Sohn verweigert neue/fremde Situationen

Mein Kluges Kind macht was es will

Sohn verweigert neue/fremde Situationen

Beitragvon Lou » Di 7. Mai 2019, 11:42

Hallo zusammen,

ich habe hier im Forum im letzten Herbst schonmal sehr hilfreiche Rückmeldung zu meinem Sohn und der Auswertung des K-ABC-Tests bekommen. Nun wende ich mich nochmal an euch mit der Frage, ob ihr das folgende Verhalten auch (schonmal) kennt und wie ihr dieses einschätzt.


Vorweg:
Mein Sohn wird kommende Woche sechs Jahre alt und wird im Sommer regulär an der für uns zuständigen Grundschule eingeschult. Der Kindergarten trat im Herbst 2017 (Sohn damals 4,5 Jahre alt) an uns heran und schilderte einige Verhaltensauffälligkeiten (kurz: Albernheiten, Texte schneller/langsamer sprechen als die Gruppe, Bewegungen übertrieben ausführen, Zickeleien anderen Kindern gegenüber). Der empfohlene SPZ-Termin brachte im Frühjahr 2018 das Ergebnis "Eine Entwicklungsstörung kann ausgeschlossen werden", empfahl aber die "schnelle Auffassungsgabe des Kindes durch zu den Interessen passende Angebote" aufzugreifen. Gleichzeitig haben wir zehn Sitzungen Ergotherapie wahrgenommen, die ebenfalls unauffällig waren - aber wenn die Ergotherapeutin gezielt übermäßig viele Reize setzte, wurde er unruhiger/hibbeliger im Verhalten. Deshalb sind wir im Sommer 2018 an ein Frühförderzentrum gekommen, dass auch Kleingruppenangebote hat. Zu Beginn wurde dort der K-ABC-Test durchgeführt, der in drei Bereichen altersentsprechend, also im Durchschnitt lag, in einem Bereich aber weit überdurchschnittlich (über 140). Das war der Bereich Sprache/angeeignetes Wissen und es wurde uns gesagt, dass das Kind "gut gefördert" sei und dadurch dieser Ausreißer zu erklären sei und Verhaltensunsicherheiten möglicherweise durch diese Heterogenität entstünden. Als Schlussfolgerung nimmt er seit Oktober an einer Sprachfördergruppe teil, obwohl er ja keine Sprachförderung benötigt, sondern um ihm soziale Sicherheit in der Gruppe zu vermitteln.

Inwieweit die durchschnittlichen Werte der anderen drei Bereiche des Test nun zutreffen oder nicht, ist hier ja auch schon oft diskutiert worden. Sohnemann war auf jeden Fall wenig motiviert und sehr unsicher in der Situation (siehe Betreff oben). Klar ist uns, dass er zumindest mal ein kluges Kind ist, das viele spezielle Interessen hat und diese sehr intensiv verfolgt. Sprachlich ist er sehr gewandt und argumentiert mich zum Teil an die Wand. Auch hat er ein unfassbares Gedächtnis und merkt sich Dinge, die oft nur einmal und beiläufig erwähnt wurden. Er rechnet und schreibt auch in einem gewissen Maße und wenn er Lust dazu hat. Zuletzt kam in diesem Bereich länger nichts, vor ein paar Tagen beschriftet er dann selber die Einladungen für seinen Kindergeburtstag ohne groß nach Buchstaben suchen zu müssen (keinen Text, das Wort "Einladung", die verschiedenen Kindernamen, Datum, ect.)

In neuen Situationen war mein Sohn schon immer sehr zurückhaltend, die Kindergarteneingewöhnung mit drei Jahren wurde sehr sanft gestaltet und zog sich (dadurch?) mehrere Wochen. Er traut sich nicht, alleine einen Kindergartenfreund zu besuchen und behauptet dann lieber, dass er sich mit xy gar nicht verabreden wolle. Wenn es dann darum geht, dass dieser zu uns kommt, ist er absolut einverstanden und freut sich. Zu anderen will nur, wenn ich mitkomme.
Kürzlich sollte mein Sohn zwei Stunden länger im Kindergarten bleiben, wo er bestens integriert ist, was zu einem Riesen Theater am morgen führte bis hin zu der Situation, dass er gar nicht in den Kindergarten wollte und ich das weinende und an mich klammernde Kind einer Erzieherin in den Arm gedrückt habe. Wenn ich ihm morgens die Wahl lassen würde, würde er aber ohnehin immer lieber zu Hause bleiben als in den Kindergarten zu gehen, obwohl er dort viele Freunde hat, oft auf Geburtstage eingeladen wird, ect. Er ist dort in der Kindergruppe übrigens ziemlich tonangebend und überhaupt nicht zurückhaltend.

Aktuell:
Letzte Woche gab es einen Kennenlernnachmittag an der Grundschule - bei der mein Sohn fast alles verweigert hat und sich ebenso weinend an mich klammerte wie in der obigen Kindergartensituation. Auch sagte er unentwegt, dass er nicht in die Schule wolle, dort alles langweilig finde, sich nur hinsetzen will, wenn er sitzen wolle (und nicht, wenn es gesagt wird), ... Zum Teil sind dieses Schutzaussagen, weil es neu und unbekannt ist.
Ich fand den Nachmittag zumindest für meinen Sohn leider auch sehr ungünstig organisiert: Vier Mal 15 Minuten in jeweils anderen Räumen und entsprechend anderen Lehrerinnen, sodass wir vier Mal die gleiche Szene hatten und kaum Bezug zu den Lehrerinnen aufgebaut werden konnte.
Kopfzerbrechen bereitet mir nach diesem Erlebnis aber der tatsächliche Schulbeginn im August und die Frage, wie man ihm (und den Lehrkräften) den Start erleichtern kann. Sollten wir die Schule nach diesem Erlebnis nochmal kontaktieren? Oder macht man es dem Kind nur schwerer, wenn man nun vorher schon (salopp:) "für einen Stempel sorgt"?

Ich frage mich auch, ob manche Verhaltensweisen einfach nur ein bisschen speziell sind oder es nicht doch Züge von z.B. Asperger sind. Hier habe hier ja schon öfter gelesen, dass man mit den typischen Anzeichen dafür nicht unbedingt weiterkommt, denn die von google ausgespuckten Merkmale treffen eigentlich nicht so richtig auf ihn zu.
Ich glaube Rabaukenmama hatte mal etwas geschrieben davon, dass es auch ein Anzeichen sein kann, wenn ein Kind sich immer noch viele Sachen in den Mund steckt?! Das macht mein Sohn auf jeden Fall. Ständig hat er etwas im Mund, ganz in Gedanken, unbewusst. Auch kaut er oft an Jacke oder Ärmel. Wenn man ihm sagt, dass er das aus dem Mund nehmen soll, macht er es sofort. Es wirkt immer so, als wenn er es vorher gar nicht merkt.
Auch fühlt er sich oft ungerecht behandelt ("ich trage viel mehr als du, das ist ungerecht") oder denkt, dass ich ihm mutwillig noch kein Wasserglas auf den Tisch gestellt habe, wenn er in die Küche kommt und etwas trinken will. Sind das Anzeichen für Asperger?
Natürlich will ich gar nicht, dass er eine bestimmte Diagnose bekommt und wir waren ja auch schonmal in einem SPZ - ohne Ergebnis. Aber an manchen Tagen frage ich mich, ob man ihm nicht besser gerecht würde, wenn man eine Ursache für sein Verhalten hätte.

Übrigens finde ich meinen Sohn fast komplett in dem Text „Das emotional hochbegabte Kind“ (Thema unter diesem) wieder!
Dadurch schleicht sich bei mir auch direkt die Frage ein, ob mein Sohn im regulären Schulsystem überhaupt richtig ist... ursprünglich hatten wir uns aber bewusst dafür entschieden in der Hoffnung auf klare Strukturen und Differenzierung.

Ich freue mich über weitere Fragen, Anmerkungen, Erfahrungen, Tipps,...
Und natürlich ist mir bewusst, dass diese Problematik nicht im Zusammenhang mit Hochbegabung stehen muss. Da hier aber viele Eltern mit besonderen Kindern auch in anderen Bereichen sind, hoffe ich auf hilfreiche Rückmeldung.

Herzliche Grüße,
Lou
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Re: Sohn verweigert neue/fremde Situationen

Beitragvon Lou » Fr 10. Mai 2019, 10:51

Hallo Koschka,
vielen Dank für deine Antwort. Ja, wahrscheinlich ist Abwarten tatsächlich die beste Variante, denn dieses Abwehrverhalten würde bei einer anderen (alternativen) Schule wahrscheinlich auch nicht anders ausfallen.
Die geschilderte Kindergarten-Szene hat mir auch nochmal verdeutlicht, dass es weniger schulspezifisches Problem ist als vielmehr ein generelles in neuen Situationen oder bei Abweichung von Routinen.
Viele Grüße,
Lou
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Re: Sohn verweigert neue/fremde Situationen

Beitragvon BiHa » Di 14. Mai 2019, 12:45

Hallo Lou,
ich habe meinen Sohn in einigen Aussagen erkannt. Er wollte auch lange Zeit zu keinem anderen Kind gehen, wenn ich nicht dabei blieb. Egal, ob beste Freundin oder Kindergeburtstag. Das hat sich mittlerweile gelegt. Ausschlaggebender Punkt war wohl, dass ein kleineres Kind zu seiner Freundin ohne Mama ging und er nicht kleiner wirken wollte. :) Was im Moment z.B. noch nicht funktioniert, ist, irgendwo übernachten oder ohne mich einschlafen in seinem Bett, wenn ich nicht da bin. Bei uns denke ich immer, dass sich Junior zu viele Gedanken macht und eben ein Gewohnheitstier ist.
Der Schulstart lief zweigeteilt. Im Hort hat er sich am ersten Tag nicht wohlgefühlt und deshalb waren die nächsten Wochen morgens im Frühhort ein großes Problem. Das hat sich mit der Zeit gelegt. Bei den Schnupperstunden in der Schule hat es mit der Vorschullehrerin nicht gepasst, so dass es von Mal zu Mal schlimmer wurde. Als er dann seine Lehrerin kennengelernt hat, war alles kein Problem mehr.
In seine Klasse kam auch ein Kind mit Autismustendenzen, der hat am Anfang komplett verweigert. Aber auch der machte irgendwann mit. Ich denke immer, dass die Kinder einfach nur Zeit brauchen, um sich an die Situationen zu gewöhnen.

LG BiHa
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Re: Sohn verweigert neue/fremde Situationen

Beitragvon Rabaukenmama » Di 14. Mai 2019, 16:24

Lou hat geschrieben:Ich glaube Rabaukenmama hatte mal etwas geschrieben davon, dass es auch ein Anzeichen sein kann, wenn ein Kind sich immer noch viele Sachen in den Mund steckt?! Das macht mein Sohn auf jeden Fall. Ständig hat er etwas im Mund, ganz in Gedanken, unbewusst. Auch kaut er oft an Jacke oder Ärmel. Wenn man ihm sagt, dass er das aus dem Mund nehmen soll, macht er es sofort. Es wirkt immer so, als wenn er es vorher gar nicht merkt.
Auch fühlt er sich oft ungerecht behandelt ("ich trage viel mehr als du, das ist ungerecht") oder denkt, dass ich ihm mutwillig noch kein Wasserglas auf den Tisch gestellt habe, wenn er in die Küche kommt und etwas trinken will. Sind das Anzeichen für Asperger?
Natürlich will ich gar nicht, dass er eine bestimmte Diagnose bekommt und wir waren ja auch schonmal in einem SPZ - ohne Ergebnis. Aber an manchen Tagen frage ich mich, ob man ihm nicht besser gerecht würde, wenn man eine Ursache für sein Verhalten hätte.


Hallo Lou!

Das oft-Sachen-in-den-Mund-stecken für sich allein ist noch gar kein Anzeichen für irgendwas. Meine beiden diagnostizierten Autisten haben das zwar gemacht, aber ich kenne auch autistische Kinder wo das nie ein Problem war und neurotypische Kinder, die das bis lang in die Schulzeit hinein gemacht haben. Also das schließt Autismus weder aus noch ist es ein Indiz dafür.

Bei Autismus wird häufig der Fehler gemacht, nur das Verhalten zu sehen und das oft schwarz/weiß. Kind schaut in die Augen -> daher nicht autistisch. Kind hat Probleme mit Blickkontakt -> autistisch. Kind mag keine Veränderung -> autistisch. Kind hat kein Problem mit Veränderungen - nicht autistisch. Kind ist Einzelgänger -> autistisch. Kind ist gut integriert - > nicht autistisch., usw.

Aber so einfach ist es nicht. Autismus ist eine Spektrumsstörung und allein vom Verhalten, das man nach außen hin sieht, kann man nicht sagen, welche Gedanken diesem Verhalten zugrunde liegen.

Bei deinem Sohn scheint es mir, dass er erst dann entspannt sein kann, wenn er die Situation, auf die er sich einläßt, und die Menschen, mit denen er zusammen ist, gut kennt. Außerdem dürfte er eine enge Bindung zu Dir haben. Das ist auch bei vielen neurotypischen Kindern so.

Das falsch-interpretieren von Situationen haben meine autistischen Söhne beide - mein älterer Sohn glaubt zum Beispiel, die Hortbetreuerin habe den Ausflug nur geplant, um IHN zu ärgern, weil sie doch weiß, dass er keine Ausflüge mag! Mein jüngerer Sohn ist schwer beleidigt, wenn ich unbedacht für ihn die Milch in die Tasse leere, weil ich doch wissen MUSS, dass er das selber machen will. Dann kann ich mich plagen, die Milch wieder zurück in die Packung zu schütten, damit er es selbst tun kann :roll: .

Aber das allein macht auch noch keinen Autismus aus. Wenn du Gewissheit haben willst, geht nicht in ein SPZ sondern in eine Autismus-Ambulanz. SPZ ist sehr breit aufgestellt, weil es für alle Besonderheiten, sei es körperlich, geistig oder sozial-emotional zuständig ist. Aber ob dort jemand ist, der sich mit Autismus wirklich auskennt, ist Glückssache. In Ausitmusambulanzen hingegen haben die Fachleute ständig mit DIESER Wahrnehmungsstörung zu tun und können auch scheinbar unauffällige Verhaltensweisen ganz anders deuten als in einem SPZ.

Du schreibst, dass du "natürlich" nicht willst, dass dein Sohn eine bestimmte Diagnose bekommt. Den Satz verstehe ich nicht ganz. Ich würde noch verstehen, wenn du nicht willst, dass dein Sohn autistisch ist, weil du vermutlich Angst hast, dann seinen besonderen Bedürfnissen gerecht zu werden. Aber im Gegensatz zu harnäckigen Vorurteilen können viele Autisten ein glückliches, selbstbestimmtes Leben führen, eine Diagnose ist daher kein "Urteil", das ein Kind zu behindert-sein verdammt, sondern ein Hinweis, wie man einem jungen Menschen in bestimmten Situationen, die ihm besonders schwer fallen, passend unterstützen kann.

Ich finde immer wieder seltsam, wie viele Leute so sehr Angst vor Autismus-Diagnosen haben, dass sie alles mögliche schön reden, um ja nicht in die Verlegenheit zu kommen, es abklären zu "müssen". Würden dieselben Leute vermuten, dass ihr Kind kurzsichtig ist, hätten sie in nullkommanix einen Termin beim nächsten Augenarzt und würden es abklären lassen. Und der sagt dann entweder "Alles in Ordnung" oder "Das Kind braucht eine Brille".

Das soll für Dich kein Plädoyer für eine Diagnsotik sein - wenn kein Leidensdruck besteht und das Kind meistens fröhlich und ausgeglichen ist, kann man die Sache auch einfach nur im Hinterkopf behalten und eventuell später (oder auch nie) eine Diagnostik anstreben. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung brauchen längst nicht alle Autisten eine Schulbegleitung, Therapien, usw. Es ist individuell total verschieden.

Wenn sich dein Sohn - wenn auch nach längerer Eingewöhnung - gut im Kindergarten zurecht findet, ist durchaus auch naheliegend, dass es in der Schule auch so sein kann. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, die Klassenlehrerin schon mal vorweg kennenzulernen. Hilfreich wäre natürlich auch, wenn Freunde aus dem Kindergarten in dieselbe Klasse kämen.

Konkreten Tipp habe ich auch einen, vor allem für so Situationen, wo mal was "anders" ist als an anderen Tagen. So, wie der Tag, an dem dein Sohn länger im Kindergarten bleiben sollte. Wir haben für solche Fälle ein Whiteboard (so eine Magnetwand) wo wir jeden Morgen den Tagesplan aufschreiben. Da steht dann jeden Tag das heutige Datum und der Wochentag drauf und auch, was für diesen Tag geplant ist. Zum Beispiel "6:50-13:30 A...... fährt mit dem Bus in die Schule. 13:30- 15:30 Mama holt A..... ab und fährt mit ihm zur Logpädin...

Früher, als die mein jüngerer Sohn noch nicht lesen konnte, habe ich alle Personen und Orte, die wichtig waren, einfach abfotografiert und auf Magnetpapier ausgedruckt. Dann kamen die jeweils passenden Fotos, z.B. vom Kindergarten, vo Familienauto oder von der Oma, auf das Whiteboard. Wenn wir z.B. zu viert zu den Großeltern gefahren sind waren da zuerst unsere vier Fotos, dann ein Pfeil zum Foto vom Auto und von dort weg ein Pfeil zum Haus von Oma und Opa und zu den Fotos von ihnen. Da mein Sohn schon früh die Digitaluhr lesen konnten war auch eine Uhrzeit dabei.

Wenn du mir per PN deine Mailadresse sendest, schicke ich dir gern ein paar Fotos davon (für hier hochladen sind sie zu groß), damit du dir was drunter vorstellen kannst. Meinem Sohn hat dieses visualisieren von kommenden Ereignissen sehr geholfen.
Der liebe Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht (Johann Wolfgang von Goethe)
Rabaukenmama
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Re: Sohn verweigert neue/fremde Situationen

Beitragvon Lou » Mo 17. Jun 2019, 21:57

Liebe Rabaukenmama,

ich will dir etwas verspätet noch ganz herzlich für deine ausführliche Antwort danken!
Danke auch für den praktischen Tipp. Wir besprechen den Tag meistens mündlich und in der Regel gibt er sich damit auch zufrieden. Wenn nichts besonderes ansteht, thematisiere ich die Tagesplanung manchmal auch gar nicht. Dann fordert er sie auch nicht von alleine ein.
Im Moment ist es bei uns wieder etwas entspannter und mein Sohn wächst mit den verschiedenen Sonderterminen für die Vorschulkinder im Kindergarten! Verkehrserziehung, Ausflüge,... morgen ist Probeunterricht in der Grundschule bei dem er von einer Erzieherin begleitet wird. Ich bin sehr gespannt, wie das verläuft!

Die mögliche Diagnostik behalte ich im Hinterkopf! Jetzt wollen wir erstmal etwas Ruhe einkehren lassen.

Viele Grüße,
Lou
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Re: Sohn verweigert neue/fremde Situationen

Beitragvon sinus » Mi 19. Jun 2019, 09:59

Liebe Lou, vieles was du schreibst kenne ich von meiner Tochter auch.
Sie hatte auch immer Probleme mit neuen Situation, hat sich darum im Kindergartenalter weder auf Ausflüge, noch über Kindergeburtstagseinladungen gefreut.
Bei den Ausflügen begründete sie es allerdings so: "Die anderen Kinder halten sich nicht an die Regeln, albern an der Straße rum etc. Das mag ich nicht!"
Sie hatte offensichtlich schlicht Angst, dass irgendwas passiert!
Sie verweigerte auch Gruppenspiele immer, Brettspiele ebenfalls.
Alles in allem zeigte(e) sie auch eine Anzeichen, die Richtung Asperger weisen (sie meidet z.B. auch Augenkontakt, wenn möglich), aber ich denke bei ihr sind es eher Merkmale von Hochsensibilität. (Meiner persönlichen Theorie nach eine sanfte Vor-Form von Asperger...)

Als sie so 3,4 war, hatte sie auch immer große Probleme mit unvorhergesehne Abläufen. Einmal holte ich sie aus dem Kiga und statt nach Hause zu gehen, bin ich an dem Tag mit ihr noch zur Post. Sie hat den ganzen Weg geweint und gezetert.
Ich hab ihr darum dann möglichst immer genau vorher gesagt, wie ein Tag ablaufen wird und das hat ihr geholfen.
Bis heute reden wir vor einer Veranstaltung oft drüber, was da so passiert.

Ich kann dir aber berichten, dass sich das alles wirklich sehr gebessert hat.
Zwar war sie die ganzen 4 Jahre Grundschule nur ungern im Hort, so dass sie ab Klasse 3 meist direkt nach der Schule heim kam (die Großeltern wohnen im selben Haus und waren da), aber sie ist viel offener geworden in den letzten Jahren. Sie spielt jetzt auch sehr gern Brettspiele, auch wenn es ihr immernoch seeehr schwer fällt, zu verlieren und sie jeden Misserfolg als persönliches Versagen empfindet.
Neue Techniken einüben tut sie bspw auch nie in der Öffentlichkeit, sie kann darum z.B. nicht Tischtennis spielen, obwohl das im Hort viel gespielt wurde und sei es an sich gern gelernt hätte. Aber einfach mitmachen und probieren, was sie noch nicht kann - zu peinlich.
Auch fühlt sie sich schnell persönlich angegriffen, aber darüber können wir recht gut reden. (was ging in dem andren vor, warum hat er dies und das gemacht/gesagt, meist hat das mit ihr genau gar nichts zu tun..)
Zwar versucht sie immer noch ungewohnte Situationen zu vermeiden, aber sie kann sich mit ein bisschen "schubsen" dann doch drauf einlassen.
Bei Chorauftritten oder irgendwelchen Klassenspielen, die ihre Klassenkameraden z.B. mehrheitlich sehr genießen, steht sie in der letzten Reihe. Aber sie macht immerhin mit.
Neulich sagte sie sogar: "Ein bisschen traurig bin ich schon, dass ich beim Grundschul-Abschlussfest gar keine Aufgabe hatte!" (Einige der anderen hatten Sketche aufgeführt)
Und Erfahrung für Erfahrung, langsam, scheint sie zu merken, dass sie solchen Situationen doch immer gut gewachsen ist.

Neulich hatten sie in der Schule ein 2-Felder-Ball Turnier mit der Parallelklasse.
Sie schied irgendwann aus, weil sie abgeschossen wurde und schoss dann von hinter dem Feld und war dabei offensichtlich ziemlich geschickt.
Ihre Klassenkameraden motivierten sie mit "(Name)-Maschine, (Name)-Maschine!" und am Ende sollte SIE den gewonnenen Pokal stellvertretend für ihre Klasse annehmen.
Sie sagte mir: "Also eigentlich war mir das ja sehr unangenehm, aber dass sie mich so durch Zurufe motiviert haben, hat mir echt geholfen und ein bisschen bin ich auch stolz!"

Ich habe den Eindruck, dass sie einfach Zeit braucht, sich da zu entwickeln. Es tut sich da definitiv was, wenn auch langsam.
Und ich habe die Beobachtung gemacht, dass sie in einem Umfeld, wo sie sich sicher und kompetent fühlt, ganz anders ist.
Wir waren vor ein paar Wochen abends mal bei einem wissenschaftlichen Vortrag im Naturkundemuseum über Wildkatzen. Und Katzen sind seit einem Jahr (seit wir eine haben) IHR großes Thema.
Dort, am Abend und unter lauter Erwachsenen, war sie völlig ohne Scheu. Meldete sich, stellte Zwischenfragen und beantwortete Fragen der Vortragenden ans Publikum.
Ganz und gar nicht das Kind, was mir von der Lehrerin aus dem Schulalltag/Unterricht geschildert wird. (Dort verhält sie sich still und möglichst unauffällig)

Demnächst wechselt sie nun auf die weiterführende Schule. Diese Schule hat sie sich quasi selbst herausgesucht und aktuell freut sie sich sehr auf diese Schule.
Das ist ganz neu, dass sie sich so richtig auf einen "Umbruch" freut.
(Auf die Einschulung in die 1. Klasse damals hat sie sich nicht gefreut, sie wollte eigentlich am Liebsten gar nicht in die Schule...)
Bei den Schnupperveranstaltungen der weiterführenden Schule letztes Jahr musste ich sie, obwohl sie die Themen sehr spannend fand, noch JEDES Mal motivieren, weil sie eigentlich am Liebsten nicht hin wollte.
(Es gab 3x Samstag Vormittag eine Veranstaltung zu verschiedenen naturwissenschaftlichen Themen)
Beim ersten Mal ist sie nur mitgekommen, weil ihr Freund auch angemeldet war.
Beim zweiten Mal war der Freund krank und obwohl ihr die erste Veranstaltung thematisch gefallen hatte, wollte sie darum nicht hin.
Beim dritten Mal musste ich auch wieder schubsen und argumentieren, dass sie angemeldet sei und nicht einfach so abspringen könne.
NACH jeder Veranstaltung war sie übrigens immer total aufgekratzt und glücklich. Trotzdem hatte sie vor dem nächsten Termin wieder Hemmungen.
Tja, und dann kam Wochen später sie plötzlich von sich aus und sagte, genau diese Schule müsse es sein, kein andere.
(das war gar nicht meine Intention gewesen, die Schnupperveranstaltungen hatten wir nur deshalb besucht, um sie ein bisschen zu fördern, da sie sich in der Schule so langweilte und weil die Themen gut zu ihren Interessen passten)
Aus der Aufnahmeprüfung für diese Schule kam sie dann regelrecht "geschwebt" - sie hatte sehr viel von dem zeigen können, was sie kann und weiß.
Sonst hält sie das nämlich immer zurück, da war es aber endlich mal gefragt gewesen.
Und nun - siehe oben - freut sie sich sehr auf die neue Schule. (was sie selbst fast ein bisschen verschämt und über sich selbst staunend "zugab": "Ich habe schon ein bisschen Angst, aber EIGENTLICH freue ich mich auch ein bisschen." ... Sowas aus ihrem Mund ist schon recht ungewöhnlich...)

Vielleicht kommt das sehr "zurückhaltende" Verhalten oft schlicht dadurch zustande, dass sie sehr genau fühlt und merkt, wenn es eine Diskrepanz zwischen ihr und ihrem Umfeld (anderen Kindern und wie sie sich verhalten/was sie wissen/wie sie reden) gibt und darum in der Situation verunsichert ist.
Sie merkt ja selbst: "Alle anderen freuen sich total auf die Klassenfahrt. Ich nicht uneingeschränkt, ich hab Sorge vor den Nächten ohne Mama etc pp. Mit mir muss was nicht stimmen, wenn ich mich nicht wie die anderen freuen kann."
So ist es oft - sie macht sich viele Gedanken, die sich andere nicht machen und das merkt sie auch selbst.

Und sie muss (möchte) sich da ja auch immer noch anpassen, das kostet Energie und ist sicher wirklich unangenehm. Wer fühlt sich schon gut, wenn er sich verstellen muss?
(Gehst du gern auf eine Party, wo die Leute irgendwie nicht so ganz deine Wellenlänge haben?)

Nochmal Beispiel Klassenfahrt: alle freuten sich wie verrückt, mein Kind wäre am liebsten nicht mitgefahren.
Nun hat sie die Wahl sich zu "outen" und womöglich auf Unverständnis zu treffen oder sie tut so, als freue sie sich auch oder sie sagt einfach gar nichts zu dem Thema. (Meine Tochter hat sich für letzteres entschieden.)
Aber natürlich fühlt sich alles davon blöd an und sie fühlt sich so oder so "anders" bzw "fremd" unter all den begeisterten Kameraden, die die Klassenfahrt kaum erwarten können und kein anderes Thema mehr kenne vor lauter Vorfreude.
Nach der Klassenfahrt berichtete sie dann übrigens auch begeistert, schränkte aber durchaus ein, dass die Nächte nicht so schön gewesen seien und sie darum nicht unbedingt so bald wieder auf eine Klassenfahrt mag. Ach und es hatten wohl einige der Mädchen abends geweint, weil sie die Mama vermissten. Sie nicht. (Nie würde sie sich diese Blöße geben).
Aber diese Erfahrung war sicher gut für sie - dass andere durchaus auch solche Ängste und Sorgen haben.
Sie halt nur immer schon lange vorher und viel vorrausschauender.
Das weiß sie inzwischen auch, denn wir haben da schon viel drüber gesprochen.
Im Zusammenhang mit Hochsensibilität.

Hast du dich mal mit Hochsensibilität beschäftigt?
Das Buch "Das hochsensible Kind" von Aron hat mir auch in vielen Bereichen, wo ich meine Tochter "auffällig" fand, echte Aha-Effekte geliefert...

PS: Statt Sachen in den Mund zu stecken, hat meine Tochter vom Krippenlater (ab 2 Jahren eta) bis ca. 2. Klasse immer ihre Fingernägel abgekaut.
Auch immer dann, wenn was Neues war/sie verunsichert war.
Ich glaube, es ist nahezu ersatzlos verschwunden, ich wüsste grad nicht, dass sie was Vergleichbares macht.
Das macht sie seit 1,2 Jahren jetzt gar nicht mehr.
Zuletzt geändert von sinus am Mi 19. Jun 2019, 10:56, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Sohn verweigert neue/fremde Situationen

Beitragvon sinus » Mi 19. Jun 2019, 10:53

PS: Bei einigen psychologischen Test, die sei im Alter von 9 Jahren machte, kam übrigens das Thema Asperger gar nicht zur Sprache, Ergebnis war aber z.B. ein hoher (von der Norm deutlich abweichender) Wert im Bereich "Neurotizismus".
Nachdem ich mich damit auseinandergesetzt habe, neige ich aber dazu, diese pathologischen Bezeichnung zu ersetzen mit "Hochsensibilität gepaart mit Hochbegabung". Und in dem Rahmen betrachtet finde ich ihr Verhalten dann eigentlich wieder ziemlich normal...
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