Geigenkinder

Mathematik, Musik, Kunst - alles zu spezieller Hochbegabung

Re: Geigenkinder

Beitragvon sinus » Fr 27. Sep 2019, 00:24

charlotte12 hat geschrieben:Haben eure "Geigenkinder" auch Durchhänger? Wie heftig und anhaltend müssen diese sein, damit ihr die ganze Aktion abbrecht? Hab hier gerade ein streikendes fast neunjähriges Geigenkind, das aber auch insgesamt zu nichts Lust hat, zu nichts außer Lesen, am liebsten den kompletten Tag lang. Ausflüge, Spielplatz, die Kinder auf der Straße, alles ist nur noch doof. Bin am Überlegen, ob ich die Geigenstunden streichen soll oder nicht. Sie selbst mag nicht mehr in die Geigenstunden, möchte aber auch nicht die (Leih-)Geige zurückgeben. Sie wäre für eine Geigenstunde alle drei Wochen ohne Üben... Und es ist eben nicht nur die Geige sondern irgendwie alles, egal ob Schule oder Hobby. Wobei es bei Geige besonders heftig ist. An der Lehrerin liegt es definitiv nicht, die ist unglaublich nett und hat die letzten Wochen deutlich zu spüren bekommen, dass mein Kind keine Lust hat. Ziemlich peinlich für mich und ehrlich gesagt einer der Hauptgründe, warum ich drauf und dran bin, die Stunden abzubrechen :schwitz:


Vielleicht könnt ihr was verhandeln? Frag sie doch mal, unter welchen Umständen sie dabei bleiben würde. Nur jeden zweiten Tag/an bestimmten Tagen üben, nur am Wochenende, oder nur in der Woche, in den Ferien gar nicht, aber sonst? Oder täglich nur 10 Minuten mit Zeitwecker, unabhängig davon, wie weit sie in der Zeit gekommen ist ...
Da ist doch vielleicht noch einiges möglich...?

Beim IQ-Test habe ich das Übeproblem auch geschildert und dass sie da oft so Wutanfälle bekommt. Die Psychologin riet uns, dann vielleicht nicht ergebnisorientiert zu üben (also bis die Stelle XY klappt), sondern rein nach der Uhr. Also immer 20 Minuten und dann aufhören.
Um den Druck rauszunehmen, dass etwas bestimmtes klappen muss.
(was dann zu Frust führt, wenn es eben nicht funktioniert bzw unnötig Druck aufbaut, weil man automatisch erwartet, DASS es irgendwann am selben Tag noch wirklich funktioniert)

Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Üben schlechter klappt, je mehr Verhandlungsspielraum es gibt. Also wenn ich zu oft sage: Ach, lassen wir das heute mal, und sie dann mal paar Tage (in den Ferien gern auch mal Wochen) nicht übt, ist es umso schwerer, sie dann wieder zu motivieren.
Je länger/öfter sie ausgesetzt hat, desto mehr innere Abwehr hat sie gegenüber dem Üben.
Das Üben "solle dazugehören wie das tägliche Zähneputzen" sagte mir mal ein Lehrer und ich glaube, das stimmt. Wenn von vornherein klar ist, dass täglich oder 4mal die Woche soundso lange geübt wird, gibts nicht so viel Diskussionen drum, wie wenn es mal so mal so stattfindet oder eben nicht.
(so wie es bei der Mediennutzung hier auch ist... solange es eindeutig hieß "nur am WE", gab es viel weniger Konflikte und Diskussionen, als wenn es immer wieder Ausnahmen in der Woche gibt, denn dann wird jedes mal neu gefragt und verhandelt...)

An deiner Stele würde ich jetzt erstmal mit der Lehrerin reden, falls nicht schon geschehen. Bestimmt hat sie auch noch Ideen, denn gesichert hat sie Erfahrungen mit diesem Phänomen. (das immer gern übende Kind kenne ich nahezu nur aus der Theorie bzw kenne ich nur ein Kind, was wirklich von sich aus und gern immer weder zum Instrument greift und das ist der Sohn einer Berufsmusikerin und ist jetzt auch bei den Thomanern)
Vielleicht helfen ja auch andere Stücke (öfter mal Lieder aus dem Radio/Film nachspielen, die sie mag bspw) oder vielleicht kann sie in einem Ensemble mitmachen oder so.
Eigentlich sollte die Lehrerin da doch noch einige Ideen haben.
(bei einer Freundin hat der Lehrer für ihren Sohn übrigens bei so einem Motivationsabfall von sich aus einen Lehrerwechsel als Versuch vorgeschlagen - hin zu seiner Frau, die das selbe Instrument unterrichtet, aber mit etwas anderer Methode und mehr "Händchen" für so junge Schüler. Versuch ist übrigens gelungen.)

Als zweites würde ich mich mit dem Kind hinsetzen und das alles mal in Ruhe besprechen. Auch erklären - falls dem so ist - warum und dass du es für richtig hältst, dass sie weiter macht.
Und mit ihr ausmachen, wie das ab jetzt aussehen kann. Dabei auch ihre Vorschläge einbeziehen.

Und dann, als drittes, würde ich die Umsetzung der Abmachung recht konsequent umsetzen und einfordern, also nicht ständig Ausnahmen machen. (Also wenn 15 Minuten ausgemacht sind, sollten es dann nicht doch immer nur 10 Minuten werden oder wenn 4x die Woche gesagt wurde nicht die eine Woche 4x, dann wieder nur 2x etc)

Wenn gar nichts davon geht - vielleicht ist es auch nicht das richtige Instrument? Hat sie evtl Lust auf ein anderes?

Ich würde an euer Stelle jedenfalls noch nicht aufgeben. :fahne:
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Re: Geigenkinder

Beitragvon charlotte12 » Fr 27. Sep 2019, 08:44

Danke für deine ausführliche Anwort :) Das Problem mit dem Lernen lernen sehe ich bei meiner Tochter auch. Es gibt nichts, an dem sie dranbleibt, nicht nur die Geige, wobei es da am heftigsten brodelt. Aber ich erinnere mich gerade wieder daran, wie sie nach dem letzten Lehrerwechsel mit Geigenpause die Hausaufgaben verweigerte. Wobei da jetzt kein Zusammenhang bestehen muss, der Lehrer zu diesem Zeitpunkt war auch quasi ein Großschadensereignis... Eine neue Sportart hat sie gerade angefangen, nachdem ich es über ein halbes Jahr nicht mehr geschafft habe, sie zum Schwimmen zu schleifen. Jetzt nach Stunde 3 findet sie das aber auch schon wieder nicht mehr so toll.
Ich selbst habe auch Geige gespielt und wie du erst im Schulorchester wirklich Spaß daran gefunden. Im Rückblick war die Gemeinschaft im Schulorchester im Jugendalter in schwierigen Zeiten DER Halt für mich - einer der Gründe, warum ich es so schade finden würde, wenn sie aufhört. Und einer der Punkte, bei denen ich mir unsicher bin, ob ich hier nicht gerade nur meine eigenen Träume und Wünsche auf mein Kind übertrage... Interessant, dass auch dir das Orchester so positiv in Erinnerung blieb. Ich werde wirklich mal mit der Geigenlehrerin sprechen, ob sie eine Idee zum Zusammenspiel mit anderen Kindern hat. Wobei sie definitiv noch nicht gut genug fürs Schulorchester ist. Danke für die Anregung. Üben - die letzte Lehrerin war ziemlich biestig und streng, daher wollte ich den Druck eher rausnehmen und habe mich mit meinem Kind geeinigt, dass nur an den beiden Tagen vor dem Unterricht geübt wird. Was aktuell eher zu einem Tag wird, und da besteht dann das Üben aus ein- bis zweimal Durchspielen unter Protest. Ich hatte auch schon täglich zehn Minuten hinbekommen, aber nur unter massivstem Protest und als ich dann irgendwann neben einem Kind stand, das vor lauter Weinen den Bogen kaum noch halten konnte, bin ich so vor mir selbst erschrocken, dass ich mir geschworen habe - nie wieder, das ist es nicht wert. Alleine üben, auch so ein Thema. Versuche ich gerade zunehmend. Meine Tochter tickt sowieso komplett aus, wenn ich sie im Stück korrigiere, dann bin ich so ungefähr schuld, dass das nicht klappt und nie wieder klappen wird. Ich habe mich mit ihr darauf geeinigt, dass ich am Ende des Stücks sage, was mir aufgefallen ist. Es gibt Tricks, damit sie mehr übt. Z.B. ich als Publikum mit sämtlichen Kuschentieren, die dann aus Quatsch mal einschlafen, mal dazwischenquatschen oder sonstigen Blödsinn machen. Oder Schleich-Tiere, die bei jedem Mal Stück-spielen einen Teppichstreifen weiterhüpfen. Oder Bestechung mit Eis. Wobei ich das schon länger nicht mehr mache, weil mein Kind angefangen hat, immer mehr Bespaßung für immer weniger üben zu verlangen, was dann zur Abwechslung nicht mein Kind sondern MICH zum Austicken gebracht hat :oops: Deinen Vergleich mit der Schule brachte meine Tochter auch, sie sagte, Geigenstunde sei für sie wie Schule.

Meine eigene Geigen-Geschichte war nicht ganz so dramatisch wie bei dir aber es gab doch Parallelen - super-strenger und pingeliger Lehrer, nach der Schule erst mal komplett aufgehört. Zusammen mit meiner Tochter eigene Geige reparieren lassen und plötzlich mit unheimlicher Freude zu Begleit-CDs gespielt. Es rostet ein, man ist unsicher, aber man verlernt es nicht.

Vielen Dank für deine vielen Tipps zum Üben. Werde ich alle ausprobieren :)
charlotte12
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Re: Geigenkinder

Beitragvon sinus » Fr 27. Sep 2019, 09:16

Vielleicht kann die Lehrerin selbst ein kleines Ensemble zusammenstellen mit Anfängerkindern. Hier gibt es sowas, wo die Kinder schon Mitte erstes Jahr mitmachen können. Mit vielen Leerseiten oder Zupfen z.B.
Da geht schon einiges. (Die Lehrerin von Kind 2 betreut in der einen Grundschule bspw auch eine Streicherklasse, wo es eine ganze Klasse (bzw je eine 3. und eine 4. Klasse) aus Anfängern gibt und es ist erstaunlich, was die da zustande bringen. Wirklich gut anhörbar.

Das Verhalten, was du beschreibst, kenne ich nur zu gut. Was denkst du, wie hier beim Üben schon geheult und geschrien wurde. Auch das ziemlich extreme Verhalten war mit ein Grund, sie testen zu lassen und mal mit einer Psychologin zu sprechen ... weil ich es einfach nicht ganz normal fand.
Am Ende war vor allem meist der Ärger über den Ärger für sie das allerschlimmste, gar nicht mal mehr der Misserfolg bei der eigentlichen Sache. Eher der Misserfolg, nicht ruhig bleiben zu können, wieder geweint/getsritten zu haben, sich selbst nicht im Griff gehabt zu haben...
(übrigens erlebte ich das bei ihr nicht nur am Instrument, sondern auch beim Radfahrenlernen, Schwimmenlernen, Skifahren, Hüftaufschwung am Reck... bei allem, was sie nicht gleich konnte. Damit war sie halt nur eben nicht regelmäßig und fast täglich beschäftigt)

Wobei ich mich auch erinnern kann, dass ich als Kind viel Streit mit meiner Mutter beim Geigeüben hatte. (Obwohl meine Mutter kein Instrument spielt und darum schonmal gar nichts so viel reinreden konnte, wie ich vielleicht.)
Sie behauptet, es sei bei mir nicht so extrem gewesen, aber wer weiß... ist ewig her und vielleicht hat sie es verdrängt.
Ich habe damals auch mit Zeitwecker geübt und sobald der klingelte, die Geige weggelegt und es gibt zumindest auch noch einen Entschuldigungsbrief von mir an meine Mutter, weil es beim Geigeüben Streit gab....

Ich würde meinem Kind erklären (tu ich auch immer wieder), dass Instrumente lernen einfach Mühe kostet und dass es völlig normal ist, dass man das erarbeiten muss. Auch was da im Gehirn passiert, dass sich das erst verknüpfen muss und dass darum die Wiederholungen nötig sind und eben viel Geduld und Zeit. (Wie Pfade in der Wildnis, die erst ausgetreten werden müssen)
Wie oft hat hier auch schon am nächsten Tag plötzlich was ganz easy geklappt, woran sich das Kind am Tag vorher noch die Zähne ausgebissen hatte...
Auf sowas dann immer deutlich hinweisen, immer besonders auf die Fortschritte hinweisen.
Im ersten Jahr damals hab ich sie sogar immer mal gefilmt, um ihr die Fortschritte deutlich vor Augen führen zu könnend ein sie glaubte immer, es gäbe keine.
(Solche Aufnahmen wollte sie dann aber irgendwann nicht mehr, weil sie mitunter auch während des Filmes ausgetickt ist und sich dann geschämt hat)

Ich glaube, es ist für ein kluges Kind wirklich sehr frustrierend, weil es oft im KOPF schon genau weiß, was es tun muss, wie etwas aussehen und klingen muss, aber der Körper einfach nicht mitzieht bzw die Realität nicht der Vorstellung entspricht.
Das wird dann als Versagen wahrgenommen und darum ist das so frustrierend.
ich sage dann immer: Das ist aber kein Versagen, sondern völlig normal und den meisten anderen geht das täglich so z.B. auch in der Schule. Und die müssen auch damit zurecht kommen. Vielleicht sind sie es aber mehr gewöhnt und darum geduldiger mit sich selbst. Oder (sicher) haben nicht schon im Kopf so klare Vorstellungen, wie es eigentlich sein sollte.
All das habe ich meiner Tochter schon erklärt.

In einem Buch über hochbegabte Kinder gibts da auch sehr konkrete Tipps, wie man mit hoher Anspruchshaltung und Ungeduld sich selbst gegenüber umgehen kann.
Man kann das bspw am Beispiel einer Treppe erklären, fragen: Wohin willst du? (das Stück können)
Das ist oben auf der Treppe.
Auf welcher Stufe steht du grad?
Wie bist du dahin gekommen?
Was musst du tun, um die nächste Treppenstufe zu erklimmen?
Wie viele Treppenstufen sind es so ca noch?

(das ist aus diesem Buch:
"Hochbegabte Kinder klug begleiten: Ein Handbuch für Eltern"
von Dietrich Arnold (Autor), Franzis Preckel (Autor)
Da sind überhaupt sehr viele sehr konkrete Tipps und "Handlungs-Modelle" aus der Psychologie drin!


Ich hoffe immer noch auf zunehmende Reife, so dass sie den Frust besser aushalten kann. Blöd ist, wenn ich mich als Punchingball zum Abreagieren zur Verfügung stelle. Da muss ich mich entweder sehr disziplinieren (das gelingt mir leider nicht so gut, ich hasse es, wenn sie so ungeduldig mit sich selbst ist und sich dann manchmal sogar selbst schlägt oder beißt oder sich selbst beschimpft, wie dumm und unfähig sie sei. Ich kann das einfach nicht gut aushalten...) oder mich eben völlig raushalten.
Neulich hatte sie ein Stück mit vier "b" und kam damit nicht gut klar und fluchte und zeterte, das sei zu schwer und das könne sie nicht und sie wüsste ja gar nicht, wie das klingen muss und ich solle ihr gefälligst helfen.
Normalerweise hatte ich ihr geholfen und sie hätte wahrscheinlich an 1, 2 Tagen alle vier Zeilen des Liedes erarbeitet.
Ich hab mich aber geweigert, ihr geraten, sie solle das Stück bei YouTube googeln (war ein bekanntes Lied) und sich mal allein durchbeißen.
Sie zog erstmal beleidigt ab und knallte mir den Türen.
Sie hat an dem Tag dann nur die erste Zeile erarbeitet, aber eben dafür alleine.
Und nach dem Üben war sie erstaunlich ausgeglichen, ja sogar gut gelaunt. (sonst ist die Laune nach dem Üben oft erstmal eher mies)
Offensichtlich tat es ihr aber gut, dass sie sich allein durchgebissen hat und das ganz ohne "Druck", wie viel sie schaffen muss.
Sie hat dann in der Woche nur zwei Zeilen des neuen Stücks erarbeitet und dafür ein Stück, was sie schon gut kann öfter geübt. Auch gut. Und es gab keinen Streit und der Lehrer war wohl auch zufrieden. (Kind schwärmte nach der Stunde, dass das Stück - was sie vorher noch sooo doof fand -, vom Lehre auf dem Keyboard begleitet dann soooo schön geklungen habe...)
Also erstmal läuft es hier grad mal wieder besser.

Also obwohl ich auch immer wieder Zweifel habe und hatte, ob es nicht zu viel Zwang und zu wenig Vergnügen für ein Hobby ist... es gibt immer wieder diese Momente, wo ich sehe und erfahre, dass es ihr schon auch Freude macht und das Problem eher ein anderes ist. Also nicht das Instrumentierten an sich in Frage gestellt wird, sondern dass es ihr schlicht schwer fällt, sich geduldig etwas zu erarbeiten, was ihr nicht einfach zufliegt, wie sonst das meiste.
Und wenn sie das nicht am Instrument erlebt... irgendwo und irgendwann wird sie das mal erleben, auch in der Schule, und dann ist es sicher nicht verkehrt, wenn sie schon mal die Erfahrung gemacht hat, dass es sehr wohl geht und sie sowas auch auf diese Weise - also langsam und mit Geduld und Arbeit - hinbekommen kann.
Zuletzt geändert von sinus am Fr 27. Sep 2019, 13:16, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Geigenkinder

Beitragvon alibaba » Fr 27. Sep 2019, 09:55

charlotte12 hat geschrieben: Haben eure "Geigenkinder" auch Durchhänger?


Ja und ich ergänze, nicht nur da.


charlotte12 hat geschrieben: Wie heftig und anhaltend müssen diese sein, damit ihr die ganze Aktion abbrecht?


Das liegt an deiner persönlichen Einstellung zu "Zwang". Ich halte davon nichts. Ich möchte nicht, dass meine Kinder zur mir sagen: Mama, Du wolltest doch dass ich das tue.

charlotte12 hat geschrieben: Hab hier gerade ein streikendes fast neunjähriges Geigenkind, das aber auch insgesamt zu nichts Lust hat, zu nichts außer Lesen, am liebsten den kompletten Tag lang. Ausflüge, Spielplatz, die Kinder auf der Straße, alles ist nur noch doof.


Ändert zwar nicht dein Problem - aber DAS kenne ich nur zu gut. Eigentlich logisch - die Kinder werden größer und sie verändern sich. Egal was es betrifft - das was meine Kinder in jungen Jahren gemacht haben ist in aller Regel nicht mehr das, was sie jetzt interessiert oder in ferner Zukunft. DAS ist immer im Wandel.

charlotte12 hat geschrieben: Bin am Überlegen, ob ich die Geigenstunden streichen soll oder nicht. Sie selbst mag nicht mehr in die Geigenstunden, möchte aber auch nicht die (Leih-)Geige zurückgeben. Sie wäre für eine Geigenstunde alle drei Wochen ohne Üben... Und es ist eben nicht nur die Geige sondern irgendwie alles, egal ob Schule oder Hobby. Wobei es bei Geige besonders heftig ist. An der Lehrerin liegt es definitiv nicht, die ist unglaublich nett und hat die letzten Wochen deutlich zu spüren bekommen, dass mein Kind keine Lust hat. Ziemlich peinlich für mich und ehrlich gesagt einer der Hauptgründe, warum ich drauf und dran bin, die Stunden abzubrechen :schwitz:


Ich kann das sehr gut nachvollziehen ….. aber mir hat immer geholfen, dass ich mit offenen Karten gespielt habe. Ich bin hin und habe erklärt, dass meine Kinder keine Lust mehr haben und was wir tun können. Bei den Musikinstrumenten habe ich die Musikschule gewechselt und bin dort hin, wo es keinen Druck mehr gibt. Ob meine Kinder üben oder nicht - egal. Beim Tanzen hat meine Madame die Gruppe gewechselt. Wenn nichts mehr ging - haben meine Kinder mit dem jeweiligen "Hassobjekt" aufgehört. Wie bin ich da vorgegangen. Ich habe meinen erklärt, dass sie solange gehen müssen, wie ich bezahlt habe und erst zur nächsten Kündigung ein aufhören machbar sei.

Zum Instrument üben. Mir ist wichtig, dass meine Kinder ein Hobby haben. So erkläre ich das auch. Es ist zwar ärgerlich, wenn man Zeit und Geld in ein Instrument steckte …. letzten Endes kann man es nie verzwingen. Ich hatte als Kind Eltern die mir immer einen Grundrahmen gaben (wenn ich den Judoanzug kaufe, dann erwarte ich von Dir, dass du mindestens ein Jahr dort mitmachst), aber sobald ich drüber hinaus war, konnte ich mich auch in anderen Dingen ausprobieren. Ich habe so sehr viel ausprobieren können und bin letzten Endes da, wo ich will und habe nie vor lauter Verzweiflung nie mehr nix gemacht. Und das ist mein Rahmen - es geht mir nicht darum, dass meine Kinder Geige spielen oder üben müssten oder ständig am Forderlimit spielen, NEIN, mir ist nur eine sinnvolle Beschäftigung wichtig. Ob das heute Geige ist oder in zwei Jahre E-Gitarre oder Handball……. ich bin da relativ schmerzfrei, Hauptsache EIN Hobby und kein auf der Parkbank sitzen und dort rauchen. :mrgreen:

Mittlerweile bin ich altersmäßig auch da, wo hier einige Bekannte in meinem Alter erkranken. Mittlerweile erkenne ich, was ich für wichtig im Leben erachte. Ich möchte keine Konflikte wegen einem Hobby mit meinen Kindern. Ich brauche das nicht. Meine hatten immer freie Wahl. War das gut, war das schlecht? Fakt ist, ab nächste Woche wird mein Großkind noch eine zusätzliche Sportart aufnehmen, weil er das möchte und nicht Mama. Und meine Kleine hat mit dem einen Instrument eben aufgehört und sich Wochen später für ein anderes entschieden. Irgendwie war es ihr doch nichts ….. so rein instinktiv. ;)

Ich zwinge meine Kinder - egal ob begabt oder nicht begabt - ob erfüllend oder nicht erfüllend -zu nichts! Wenn meine denken ohne Jacke bei 5 Grad raus gehen zu müssen - sollen sie mal. Oder mit Sneaker im hohen Schnee … von mir aus. Oder mit Köfferchen statt Rucksack in die Schule - Schulterzuck. Mir egal ob sie ihr Instrument üben - hier wird freiwillig und ohne Zwang immer ins Orchester oder zum Unterricht gegangen - dann üben sie eben nicht. Die Begabung scheint hoch genug, sonst würde man da schon Ansagen bekommen. Meine Kinder müssen auch alleine zum Kieferorthopäden …. ich höre mir das nicht mehr an, dass Meine besser um die Zahnspange putzen müssen. Dann geht die ab und mit 18 dürfen sie die Kosten dann selber tragen.
Letzten Endes läuft es hier aber ganz gut. Immerhin setzt irgendwann mal, bei jedem das Gehirn mit rattern ein. Am besten läuft hier die Mutter-Kind-Geschichte, wenn ich meine zu nichts dränge. Ich erkläre und erläutere- gerne auch ein zweites Mal - und letzten Endes kommen meine Kinder dann auch zu einem guten Ergebnis für sich selbst. und am besten leben wir alle damit, wenn diese Erkenntnis von ihnen selber kam oder sie zumindest meinen, das sie von ihnen selber kam. :schwitz:
Zuletzt geändert von alibaba am Fr 27. Sep 2019, 10:18, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Geigenkinder

Beitragvon sinus » Fr 27. Sep 2019, 10:05

https://www.delamar.de/buchtipps/der-ge ... sel-16190/

Das übrigens ein interessantes Buch, wo u.a. Gründe erläutert werden, warum gemeinsames Musizieren so erfüllend ist.
:-)
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Re: Geigenkinder

Beitragvon alibaba » Fr 27. Sep 2019, 10:29

sinus hat geschrieben:https://www.delamar.de/buchtipps/der-genetische-notenschluessel-16190/

Das übrigens ein interessantes Buch, wo u.a. Gründe erläutert werden, warum gemeinsames Musizieren so erfüllend ist.
:-)


Und deswegen zwingt man ein Kind ein Musikinstrument lernen und üben zu müssen? :gruebel: Weil Mama (die Eltern) das auch so sieht, wie der Autor? Damit habe ich ein echtes Problem.

Ich spiele selber ein Instrument - regelmäßig. Ich spiele in einem Orchester und singe in einem Projektchor. Meine Kinder wurden schon im Mutterleib mit Musik konfrontiert. Ich finde Musik auch erfüllend und bin da ganz sicher beim Autor. ABER mir liegt absolut fern, meine eigenen Ansichten dem Kind aufzuzwingen.
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Re: Geigenkinder

Beitragvon alibaba » Fr 27. Sep 2019, 11:24

Koschka hat geschrieben: Habt ihr schon Klavier probiert? Mein Großer liebt das Ding für seine mathematische Perfektion und absolute Sauberkeit des Klangs.


Mein Großer spielt u.a. ein Streichinstrument und Klavier. Klavier spielt er a) um das Ganze (Musikprofil) zu verstehen aber eigentlich weil das Klavier einen Gesamtklang bietet. Ähnlich wie ein Akkordeon oder Gitarre. Ein Klang wird beim Klavier erzeugt - der füllt den Raum, beim Streichinstrument erzeugt man eben nur einen Ton (oder auch nicht). Gitarre spielt Kind auch, weil es wieder eine anderen Klang erzeugt wie eben ein Klavier.
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Re: Geigenkinder

Beitragvon sinus » Fr 27. Sep 2019, 11:48

alibaba hat geschrieben:
sinus hat geschrieben:https://www.delamar.de/buchtipps/der-genetische-notenschluessel-16190/

Das übrigens ein interessantes Buch, wo u.a. Gründe erläutert werden, warum gemeinsames Musizieren so erfüllend ist.
:-)


Und deswegen zwingt man ein Kind ein Musikinstrument lernen und üben zu müssen? :gruebel: Weil Mama (die Eltern) das auch so sieht, wie der Autor? Damit habe ich ein echtes Problem.
.


Quatsch, das bezieht sich rein auf die Feststellung von Charlotte und mir, dass uns das Orchester so viel gegeben hat.
Und warum Chorsingen und Musizierem mit anderen so zusammenschweißt.
Ich finde das Buch schlicht interessant und dachte nach Charlottes Beitrag, sie interessiert sich evtl auch dafür.
War quasi nur ein Tipp am Rande für Musikinteressierte.
sinus
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Re: Geigenkinder

Beitragvon Bliss » Fr 27. Sep 2019, 15:28

Also ich sehe durchaus die Vorteile ein Musikinstrument zu erlernen. Gerade für Kinder, denen sonst ohne Anstrengung alles zu fliegt.

Und ich würde auch nicht beim ersten Durchhänger sagen: dann lass es halt. Aber es gibt doch Grenzen und wenn Übepausen, andere Stücke, Lehrerwechsel oder Instumentenwechsel nichts ändern und nicht nur das Üben, sondern auch der Unterricht boykottiert werden, dann wird hier kein Kind gezwungen. Dazu hätte ich bei 4 Kindern, wovon jedes mindestens ein Intrument spielt (die Kleinste gerade seit 3 Wochen) gar keine Kapazitäten, weder zeitlich noch nervlich. Auch das Üben muss hier weitgehend allein erfolgen und das ist vermutlich auch besser so, denn unverlangte Korrekturhinweise kommen bei einiger meiner Kinder erfahrungsgemäß gar nicht gut an

Und vielleicht kommt dann irgendwann von Kindseite wirklich mal ein: hättest du mich doch gezwungen dran zu bleiben. Aber erstens gilt das doch für viele Dinge, nicht nur das Instrument, dass es da als Erwachsener praktisch wäre, sie bereits in der Kindheit erlernt zu haben. Zweitens kenn ich durchaus Leute, die das wozu sie als Kind gezwungen wurden das ganze Leben boykottieren. Und drittens mag es für eine professionelle Musikkarriere irgendwann zu spät sein, aber prinzipiell kann man ein Instrument auch noch im späteren Leben erlernen, wenn es man es denn wirklich will.

Ich kann schon verstehen, dass man bei Kindern, die generell alles nach kurzer Zeit ablehnen oder Anstrengungen scheuen da ein bischen nachdrücklicher versucht sie zu etwas hinzuführen. Aber wenn es auch auf lange Zeit nur mit Tränen, Zwang, Kontrolle oder Bestechung geht ist es vielleicht einfach nicht das richtige. Kinder haben schon die Schule als Pflicht, da muss das in der Freizeit nicht sein.
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Re: Geigenkinder

Beitragvon charlotte12 » Sa 28. Sep 2019, 18:05

Vielen Dank für eure ausführlichen Antworten und für die vielen Tipps ☺️ Da ist einiges dabei, was ich in nächster Zeit testen werde. Ich habe gerade kaum Zeit zum Schreiben, werde noch ausführlicher auf die einzelnen Beiträge eingehen.
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