Teil-Hochbegabung in Deutsch? Aber was bloß damit anfangen?

Mathematik, Musik, Kunst - alles zu spezieller Hochbegabung

Teil-Hochbegabung in Deutsch? Aber was bloß damit anfangen?

Beitragvon Gipfel » Sa 16. Dez 2017, 17:11

S.g. Damen und Herren,

mein Sohn ist nun 25 und hat drei Ausbildungen aufgrund defizitärer Leistungen in Mathematik abgebrochen. Bereits in der Hauptschule und auch später in den abgebrochenen höheren Schulen wurde er in Deutsch durchgehend mit sehr gut bewertet, in Mathematik hingegen erlangte er mit viel Unterstützung und viel Nachhilfeunterricht in der Hauptschule nur knapp ein Genügend, später durchgehend negative Beurteilungen.

Auch was die räumliche Orientierung anbelangt, tut er sich extrem schwer. (er findet ohne Handy-App nirgendwo hin bzw. nicht mehr zurück). Er wurde mehrmals im Krankenhaus durchgecheckt, zwei Schädel-MRTs waren völlig unauffällig, es ist also organisch alles in Ordnung…

Wobei anzumerken gilt, dass er eine Frühgeburt ist und wir vermuten, dass er infolge dessen in Mathematik eine gewisse Einschränkung aufweist…

Er hat zwei IQ-Tests absolviert, der Gesamt-IQ schwankt zwischen 90 und 93, also noch im normalen Bereich, doch im Bereich des Sprachverständnisses hatte er beim ersten Test einen Prozentrang von 95, beim zweiten einen PR von 97.

Ihn interessiert Mathematik auch überhaupt nicht, er vertieft sich primär in seine Bücher, lernt Latein und hat schon als jugendlicher immer recht anspruchsvolle Literatur (Kafka, Tolstoi, Kant, Popper, Thomas Mann usw.) gelesen. Er ist total eigen, Freunde hat er keine, auch kein Interesse an Mädchen, seine „Welt“ besteht aus Büchern und dem Verfassen von Kurzgeschichten.

Seine Schwester hingegen hat sich völlig normal entwickelt, hat nun ihren Master absolviert und arbeitet gerade an ihrer Dissertation.

Danke für die Hilfe!

MfG Gipfel
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Re: Teil-Hochbegabung in Deutsch? Aber was bloß damit anfangen?

Beitragvon Rabaukenmama » Sa 16. Dez 2017, 21:38

So, wie du das beschreibst, hat dien Sohn sowohl Teilleistungsstärken (deutsch) als auch Teilleistungsschwächen (in Mathematik). Das ist so gar nicht so ungewöhnlich. Vielleicht findet er einen Schul- oder Ausbildungsweg, wo er mit möglichst wenig Mathe auskommt, oder eine Schule mit toleranten Lehrern. Eventuell kann ihm bei nachgewiesener Dyskalkulie auch ein Nachteilsausgleich gewährt werden, einen Versuch ist es jedenfalls wert.

In einem Buch von Remo H. Largo (ich glaube es war "Schülerjahre" habe ich mal von einem Jugendlichen mit ganz passablen Gymnasiumnoten gelesen, der ein extrem schlechtes räumliches Vorstellungsvermögen hatte und entsprechend schlechte Leistungen in Geometrie. Der Lehrer kam sich provoziert vor, weil er meinte, so wenig KÖNNE man doch gar nicht verstehen. Aber eine Testung zeigte, dass die Leistungen des Jungen wirklich deutlich unterdurchschnittlich waren. Auch die Eltern des Jungen erklärten sich bereit, ihr eigenes räumliches Vorstellungsvermögen austesten zu lassen, und bei einem Elternteil (ich glaube, es war der Vater) war das Ergebnis genauso schlecht wie beim Sohn. Offensichtlich gibt es auch für solche Schwächen oder Fähigkeiten eine erbliche Komponente. Jedenfalls war der Lehrer, nachdem er diese Ergebnisse mitgeteilt bekam, deutlich nachsichtiger mit dem Jungen und es reichte, wenn er sich ehrlich bemühte.

Im selben Buch war auch von einem Bankdirektor die Rede, der fließend 4 Sprachen beherrschte, aber so wenig Orientierungssinn hatte (und außerdem keine Pläne lesen konnte) dass er in fremden Städten überall ein Taxi nehmen musste.

Es wird sich nicht feststellen lassen, was genau die Ursache für die Teilleistungsschwäche deines Sohnes ist. Frühgeburt ist zwar möglich, aber muss es nicht sein. Nur hilft in dem Fall Ursachenforschung ohnehin nichts, weil es um individuelle Wege geht, nicht darum, herauszufinden, wer oder was "schuld" daran ist.

Das Problem in unserer Gesellschaft ist nicht, dass es Teilleistungsschwächen gibt, sondern dass das ganze Schulsystem homogene Leistungen erwartet. Wenn ein Kind in Sprachen super ist, aber in Mathe grottenschlecht, wird nicht etwa die starke Seite (Sprachen) gefördert, sondern alle Energie darauf verwendet, das Kind in seinem schwächsten Gegenstand irgendwie "durchzubringen". Das ist für alle Beteiligen frustrierend. Wer macht schon gerne etwas, was ihm keinerlei Spaß macht, und von dem er genau WEISS, dass er es nicht gut kann? Die Zeit, die das Kind darauf verwenden könnte, seine Stärken auszubauen, geht für das ausmerzen der Schwächen drauf, und im schlechtesten Fall kommt gar nix raus, weil der Frust zu groß wird.

Ich würde deinem Sohn raten, sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Wenn er gerne Kurzgeschichten schreibt, soll er das tun. Wenn die Begabung nicht ausreicht, um hauptberuflich Autor zu sein, gibt es noch etliche Berufe, wo Mathekenntnisse nicht bzw. nur peripher erforderlich sind. Das ist z.B. im beratenden Verkauf, wo es etliche interessante Themenbereiche gibt, von Wohnungsmakler über Autoverkäufer bis zum Verkäufer in einer Bücherfachgeschäft. Es gibt noch eine ganze Reihe Lehrberufe, wo kaum bzw. gar kein Mathe notwendig ist, vom Bäcker bis zum Floristen. Aber da sollte schon zumindest ETWAS Interesse an der Materie da sein.

Und wenn dein Sohn Literatur liebt, kann durchaus auch ein Studium in diese Richtung (z.B. Germanistik oder vergleichende Literaturwissenschaft, Phililogie, Romanistik,Puplizistik...) interessant für ihn sein. Der Weg dorthin wäre mMn über eine Studienberechtigungsprüfung für das Wunschfach einfacher, weil da im Gegensatz zur Matura oder Berufsreifeprüfung kein Mathe benötigt wird. Die Studienberechtigungsprüfung kann auch berufsbegleitend gemacht werden, falls dein Sohn seinen Lebensunterhalt selbst verdienen will bzw. muss.

Lg und alles Gute!
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)
Rabaukenmama
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