Seite 2 von 2

Re: alltag/schule....leben...

BeitragVerfasst: Sa 16. Nov 2019, 23:45
von Auguste
Hallo Iri,

Vieles von dem was Du über Deinen Sohn berichtest, kommt mir sehr bekannt vor.

Die ersten Probleme mit meinem Sohn begannen in der 3. Klasse. Da war er 8 Jahre alt. Seine Lehrerin sprach von "Konzentrationsproblemen". Mein Sohn fing an, die Hausaufgaben zu verweigern, träumte im Unterricht und verweigerte Wiederholungsaufgaben. Gegen Ende der 3. Klasse war die Lehrerin dann felsenfest davon überzeugt, dass das Kind ADS hat (ohne "H", weil er ja nicht rumzappelt). Mein Sohn hat tatsächlich fast den ganzen Unterricht verträumt und ist teilweise sogar eingeschlafen :roll:

Mein Sohn sagte immer nur, ihm sei in der Schule sooo langweilig und deswegen hat er keine Lust mitzumachen. Hausaufgaben fand er einfach überflüssig und hatte keinen Bock drauf.

Komischerweise hatte mein Sohn bei allen schriftlichen Tests und Klassenarbeiten nur 1er und 2er. Bei jedem Elterngespräch durften wir uns dann anhören, dass "sich das noch ändern würde" und "wenn er so weitermacht, dann werden die Noten schon noch schlechter". Wir baten 1 1/2 Jahre lang um anspruchsvollere Aufgaben, die wurden jedoch verweigert: Er hat zu machen, was alle machen. Wenn er diese Aufgaben fertig hat, dann kann er Zusatzaufgaben haben. Der klassische Fehler, wenn es um die Förderung von begabten Kindern geht. Begabte Kinder brauchen nicht mehr Aufgaben, die brauchen andere Aufgaben und zwar nicht zusätzlich zu dem langweiligen Kram, sondern stattdessen. Das war der Lehrerin unseres Sohnes leider nicht zu vermitteln.

Die Lehrerin hat uns auch nicht geglaubt, dass der Sohn überwiegend desinteressiert ist und träumt, weil er den Stoff schon kann. Die war eben überzeugt davon, dass er träumt, weil er ADS hat und die Hausaufgaben und Wiederholungsübungen nicht macht, weil er faul ist. Sie berichtete dann voller Überzeugung, dass ihr Kind "auch so war" und als das Kind dann Medikamente bekam, lief es viel besser. Uns Eltern hielt sie für pädagogische Nullen, die keine Ahnung von Erziehung haben oder wahlweise für "Eislaufeltern", die es nicht wahrhaben wollen, dass ihr Kind krank und faul ist.

Da es in der Schule immer schlimmer wurde und der Sohn in der 4. Klasse dann bald gar nicht mehr in die Schule gehen wollte, haben wir ihn wegen seiner "Konzentrationsprobleme" testen lassen. Ergebnis der Tests war eine überdurchschnittliche Begabung, (im logisch/mathematischen Bereich über 130, andere Bereiche knapp drunter). Problematisch war seine unterdurchschnittliche Verarbeitungsgeschwindigkeit. Er zeigt zwar durchaus Merkmale von AD(H)S, aber nicht in dem Ausmaß, dass man es diagnostizieren wollte. Der KJP vermutete eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS), weil die besonders die "mündlichen Teile" der Tests eher schlecht liefen. Die würde auch die Merkmale von AD(H)S und die langsame Verarbeitungsgeschwindigkeit erklären. AVWS bestätigte sich dann auch, zum Glück nur in einem Teilbereich der möglichen Störungen.

Wir haben dann mit den Testergebnissen erneut das Gespräch in der Schule und Schulleitung gesucht und sind genau so gegen Wände gerannt wie vorher. Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch 3 Monate in Kl. 4 vor uns und wussten, dass der Sohn auf jeden Fall ab der 5. Klasse andere Lehrer haben würde. Ein Wechsel in die Begabtenklasse vom Gymnasium hat nicht geklappt. An eine andere Grundschule wollte unser Sohn nicht, weil er dann nach nur 2 Jahren wieder wechseln müsste.

Glücklicherweise kam der Sohn dann in eine andere Klasse, weil seine aufgeteilt wurde (zu wenig Kinder wegen zu vielen Weggängen). Jetzt in Kl. 5 ist er glücklich. Er kommt in der neuen Klasse mit den Kindern gut aus, beteiligt sich am Unterricht, die neuen Fächer (GeWi, NaWi und WAT) machen ihm Spaß - die "alten" (zumindest Mathe und Englisch) auch wieder. Er bringt eine 1 nach der nächsten nach Hause und macht seine Hausaufgaben (manchmal sogar freiwillig ;)).

Zurückblickend kann ich sagen, wie hätten den Sohn vielleicht eher testen lassen sollen und möglicherweise hätte ein frühzeitiger Schulwechsel (schon in Kl. 3) uns allen einiges erspart. Allerdings war beim Kind in Kl. 3 der Leidensdruck noch nicht groß genug. Ein Schulwechsel war für ihn da undenkbar und gegen seinen Willen wollten wir das nicht durchziehen.

Was Du von Deinem Sohn schreibst über die schlampige oberflächliche Arbeitsweise, das kenne ich auch. Beim letzten Känguru-Wettbewerb hätte der Sohn den 3. Preis abräumen können - wenn er denn die Einleitung richtig gelesen hätte. Da stand nämlich drin, dass einem für falsch gelöste Aufgaben Punkte abgezogen werden, während gar nicht gelöste Aufgaben mit 0 Punkten bewertet werden. Tja, Sohn hat gar nicht gelesen, sondern gleich die Aufgaben gelöst und bei den sehr schwierigen fleißig geraten. Dadurch hat er über 20 Punkte abgezogen bekommen... Mit dem Ergebnis war er trotzdem noch der Zweitbeste seiner Klasse - und es fehlten auch nur 2 oder 3 Punkte zum Ergebnis des Klassenbesten.

Bei Textaufgaben in Mathe liest er auch häufig nur oberflächlich und verliert dabei Punkte, weil er nur die Hälfte rechnet. Beim Schreiben vergisst er regelmäßig Buchstaben und das Schriftbild sieht aus, als wäre ein Huhn drüber gelatscht. Wobei sich das alles jetzt gebessert hat, wo er in der Schule wieder mehr Spaß hat. Und das finde ich auch logisch: Die Motivation, etwas schön, ordentlich und gründlich zu machen dürfte gegen Null gehen, wenn man absolut keinen Bock drauf hat. Da ist doch eher "husch husch" angesagt, um so schnell wie möglich den lästigen Kram fertig zu haben ;)

Deinem Sohn muss es in den nächsten Schuljahren natürlich nicht so gehen, wie es meinem ergangen ist. Mein Sohn hat ja auch eine Diagnose, die mit ursächlich für seine Probleme ist. Aber vielleicht hilft dir unsere Geschichte, einen Schritt weiter zu schauen. Ihr habt noch einige Grundschuljahre vor Euch. Tendenziell wird es in der Grundschule nicht besser mit der Unterforderung, sondern eher schlimmer - zumindest bis Kl. 4. Selbst Dein Sohn "nur" hochbegabt ist, dürften die Probleme eher größer als kleiner werden, wenn er schon in der 2. Klasse solche Schwierigkeiten hat.

Ich kann verstehen, dass ihr jetzt keine Lust auf die nächste Diagnostik habt. Das ist nervig, das ist stressig und frisst Zeit, die man besser nutzen könnte. Die Probleme Deines Sohnes können natürlich mit der Hochbegabung zu tun haben. Das muss aber nicht der einzige Grund sein. Man kann schließlich Läuse und Flöhe haben, nicht nur eines von beidem.

Gewissheit könnt ihr nur bekommen, wenn ihr die anderen Tests auch noch macht. Ob es dann Gewissheit gibt, werdet ihr erst nach den Tests sehen. Aber selbst wenn die Ergebnisse nicht ganz eindeutig sind, habt ihr eine Tendenz und eine Grundlage, mit der ihr "arbeiten" könnt und ihr habt Fakten für die Lehrer. Solche Fakten können durchaus überzeugender für Lehrer sein, als Eure eigenen Vermutungen.

Daher rate auch ich Euch, jetzt eine umfassende Diagnostik zu starten - auch wenn ihr da gerade so gar keinen Bock drauf habt. Mein Sohn fand die Tests übrigens cool - der ist da gern hingegangen ;) Wir haben auch mit ihm besprochen, warum wir da hin fahren und die Ergebnisse (kindgerecht) ausgewertet. Er fand es mega-cool, dass er schlauer ist als die meisten anderen und war froh, endlich zu wissen, warum er manchmal in der Schule so müde wird und sich nicht richtig konzentrieren kann. Seinem Selbstbewusstsein hat das sehr gut getan.

LG

Re: alltag/schule....leben...

BeitragVerfasst: So 17. Nov 2019, 23:13
von Iri
Liebe Auguste,
ganz kurz nur- ich möchte die kommenden Tage noch mal richtig schreiben-welche Test‘s genau meinst Du?
Herzliche Grüße
Iri

Re: alltag/schule....leben...

BeitragVerfasst: Mi 20. Nov 2019, 01:45
von Auguste
Iri hat geschrieben:Liebe Auguste,
ganz kurz nur- ich möchte die kommenden Tage noch mal richtig schreiben-welche Test‘s genau meinst Du?
Herzliche Grüße
Iri


Ich kann dir jetzt nicht genau sagen wie die einzelnen Tests heißen. Wir hatten mehrere Termine, wo er (vorrangig) auf ADHS getestet wurde, bzw. die Ursache seiner "Konzentrationsprobleme" herausgefunden werden sollte.

Insgesamt waren das 5 oder 6 Termine, wo verschiedene Tests mit ihm gemacht wurden. Bei "unserem" KJP gehört zur ADHS-Diagnostik immer ein IQ-Test. Dazu dann diverse kleinere Tests zu Konzentration, Aufmerksamkeit, Frustrationstoleranz usw.

Am Ende gab es ein ausführliches Gespräch zur Auswertung der Ergebnisse.

Danach mussten wir noch zum Spezialisten wegen des Verdachts der auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung. Da war aber nur ein Termin notwendig und nach insgesamt 45 Minuten hatten wie die Diagnose.

Re: alltag/schule....leben...

BeitragVerfasst: Mi 20. Nov 2019, 16:03
von Rabaukenmama
Wegen Tests - es kommt darauf an, was man wissen will.

Aktueller IQ-Tests ist z.B. der WISC-IV, ein nonverbalter IQ-Test ist der SON 5 1/2 - 17, die Lese- und Rechtschreibfähigkeiten testet der SLRT-II, auf autistische Störungen testet der ADOS-2, auf ADHS testet der TEA-Ch oder der Dortmunder Aufmerksamkeitstest,...

Aber es ist an sich nicht DEINE Aufgabe den passenden Test rauszusuchen, sondern die eines KJP (Kinder- und JugendPSYCHIATER, nicht PSYCHOLOGE ;) ). Der normale Prozess ist, dass du dort erst mal eine Erstgespräch ohne Beisein des Kindes hast, wo du klar definierst, was du testen lassen willst, dann folgen mehrere Termine mit Kind, wo die Testung stattfindet. Wenn das Kind schon in die Schule geht wird außerdem noch ein Eltern- und ein Lehrer-Fragebogen mitgegeben, wo die jeweiligen Personen noch mal Fragen zum Verhalten des Kindes ausfüllen, die ins Testergebnis (z.B. bei ADHS oder Autismus-Fragestellung) einbezogen werden.