Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Mein Kluges Kind macht was es will

Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Beitragvon sinus » Do 7. Nov 2019, 21:28

Wie sind da eure Erfahrungen?

Meine Tochter hatte im Vorschuljahr ja eine Phase, wo sie immer wieder sagte, sie würde "am liebsten irgendwo allein im Wald leben".
Auch Sätze wie "ich bin zu gar nichts nütze", "keiner braucht mich" und "ich wäre am liebsten gar nicht da" hörte ich phasenweise von ihr. Auch später dann im Grundschulalter noch.

Bei Aiga Stapf und auch in einem weiten Buch über Hochbegabung las ich dann ähnliche Sätze als Beispiel, wie weit insbesondere hochbegabte Mädchen grad im letzten Kigajahr unter Unterforderung/Misfit etc leiden können.
Ich war damals sehr erleichtert, dass das offensichtlich nicht so gänzlich unnormal ist...

Ingesamt ist das bei meiner Tochter (fast 11) schon viel besser geworden, ich erlebe sie sehr viel öfter bei guter Laune, als früher und finde auch, dass sie selbstbewusster geworden ist.
Aber sie hat immer noch gelegentlich "Anwandlungen" (insbesondere abends), an denen sie so Sachen sagt.
"Ich wäre am liebsten unsichtbar" sagt sie regelmäßig, manchmal kommt auch sowas wie "Ich hasse mich" und "Warum kann ich mich selbst eigentlich nicht liebhaben?"
Ich vermute, dass sie nun auch schon unter gewissen hormonellen Schwankungen leidet.
Neulich hatte sie mal wieder so einen Abend, am nächsten Morgen ist sie aber regelrecht auffällig fröhlich erwacht und in die Schule abmarschiert.
Trotzdem machen mir solche Äußerungen Sorgen. Grad im Hinblick auf die Pubertät - da kann ja alles mögliche Schlimme aus solchem "Selbsthass" werden... Und was erst, wenn sie irgendwann sowas nicht mehr mit mir bespricht, es in sich reinfrisst und mir gar nicht mehr erzählt, wenn sie sich so schlecht fühlt???
Sie teilt ihre Gefühle bisher wirklich ausschließlich mit mir, sonst lässt sie sich von niemandem in die Karten gucken.
Sie sagt, außer mir versteht sie niemand wirklich und selbst ich würde sie nicht gänzlich verstehen. Sie hätte niemandem, dem sie alle ihre Sorgen anvertrauen könne...

Ich bin jedenfalls immer wieder unsicher, inwieweit man da evtl nicht doch therapeutisch eingreifen sollte...
Nicht, dass ich mir später Vorwürfe mache, nicht rechtzeitig aktiv geworden zu sein.

Ich denke mal, dass im RL kaum jemand über sowas spricht, falls das eigene Kind sowas sagt.
Auch weiß ich nicht, ob solche Phasen, wo man sich selbst so gar nicht mag, nicht zur normalen Reifung dazugehören.
Darum kann ich wirklich kaum einschätzen, ob andere Kinder sowas nicht auch sagen.

Ich selbst hatte übrigens irgendwann mit ca. 11-13 (glaube ich) eine Phase, wo ich mir ab und an mit dem Zirkel auf dem Handrücken herumgekratzt habe, bis es blutete. Das kam aber, glaube ich, nur ein paar Mal vor und stand im Zusammenhang mit Streits mit meiner 7 Jahre älteren Schwester, die mich tw richtig "mobbte" und der ich nicht gewachsen war, wo ich mich immer sehr hilflos gefühlt habe.
Sonst kann ich mich an keine so heftigen Probleme mit mir selbst erinnern.
Auf keinen Fall wollte ich je "unsichtbar" sein! (Außer natürlich im Spiel, aber so ist es bei meiner Tochter nicht.)

Kennt ihr solche Sätze/Gefühle auch? Vielleicht auch von euch selbst?
Und wenn ja - gab es "Hochzeiten" solcher Äußerungen, zog sich das über Jahre hinweg, wurde es irgendwann besser?
Wie reagiert ihr?
Und würdet ihr da noch was anderes unternehmen, als mit dem Kind Gespräche führen?

PS: Ach - meistens ist es übrigens im Winter, dass sie gehäuft sowas sagt und ich mir um dieses Thema mehr Sorgen und Gedanken mache. Also das Kind ist (wie die Oma übrigens auch, beide sind meiner Meinung nach hochsensibel und sich auch sonst charakterlich sehr ähnlich) definitiv auch ziemlich "wetterfühlig".
Darum versuche ich jetzt wohl auch mal noch Vitamin D + Tageslichtlampe...
sinus
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Re: Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Beitragvon Bliss » Do 7. Nov 2019, 23:06

Von meinen Kindern kenne ich das nicht, aber von 2 Freunden meines Sohnes und einer Freundin meiner Tochter. Und ja, sie sind alle in Behandlung, wobei diese Aussagen dann wohl der letzte Anstoss waren, es gibt noch andere Belastungsfaktoren (bei einem Trennung der Eltern, beim anderen Legasthenie und Schulverweigerung).

Ich würde wohl ähnlich wie du die Befürchtung haben etwas zu verpassen oder zu unterschätzen und deshalb mich zumindest mal beraten lassen.
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Re: Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Beitragvon sinus » Fr 8. Nov 2019, 12:44

Hm, ist halt nicht so leicht, eine passende Beratungsstelle zu finden...
Vor eineinhalb Jahren waren wir im Zusammenhang mit dem IQ Test schonmal bei einer "psychologischen Begutachtungsstelle" der Uni (wird von Doktoranden durchgeführt und einer Professorin begleitet) und auf deren Empfehlung hin danach noch bei einer tiefenfundiert arbeitenden Psychologin. (Die von der Begutachtungsstelle analysieren nur und betreuten nicht weiter. Finde ich auch ungünstig...)

Im Nachhinein betrachtet, bin ich mit beiden Besuchen jedenfalls mehr als unzufrieden, bei der "Begutachtung" haben sie so einiges fehleingeschätzt, würde ich sagen. Sachen, wo ebenso eine völlig andere Interpretation möglich gewesen wäre.
Bspw meinten sie, nachdem sie zu Bildern je mit Tierkindern und ihren Eltern drauf Geschichten erfinden sollte, und in ihren Geschichten das Kind immer das dargestellte Problem selbst gelöst hat, ohne dass die Eltern zu Hilfe kamen, dass sie offensichtlich keine Hilfe von den Erwchsenen erwarte und von uns nicht genug unterstützt wird. Ggf sei die Mutter-Kind-Beziehung gestört.
Das Letztere trifft nur wirklich gar nicht zu und meine Interpretation ihrer Geschichten geht eher in die Richtung, dass sie gern ihre Probleme selbst lösen möchte und eine großen Drang nach Autonomie hat.
Ich lese die Geschichten darum eher positiv - offenbar hält sie sich/die dargestellten Kinder für fähig, selbst Lösungen für Probleme zu finden! Das ist doch eher gut.
Kind fand die Psychologin übrigens zwar grundsätzlich nett, fühlte sich aber tw nicht ernst genommen. Man habe sie wie ein kleines Kind behandelt, so ihr Eindruck. (ich nehme an, die haben halt auch null Erfahrungen mit hochbegabten Kindern...)

Trotzdem bin ich deren Rat gefolgt und habe nach einer Psychologin gesucht.
Es war dann sehr, sehr schwer gewesen, einen Psychologen zu finden, alle lehnten uns ab, weil keine Termine frei waren und als wir schließlich eine Psychologin gefunden hatten, die noch Termine vergab, stellte diese sich dann als Katastrophe heraus.
(Die Frau war wirklich unmöglich... sie sprach bspw - und das war nicht das einzig, was sie sich geleistet hat - beim Erstgespräch mit mir in Tochters Beisein über sie und gab dann zum Abschluss für uns ebenfalls im Beisein des Kindes eine allgemeine Beschreibung, wie so eine Therapie praktisch abläuft. Das ging dann bis hin zu einer möglichen Einweisung in eine Klinik. Das war quasi nur ein Standardtext wie "Zu Risiken und Nebenwirkungen", also eine allgemein Beschreibung, nicht spezifisch für uns geltend. Aber meine Tochter - damals 9 - konnte das mangels Lebenserfahrung und weil sie natürlich eh aufgeregt und verletzlich war in dem Moment natürlich so nicht einschätzen und war nach dem Termin völlig neben der Spur, weil sie das alles auf sich bezogen hat bzw Angst bekam, es könnte bei ihr auch so weit kommen!)
Seitdem ist meine Tochter Psychologen gegenüber natürlich auch äußerst abwehrend.
Ich selbst bin da jetzt auch bissle voreingenommen nach den oben beschriebenen Erfahrungen.
Ich fürchte irgendwie, ich mache da mehr kaputt, als heil...

Ich denke auch, dass für sie eher eine Art "Verhaltenstherapie" sinnvoll wäre.
Also dass sie lernt, sich selbst positiver zu sehen, ermutigt wird, ihre Sorgen mal komplett raus lassen kann etc.
In den Tiefen der Seele herumwühlen (tiefendfundierte Arbeit) halte ich für sie für weniger geeignet... (wenn man nur richtig sucht, findet man da so oder so immer irgendwas... und es sind immer sooo viele Möglichkeiten der Interpretation möglich, dass ich das für sie in dem Alter und mit ihrem Intellekt, ihre Fantasie und Sensibilität für regelrecht potentiell gefährlich halte...)
Ohne "Vitamin B" findet man leider hat auch niemanden, der Termine vergibt.

An Kinderyoga oder sowas hatte ich noch gedacht oder Meditation für Kinder. Aber da hab ich bisher auch noch nichts gefunden...

Außer einem traumatischen Unfallerlebnis hat sie übrigens keine schlimmen Umstände/Erlebnisse gehabt bisher und das beschriebene Verhalten zeigte sie schon vor dem Unfall.

Eine Freundin war mit ihrem ebenfalls hochbegabten Sohn wegen ähnlicher Themen im Grundschulalter bei einem Psychologen, der führte ein paar Gespräche und meinte dann: Anpassungsstörung. Viel könne man da nicht machen als Psychologe und er käme klar. War dann auch so, inzwischen ist er jugendlich und es hat sich verwachsen. Bzw wurde es in der weiterführenden Schule merklich besser.
Eine andere Freundin hatte auch so ein Thema bei ihrem (vermutlich nicht hochbegabten) Sohn. Sie wollten damals auch zum Psychologen und fanden - sieh oben - niemanden, der sie nahm. Ihm ging es dann nach einem Schulwechsel von einem Gymnasium auf ein anderes plötzlich besser, so dass das Thema dann eh erledigt war.

Ich sorge mich halt ebenso wie was zu verpassen genauso davor, unnötig was zu pathologisieren.
sinus
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Re: Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Beitragvon Mares2425 » Fr 8. Nov 2019, 13:58

Vielleicht wäre eine kleine Psychomotorikgruppe etwas für Deine Tochter, bevorzugt eine die viel oder gänzlich draußen "arbeitet"?
LG
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Re: Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Beitragvon Meine3 » Fr 8. Nov 2019, 15:22

"Ich wäre am liebsten unsichtbar" sagt sie regelmäßig, manchmal kommt auch sowas wie "Ich hasse mich" und "Warum kann ich mich selbst eigentlich nicht liebhaben?"


Hallo liebe Sinus,

ich kenne das von meiner mittleren Tochter (und mir und meinem Vater), die ähnliche Dinge sagt, nicht ganz so drastisch. Eher sowas wie:" keiner mag mich" "Ich fühle mich ganz allein auf der Welt", "ich habe Angst einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen". Sie hat auch immer extrem "Liebeskummer", wenn eine Spieleverabredung vorbei ist, als unsere Katze starb, etc. Trauer und Abschied erlebt sie SEHR intensiv... Sie hat ziemlich sicher die Hochsensibilität von mir "geerbt" und fühlt sich eben seit letztem Jahr auch allein gelassen, seit wir den heißgeliebten alten Kindergarten "verlassen" haben. Wir haben ja schon an anderer Stelle festgestellt, dass bei unseren Töchtern da einige Parallelen auftun.

Ich vermute, dass sie nun auch schon unter gewissen hormonellen Schwankungen leidet.


Das vermute ich auch sehr stark ;). Die Pupertät war bei mir auch geprägt von Selbstzweifeln und Selbsthass 8-), aber das wurde dann auch schlagartig mit 17-18 Jahren wieder VIEL besser. Da hatte ich sogar eine sehr gute Phase ;), emotional betrachtet.

Trotzdem machen mir solche Äußerungen Sorgen. Grad im Hinblick auf die Pubertät - da kann ja alles mögliche Schlimme aus solchem "Selbsthass" werden... Und was erst, wenn sie irgendwann sowas nicht mehr mit mir bespricht, es in sich reinfrisst und mir gar nicht mehr erzählt, wenn sie sich so schlecht fühlt???


Natürlich machst du dir Sorgen, keiner möchte seine Kinder in der Grundstimmung so traurig und selbstzweifelnd sehen. Aber....

Sie teilt ihre Gefühle bisher wirklich ausschließlich mit mir, sonst lässt sie sich von niemandem in die Karten gucken.
Sie sagt, außer mir versteht sie niemand wirklich und selbst ich würde sie nicht gänzlich verstehen. Sie hätte niemandem, dem sie alle ihre Sorgen anvertrauen könne...


...aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass der Umstand, dass sie sich dir anvertraut und in dir eine Person hat, bei der sie sich sicher fühlt, Gold wert ist und mindestens die halbe Miete. Sie wird wohl immer ein melancholischer Typ sein, aber zum Einen weiß sie über ihre "Besonderheiten" (HB und HSP) Bescheid, was schonmal sehr viel wert ist, da sie sich ja zumindest ihre Andersartigkeit erklären kann und zum anderen ist sie nicht allein. Auch wenn sie sich oft so fühlt. Sie hat DICH :).

Ich bin jedenfalls immer wieder unsicher, inwieweit man da evtl nicht doch therapeutisch eingreifen sollte...
Nicht, dass ich mir später Vorwürfe mache, nicht rechtzeitig aktiv geworden zu sein.


Das ist eine gute Frage. Ich glaube mir persönlich hätte ein Therapeutenbesuch in diesem Alter nur noch mehr das Gefühl gegeben, ich sei "nicht normal" und es hätte diese Gefühle verstärkt, zumindest im vorpupertären Alter oder in der Pupertät (10-16 Jahre ca.) . Ab 16 hätte es mir glaube ich wiederum eher geholfen. Ich würde das eventuell einfach mal vorsichtig bei ihr ansprechen?! Sie ist ja schon in einem Alter, wo sie sicherlich dazu eine Meinung hat. Sicherlich wird hier nun die ein oder andere Mutter sagen, dass das nicht die Entscheidung des Kindes ist und das sehe ich genau so. Aber die Meinung des Kindes dazu finde ich nicht unerheblich bei der Entscheidungsfindung!

Ich denke mal, dass im RL kaum jemand über sowas spricht, falls das eigene Kind sowas sagt.
Auch weiß ich nicht, ob solche Phasen, wo man sich selbst so gar nicht mag, nicht zur normalen Reifung dazugehören.
Darum kann ich wirklich kaum einschätzen, ob andere Kinder sowas nicht auch sagen.


Es gibt einfach melancholische Menschen. Oft kommt das mit Hochsensibilität zusammen denke ich mal. Aber sicherlich nicht immer. Eine gute Freundin erzählt mir regelmäßig von ihrem Sohn (7 Jahre alt aktuell), der auch solche Anwandlungen hat, der aber diese Emotionen noch viel intensiver lebt. Er benutzt sogar manchmal die Sorge seiner Mutter um ihn als Druckmittel :cry:... "wenn du nicht bei mir bleibst, dann springe ich aus dem Fenster" hat er zum Beispiel schon gesagt. Das war kurz nach der Einschulung und man muss sagen, dass er mit 4 von Spanien nach Deutschland kam, sich hier eingelebt hat und dann mit frischen 6 Jahren eingeschult wurde. Er war immer sehr anhänglich und eher ängstlich und eben melancholisch. Ist aber sonst seltsamerweise ein ganz fröhliches, "normales" Kind :gruebel: ..

Also JA, solche Phasen haben auch andere Kinder. Inwiefern das "noch" normal ist oder schon pathologisch, das ist nicht einfach so zu beantworten, das ist ja auch, wie so oft ein schleichender, weicher Übergang von gesund bis hin zu pathologisch. Und ab wann man zum Therapeuten geht ist auch schwer zu beantworten, ich denke das können eben nur die Eltern (ggf. zusammen mit dem Kind) entscheiden. Im Falle meiner Freundin und ihrem Sohn hat sich diese schlimme Phase sehr gebessert ( sie leben jetz leider wieder in Spanien und er hat den Umzug dahin sehr gut verkraftet und ist schon wieder gut integriert), aber dennoch ist und bleibt er ein melancholisches, sensibles Kind. Ich persönlich wäre bei solchen (ich springe sonst aus dem Fenster) Äußerungen wahrscheinlich zum Therapeuten oder wäre zumindest mal zum psychologischen Dienst. Meine Freundin hat es nicht getan.

Kennt ihr solche Sätze/Gefühle auch? Vielleicht auch von euch selbst?
Und wenn ja - gab es "Hochzeiten" solcher Äußerungen, zog sich das über Jahre hinweg, wurde es irgendwann besser?
Wie reagiert ihr?
Und würdet ihr da noch was anderes unternehmen, als mit dem Kind Gespräche führen?


Ja, ich kenne diese Gefühle und ich war auch noch sehr klein, als ich das erste Mal so empfunden habe (ca. 4,5-5 Jahre)...Und immer wieder, mal schlimmer, mal weniger schlimm habe ich mich so gefühlt. Bis ins junge Erwachsenenalter und bis hin zu Depressionen. Aber ich habe es überwunden (ich war zwar kurzzeitig mal in Therapie, aber nicht wegen der Depressionen, sondern wegen eines Traumas, dem Suizid meines Vaters) aus eigener Kraft heraus. Es gab also immer gute Phasen und so lala Phasen und sehr schlechte Phasen... Es ist nicht so, als hätte ich die Melancholie oder die depressiven Verstimmungen komplett abgelegt, aber ich kann gut damit leben und habe mich SO wie ich bin akzeptiert und aktive Depressionen hate ich seit dem Wochenbett meines Sohnes nicht mehr, toi, toi, toi. Bei mir sind es so genannte "reaktive" Depressionen, sprich: ich reagiere auf gewisse Situationen depressiv, bin es aber nicht chronisch. Ich muss aber dazu sagen, dass ich wirklich eine harte Kindheit und Jugend hatte und wenn ich ein stabileres und sichereres zu Hause gehabt, und wäre nicht so viel Mist passiert, wäre es wahrscheinlich nicht dazu gekommen, dass sich die grundsätzlich unterschwellige Melancholie zu Depressionen entwickelt.

Gespräche tun schon SO viel und das Wissen darüber, warum man sich als anders erlebt und sich dadurch allein fühlt auch. Als ich als Kind oder Jugendliche versuchte mit meiner Mutter zu sprechen oder wenn ich solche Dinge geäußert habe wie (ich will nicht mehr leben), dann sagte meine Mutter nur:" sag sowas nicht! Das tut MIR weh!" :gruebel: :gruebel: :gruebel: . Von daher: toll, dass du das aushältst, ihr zuhörst und für sie da bist. Ich bin sicher, weil du so achtsam bist und einfach eine gute Mama, ist schon so viel gewonnen, was vielleicht anderenfalls irgendwann in eine falsche Richtung gehen könnte. Bei mir war es meine Oma, die mir Sicherheit und Halt im Leben gegeben hat, bei meinem Vater, der eine wirklich schlimme Kindheit hatte (körperliche und seelische Misshandlung) lief es nicht so gut. Er beging Suizid als ich 24 war. Aber auch ER hätte ganz anders damit umgehen können. Er hätte sich helfen lassen können. Die Depressionen waren bei ihm nur eine Begleiterscheinung von einer schweren psychischen Erkrankung. Also mach dir bitte jetzt keine Sorgen, dass das bei deiner Tochter passieren könnte. Was ich damit sagen will, ist: wenn du als melancholischer Mensch, der zu Depressionen neigt, eine Sicherheit und Konstante im Leben hast und du einigermaßen vernünftig bist und dir helfen lässt, wenn es sein muss, so kannst du sehr gut lernen damit umzugehen. Es ist nicht der Untergang der Welt melancholisch zu sein, auch wenn man das manchmal so empfinden mag ;). Und solang deine Tochter mit dir darüber spricht, ist das schonmal gut.

PS: Ach - meistens ist es übrigens im Winter, dass sie gehäuft sowas sagt und ich mir um dieses Thema mehr Sorgen und Gedanken mache. Also das Kind ist (wie die Oma übrigens auch, beide sind meiner Meinung nach hochsensibel und sich auch sonst charakterlich sehr ähnlich) definitiv auch ziemlich "wetterfühlig".
Darum versuche ich jetzt wohl auch mal noch Vitamin D + Tageslichtlampe...


Wettefühlig bin ich auch extrem, das bringt sicher auch die HS mit sich. Mir hat Massage, Sauna und Sport auch immer SEHR geholfen in den Wintermonaten :). Tut es auch jetzt noch. Und VIEL VitaminC (am besten in der natürlich Form, also Zitrusfrüchte und Co.). UND: viel raus gehen!! Trotz schlechtem Wetter. Die dunkle Jahreszeit fördert natürlich Schwermut, das ist bei melancholischen Menschen "normal", dass sie im Winter schlechter drauf sind als im Sommer.


Ansonsten kann ich nur sagen, was MIR gut getan hätte und was auch meiner Tochter am meisten hilft sich zu beruhigen, wenn sie sich in so einer Phase befindet: zuhören, wenig bis garnichts dazu sagen, in den Arm nehmen und gesagt bekommen, dass man geliebt wird...

In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Kraft mit deinen wundervollen, besonderen Töchtern. Du wirst dich schon richtig entscheiden
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Re: Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Beitragvon sinus » Fr 8. Nov 2019, 15:55

Danke für eure Antworten.

Psychomotorische Gruppe - sowas kenn ich noch gar nicht. Ich recherchiere mal.
Sowas wie "Pfadfinder" wäre definitiv was für sie, aber da gibts nichts in erreichbarer Nähe.

Generell melancholisch ist sie übrigens nicht. Sie reagiert z.B. stark auf Schönheit in der Natur, hat einen ausgeprägten Sinn dafür und kann sich an sowas unglaublich erfreuen. (an Tieren & Pflanzen. Wohl typisch für HSP.)
Also ist es auch eher wie du schreibst "reaktiv". Sie kann mit Misserfolgen, Kritik, Konflikten nicht gut umgehen und es scheint, dass dann immer direkt ihr komplettes Selbstbild in Scherben bricht. Sie braucht dann auch immer sehr lange, um sich wieder zu "sammeln". Bei der Kleinen geht das dagegen superschnell.

Die Große ist wie ein riesiges Pendel, was sowohl weit aus- als auch ewig nachschwingt, wohingegen es bei der Kleinen nur kurz "zittert", bis sie ihre innere Mitte wiedergefunden hat.
Darum denke ich auch, dass es sinnvoll sein könnte, wenn sie da irgendwelche "Techniken" erlernt, um schneller wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Deswegen dachte ich an Joga/Mediation oder sowas. Aber da erstmal was Vernünftiges für das Alter zu finden...
Sie ist da außerdem auch sehr kritisch und lässt sich nicht so leicht auf sowas tendenziell "esoterisches" ein.
Traumreisen haben wir bspw mal eine Weile abends gemacht. Sie sagte auch, dass das schön sei, aber sowas helfe ihr nicht.
Also sie kann sich da auch nur mit guter Laune drauf einlassen. Wenn ich bspw mit sowas anfangen würde, wenn sie schlecht drauf ist, fühlt sie sich eher nicht ernst genommen...
sinus
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Re: Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Beitragvon Meine3 » Fr 8. Nov 2019, 16:11

sinus hat geschrieben:Danke für eure Antworten.

Psychomotorische Gruppe - sowas kenn ich noch gar nicht. Ich recherchiere mal.
Sowas wie "Pfadfinder" wäre definitiv was für sie, aber da gibts nichts in erreichbarer Nähe.

Generell melancholisch ist sie übrigens nicht. Sie reagiert z.B. stark auf Schönheit in der Natur, hat einen ausgeprägten Sinn dafür und kann sich an sowas unglaublich erfreuen. (an Tieren & Pflanzen. Wohl typisch für HSP.)
Also ist es auch eher wie du schreibst "reaktiv". Sie kann mit Misserfolgen, Kritik, Konflikten nicht gut umgehen und es scheint, dass dann immer direkt ihr komplettes Selbstbild in Scherben bricht. Sie braucht dann auch immer sehr lange, um sich wieder zu "sammeln". Bei der Kleinen geht das dagegen superschnell.

Die Große ist wie ein riesiges Pendel, was sowohl weit aus- als auch ewig nachschwingt, wohingegen es bei der Kleinen nur kurz "zittert", bis sie ihre innere Mitte wiedergefunden hat.
Darum denke ich auch, dass es sinnvoll sein könnte, wenn sie da irgendwelche "Techniken" erlernt, um schneller wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Deswegen dachte ich an Joga/Mediation oder sowas. Aber da erstmal was Vernünftiges für das Alter zu finden...
Sie ist da außerdem auch sehr kritisch und lässt sich nicht so leicht auf sowas tendenziell "esoterisches" ein.
Traumreisen haben wir bspw mal eine Weile abends gemacht. Sie sagte auch, dass das schön sei, aber sowas helfe ihr nicht.
Also sie kann sich da auch nur mit guter Laune drauf einlassen. Wenn ich bspw mit sowas anfangen würde, wenn sie schlecht drauf ist, fühlt sie sich eher nicht ernst genommen...


So wie du sie beschreibst, könnte die Große ich sein als ich jung war ;) und ich hätte mich auch nicht als melancholisch beschrieben früher. Ich saß nicht immer still in der Ecke und war schwermütig. Ich war auch immer sehr naturverbunden. Ein schöner Sonnenuntergang konnte mich tief berühren, ebenso wie ein Tautropfen auf Gras oder ein schönes Herbstblatt. Genau so konnte es aber sein, dass ich wegen eines toten Vogels tagelang traurig war.

Wie gesagt sind es Phasen. Ich wirkte sicher auf die meisten Menschen erst einmal wie ein eventuell sehr sensibles, aber "normales" Kind, da ich auch sehr angepasst war. Das ändert aber nichts daran, wie es IN mir ausgesehen hat, dass ich schnell geweint habe, wenn mich was belastet hat, dass ich intensiver Trauer, Frust oder Selbstzweifel erlebt habe als es andere zu erleben schienen. Melancholie bedeutet ja nicht automatisch, dass du ständig traurig und schwermütig bist (das sind nur die CHRONISCH melancholischen Menschen), sondern dass du eben intensiver oder/und schneller auf Situationen mit Trauer, Selbstzweifeln etc reagierst als andere Menschen. Die Beschreibung des Pendels trifft es sehr gut.

Ich kann aus der Ferne und nur anhand von Beschreibungen lediglich sagen, wie es auf mich WIRKT.

Liebe Grüße

Meine3
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Re: Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Beitragvon sinus » Fr 8. Nov 2019, 16:30

Ja, das passt. Das ist u.a. das Hochsensible an ihr.
Ich weiß noch, wie sie mal als noch recht kleines Kind an unserem Gartenteich saß und das Leben am und im Wasser beobachtete. Das gehörte lange zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.
Da war ein Babymolch und plötzlich kam einer der Goldfische an und schnappte zu und fraß ihn auf. Sie war da 3 oder 4 maximal. Sie war danach völlig neben der Spur und rief laut und anklagend immer wieder. "Er hat ihn gefressen, einfach so gefressen, der gemeine Fisch, der arme Babymolch! Er hat ihn einfach so gefressen...!!!"
Es war ein Riesendrama, sie weinte und tobte und bekam sich danach noch den halben Tag nicht wieder ein.

Aber ich sehe da noch nicht ganz den Zusammenhang zur mangelnden Selbstliebe. Intensives Fühlen muss ja nicht heißen, dass sie sich selbst nicht mag.

Wobei es damit zusammenhängen könnte, dass sie sich so arg verstellt/glaubt verstellen zu müssen.
Sie lässt sich wie gesagt nicht in die Karten schauen, würde nie vor Fremden weinen, einen Wutanfall bekommen, überhaupt zu viel Gefühle zeigen... Sie sagt aber bspw von sich, sie sei ein richtige "Heulsuse". Dabei stimmt das gar nicht. Ich kenne kein Kind, was so wenig weint und sich so gut beherrschen kann - zumindest außerhalb von zu Hause.
Also es scheint schon so zu sein, dass sie einerseits sehr intensiv fühlt und andererseits das sehr versteckt/zurückhält.
Wie ich anderswo schon schrieb: wie soll man sich selbst mögen/akzeptieren, wenn man immerzu denkt, man müsse sich verstellen, um akzeptiert zu werden/normal zu wirken.

Dann wäre der beste Ansatzpunkt wohl, dass sie ihre Gefühle irgendwie lernt besser rauszulassen.

Da fällt mir direkt eine Geschichte von neulich ein.
Da wurde sie mal nach der Schule von anderen Kindern geärgert. Sie erzählte mir aber sehr "aufgeräumt" davon.
Ich wunderte mich ein wenig, dass sie das so gelassen nahm. Dann zeigte sie mir ein Bild, eine Art Comic, den sie direkt danach gemalt hat, wo sie genau die Szene verarbeitet hat. (Sie malte das anhand von Katzen und deren Gedanken und Gefühle waren in den Sprechblasen.)
Sie hat schon öfters Sachen im Bild verarbeitet. Als ein Orkan im Garten unseren schönsten Baum umgeschmissen hat und der Keller geflutet wurde, hat sie das - damals noch keine 5 Jahre alt - auch direkt und noch während des Sturms alles aufgemalt.

Vielleicht sollte ich sie ermutigen, ihre Gefühle noch öfters auf dieses Weise aufzumalen.
Das macht sie wie gesagt ja von allein schon ab und zu.
In ihrem Zimmer steht eine Spieltafel und sie malte da bspw wenn wir uns mal gestritten haben, mitunter dann gleich Gewitterwolken, mit Blitz und Regen drauf. 8-)
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Re: Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstakzeptanz/-liebe

Beitragvon sinus » Mo 11. Nov 2019, 23:49

Wir haben heute übrigens den ersten Eintrag ins "6-Minuten-Tagebuch" gemacht.
Bei der Frage: "Was habe ich heute für andere getan?" fiel dem Kind nach der unten erwähnten einen Sache ewig partout nichts mehr ein. Alles, was ich aufzählte (bspw dass sie trotz Unwillen ohne Gemecker mit mir und der kleine Schwester zum Martinsumzug gekommen ist, dass sie, obwohl sie dem Buch gegenüber eher kritisch ist, sich bei mir ausdrücklich dafür bedankt hat u.ä.) war ihr nicht "genug".
Das sei doch nichts, wo man wirklich etwas für den anderen getan habe. Das zähle nicht.

Da liegt wohl u.a. einer der Hasen im Pfeffer... Sie hat scheints viel zu hohe (moralische) Ansprüche an sich und ist seeehr kritisch mit sich. Es "zählt" eben alles nicht.
Ich hoffe, sie lässt sich doch noch auf das Buch ein und lernt so vielleicht, auch die kleinen "guten Taten" von sich selbst und kleine positiven Erlebnisse mehr wertzuschätzen.

(Interessant fand ich auch, dass ihr eine Sache doch direkt eingefallen war: Sie habe sich von ihrer Klassenkameradin zum Abschied umarmen lassen, obwohl sie sowas ja so gar nicht mag. Auf jeden Fall also ist das Buch schonmal ein interessanter zusätzlicher Einblick in ihr Erleben/Fühlen. Dass sie ausgerechnet das hoch genug bewertet, um es zuerst zu nennen, zeigt mir, welche Herausforderungen solche "Banalitäten" für sie sein können...)
sinus
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