Idiosynkrasien Hochbegabter

Hochbegabung geht oft mit Wahrnehmungesstörungen Hand in Hand

Idiosynkrasien Hochbegabter

Beitragvon sinus » Mi 3. Jun 2020, 16:43

...bei Brackmann las ich gerade, dass nicht nur bei Autisten, sondern auch bei hoch-, insbesondere bei höchstbegabten Idiosynkrasien gehäuft auftreten.
Sie beschreibt da diese so:

"spezielle Vorlieben für bestimmte Objekte, taktile Empfindungen, Geräusche oder auch Worte, Formulierungen und Zahlen;
andererseits starke Abneigung gegen manche Nahrungsmittel, Kleidungsstücke, Geräusche, Gerüche, Materialien oder auch bestimmte Worte, Redewendungen und Gesten"

Ich denke ja, dass nahezu jeder Mensch sowas hat, bspw das Geräusch von Kreide auf der Tafel finden ja viele unangenehm ist oder aneinanderreibendes Styropor.
Oder wer liebt es nicht, über Samtstoffe zu streichen?

Bei meiner Tochter ist mir das aber in der Tat schon aufgefallen, dass sie einige solche "seltsamen" Vorlieben/Abneigungen hat, die ich nicht immer ganz nachvollziehen kann.
Sie hat bspw eine Knopfphobie (ok, zukünftig nenn ich das dann Idiosynkrasie), empfindet regelrecht Ekel beim Anblick von Knöpfen, umarmt mich nicht, wenn ich ein Kleidungsstück mit Knöpfen anhabe (sie mag nichtmal hin gucken?), erträgt Bettwäsche und Kleidung mit Knöpfen schon seit dem Kleinkindalter nicht und allein das Wort findet sie abstoßend. (allerdings nur das deutsche Wort, nicht das englische)
Und bei Nahrungsmitteln ist sie nach wie vor äußerst wählerisch. (mehr als alle anderen Kinder, die ich kenne.)
Im Alltag erlebe ich es auch immermal, dass sie sagt, sie liebt bestimmte Geräusch so sehr. Bspw das Öffnen von Klettverschlüssen. Oder das Abziehen von Malerkreppband. Es gibt da noch einiges anders, fällt mir nur gar nicht ein. Sie reagiert darauf mit wohligem Schauer und hört sich das dann auch gern immer wieder an.


Ich frage mich, woher das kommt. Ob es mit sehr frühen Wahrnehmungen im Babyalter und dem ungewöhnlichen Gedächtnis zu tun hat, dass sie in der Phase damit irgendwelche positiven/negativen Erfahrungen/Erlebnisse verknüpft haben?
Gerade bei den Knöpfen hab ich da immermal schon drüber nachgegrübelt, ob meine Tochter da im Babyalter evtl. mal ein unschönes Erlebnis hatte. (Sie hatte mit so 3-5 Monaten eine auf Anregungen aus dem PEKIP selbst gebastelte "Knopfkette" zum Spielen)

Wie siehts bei euch/euren Kindern aus?
Gibts da auch sowas?
sinus
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Re: Idiosynkrasien Hochbegabter

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Mi 3. Jun 2020, 17:04

Ich glaube nicht, dass es einen Zusammenhang zwischen Begabung und diesem Phänomen gibt. Vielleicht machen die Begabten, die eher zur Selbsreflexion neigen, sich mehr darüber Gedanken als der Rest der Welt. Komische Vorlieben und Abneigungen gibt es immer und überall. Die Abneigung gegen Knöpfe st vielleich nicht so weit verbreitet wie die gegen Spinnen und Schlangen, aber keinesfalls ist sie sehr selten. Ich mag einige Geräusche nicht, bin generell sehr lärmempfindlich, einige meiner Kinder auch, aber nicht so dramatisch, dass es den Alltag beeinträchtigen würde.
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Re: Idiosynkrasien Hochbegabter

Beitragvon Meine3 » Mi 3. Jun 2020, 18:02

Jo,

Ich sehe das spontan eher wie Katze. Ich denke jeder Mensch hat Macken, aber „normal“ Begabte denken darüber nicht groß nach :fahne: :lol:. Zumindest nicht über ihre eigenen...

Ich kenne solche Macken sehr von mir: Etiketten in Kleidung am Nacken. Ich hasse sie. Und: ich bekomme davon auch unvwrhältnismäßig schnell eine Wunde Stelle, wenn ich es versäume das Zettelchen herauszuschneiden. Ich mochte auch ein bestimmtes Wort nie. Ich Magd hier auch nicht schreiben 8-) , Ist immer noch so. Und wenn es jemand sagt oder ich es lese, dann ekel ich mich auch oder eher schäme ich mich. Weniger Ekel eher ein Schamgefühl. Allerdings ist es wirklich das WORT. Alle anderen Wörter für diesen Begriff sind okay. Ich habe also kein Problem mit der Sache an sich. Es ist der Klsng des Wortes. Andererseits gibt es Worte, die ich sehr mag. Z.b. Wind.

Ich habe schon immer sehr viel an meinen Händen gerochen und bin da sehr geruchsempfindlich, aber auch Taktil/sensorisch. Ich finde es schlimm, wenn meine Hände kleben oder schwitzen oder dreckig sind, ich wasche oft Hände. Grade jetzt ja aber eher von Vorteil. Offene Schranktüren und Schubladen machen mich nervös und einige Geräusche treiben mich in den Wahnsinn, andere liebe ich...

Mein Mann hat auch ein paar solcher liebenswerter Macken. Er kann keine Watte anfassen und alles mit Blut ist auch ein Problem. Er hasst das Geräusch knallender Türen. Soll ich weiter machen?

Und nur so als Info: wir sind beide nicht neurotisch und kommen gut durch den Alltag :mrgreen:. Zugegebenermaßen ist auch mein Mann recht sicher in vielerlei Hinsicht sehr sensibel....

Diese Eigenheiten machen uns aber doch auch aus, ich finde das sehr spannend.

Ich werde aber mal nachdenken ob es bei offensichtlich normal begabten, nicht hochsensiblen Menschen ebenfalls solche Macken gibt, die mir aufgefallen sind... ;) oder mir nur kauzige Leute einfallen, die gleichzeitig auch fix in der Birne sind.

Grüße

Meine3
Es kann sein, dass nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält, denn er kann irren, aber in allem, was er sagt, muss er wahrhaftig sein.
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Re: Idiosynkrasien Hochbegabter

Beitragvon Rabaukenmama » Mi 3. Jun 2020, 18:43

Ich denke auch dass es kein auf Hochbegabte und Autisten beschränktes Phänomen ist. Vielleicht tritt es bei Hochbegabten und Autisten häufiger auf als bei durchschnittlich begabten und neurotypischen Menschen. Aber nicht mal das kann ich abschätzen. So bin ich z.B. Mutter von zwei Autisten, die nicht mehr als ein paar "ganz normale" Macken haben.

Mein älterer Sohn ist ziemlich empfindlich in Sachen Kleidung. Alles muss bequem sein, einengen geht gar nicht. Dass mein Sohn in den letzten 2 Jahren ein ziemliches Pummelchen geworden ist macht z.B. die Suche nach Hosen schwierig. So trägt er z.B. nur Jeans von einem ziemlich teueren Kinder-Versandhandel mit "Bequembund". Normale Jeans, auch wenn sie weit geschnitten sind, lehnt er ab. Und da ich nicht will, dass er mit Jogginghosen in die Schule geht, kaufe ich halt die teuren Jeans (mehr für mich als für ihn) :P . Beim Essen ist ihm schnell mal was zu heiß, auch wenn alle anderen es nur als warm empfinden. Aber das war es dann auch schon. Zumindest subjektiv sehe ich bei ihm als diagnostizieren Autisten und zumindest einer nachgewiesenen Teilleistungsstärke nicht mehr Idiosynkrasien als bei neurotypischen Kindern.

Mein jüngerer Sohn ist ja ebenfalls autistisch und ist außerdem gehörlos. Der hat wirklich einige "special effects", aber keine ungewöhnlichen Idiosynkrasien. Er mag (im Gegensatz zum Bruder) sehr gern gekitzelt werden und intensiver Körperkontakt (kuscheln) ist ihm wichtig. Aber das kenne ich auch bei vielen NT-Kindern. Aber als er kleiner war hatte er immer wieder mal Angst vor gewissen Objekten. So hat er mit ca. 3 Jahren in der Adventszeit verweigert, das Wohnzimmer zu betreten. Wir haben einige Zeit benötigt um dahinter zu kommen, dass er Angst vor dem Adventskranz hatte. Interessanter Weise stand auch in seinem Kindergarten ein Adventskranz auf dem Tisch, der ihn aber nicht geängstigt hat (oder er hat es dort nicht so gezeigt). Und der ältere Bruder hatte mit ca. 4 Jahren mal Angst vor der Digitaluhr, weil die einen "bösen Nuller" hat, der ihn haut und beißt und ärgert, wenn ich nicht hinschaue. Wobei ich darin keine Idiosynkrasien sehe, sondern Ängste durch kindliche Phantasie, von denen ich auch bei neurotypischen Kindern schon viel gehört habe. Aber das waren alles nur Phasen, die längst vorbei sind. Heute bekommt keines meiner Kinder mehr unangenehme Gefühle wegen eines Adventkranzes oder einer Digitaluhr.

Bei mir selbst fällt mir auch nichts ungewöhnliches ein oder auf. Ich habe weder eine starke Abneigung noch eine besondere Vorliebe für bzw. gegen bestimmte Geräusche, Gerüche oder Materialen. Aber ich bin insofern "normal" dass ich mich bei Fäkalgeruch ekle und bei leckerem Geruch von Essen positive Empfindungen haben. Ich mag keine auf der Tafel quietschende Kreide aber höre gern bestimmte Musik.

So etwas wie eine Knopf-Idiosynkrasie ist ja zumindest etwas ungewöhnlich weil Knöpfe in den Köpfen der meisten Menschen neutral besetzt sind. Was vergleichbares kenne ich aber bei keinem von uns, obwohl ich hochbegabt bin und meine Jungs beide eine gesicherte Autismus-Diagnose haben.
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)
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Re: Idiosynkrasien Hochbegabter

Beitragvon Auguste » Mi 3. Jun 2020, 21:00

Bei meinem Sohn fällt mir jetzt nichts ein, was man als Idiosynkrasie bezeichnen könnte - wobei, das "Zettelproblem" bei Kleidung hat er auch ;)

Meine Tochter mag keine Speisen mit "Mischkonsistenzen" essen. Sie isst z.B. keine Konfitüre mit Fruchtstücken. Nur diese komplett pürierten Brotaufstriche - oder eben das Obst vom Stück zum Abbeißen. Sie isst auch nicht gern Eintopf. Das Problem hatte sie seit sie anfing feste Nahrung zu sich zu nehmen. Die ersten Breie waren kein Problem, da komplett püriert. Wenn Stückchen drin waren, hat sie sofort gewürgt und es ausgespuckt. Wir haben also auch die stückigen Breie extra püriert und dann hat sie das problemlos gegessen. Wir haben es damals darauf geschoben, dass unsere Tochter noch keine Zähne hatte - den ersten Zahn hat sie erst zwei Wochen vor ihrem ersten Geburtstag bekommen. Nun hat sie alle Zähne und das Problem ist immer noch da ;)

Ich habe auch ein Wort, was ich nicht mag und innerlich zusammenzucke, wenn ich es höre oder lese. Selbst benutze ich dieses Wort auch niemals.

Dass das nun mit einer Begabung zusammenhängt, glaube ich nicht. Ich denke, dass jeder seine kleinen "Macken" hat, die einfach Teil seiner Persönlichkeit sind.
Auguste
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