Die Extrawurscht

Mein Kluges Kind macht was es will

Die Extrawurscht

Beitragvon elboku » Mi 23. Sep 2015, 16:46

Hallo,

den Titel hab ich gewählt, da er im Zuges eines Gespräches zwischen mir und meinem Mann aufgetaucht ist...

Es geht darum, dass mein Mann auf einmal Zweifel äußert, ob die Sonderbehandlung (= Extrawurscht) meiner Tochter in der Schule so in Ordung ist, oder eben nicht.

Seine Argumente sind mMn etwas dürftig:
- Er hat sich auch in der Schule gelangweilt -> mein Gegenargument ist, dass es deshalb nicht besser ist, nur weil es bei ihm auch so war.
- Langeweile muss man aushalten -> Gegenargument: Ja, wenn es produktive Langeweile ist, wenn man Möglichkeiten hat und sich was überlegen kann.
- Tochter kann nicht immer eine extra Behandlung in der Schule haben (z.B. extra Aufgaben) -> Gegenargument: Doch kann sie, da es in der heutigen Pädagogik vorgesehen ist, dass alle Kinder differenziert unterrichtet werden
- Sonderbehandlung führt dazu, dass Tochter glaubt, sie habe immer eine Sonderstellung, sei was Besonderes -> Gegenargument: Kommt ganz drauf an, wie man ihr das trasportiert. Bis vor kurzem war ihr z.B. noch gar nicht bewußt, dass Erstklassler noch gar nicht lesen können
- Irgendwann sind unsere Möglichkeiten ausgeschöpft z.B. Sprung in die dritte Klasse, Gym, das ihre Begabungen nicht fördern kann,...., daher ist es besser man hört rechtzeit mit dieser Sonderbehandlung auf und bremst Tochter, damit dann das "Ende" nicht so aprubt ist -> Da war ich dann sprachlos, denn das ist so abstrus und ich hab eher die Einstellung, dass es immer Möglichkeiten gibt.

Mein Mann hat irgendwie die Angst, dass Tochter sich nicht "normal" entwickelt, wenn sie zu viel extra Behandlung bekommt. Ihm wäre es lieber, dass sie ganz normal Kind sein kann, Freunde hat, und sozial kompetent aufwachesen kann.
MMn schließt das eine das andere nicht aus....

Seh ich bei der Sache was falsch?
Kennt ihr (gute) Bücher, die erklären, dass begabte Kinder nicht automatisch zu asozialen Nerds heranwachsen?
Habt ihr sonst noch Tipps, Kommentare, damit ich meinem Mann näher bringen kann, dass seine Sorgen ein wenig übertrieben sind?

Danke!
LG, Lisa
elboku
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Re: Die Extrawurscht

Beitragvon Rabaukenmama » Do 24. Sep 2015, 08:58

Hallo Lisa!

Hui, da ist ja ganz viel Unterschied zwischen der Einstellung von Dir und von Deinem Mann! Ich wünsche Euch sehr dass ihr einen Weg findet ohne ständig zu glauben, die "Fehler" vom anderen ausgleichen zu müssen.

Wir hatten neulich einen Termin im Kinderschutzzentrum (habe mich in der argen Phase meines Großen dorthin gewandt weil mein Mann und ich schlichtweg überfordert waren) und da kamen auch ein paar interessante Gegensätze zwischen mir und meinem Mann hoch. So hatten wir z.B. unterschiedliche Auffassungen darüber wie wir damit umgehen sollen, wenn unser Großer immer wieder "Baby" spielt. Ich bin darauf eingegangen und habe alles gemacht was bei einem Baby eben gemacht werden muss (nur den Schnuller unter Tags habe ich verweigert :? ) mein Mann hat immer nur gemeint "Du bist ja kein Baby mehr, du bist schon ein großer Bub...".

Die Psychologin fragte warum er so negativ darauf reagiert dass unser Sohn Baby spielen will. Nach etwas nachdenken kam mein Mann darauf dass dahinter Ängste stecken unser Sohn könnte immer in seiner Fantasiewelt leben wenn man auf seine Rollenspiel-Wünsche eingeht. Die Psychologin fragte weiter wie er auf das komme. Mein Mann meinte dann dass er selbst seine ganze Kindheit in seiner Fantasiewelt verbracht hatte und dass er befürchtet, unserem Sohn könne es ähnlich gehen, er sich aber wünscht, dass dieser "in der Realität" lebt.

Schon während mein Mann darüber sprach bemerkte ich bei ihm einen Nachdenk-Prozess. Seine alleinerziehende, sehr autoritäre Mutter war nie auf seine Spiel-Wünsche eingegangen und er hatte trotz vieler Fähigkeiten nie die im Threadtitel zitierte Extrawurst bekommen. Tatsächlich hatte sich mein Mann trotzdem (oder deshalb?) in seine Fantasiewelt geflüchtet. Es war also gar nicht durch Bestärkung passiert sondern eher durch negieren.

Die Psychologin meinte noch dass Spiel (auch "Baby"-Spiel) ein zeitlich begrenztes ausprobieren von Situationen ist und solange das Kind Spiel und Wirklichkeit unterscheiden kann (und das kann unser Sohn) sollte ein Kind die Möglichkeit haben, alles mögliche spielerisch so lange "durchzumachen" bis es innerlich abgeschlossen ist. Diese Einstellung ist mir zwar nicht neu, es tat aber gut, sie von professioneller Stelle bestätigt zu hören.

Vielleicht sind so Gespräche mit jemand neutralen, "Außenstehenden", der sich idealerweise noch mit Kinderpsychologie auskennt, ja auch für Euch ein Weg. Dann hat das nicht so einen Ping-Pong-Effekt wo der eine den anderen von seiner Einstellung überzeugen will ;) .

Buchtipp habe ich auch und zwar das Buch "Kinderjahre" von Remo H. Largo. Dort wird intensiv und für jeden verständlich auf die individuellen Unterschiede zwischen Kindern eingegangen (auch Hochbegabung) und das ganze Buch ist eigentlich ein Plädoyer für die "Extrawurst" :) . Ich bin von dem Buch begeistert und lese es gerade zum 3. Mal :mrgreen: .
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Re: Die Extrawurscht

Beitragvon Bliss » Do 24. Sep 2015, 09:28

elboku hat geschrieben:Seh ich bei der Sache was falsch?
Kennt ihr (gute) Bücher, die erklären, dass begabte Kinder nicht automatisch zu asozialen Nerds heranwachsen?
Habt ihr sonst noch Tipps, Kommentare, damit ich meinem Mann näher bringen kann, dass seine Sorgen ein wenig übertrieben sind?


Ich finde nicht, dass du die Sache falsch siehts, denn prinzipiell bedeutet eine Extrawurst noch lange nicht, dass das Kind sozial außen vor ist.

Nur ist dein Mann leider recht nah an der Realität, jedenfalls an der in vielen Schulen. Selbst bei Lehrern, die willens und fähig sind zu differenzieren (und das sind leider bei weitem nicht alle) läuft es über kurz oder lang auf einen Sprung hinaus (oder bei langsameren Kindern auf eine Wiederholung). Häufig verstehen Lehrer unter Differenzierung aber auch nur: mehr von den gleichen langeweiligen Aufgaben oder eine alternative Beschäftigung a la Buch lesen und Knobelaufgaben. Oder sie haben gleich die Einstellung, die dein Mann befürchtet.

Aber wenn ihr aktuell Lehrer habt, die Differenzieren können und wollen würde ich mir jetzt nicht weiter den Kopf zerbrechen, denn was in der Zukunft passiert weiss eh keiner. Und wie gesagt: soziale Probleme müssen nicht zwangsläufig auftreten.
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Re: Die Extrawurscht

Beitragvon Maca » Do 24. Sep 2015, 13:17

Hallo Lisa!

Wenn du momentan mit der ' Extrawurst ' in der Schule ganz zufrieden bist ist das doch gut!

Ich würde nicht von Extrawurst,sondern eher von einem Menschenrecht sprechen,welches vielen HB Kindern leider noch nicht zuteil wird.
Und ich glaube,daß gerade unterforderte Mädchen viel eher soziale Defizite entwickeln,als Kinder die einigermaßen gefordert werden.Gerade weil sie dann ja tagtäglich die Erfahrung machen,ich bin sooooo viel besser als die anderen,ich kann alles IMMER viel besser.
Außerdem haben Mädchen einfach ein viel stärkeres Bedürfnis auf ein harmonisches Miteinander innerhalb einer Gruppe und werden sich ,gerade wenn sie intelligent sind ,bemühen sich in andere einzufühlen,deren etwas eingeschränkteren Wahrnehmungshorizont zu verstehen und zu akzeptieren,um ihre Stärken veranwortungsvoll in die Gemeinschaft einzubringen.
Die HB Mädchen,die ich kenne,haben alle eine hohe Sozialkompetenz sind beliebt oder doch zumindest sehr akzeptiert und absolut keine Nerds.

Mit Schulbeginn müssen Kinder ja nun mal viel Freiheit opfern,sie sind gezwungen mit Lehrmaterialien still zu arbeiten.
Das Ziel dieses Tuns liegt ja in der Erreichung von Fertigkeiten,über die man vorher nicht verfügte.

WENN ein Kind aber über das angestrebte Ziel nun schon lange verfügt ,ist es doch wirklich grausam ,daß es seine wertvolle Zeit mit sinnlosem Tun vergeuden soll.
Das kann dein Mann doch nicht wollen!

ich persönlich habe leider die Erfahrung gemacht,daß Schule die Bedürfnisse von HBs nur sehr unzureichend erfüllt ( leider müssen sie ja hin)und dankbar ist,wenn zu Hause kompensiert wird :(

Wenn du also die schulische Situation deiner Tochter gerade als gut bewertest, dann LAß DIR VON DEINEM MANN nichts anderes einreden! :D

lg
Maca
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Re: Die Extrawurscht

Beitragvon elboku » Fr 2. Okt 2015, 10:31

Hallo!

Komme jetzt erst wieder dazu hier zu antworten...

Danke für eure Rückmeldungen!

Vor allem Maca, danke für dein Post!

Im Moment passt es für unsere Tochter eh gut, nur manchmal machen wir uns einfavh Gedanken über die Zukunft, aber ich hab generell die Einstellung, dass man das erst dann konkret angehen muss, wenn es soweit kommen sollte...

LG, Lisa
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Re: Die Extrawurscht

Beitragvon Rabaukenmama » Mo 5. Okt 2015, 17:09

Hallo Lisa!

Im nachhinein ist mir zu dem Themo noch was eingefallen: mein kleiner Sohn bekommt ganz, ganz viele Extrawürste (Frühförderung, Logopädie, spezieller Kindergarten, Fahrtendiest, Einzelförderung im Kindergarten) weil er durch seine Gehörlosigkeit einfach spezielle Bedürfnisse hat. Warum soll sich dann ein Kind, welches einfach ANDERE spezielle Bedürfnisse hat, sich an den Durchschnitt anpassen MÜSSEN?

Und die Befürchtung, die Extrawurscht könne es irgendwann einmal nicht mehr geben, verstehe ich schon gar nicht. Ich verzichte ja auch nicht auf die Familienbeihilfe, auch wenn diese von der nächsten Regierung vielleicht ersatzlos gestricken wird ;) . Wenn es JETZT eine Möglichkeit gibt einem Kind durch Differenzierung auf seinem indivuduellen Weg zu helfen bzw. ihm Frust (durch ständiges wiederholen von Dingen, die es bereits kann) zu ersparen, dann soll der doch genutzt werden. Gut, dass Eure Tochter diese Möglichkeiten bekommt :) .
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