlechter zu Menschen mit diesen Anlagen passt. Bei ADHS ist diese These nicht so neu, aber bei Asperger hatte ich das noch nicht gehört/gelesen/erwogen.
Der Forscher Markram meint, dass man den Ausbruch von Autismus ggf verhindern oder mildern könnte, wenn man in den ersten Lebensjahre bestimmte Bedingungen schafft. (-> wenig Reize, damit Ängste und letztlich Rückzug oder Anfälle aus Überforderung der hypersensiblen Sinne gar nicht erst entstehen.)

Laut ihm stehen in den ersten Lebensjahren bei den Betroffenen zwei Antriebe im Widerstreit: einerseits der Forscherdrang, die Neugier auf Neues und Erfahrungen, was eine Anlage in uns allen ist, um das Lernen und sich Entwickeln zu ermöglichen.
Und bei den hypersensiblen Autisten die Schutzmechanismen, um mit der zu lauten, zu bunten Welt umzugehen.
(krampfhaftes Festhalten an Ritualen, Rückzug)
Seiner Meinung nach könnte man bei dem Schaffen optimaler Bedingungen in der sensiblen Phase zwischen 0 und 6 Jahren und mit richtig dosierten Erfahrungen womöglich den Autismus positiv beeinflussen...
Vielleicht wurden/werden potentielle Autisten keine Autisten, wenn sie in einer ruhigen, reizarmen, naturnahen und nicht überbevölkerten, technisierten Welt ihre ersten Lebensjahre verbringen. (Wie Markram selbst, der in der Kalahari aufwuchs und als Erwachsener zwar autistische Tendenzen zeigt, aber ein normales Leben führt)
Bei Ratten weisen Versuche jedenfalls darauf hin, dass das autistische Verhalten autistisch geborener Ratten mit reizarmer, vorhersehbarer Umwelt verschwinden kann.

Einen interessanten Absatz aus dem Buch möchte ich noch zitieren der sehr schön zu den aktuellen Ereignissen passt (-> Greta):
"Lebendige Gebilde, also auch der Mensch, verändern sich langsam. Sie brauchen dafür interne Veränderter, Späher, die das Gesamte an neue Plätze führen. Es gibt einen wissenschaftlichen Namen für dies Veränderter, einen Namen mit schlechtem Klang: Mutationen.
Sie sind die, die sich verändern, die anders sind als der Rest, nicht normal.
Damit sind sie erst einmal ein Ärgernis für das System: sie fügen sich nicht ein. Aber auf lange Sicht sichern sie das Überleben. Sie sind die Alternative, sind die Späher, die sich ins Unbekannte hineinwagen. (...) Autisten sind anders, Sie sind eine Chance für das System, die Gesellschaft."


Allein allem war das Buch erstens sehr schön und spannend zu lesen, denn es ist die Lebensgeschichte des Hirnforschers Markrams und seines autistischen (übrigens nicht höher begabten, sondern entwicklunsgverzögerten) Sohnes.
Zweitens hab ich ab und an ein bisschen mein Kind darin gefunden.
Und drittens waren für mich wirklich viele interessante Denkanstöße drin.
sinus
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Re: Lesenswert zwei

Beitragvon sinus » Sa 5. Okt 2019, 18:44

sinus
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Re: Lesenswert zwei

Beitragvon sinus » Sa 5. Okt 2019, 20:01

...noch ein ergänzender Gedanke, ausgehend vom verlinkten Artikel. Insbesondere dieser Aussage:

Das Gehirn der meisten Autisten lernt sehr schnell, es speichert und erinnert viel effektiver als das normale Gehirn, es läuft ständig auf Hochleistung – deshalb aber reagiert es auch zu stark auf Reize, und es erinnert zu viel. Vor allem schlechte Erfahrungen, die vergisst es nie. Das führt zu vielen Mikrotraumata.


Die größere Vorsicht und "Ängstlichkeit" im Vergleich zur Altersgruppe, die ja bei Hochsensiblen und nicht wenigen Hochbegabten beobachtet wird, könnte seine Ursache ja auch nicht nur in größerer Vorraussicht und mehr Gefahrenbewusstsein haben, sondern in intensiver erlebten (negativen) Erfahrungen und besserem Gedächtnis.
Quasi als "Mikrotraumata", die sie viel vorsichtiger und ängstlicher werden lassen...?

Bei meiner älteren Tochter habe ich diese Vorsicht bisher immer auf größeres Gefahrenbewusstein zurückgeführt. Aber der andere Ansatz passt auch... definitiv ist sie hochsensibel und hat dazu ein ungewöhnliches Gedächtnis.

Das hat mir schon öfter zu denken gegeben, was meine "Erziehungsfehler" betrifft. Sie vergisst nichts Gemeines, was ich je zu ihr gesagt habe, weiß noch genau, wann ich mal ungerecht zu ihr war...
Sicherlich geht es ihr also im sozialen Umgang ähnlich.
Und eventuell ist das AUCH ein Grund für Rückzug und nicht auffallen Wollen und warum sie nicht gern im Mittelpunkt steht (wie wohl auch viele andere Hbs)
Zu viele Erfahrungen, die sehr intensiv empfunden und nicht vergessen wurden... Vermeidung weiterer davon...
sinus
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Re: Lesenswert zwei

Beitragvon unwissende-neu » Di 22. Okt 2019, 09:11

Ich fand die These spannend, dass die rasante Zunahme von Diagnosen wie ADHS und Autismus nicht nur mit aufmerksamere Beobachtung, Giften u.ä. zu tun haben könnte, sondern womöglich mit der heutigen Welt zu tun hat, die schlechter zu Menschen mit diesen Anlagen passt. Bei ADHS ist diese These nicht so neu, aber bei Asperger hatte ich das noch nicht gehört/gelesen/erwogen.
Der Forscher Markram meint, dass man den Ausbruch von Autismus ggf verhindern oder mildern könnte, wenn man in den ersten Lebensjahre bestimmte Bedingungen schafft. (-> wenig Reize, damit Ängste und letztlich Rückzug oder Anfälle aus Überforderung der hypersensiblen Sinne gar nicht erst entstehen.)


hm, ich denke es gibt viele Faktoren und die Wahrheit liegt im Gemisch aus allem ( so meine persönliche Ansicht):

1) bei uns in der Familie ist ADS und alle formen von Autismus seit dem 2. Weltkrieg belegt. Da wir scheinbar ein Genbedingtes Problem haben, haben wir hier intensiv versucht nachzuforschen. Es gab allerdings auch häufig anderslautende Diagnosen. Schwachsinn und Schizophrenie vielen damals viel häufiger. ( Man wundert sich, wie lange die Diagnose "Schwachsinn" gestellt wurde). Ich bekam in den 80igern die Diagnose MCD. Die gibt es heute auch nicht mehr. Da sie mittlerweile vom Kategoriesieren und Speziallisieren wieder weg gehen ( Asperger und Kanner wird ja bald auch nicht mehr unterschieden, sondern heißt nun Autismus Spektrum Störung) könnte ich mir vorstellen, das ADS eventuell auch irgendwann man mit Autismus in eine Obergruppe zusammengefasst wird. Die Fachärzte haben schwierigkeiten mit der Medikation. Mein ADS Kind bekommt Off-Lable Medimantente die nur für ASS zugelassen sind und mein ASS Kind, ein Off-Lable Medikament, welches für nur ADS zugelassen ist. Außerdem sind die Übergänge gleitend.
Durch die vielen Diagnosen ging es in den Staistiken verloren.

2) Meine Kinder waren total Begeistert aus einer Projektwoche der Schule zurückgekommen. Im Schulmuseum haben sie erlebt, wie Schule früher war. - Komentar: das war viel leichter, viel leiser und alles hatte seine Ordnung.
Wenn ich mal in der Schule bin, bin ich von dem gewusel und der Lautstärke auch erschlagen. ( und die Lehrer sehen auch so aus). Ich glaube etwas mehr Struktur würden auch neurotypische Kinder häufig ganz gut tun.

3) Nicht jeder musste Checkheft gepflegt sein. Da fragte keiner nach, ob man mit 10 oder mit 14 Monaten lief. Das war dann einfach so. Meine Mutter meinte, es gab damals viel mehr Kinder die einfach später eingeschult worden sind. ( Sie auch).

4) Da bei uns auf dem Dorf Klassenübergreifend unterrichtet wurde, gab es keine Probleme ( und vorallem keine Anträge und Konferenzen) die Aufgaben der anderen Jahrgangsstufen mitzumachen. Sowohl nach oben als auch nach unten. Differenzierung ist nur ein neues Wort kein neues Konzept. Nur das es nun mit viel Kram und Aufwand verbunden ist. Auch historisch belegt ist es ja, dass z.B. Einstein die Aufnahmeprüfung zum Studium nicht geschafft hat, er ist in Französisch ( glaub ich, auf jedenfall die 2. Fremdsprache) durchgefallen. Ein Professor hat sich dann eingesetzt, dass er studieren konnte und des nur nachzuholen hatte. - Heute undenkbar ohne viel trara. Ähnlich war es bei Albert Schweizer, dem auch einfach Freiheiten zugesprochen wurde. Heute gibt es Gesetze, Verordungen etc. die es schwierig machen.

5) Es gibt keine Statistik die zeigt, wer einfach nicht beschult wurde, weil es nicht so klappte, wie es klappen sollte.

So glaube ich nicht nur an der oberen These, sondern bei uns ist es in der Familie deutlich. Die "schweren" Autisten waren häufig mit anderen Diagnosen in Heimunterbringung. Auch intelligenzgeminderte oder Inselbegabte, hatten es leichter. Ein Großonkel war Uhrmacher, seine Frau machte den Kundenverkehr und er war nur in seinem Zimmer und bastelte. Schulbildung hatte er kaum, aber die Möglichkeit zu arbeiten, da Abschlüsse nicht unbedingt Voraussetzung waren. Ebenso gab es einen vermutlichen Kanner der als Gärtner arbeitete, und einen Inselbegabten der Oldtimer Flugzeuge an einem kleinen Flughafen reparierte ( hier hieß es, er wäre eher sowas wie das Maskottchen der Firma, aber keiner hatte soviel Wissen über alte Flugzeuge und Motoren).

Da die Welt damals oftmals einfach viel mehr Routinen hatte, jeden Tag das gleiche gemacht wurde, fehlende Elektrik verhinderte nicht nur Reizüberflutungen sondern auch den Tag / Nachtrhythmus vorgab, denke ich schon, dass ASS und ADS Menschen es einfacher hatten. Oftmals hatten sie auch sehr gute Berufschancen, da andere Menschen häufig in der Maschinerie mitliefen und sie in der Lage waren auszubrechen und ihre eigene Wege zu machen. Da bot es auch Chancen.

Boah, sry länger geworden als ich wollte *lach*
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