Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Mein Kluges Kind macht was es will

Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon Meine3 » Mo 7. Okt 2019, 17:54

Aber ich möchte ruhig essen können und beim essen nicht ständig von der Seite angefaucht werden. Wir haben anfangs mitgemacht und gekontert, aber leider ist das - wie praktisch immer bei ihm - er kennt das Limit nicht. Er kann dann nicht aufhören und steigert sich richtig rein. Es ist das gleiche wie verstecken oder fangen spielen, all diese Dinge, die ansatzweise 'wild' sind, bringen ihn so in Fahrt dass er nicht mehr stoppen kann, auch wenn wir aufhören oder sagen dass es nun aber mal gut ist. Da ist ein lauter Streit vorprogrammiert...
Ich hoffe es wird etwas klarer.


DAS wiederum kenne ich auch sehr gut von meinem Sohn. Wenn er etwas "nerviges" tut und man steigt drauf ein, dann hört er damit nicht nach einer Weile auf, sondern dreht richtig auf und dann ist es fast unmöglich, ihn wieder "runter zu bringen" :gruebel:... Daher regulieren wir meist bei ihm schon recht früh (wenn das Verhalten eben grade stört, gibt ja auch Situationen, in denen es nicht stört), da dies besser funktioniert. Bei anderen Kindern mag das gut klappen, kurz zu kontern oder drauf einzusteigen, bei anderen ist es wieder kontraproduktiv.

Die Psychologin meinte dazu bei uns (das muss nicht bei euch zutreffen!), dass er einfach manchmal so von seiner Idee oder seinem Spiel eingenommen ist, dass er in diesen Momenten für Reaktionen von der Außenwelt nicht zugänglich ist (es also einfach nicht mitbekommt, dass es für andere nicht lustig ist, auch wenn man es deutlich sagt oder zeigt), dann aber in einer anderen Situation überaus sozial und rücksichtsvoll reagiert. Dadurch, dass sich dies aber bei ihm sehr abwechselt mit völlig normalem Verhalten, hat sie es als Charakterzug eingeordnet. Er ist wild und sehr begeisterungsfähig und manchmal dreht er halt durch 8-) . Und man könnte theoretisch sagen:" oh das ist auffällig!" Aber es sind zu viele andere Dinge eben nicht auffällig, so dass er in Summe eben einfach ein wildes, energiereiches Kind ist, laut Psychologin. Ich habe dazu zwar mittlerweile eine andere Theorie, aber das steht auf einem anderen Blatt ;).

Wir können hier nicht wirklich "helfen", außer dass du dich eben mal aussprechen und laut nachdenken kannst und vielleicht hilft das ja schonmal ein wenig, dich zu sortieren. Auch wenn dies in solchen Situationen oft nicht wirklich funktioniert.
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Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon alibaba » Di 8. Okt 2019, 07:16

Meine3 hat geschrieben: Wir können hier nicht wirklich "helfen", außer dass du dich eben mal aussprechen und laut nachdenken kannst und vielleicht hilft das ja schonmal ein wenig, dich zu sortieren.


@hope …...Hier hänge ich mich dran. Es ist auf jeden Fall der richtige Weg, sich bei solchen Problemen an einen Fach*mann zu wenden. Bevor das Kind eingeschult wird, braucht es da eine Abklärung.Denn spätestens dort ist schnell ende mit lustig oder eben einer Sonderbehandlung.

Vielleicht berichtest du später mal, was denn heraus gekommen ist.
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Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon Meine3 » Di 8. Okt 2019, 10:14

alibaba hat geschrieben:
Meine3 hat geschrieben: Wir können hier nicht wirklich "helfen", außer dass du dich eben mal aussprechen und laut nachdenken kannst und vielleicht hilft das ja schonmal ein wenig, dich zu sortieren.


@hope …...Hier hänge ich mich dran. Es ist auf jeden Fall der richtige Weg, sich bei solchen Problemen an einen Fach*mann zu wenden. Bevor das Kind eingeschult wird, braucht es da eine Abklärung.Denn spätestens dort ist schnell ende mit lustig oder eben einer Sonderbehandlung.

Vielleicht berichtest du später mal, was denn heraus gekommen ist.



Da hänge ich mich wiederum dran :) . Ich würde auch gerne wissen, was bei euch weiterhin passiert.

Alles Liebe, Meine3
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Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon Hope » Di 8. Okt 2019, 14:51

Hallo zusammen,

Ich halte euch gern auf dem Laufenden. Aktuell verdichtet sich unsere Vermutung dahingehend, dass unser Sohn Asperger hat und begleitend ein paar Inselbegabungen. Auch wenn ich mich wirklich sehr wundere woher er das hat, denn es ist ja auch eine genetische Komponente dabei soweit ich weiß. Ich habe die letzten Tage mich sehr bemüht meinen Umgang mit ihm zu ändern, bin SEHR klar, beinahe emotionslos, für mein Empfinden fast schon ruppig wie man hier so sagt, rede im Imperativ mit ihm mit minimalem Worteinsatz...und das seltsame ist, dass er darauf ausgesprochen positiv reagiert. Würde man mit MIR so sprechen wäre ich wahrscheinlich verletzt. :shock:

Übrigens habe ich seine Erzieherin mal ganz direkt gefragt, was sie dazu meint und sie gestand mir dass sie das schon vermutet hat, allerdings dürfen die solche Vermutungen nicht nenne (das wusste ich gar nicht :?).

Ende Oktober haben wir den nächsten Termin und ja, ich habe Angst davor.

Um ehrlich zu sein, hab ich extreme Schwierigkeiten damit anzunehmen, dass er nicht 'normal' ist und es niemals sein wird. Ich sag es mal ganz direkt, wir sind eine normale Familie, die wertschätzend und liebevoll miteinander umgeht, geben unser Bestes, reflektieren uns und wollen pädagogisch sinnvoll handeln. Und ALLE Bemühungen nützen nichts, weil das Kind anders ist. Einfach so, peng. Es gibt da diesen Blogbeitrag, weiß leider nicht mehr wo..."Gestatten, ich bin die Mutter eines Arschlochkindes". Provokant was? Aber es ost ja so,dass Außenstehende auf das Kind schauen und denken die Eltern haben versagt. Egal wie man sich anstrengt und versucht da erzieherisch was aufzufangen. Es ist wie trauern um ein Kind das es nie geben wird.
Ihr wisst sicher was ich meine und habt diese Trauer wohl zum Grossteil schon durchlebt. Mir steht das vermutlich bevor.

Liebe Grüße
Hope
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Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon Rabaukenmama » Di 8. Okt 2019, 15:38

Hallo Hope,

mein älterer Sohn ist Asperger Autist mit ADHS und einigen Inselbegabungen, mein jüngerer Sohn ist gehörlos und frühkindlicher Autist mit anderen Inselbegabungen :mrgreen: .

Während wir beim jüngeren Sohn die Diagnosen schon recht früh hatten (Gehörlosigkeit mit 3 Monaten, Autismus mit 4 Jahren) war mein älterer Sohn für mich immer das "normale" Kind. Ehrlich gestanden wollte ich nicht wahrhaben, dass er AUCH nicht ganz neurotypisch ist, obwohl mir der Kindergarten das schon sehr wertschätzend und wohlwollend rüberbringen wollte, als er gerade mal 4 Jahre alt war.

Leider waren wir damals bei der Entwicklungsdiagnostik bei einer absolut unfähigen Psychologin (in einem SPZ :twisted: ). Und obwohl mir von der ersten Begegnung an klar war, dass diese Frau total neben sich steht, habe ich ihr gerne geglaubt, als sie nach 5 Minuten mit meinem Sohn Autismus und ADHS kategorisch ausgeschlossen hat.

So war er noch ein 3jähriger Weg, bis mein Sohn erst mal die Asperger Autismus Diagnose bekam (mit 7 Jahren) und dann ein Jahr später noch die ADHS-Diagnose dazukam. Und es war leider häufig so, dass sein Verhalten auf "zu lasche" Erziehung geschoben wurde. Tatsächlich bin ich zwar sicher eine Mutter, die ihren Kindern viele Freiheiten lässt, aber ich bin (und war auch schon früher) immer sehr klar in meinen Aussagen und absolut nicht so weich, dass mir meine Kinder auf der Nase rumtanzen könnten :P .

Am meisten hat mich geärgert, wenn mir wer Inkonsequenz vorgeworfen hat, denn ich kenne kaum einen konsequenteren Menschen als mich. Während andere Eltern locker mal "ausnahmsweise" ein Stück Schokolade hergeben oder länger Tablett spielen erlauben können, gab es so was früher bei mir überhaupt nicht. Ich wusste, dass vor allem mein jüngerer Sohn jegliches Zugeständnis meinerseits schamlos ausnutzt und mit aller Gewalt immer und immer wieder einfordern wird. Mittlerweile ist die Situation nicht mehr so extrem wie früher, ich halte mich aber immer noch für durchaus konsequent. Nur bin ich draufgekommen, dass andere Leute mit "Konsequenzen" normalerweise Strafen meinen, und die lehne ich ab.

Vor allem bestrafe ich nicht für Verhaltensweisen, die auf Grund der Wahrnehmungsbesonderheiten meiner Kinder auftreten. Bei meinem jüngeren Sohn sind das autistische Wutanfälle (Meltdowns), wo er 20 bis 45 Minuten wirklich "außer sich" vor Wut ist und wo nichts und niemand ihn beruhigen kann. Der Auslöser ist oft nichtig und für Leute, die keine Ahnung davon haben, absolut unverständlich. Aber wenn der Meltdown mal da ist gibt es kein ZURÜCK mehr. Ich brauche nichts gebärden (sagen sowieso nicht :lol: ), nicht trösten, nicht hochnehmen (in beiden Fällen würde mein Sohn mich mit aller Gewalt abwehren, treten, schlagen,...) sondern ich muß nur aufpassen, dass er sich nicht selbst verletzt. Für Außenstehende muss das sehr seltsam aussehen und ich habe oft schon kluge Tipps oder geringschätzige Blicke bekommen. Manche glaubte, mein Sohn würde schon parieren, wenn ich ihn nur oft genug schlagen würde, andere haben nicht verstanden, warum ich das "arme Kind" nicht tröste, wieder andere, warum ich nicht schimpfe (bei einem gehörlosen Kind :roll: )... Wie sehr mein Sohn selbst unter diesen Anfällen leidet, habe ich gemerkt, als er WÄHREND er geweint und gebrüllt hat, immer wieder gebärdet hat "Ich mag nicht weinen! Ich mag nicht schreien!". Da war mir klar, dass es eben KEIN normaler, kindlicher Wutanfall ist, sondern dass mein Sohn ab einer gewissen Grenze einfach keinen Einfluß mehr darauf hat, wie er sich verhält.

Mittlerweile erkenne ich einige Vorzeichen dieser Meltdowns und es gelingt mir immer häufiger, durch entschärfen der Situation die totale Eskalation zu vermeiden. Sohnemann bekommt außerdem ein Medikament, welches sicher auch zur Besserung der Gesamtsituation beiträgt. Aber wenn mein Sohn doch wieder mal einen solchen Anfall hat, werde ich ihn definitiv NICHT dafür bestrafen. Ih bestrafe schließlich auch kein gelähmtes Kind dafür, dass es einen Rollstuhl benötigt.

Ich musste wirklich mühsam lernen, meine Kinder (vor allem meinen älteren Sohn) SELBST so zu nehmen, wie sie eben sind, und mein Idealbild von einer Familie, wie ich sie gerne hätte, ersatzlos löschen. Beim jüngeren Sohn war es auf Grund der Sinnesbehinderung einfacher. Wenn Außenstehende mitbekommen, dass ein Kind gehörlos ist, hat es praktisch Narrenfreiheit. Und man wird als Mutter sofort bedauert und hört so Sachen wie "Das arme, arme Kind! Was soll nur aus dem werden?". Manchmal bekommt man auch Tipps, dass es ja "so Dinger" gibt, die man in den Kopf einpflanzen kann, wo gehörlose Kinder dann plötzlich hören können. Tja, und wenn ich erwähne dass mein Sohn die Wunderteile schon seit 6 Jahren im Kopf hat, sie aber bei ihm nichts bringen, werden wir noch mehr bedauert. Das ist auch einer der Gründe, warum ich selten die Gehörlosigkeit erwähne oder thematisiere.

Bei einem hörenden Autisten oder ADHS-Kind schaut die Sache schon wieder ganz anders aus. Da werden selbst gesicherte Diagnosen von Außenstehenden oft angezweifelt und es wird vermutet, dass es ja doch nur an der Erziehung liegen kann. Denn ADHS gibt es ja gar nicht, die Kinder sitzen heute nur viel zu viel vor dem Fernseher und spielen zu viele elektronische Spiele, sie ernähren sich außerdem falsch und bewegen sich zu wenig! Und die Pharmaindustrie pumpt sie mit Medikamenten voll, um mit ihnen ein Geschäft zu machen, wo doch in Wirklichkeit die unfähigen Eltern an allem "schuld" sind :evil: .

Es war ein harter Lernprozess zu meinen Kindern zu stehen, trotz ihrer Besonderheiten. Dass ich mir auch eine dicke Haut was die Kommentare "von außen" betraf, zulegen musste, war nur ein Teil dieses Prozesses. Ich habe mich vor allem bei meinem älteren Sohn immer wieder selbst dabei ertappt, wie ich von ihm Dinge erwartet habe, die er einfach auf Grund seiner Behinderng (noch) nicht schafft.

Liebe Hope, ich verstehe deine Schwierigkeiten, anzunehmen, dass dein Sohn nicht "normal" ist. Das geht auch nicht von heute auf morgen. Aber er ist jetzt nicht von einem Tag auf den anderen ein anderer Mensch, nur weil er vielleicht eine Wahrnehmungsstörung diagnostiziert bekommt. So, wie lernschwache Kinder eben gaaaanz viel üben müssen, um sich alle Buchstaben des ABCs zu merken, so müssen Autisten eben viel üben, um mit ganz normalen, sozialen Situationen zurecht zu kommen.

Gras wächst eben nicht schneller, wenn man daran zieht. Und was die Zukunft "irgendwann einmal" betrifft, so habe ich schon durch meinen jüngeren Sohn gelernt, nur im HEUTE zu leben und mir keinen großen Kopf um spätere Selbstständigkeit, Arbeitsplatz, Beziehungen, Freundschaften usw. zu machen. Das sind alles Dinge, auf die ich ohnehin keinen Einfluß habe. Und auch bei einem komplett "nomalen" Kind ist eine glückliche, gesicherte Zukunft nicht selbstverständlich. Ein einziges Ereignis (z.B. ein Unfall) kann alles binnen Sekunden ändern.

Im Gegensatz dazu kannst du, wenn mal eine klare Diagnose da ist, durch angepasstes Verhalten sehr viel zum positiven bewirken. Du hast es selbst schon in den letzten Tagen bemerkt, wo du bewusst anders mit deinem Sohn gesprochen hast als bisher - und er hat es als positiv empfunden. Es gibt viele Dinge, die man innerhalb der Familie tun kann, um einem Autisten das Leben zu erleichtern. Es braucht natürlich seine Zeit, herauszufinden, was das für Dinge sind und es braucht auch seine Zeit, sich mit der "neuen" Situation zu arrangieren. Aber mittlerweile denke ich, dass es viiiiiiel schlimmere Dinge gibt, als autistische Kinder zu haben. Und ich weiß, wovon ich spreche ;) . Alles Gute und wenn du Fragen hast, gerne hier oder per PN :) .
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Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon Auguste » Di 8. Okt 2019, 15:54

Hallo Hope,

Ich habe bisher in Deinem Thema nur still und interessiert mitgelesen, weil ich nicht wirklich was konstruktives beizutragen wusste.

Du hast jetzt viel gelesen und langsam eine Idee bekommen, was mit Deinem Kind "nicht stimmt". Es kann so sein - es muss aber nicht. Und selbst wenn es tatsächlich so ist, wie Du vermutest, dann kannst Du deinem Maxi endlich helfen, weil Du dann weißt, warum er so ist wie er ist. Du hast dann Spezialisten an der Hand, die Dir und dem Maxi helfen können. Letztendlich wird es allen besser gehen, wenn ihr wisst woran ihr seid.

Mein Sohn ist Teil-HB mit AVWS. Er kann nur schlecht Störgeräusche filtern, ist deswegen oft abgelenkt und ermüdet schnell, wenn er irgendwo zuhören muss. Außerdem kann er in unruhiger Umgebung nicht hören, wenn er gerufen wird, bzw. nicht orten, woher der Ruf kommt. Er war schon immer "anders". Sehr ruhig, hatte Probleme bei Gruppen- oder Mannschaftsspielen (z.B. beim Fußball steht er nur da und wartet, dass der Ball zu ihm kommt). Er war schon immer langsam (beim Essen, Anziehen, Hausaufgaben einfach immer :roll: ) und manches muss man ihm x-Mal sagen, bevor er reagiert. Wenn er dann reagiert, braucht er ewig, bis er anfängt, das zu tun, was man ihm gesagt hat. Im Kindergarten wusste das auch niemand "einzuordnen" - aber sie haben ihn so angenommen, wie er war (Kinder und Erzieher). Sein "Vorteil" war wohl, dass er nicht aggressiv ist. Diagnostiziert wurde er erst mit 9 Jahren, als er Probleme in der Schule hatte.

Wir waren eher frustriert, als man uns sagte, dass es keine Therapie für ihn gibt und man sein Handicap einfach hinnehmen muss. So nach und nach wurde uns dann auch bewusst, warum er manche Dinge eben so machte, wie er es machte. Für die Schule gäbe es Hilfsmittel, falls er ohne nicht klar kommt. Das will er aber nicht - er will "normal" sein und sich lieber ohne Hilfsmittel durchschlagen.

Unseren Alltag hat die Diagnose aber trotzdem entspannt. Wir wissen jetzt, dass wir ihn einfach antippen müssen, bevor wir mit ihm sprechen wollen bzw. darauf achten, dass er uns anschaut. Wir warten geduldiger und geben ihm mehr Zeit, seine Aufgaben zu erledigen. Wir sind weniger genervt, weil wir jetzt wissen, dass er nicht anders kann.

Klar wünscht man sich, dass man ein "normales" Kind hat - und ist erst Mal schockiert und auch traurig, wenn man erkennt oder schwarz auf weiß sieht, dass das das Kind nicht "normal" ist. Wichtig ist jedoch, was ihr draus macht. So wie Du hier über Euch und Deinen Sohn schreibst, bin ich mir sicher, dass ihr das Beste draus machen werdet - egal was am Ende auf dem Papier steht :) Auch mit Kindern mit "Special Effect" kann man Spaß haben und vieles, was am Anfang (mit der Diagnose) schwierig erscheint, wird bald Normalität - zumindest für Euch ;)

Gruß
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Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon sinus » Mi 9. Okt 2019, 10:04

Auguste hat geschrieben:
Unseren Alltag hat die Diagnose aber trotzdem entspannt. Wir wissen jetzt, dass wir ihn einfach antippen müssen, bevor wir mit ihm sprechen wollen bzw. darauf achten, dass er uns anschaut. Wir warten geduldiger und geben ihm mehr Zeit, seine Aufgaben zu erledigen. Wir sind weniger genervt, weil wir jetzt wissen, dass er nicht anders kann.

Klar wünscht man sich, dass man ein "normales" Kind hat - und ist erst Mal schockiert und auch traurig, wenn man erkennt oder schwarz auf weiß sieht, dass das das Kind nicht "normal" ist. Wichtig ist jedoch, was ihr draus macht. So wie Du hier über Euch und Deinen Sohn schreibst, bin ich mir sicher, dass ihr das Beste draus machen werdet - egal was am Ende auf dem Papier steht :) Auch mit Kindern mit "Special Effect" kann man Spaß haben und vieles, was am Anfang (mit der Diagnose) schwierig erscheint, wird bald Normalität - zumindest für Euch ;)

Gruß


Das hast du schön geschrieben!

Ich habe gestern Abend dieses Buch ausgelesen:
Elf ist freundlich und Fünf ist laut: Ein genialer Autist erklärt seine Welt
von Daniel Tammet.

Es ist die bisherige Lebensgeschichte eines hochfunktionalen Autisten mit Inselbegabung.
Interessant fand ich vor allem, dass er in seiner Kindheit sehr auffällig war und nach den Beschreibungen aus der Zeit damals überhaupt nicht absehbar war, dass er eines Tages ein quasi normales Leben mit Partnerschaft, Freundeskreis und beruflicher Erfüllung haben könnte.
Insofern ist das ein sehr ermutigendes Buch.
Entscheidend ist dabei ist auch nichtmal so die außergewöhnliche Begabung, die er hat, sondern wie er mit sein Defiziten umgegangen ist und sich Stück für Stück - und nicht zuletzt auch durch seine Geschwister und den feinfühligen Umgang seiner Eltern mit ihm - aus seiner eigenen Welt herausbewegt hat, um schließlich aktiv und glücklich an der "normalen Welt" teilzunehmen.
sinus
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Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon Meine3 » Mi 9. Okt 2019, 11:25

Ich halte euch gern auf dem Laufenden. Aktuell verdichtet sich unsere Vermutung dahingehend, dass unser Sohn Asperger hat und begleitend ein paar Inselbegabungen.


Ist das eure Vermutung als Eltern oder die Vermutung zusammen mit der Psychologin? Das konnte ich aus dem geschriebenen nun so nicht eindeutig ermitteln? Ist das nun die Diagnose?

Auch wenn ich mich wirklich sehr wundere woher er das hat, denn es ist ja auch eine genetische Komponente dabei soweit ich weiß. Ich habe die letzten Tage mich sehr bemüht meinen Umgang mit ihm zu ändern, bin SEHR klar, beinahe emotionslos, für mein Empfinden fast schon ruppig wie man hier so sagt, rede im Imperativ mit ihm mit minimalem Worteinsatz...und das seltsame ist, dass er darauf ausgesprochen positiv reagiert. Würde man mit MIR so sprechen wäre ich wahrscheinlich verletzt. :shock:


die Autismus-Spektrum-Störung hat sooo viele Gesichter. Oft bleiben Autisten auch unentdeckt für lange Zeit, weil sie Wege und Strategien entwickeln mit dem Alltag und der Umwelt "in Einklang" zu leben. Nicht jeder Autist wird als solcher von der Außenwelt erlebt... Es kann gut sein, dass ihr Autisten in der Familie habt, ohne dass euch dies oder der Person selbst klar ist. Dass der "harsche" Tonfall nun gut anschlägt, ist ja zumindest für den Alltag schonmal hilfreich. Ich kenne zwei Autisten, die extrem empfindlich auf "Kommandos" reagieren, auch hier ist jeder anders. War es eine Empfehlung der KJP klarere Anweisungen zu geben?

Übrigens habe ich seine Erzieherin mal ganz direkt gefragt, was sie dazu meint und sie gestand mir dass sie das schon vermutet hat, allerdings dürfen die solche Vermutungen nicht nenne (das wusste ich gar nicht :?).


da muss ich sagen: unsere Erzieher haben klar dagegen verstoßen ;) . Uns wurde aktiv geraten, das Kind auf Hochbegabung testen zu lassen. ADHS kam eher von mir... Die Erzieher haben dahingehend keine Vermutung gehabt und waren ganz erstaunt, dass er doch ein "Grenzfall" ist...


Um ehrlich zu sein, hab ich extreme Schwierigkeiten damit anzunehmen, dass er nicht 'normal' ist und es niemals sein wird. Ich sag es mal ganz direkt, wir sind eine normale Familie, die wertschätzend und liebevoll miteinander umgeht, geben unser Bestes, reflektieren uns und wollen pädagogisch sinnvoll handeln. Und ALLE Bemühungen nützen nichts, weil das Kind anders ist. Einfach so, peng.


Das braucht sicherlich Zeit. Ich denke, ihr werdet gute Strategien mit an die Hand bekommen, die es euch leichter machen, den Alltag mit ihm zu bewältigen. Bzw. werdet ihr die für euch selbst herausbekommen. Liebevoll und wertschätzend ist NIE verkehrt, auch oder grade nicht bei Kindern die "anders" sind.

Es gibt da diesen Blogbeitrag, weiß leider nicht mehr wo..."Gestatten, ich bin die Mutter eines Arschlochkindes". Provokant was? Aber es ost ja so,dass Außenstehende auf das Kind schauen und denken die Eltern haben versagt. Egal wie man sich anstrengt und versucht da erzieherisch was aufzufangen. Es ist wie trauern um ein Kind das es nie geben wird.



Unser Sohn ist, wie schon mehrfach beschrieben, auch öfter "auffällig" in seinem Verhalten. Er ist laut, wild, ungestüm, enthusiastisch (manchmal zu sehr) und fällt damit leider auch unangenehm auf. Aber zum Glück eben nicht IMMER. Es gibt sehr gute Wochen und Tage und Tage, da könnte ich einfach nur im Boden versinken... Er wird nicht mehr absichtlich grob oder gemein gegen andere Kinder (in Zeiten der Diagnostik war das so!!), aber manchmal stößt er Kinder trotzdem mit seinem Verhalten vor den Kopf oder ist so ungestüm, dass er einfach mal ein Kind umsegelt. DA kann ich noch so oft sagen: achte mehr auf deine Umgebung, halte Abstand, mach langsamer :roll:

Und ja: manchmal ernte ich kritische Blicke. Manchmal reagiere ich genau deswegen auch "voreilig", wo andere Mütter noch ganz entspannt zuschauen, bin ich schon am rennen :roll:, einfach weil ich diese Blicke nicht leiden kann. DA versuche ich mich aber grade zu entspannen. Ja, mein Kind wirkt auf den ersten Blick manchmal wie ein AK (Arschlochkind) und das macht mich traurig, denn ICH als Mutter weiß, dass er alles andere als das ist. Und DEIN Kind ist auch kein Arschlochkind. Ganz ehrlich: "echte" Arschlochkinder kommen von Arschlocheltern. Wirklich Arschlochkinder, das sind für mich Kinder die mit Absicht und aus Spaß, im vollen Bewusstsein, dass sie anderen weh tun (!!) und ohne Wahrnehmungs- oder andere Störung stören, ärgern, fies sind. Und das haben sie dann schon meist von den Eltern. Da kommt dann schon auch mal der dazugehörige Papa auf dem Spielplatz auf dich zu und sagt:" willst du eins auf die Fresse?" Weil du sein Kind, nachdem es deinem 2 Jahre jüngeren Kind 2 x mal mit Freude und Elan die Schaufel auf den Kopf gehauen hat, kurz beiseite nimmst und freundlich erklärst, dass es das bitte lassen soll, weil das dem anderen Kind weh tut :roll:... Da weißt du dann auch woher es kommt und: diese "Arschlochkinder" können einem auch leid tun, denn man weiß ja nicht, wie sie wären, hätten sie eine liebevolle und respektvolle Umgebung... somit komme ich zu dem Schluss, dass es quasi keine Arschlochkinder gibt :gruebel: ...

Ihr wisst sicher was ich meine und habt diese Trauer wohl zum Grossteil schon durchlebt. Mir steht das vermutlich bevor.



Ich bin nicht in deiner Lage. Ich trauere daher auch nicht. Ich kann aber gut verstehen, dass du dich so fühlst: und ja, sollte die Diagnose gesichert werden, so habt ihr da eine Menge zu verarbeiten und vor allem zu AKZEPTIEREN. Ich wünsche dir, deinen Kindern und deinem Mann viel Kraft! Und das ("wieder?)finden des "liebevollen Blicks" auf euren Sohn.

Bei uns ist es so, dass ich persönlich vermute, dass er ADHS hat, das aber kompensiert mit einer hohen Begabung und es deswegen so "mild" daher kommt, die Hochbegabung aber wiederum nicht so zum tragen kommen kann durch das ADHS. Aber ich habe keine offizielle Diagnose, keine offizielle "Entschuldigung" oder Erklärung für sein manchmal nicht angepasstes Verhalten. Ich denke, und da sei mir bitte nicht böse, eine Diagnose kann auch eine unglaubliche Entlastung sein, weil man dann eben eine Erklärung für das Verhalten hat und nicht mehr an sich oder seinem Erziehungsstil zweifeln muss, was ich persönlich schon manchmal tue, wenn er sich grade wieder aufführt wie ein Urzeitmensch :? . Denn mein Kind wird sich auch nicht großartig ändern, egal was ich mache. Ich gebe schon mein Bestes und mehr geht nicht.


Liebe Grüße,

Meine3
Hope[/quote]
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Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon alibaba » Mi 9. Okt 2019, 11:55

Ich finde "Arschlochkind" ganz schlimm. Ich käme nie auf den Gedanken (aber vielleicht habe ich ja auch nur gut reden) einen Menschen so zu betiteln. Für mich klingt das zutiefst herabsetzend. Das Kind kann ein Arschlochkind sein, wenn es Steine von einer Brücke auf vorbei fahrende Autos wirft und bewusst diese Handlung (weil es das so cool findet) vollführt. Aber ein Kind mit einer "Krankheit" ist kein Arschlochkind. Ich finde in diesem Zusammenhang den Ausdruck vollkommen fehl am Platze.
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Re: Auf Knopfdruck aggressiv - was tun?

Beitragvon Rabaukenmama » Mi 9. Okt 2019, 12:43

Meine3 hat geschrieben:Ganz ehrlich: "echte" Arschlochkinder kommen von Arschlocheltern. Wirklich Arschlochkinder, das sind für mich Kinder die mit Absicht und aus Spaß, im vollen Bewusstsein, dass sie anderen weh tun (!!) und ohne Wahrnehmungs- oder andere Störung stören, ärgern, fies sind. Und das haben sie dann schon meist von den Eltern. Da kommt dann schon auch mal der dazugehörige Papa auf dem Spielplatz auf dich zu und sagt:" willst du eins auf die Fresse?" Weil du sein Kind, nachdem es deinem 2 Jahre jüngeren Kind 2 x mal mit Freude und Elan die Schaufel auf den Kopf gehauen hat, kurz beiseite nimmst und freundlich erklärst, dass es das bitte lassen soll, weil das dem anderen Kind weh tut :roll:... Da weißt du dann auch woher es kommt und: diese "Arschlochkinder" können einem auch leid tun, denn man weiß ja nicht, wie sie wären, hätten sie eine liebevolle und respektvolle Umgebung... somit komme ich zu dem Schluss, dass es quasi keine Arschlochkinder gibt :gruebel: ...


So eine Einstellung hatte ich auch mal. Blöderweise musste ich sie aufgeben, als mein Sohn genau das getan hat, was du von den "echten" Arschlochkindern schreibst: unvermittelt Schaufel auf den Kopf knallen, schubsen, treten, schimpfen, beißen, die Toilette unter Wasser setzen, Fäkalien an die Wände schmieren,...och, wie oft habe ich mir da anhören müssen, dass das Kind das doch "irgendwo" gelernt haben muss :roll: - mit dem Unterton "Doch sicher in der Herkunfstsfamilie!".

Wenn meine Jungs z.B. in ein Spielgerät bei McDonalds reingelaufen sind hätte ich meinen Kopf verwetten können, dass nach spätestens 3 Minuten mindestens 1 anderes Kind rauskommt und den versammelten Eltern anklagend zuruft "Da drin ist ein Bub, der hat....(auf die Rutsche Lulu gemacht, einen Schuh nach mir geworfen, meine kleine Schwester geschubbst, ein Gaga-Wort gesagt,...) - und das war IMMER mein älterer Sohn :evil: .

Damals hatten wir noch keine Diagnosen und auch heute sind diese bestimmt kein Freibrief - aber ich kann auf eigener Erfahrung sagen, dass allein "vorleben" von wertschätzendem Umgang bei solchen Kindern genau NICHTS bewirkt. Weder mein Mann noch ich haben toleriert, wenn unser Sohn aggressiv, gemein und unberechenbar wurde, wir haben immer sofort und mMn angemessen reagiert. Wir haben (später, zu Hause) auch wieder und wieder besprochen welches Verhalten in welcher Situation akzeptabel ist oder nicht.

Wir haben verschiedenes ausprobiert: Erziehungsseminare für uns, Einzelstunden bei der Psychologin für uns, Kinderpsychologin für unseren Sohn, Kinderpsychiater, viel Bewegung, viele Gespräche, Medikamente, Neurofeedback,...und mussten durch Versuch und Irrtum lernen was völlig wirkungslos war und was zumindest teilweise Besserung gebracht hat.

Das Verhalten unseres Sohnes ist im Laufe der Jahre schon um einiges besser geworden, aber von "normal" ist er heute noch weit entfernt. Und nicht jedes Kind mit Wahrnehmungsstörung hat auch Diagnosen dazu. Viele Eltern scheuen davor zurück, weil sie Stigmatisierung fürchten. Durchaus zu Recht, ich habe mir erst vor einigen Wochen von einer Schuldirektorin klar sagen lassen müssen, dass Autisten an "ihrer" Schule absolut nicht erwünscht sind... :twisted: - hätte mein Sohn keine gesicherte Diagnose oder würde ich diese verschweigen wäre eine Aufnahme auf dieser Schule hingegen kein Problem - auch wenn die Problematik des Kindes so und so exakt dieselbe ist :roll: .
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