eigene Vorstellungen, Perfektionismus, Frust

Mein Kluges Kind macht was es will

eigene Vorstellungen, Perfektionismus, Frust

Beitragvon sinus » Do 31. Aug 2017, 14:37

Ich beobachte immer wieder, wie sehr frustriert meine Tochter (8 Jahre alt)ist, wenn ihre eigenen Erwartungen nicht erfüllt werden.
Beim Instrumentüben oder auch mal beim Malen oder einer sportlichen Übung reagiert sie oft völlig über, wenn was nicht klappt wie gewünscht. (und kommt dann aus ihrer Stimmung auch nur schwer wieder heraus.)

Ich glaube nichtmal so sehr, dass das - im Vergleich zu anderen Kindern - ein Mangel an Frustrationstoleranz ist.
Ich denke eher, sie erlebt in so Momenten einfach MEHR FRUST als andere, weil sie so sehr genaue Vorstellungen vom gewünschten Ergebnis hat.

Für mich trifft es dabei auch das Wort "Perfektionismus" nicht so ganz. Sie ist nämlich nicht immer perfektionistisch und kann durchaus auch mal "Fünfe grade" sein lassen. (z.B. wenns um ein sauberes Schriftbild geht. :mrgreen: )
Es geht ihr glaube ich nicht darum, etwas perfekt zu machen, ein perfektes Ergebnis zu bekommen, sondern so, wie es VOR DEM EIGENTLICHEN TUN in ihrer Vorstellung ist.
Darum ist sie auch selbst ihr härtester Richter, und selbst wenn etwas objektiv "perfekt" aussieht/ist, sie gelobt wird, kann sie das dann oft nicht so recht überzeugen.

Es scheint also eher eine Mangel an - hm, Offenheit (?) - zu sein.

Ich gebe Malkurse für Grundschulkinder und konnte das gestern, wo sie ausnahmensweise mal mit dabei war, sehr gut beobachten. Es ist ja immer wieder sehr spannend, wie verschieden die Kinder mit einer ihnen gestellten Aufgabe umgehen...
Gestern sollten sie eine Katze malen.
Meine Tochter malt oft und sehr schön Katzen. Grafisch.
Gestern war Aquarelltechnik gefragt, hat sie noch nie gemacht. Farbe etc verhielten sich ganz anders als erwartet. Sie war von ihrem Ergebnis (was nebenbei bemerkt durchaus gut gelungen war), jedenfalls total unzufrieden und dann extrem "muffelig" und deutlich ärgerlich und unglücklich. Wären nicht andere dabei gewesen, wäre sie gesichert ausgetickt. So war nur "alles scheisse" :roll: (was mich auch schon geärgert hat)
Die meisten anderen Kinder ließen/lassen dagegen alles viel mehr "auf sich zukommen", sie experimentierten, probierten aus, zeigten sich dabei recht geduldig und waren offen für das Ergebnis und ließen sich quasi mehr und gern überraschen.
Anders meine Tochter, die ihr Bild offensichtlich im Kopf schon fix und fertig hatte, bevor sie überhaupt anfing.

Bei näherem Nachdenken kam ich drauf, dass ich da oft ähnlich bin, was das konkrete Bild im Kopf betrifft, allerdings bin ich insgesamt ein sehr offener Mensch und ich bin eher begierig auf neue, überraschende Erfahrungen und regiere halt darum so ganz anders auf solche Situationen. (Konkret wäre das beim Malen bei MIR z.B. eher gewesen: "Huch, das wird ja mit dieser Technik alles ganz anders. Spannend! Was kann ich denn wohl mit diesen neuen Möglichkeiten vielleicht Tolles anfangen???")

Ich vermute, unsere "Hauptstreitpunkt" - ihre von außen betrachtet völlig überzogenen Ausbrüche beim Instrumentüben - haben wohl die gleiche Ursache.
(Sie weiß genau wie es klingen muss, kriegt es aber nicht so hin. Ich ärgere mich dann vor allem darüber, dass sie dann nicht einfach bissle herumprobiert, sondern sich völlig in ihrem Frust verirrt)

Mit Abstand betrachtet (am Abend) gefiel meiner Tochter ihr Bild übrigens dann auch.
Also es scheint wirklich vor allem der Moment zu sein, wo ihre vorher ziemlich konkrete Erwartung nicht erfüllt wird, von der sie in dem Moment einfach nicht so schnell abrücken kann...
Als Kindergartenkind war das übrigens auch oft so - sie mochte es z.B. nicht, wenn ich sie beim Abholen nicht mit heim genommen haben, sondern wir spontan was anderes unternommen haben. Da reagierte sie dann ebenso "krillig".

Nun frage ich mich, wie man ihr da vielleicht helfen könnte, denn sie leidet dabei selbst unter sich.
Ich finde auch, es ist ein bisschen ein anderer Ansatzpunkt, wenn man davon ausgeht, dass das Problem daher kommt, dass sie so wenig offen ist für eine veränderte/unerwartete Situation, als wenn man sagt "das Kind muss eben Frustrationstoleranz" lernen.
Versteh jemand, was ich meine? :?

Was kann ich ihr sagen/raten, dass sie in so einem Moment nicht in eine Spirale gerät und vielleicht ein wenig abrücken kann von dem Bild im Kopf, was sich nicht mit der Realität deckt? Kann man die "Offenheit" evtl trainieren/unterstützen?
sinus
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Re: eigene Vorstellungen, Perfektionismus, Frust

Beitragvon unwissende-neu » Do 31. Aug 2017, 22:15

oh, dass kenne ich nur zu gut von meiner Tochter ( 6 Jahre alt). Mittlerweile hat sie sich da schon etwas besser im Griff, aber dieses Verhalten war, wo sie 2-3 Jahre alt war so extrem, dass wir mir ihr zum Psychologen gegangen sind. So kamen wir zur HB Diagnose.
Im Bericht stand dann dazu, dass es zu einer Frustration zwischen gut durchschnittlichen motorischen Fähigkeiten zu den weit überdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten kommt.

Also im Prinzip ist das wohl so, dass sie sich im Kopf sowohl den Weg als auch das Ergebnis genaustens Vorstellen können, die Hände machen aber einfach nicht das, was sie sollen. Die Kinder fühlen sich dann im Prinzip "körperlich behindert", da der Kopf durch die körperlichen Grenzen ausgebremst wird.

In der Psychotherapie lernt sie damit umzugehen, aber es kommt teilweise ( gerade in der Schule) auch zu Verweigerungen, dass sie sagt: Ich weiß wie es geht und ich weiß wie es aussehen soll, aber ich weiß auch, dass ich es so nicht hinkriege, daher mache ich das nicht, weils dann doof ist....

Vielleicht hilft es deiner Tochter, wenn du sie über die Unterschiede zwischen Motroik und Kopf bewusst machst? Ich selbst bin Klavierlehrerin und erkläre meinen Schülern häufig, dass manche Probleme nicht am Musikverständnis sondern an der Motorik und der Koordination liegt und das das Gehirn einfach eine gewisse Anzahl Wiederholungen braucht, um neue Bahnen zu bilden. Ähnlich wie beim Fahrradfahren lernen und beim Schwimmen lernen. Jedes Lied ist wie eine neue Sportart ;)

Manchmal hilft es meiner Tochter auch, die Aufgabenstellung etwas zu verändern, indem man ihr sagt, wir wollen mal gucken, was deine Hände schon können - oder so....

Scheint aber bei HB ein verbreitetes Phänomen zu sein, da es mir vor kurzem auch mal in einem Buch begegnet ist, welches ich für die Ergo meiner 7-jährigen Tochter lesen sollte.
unwissende-neu
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