Psychotherapie, Angststörungen, Depressionen

Mein Kluges Kind macht was es will

Psychotherapie, Angststörungen, Depressionen

Beitragvon sinus » Di 30. Okt 2018, 22:23

Hat hier jemand Erfahrungen mit sowas?

Meine Tochter (fast 10) hat im Rahmen diverser Tests einige Auffälligkeiten gezeigt, z.B. im Bereich Neurotizismus, Rückzüglichkeit/Ängstlichkeit. Dazu ein sehr geringes Selbstwertgefühl. (Die Übereinstimmung von dem, wie sie sich selbst einschätzt und wie sie gern wäre, geht gegen Null)
Man empfahl uns, möglichst vor der Pubertät eine Psychotherapie zu beginnen, um sie zu stärken und Angststörungen/Depressionen vorzubeugen, die mit diesen Ergebnissen dann drohen könnten. Wenn sie jetzt schon so "instabil" wäre, könnte das in der Pubertät ernsthafte Probleme geben...
Hauptsächliche Grundlage der Ergebnisse waren übrigens Fragebögen, die das Kind selbst ausgefüllt hat. Ich musste auch was ausfüllen, es gab ein ausführliches Gespräch, das Kind verbrachte mehrere Stunden mit der Psychologin (Studentin), musste einige Aufgaben lösen. Die Hochbegabung war zu dem Zeitpunkt schon aus unserem Test an anderer Stelle bekannt.
Verantwortlich für die Tests war wie gesagt eine Studentin (Doktorantin?) an der Uni, bei der Auswertung und den Vorgesprächen war aber die Professorin beteiligt. Das Ganze nannte sich übrigens "psychologische Begutachtungsstelle".
Die Hochbegabung wurde bei der Auswertung gar nicht thematisiert.

Nun war ich natürlich nicht nur mal so zum Spaß mit meiner Tochter bei dieser Stelle, also es gibt schon ein paar Dinge, die mir auffallen und mitunter auch Sorgen bereiten.
Die meiner Beobachtung nach schon lange bestehen, aber aktuell mal wieder ab und zu krasser hervortreten.
Im Vorschuljahr gabs da auch schonmal so eine Phase, wo sie jeden Abend weinte und äußerte, sie wäre am Liebsten gar nicht auf der Welt. Ich habe den Eindruck, dass es immer mit anstehenden "Umbrüchen" verstärkt kommt, z.B. eben damals vor Einschulung; aktuell ist es evtl. der anstehende Wechsel in die neue weiterführende Schule nächstes Jahr und/oder Beginn der Pubertät...?
Aktuell ist sie jedenfalls mal wieder sehr unausgeglichen, kratzbürstig, dünnhäutig. (was sie aber nur daheim zeigt, anderswo ist sehr angepasst)
Neulich abends hatte sie mal eine Art Panikattacke. Sie meinte, sie habe das Gefühl, die Wände bewegten sich auf sie zu, sie schlug um sich und wollte nicht angefasst werden und es dauerte lange, ehe sie sich beruhigte. Mit ihr reden ging aber die ganze Zeit über.
Mögliche Ursache könnte - meiner Meinung nach - die Entdeckung eines ersten Brustwachstumsschubes am Vortag sein. (Noch ist nichts zu sehen, aber zu fühlen. Außerdem steht das Thema auch in der Schule an und der 10. Geburtstag und sie las irgendwo, dass "es" etwa ab 10 Jahren losgeht.)
Sie selbst sagte auch schon mehrfach, sie habe Angst vor der Pubertät und möchte das alles nicht.

Auf der anderen Seite sehe ich das alles nicht ganz so schwarz, ich selbst habe meine Pubertät z.B. auch damit verbracht, diese zu verneinen, indem ich mich damals wie ein Junge gekleidet und frisiert habe. Ich hatte - in meiner Erinnerung - zwar keine Angst davor, aber gemocht habe ich es offensichtlich auch nicht, ich wollte damals auf jeden Fall unbedingt ein Junge sein.
Die Defintion von "Neurotizismus" liest sich für mich wie die krankhafte Variante von Hochsensibilität.
Und evtl sind die von ihr gemachten Angaben im Fragebogen halt einfach die einer HSP (hoch sensiblen Person) und nicht einer neurotischen Persönlichkeit.
Hochsensibel ist das Kind jedenfalls defintiv. Und klar muss sie damit erst mal umgehen lernen.
Dass sie so arg kritisch sich selbst gegenüber ist, bringe ich u.a. auch mit der Hochbegabung + Charakter in Zusammenhang. Sie ist halt sehr tiefgründig, hinterfragt und zergrübelt viel, auch sich selbst.
Übermäßig ängstlich/rückzüglich/unsicher ist sie manchmal schon, andermal aber auch wieder recht taff. Je nachdem, wie das Umfeld passt und die Situation ist.
(Bsp Sport: Sie klettert bspw sehr gut und ist da auch mutig. Dafür fürchtet sie sich vor Bällen/Ballwürfen und weigerte sich beim Schwimmen ewig, zu tauchen. In der Klasse hält sie meist mit ihrer Meinung hinterm Berg, im Malkurs - sie malt auffallend gut, was man sehr schnell sieht und von anderen Kindern auch entsprechend positiv /respektvoll bemerkt wird - wirkt sie recht selbstbewusst.)

Auf jeden Fall scheint sie von außen betrachtet in der Schule gut integriert, wird geachtet, gemocht, eingeladen...
Sie selbst allerdings fühlt sich mitunter nicht zugehörig und "anders."
Insgesamt ist sie sehr verschlossen, vertraut sich wirklich ausschließlich mir an bzw "zeigt sich" vor allem mir. Anderswo ist sie äußerst beherrscht, man sagt immer wieder, ihre fehle das Kindliche. Ich selbst finde, sie wirkt anderswo manchmal fast wie "versteinert". Wenn sie bspw versucht, bei Misserfolgen die Selbstbeherrschung zu behalten. (Zu Hause entstehen dann eher Wutausbrüche) .
Sie hat eine Knopf-Phobie, aber das schon seit sie ein Kleinkind ist.
Sie hatte in traumatisches Erlebnis (einen schweren Verkehrsunfall), aber die Dinge, die an ihr auffällig sind, gabs schon vorher...

Besondere Sorgen macht MIR, dass sie immer so schnell an sich verzweifelt, wenn was nicht klappt immer komplett aus dem Gleichgewicht gerät und nur schwer wieder dahin zurück findet. (Anderswo versteckt sie das alles, zu Hause lebt sie das intensiv aus)
Und dass sie so gar nicht über sich selbst lachen kann, immer gleich eingeschnappt reagiert, sich ganz schnell ausgelacht fühlt, wenn man bspw Scherze macht in einer Situation, wo ihr was nicht gelingt.
(Was sie allerdings als Charakterzug mit ihrer Oma teilt, die hat da auch wenig Humor...)

Alles in allem mache ich mir ein bisschen Sorgen, dass es zu einer "sich selbst bewahrheitenden Prophezeihung" kommen könnte, wenn man die Ergebnisse bzw eine entsprechende Behandlung jetzt so "defizitorientiert" angeht bzw überhaupt eine Therapie beginnt. (Die das Kind sehr warscheinlich auch gar nicht will, sie will sich niemandem "zeigen" und fasst nur schwer Vertaruen. Die Ergebnisse der Tests kennt sie übrigens nicht.)
Auch bin ich unsicher, inwieweit ihre Hochbegabung nicht einen wesentlichen Teil der Auffälligkeiten ausmacht...
Sie beschrieb bspw eine ausgeprägtes Gefühl des Andersseins.
Vielleicht braucht sie ja gar keine Hilfe, sondern einfach nur Zeit, um sich zu entwickeln und mit ihren "Besonderheiten" (Hochbegabung, Charakter, Aussehen - sie ist ein "Mischling") zurecht zu kommen...

Gibts hier jemanden, dessen Kind ähnliche Probleme/Diagnosen hat,wie wird/wurde das behandelt? Macht jemand eine Psychotherapie? Welcher Art?

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das, was sie vor allem braucht, Unterstützung ist, sich selbst besser anzunehmen. Ob da eine Therapie hilft oder wir das nicht auch so hinbekommen, weiß ich natürlich nicht.
Freunde empfahlen uns eine Art "Coaching", das den Schwerpunkt auf Stärken legt. Das scheints aber eher für ältere Schüler zu geben.

Was sagt/denkt ihr so? Erfahrungen?
sinus
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Re: Psychotherapie, Angststörungen, Depressionen

Beitragvon alibaba » Mi 31. Okt 2018, 17:31

Moin,

aaaaaalso ganz viel, was Du hier beschrieben hast, kommt mir sehr bekannt vor. Bis auf die Hochbegabung. :mrgreen:

Ich hab auch oft das Gefühl, in meinem Kind stecken zwei Personen, die, je nach Situation mal sehr souverän oder eben sehr ängstlich daher kommen. Es ist situationsabhängig, umgebungsabhängig, wie sich meine Tochter wohl fühlt, wie die Chemie passt. Und es ist alles dabei, von vollkommen „ich will nicht mehr leben“ „warum würde ich nur geboren“ zu iist super spitze, wo ist das Problem. Es ist oft verstörend. Wer es nicht erlebt, versteht das oft gar nicht.

Woran das liegt? Ich bin kein Arzt, kein Therapeut und mein Spezialst. Trotzdem sagt mir mein Bauch, auch wenn ich das von meinem Sohn überhaupt nicht kenne, es ist „normal“ in der Entwicklungsphase vom Kind zum Teenager. Ich sag mir immer, dass bei meiner Madame die Synapsen eben gerade explodieren, statt sich in Ruhe zu finden. Und wir sitzen das aus. Sowohl die traurigen Phasen, die explosiven oder die positiv überreizten Phasen. Der Alltag funktioniert, es schränkt nicht zu eng ein und es wechselt ja ständig, wie die Pickel in ihrem Gesicht, die mal da sind, mal nicht, mal nur ganz wenig, mal eben viel.

Ich habe keine Hilfe, keine vom Profi, obwohl ich manchmal kurz davor stehe. Aber die können ja auch nur Rätsel raten, psychologische Auffälligkeiten sind ja keine Mathematik.

Da sich meine Tochter letzten Endes immer wieder einkrieget, sich alles normalisiert, denke ich, dass es der Veränderungsprozess des Körpers ist bzw. eben der Typ Mensch, die Persönlichkeit, die ja bei jedem anders ist. Ich bin überzeugt, dass sich mit den Jahren alles normalisiert.

VG
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Re: Psychotherapie, Angststörungen, Depressionen

Beitragvon Koschka » Mi 31. Okt 2018, 18:38

Ich habe kein ähnliches Kind. Ich kann aufgrund der eigenen Erfahrung sagen, dass es wahrscheinlich nicht an der kognitiven Begabung liegt, sondern an Persönlichkeit. Ich würde auch außerst vorsichtig sein mit dem Wunsch ein relativ problemloses Kind in der Phase der Selbstsuche zu einem Psychiater zu bringen. Deine Tocher wird das wahrscheinlich so bewerten: "es stimmt was nicht mit mir, deswegen gehe ich zu diesem Arzt". Meines Erachtens kann man psychische Probleme in erster Linie durch Reduktion von Stress vorbeugen als durch eine Psychotherapie. Für viele psychische Krankheiten ist Stress der Auslöser.
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Re: Psychotherapie, Angststörungen, Depressionen

Beitragvon Lou » Do 1. Nov 2018, 22:12

Die Begriffe „Psychotherapie“ oder „Psychiater“ klingen oft erstmal erschlagend und fühlen sich sicher schnell etwas überdimensioniert für die eigene Situation an.
Ich möchte nur darauf hinweisen, dass Kinder-/Jugendpsychologen in der Regel die passenden Ansprechpartner sind und es darunter sicher auch welche gibt, die nicht nur Probleme wälzen wollen und dabei vielleicht Dinge problematisieren, die bis dato gar nicht problematisch waren. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ein solcher Ansprechpartner auch einen Schutzraum darstellen kann und eine Hilfe, sich selbst zu finden und zu festigen.
Vielleicht lohnt sich zumindest mal der Blick auf mögliche Adressen - und in der Regel haben die sowieso lange Wartezeiten, sodass das sowieso keine kurzfristige Sache wäre.
Lou
 
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Re: Psychotherapie, Angststörungen, Depressionen

Beitragvon Koschka » Fr 2. Nov 2018, 10:13

Ich habe hier versucht einem fast 12-jährigen Kind einen Termin bei KJP wegen so einer unschuldigen Sache wie ein LRS-Test anzudrehen. Das hat hier was panische Reaktion verursacht. Wie gesagt ab einem bestimmten Alter verstehen die Kinder, dass der Gang zum Arzt bedeutet, irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich würde die Grenze der Notwendigkeit des Besuchs so setzen: bin ich bereit meinem Kind auch Psychopharmaka zu geben, um die Probleme zu lösen? Wenn ja, ist der Besuch des Arztes tatsächlich fällig. Wenn nicht, sollte man nicht zu viele Hoffnungen in die reine Psychotherapie setzen. Denn damit sie hilft, muss der Patient das wollen.
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Re: Psychotherapie, Angststörungen, Depressionen

Beitragvon Lou » Fr 2. Nov 2018, 22:02

Ja natürlich, gehen den Willen des Kindes wäre das sicher nicht hilfreich!
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