Kluge Kinder und "Problemkinder"

Mein Kluges Kind macht was es will

Kluge Kinder und "Problemkinder"

Beitragvon sinus » So 15. Nov 2020, 18:01

...ich hab jetzt bei meiner Kleinen schon das zweite Mal beobachtet, dass sich ausgerechnet die "schwierigen" Kinder an sie hängen.
Im Kindergarten war es ein Zwillingspaar (frische Scheidungskinder), was als auffällig galt, mit denen sie sich anfreundete.
(ich erfuhr erst später, dass die beiden als "ungezogen" und schwierig im Kindergarten galten, bei uns zu Hause waren sie nur 1, 2x.)
Meine Tochter hat definitiv nicht von sich aus den Kontakt zu diesen Kindern gesucht, vor allem der Junge, der sich besonders an sie klammerte, trat ihr oft körperlich zu nah, was sie so gar nicht so mochte. (er begrüßte sie immer überschwänglich, umarmte sie viel zu fest usw)
Aber sie wurden ihr dann irgendwann doch auch selbst wichtig, sie spielte eine Weile lang dann ausschließlich mit diesen beiden - aufwändige Phantasierollenspiele, lud sie zum Geburtstag ein.
Sie war dann auch bissle traurig, als sie ein Jahr vor ihr eingeschult wurden. (hatte dann aber schnell einen anderen Freund im Kiga - ihren Großcousin)
Jetzt hat sie die beiden in der Schule wiedergefunden (sie sind jetzt 2. Klasse) und sowohl sie selbst, als auch insbesondere der Junge haben sich irre gefreut, sich wiederzusehen und sie spielen auch im Hort ab und an mal wieder zusammen. (wobei es andere gibt, die sie noch besser kennt und mit denen sie noch lieber spielt)

In ihrer eigenen Klasse jetzt ist ein Mädchen, was keiner recht mag bzw. ein bisschen das "schwarze Schaf" zu sein scheint.
Sie war wohl im Jahr vor der Schule mit der alleinerziehenden Mutter monatelang auf Reisen und hat vielleicht ein paar Defizite im Sozialverhalten unter Kindern, so meine Theorie...
Das Mädchen ist groß und stark und mitunter rücksichtslos, manchmal fies.
Ich habe sie beim Wandertag beobachtet, sie zerstörte da bspw heimlich mit Absicht etwas, was andere zusammen gebaut hatten, stellte sich dann abseits und beobachtete erwartungsvoll lächelnd (!), wann die anderen es bemerken würden und wie sie enttäuscht waren. Sie tat außerdem an anderer Stelle bewusst jemandem weh.
Sie war auch ständig schlecht drauf und begegnete allen, als sei alle Welt gegen sie. Auch mir als Erwachsener gegenüber war sie nicht unbedingt freundlich.
Sie kriegt laut meiner Tochter auch oft keine Stempel am Freitag - die gibts für gutes Benehmen in der Woche.
Meine Tochter schätzte das Kind auch entsprechenden am Anfang an schon so ein - schon am ersten Schultag erzählte sie mir, dass sie dieses eine Mädchen überhaupt nicht mag, weil sie sich bspw einfach so vorgedrängelt habe u.ä.
Tja, und nun sucht eben jenes Mädchen ausgerechnet zu meiner Tochter den Kontakt...
(hat ihr ein Freundebuch gegeben, als erstem Kind in der Klasse, will früh mit ihr in die Zweierreihe, wenns ins Schulhaus gehen soll, schubst andere weg, die dann ggf schon neben meiner Tochter stehen etc.)

Kennt ihr sowas auch? Irgendwer schrieb hier doch auch schonmal was ähnliches...
Worauf führt ihr das zurück?
Zuletzt geändert von sinus am So 15. Nov 2020, 20:37, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Hb-chen und "Problemkinder"

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » So 15. Nov 2020, 18:24

Hallo sinus,

ich kenne das auch. In der Klasse des Kleinen war die letzten zwei Jahre ein Soziopath, der sich mit dem Kleinen (nicht ohne meine Unterstützung) anfreundete. Dieses Kind ist auch Hochbegabt, daher war ich an der Freundschaft der zwei auch interessiert. Mein Kleiner hat durch spätere Ausraster des Freundes auf eigenem Leib erfahren, wie schmerzhaft es sowohl seelisch es auch körperlich sein kann, mit so einem befreundet zu sein. Der Kleine hält jetzt Abstand und will mit dem Kind nichts anfangen. Ich glaube das war für mein Kind eine gute Lektion, dass nicht alle Kinder im Herzen gut und freundlich sind.

Der Verhalten des Mädchens, das du beschreibst, hat mit dem Reisen nichts zu tun. Ich habe einige Kinder getroffen, die auf solcher Art unterwegs waren, und sie waren alle ausnahmlos sozial überkompetent. Mein Kleiner kam in die Schule auch ohne jegliche Erfahrung mit Kindern seines Alters, und galt als einer der zwei Musterjungs in der Klasse.

Als ein Mädchen aus schweren Verhältnisssen, allein erziehende Mutter, neuer Freund, kein ordentlicher Wohnsitzt, versucht hat mit meinem Kleinen eine Freundschaft aufzubauen, habe ich nach zwei-drei Mal dem Kleinen aufs Herz gelegt, den Kontakt abzubrechen. Meine Entscheidung basierte nicht auf der Situation des Kindes, sondern ausschließlich an dem unpassenden Verhalten. Später habe ich von den anderen Eltern erfahren, dass dieses Mädchen ihre Kinder angestiftet hat, auf die Eltern nicht zu hören und manche Kinder so bedrängt hat, dass sie Angst vor ihm bekamen.

Ich glaube das Problemkinder durch Try und Error oder durch eigene Klugheit die sozial überkompetenten aufspüren und ihre Kompetenz ausnutzen.
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Re: Hb-chen und "Problemkinder"

Beitragvon Meine3 » So 15. Nov 2020, 19:56

Hallo,

nun, ich kenne beide Seiten. Ich bin Mutter eines sozial überkompetenten Kindes und Mutter eines sozial schwierigen Kindes, wobei mein Sohn weder anstiftet (eher angestiftet wird) noch mit Absicht Dinge zerstört etc. Nichts desto trotz wird es sicherlich einige Eltern geben, die ähnliche Theorien über in als Eltern aufstellen.


Ich war Scheidungskind, komme aus „schwierigen Verhältnissen“ und war nie sozial „auffällig“ im Sonne von störend, bösartig, berechnend, intrigant... Was ich sagen will: Kinder, die sozial auffällig sind indem
sie Hinterlist zeigen oder bösartig wirken, sind das nicht, weil
die Eltern geschieden sind oder viel auf Reisen waren. Mittlerweile reagiere ich auf solche Vermutungen etwas unwillig. Denn ich hätte selbst nie gedacht mal ein sozial auffälliges Kind zu haben und habe früher auch vieles der Erziehung zugeschrieben.

Daneben habe ich aber eben auch ein sozial extrem kompetentes Kind, welches hilfsbereit, rücksichts- und verständnisvoll und angepasst ist. Das ist wohl ebenso wenig mein „Verdienst“.

Vieles bringen die Kinder einfach mit.

Ich glaube auch nicht, dass es ausgerechnet vielen HBchen so geht, dass sozial schwierige Kinder sich an sie hängen, sondern dass sozial schwierige Kinder von sozial nicht so kompetenten Kindern schnell ausgeschlossen und geschnitten werden, wohingegen die sozial und emotional sehr kompetenten Kinder auch zu diesen Kindern noch freundlich sind. Das führt dann dazu, dass diese Kimder sich dort angenommen fühlen und sich dann eventuell auch aufdrängen.

Meiner Tochter passiert das auch immer wieder, das letzte Mal im Kindergarten. Da war ein Junge, der sie extrem gemocht hat, sie sogar später heiraten wollte etcpp. Meine Tochter mochte ihn anfangs auch. Dieses Kind ist auch recht fit. Aber sehr schnell hat sie sich versucht zu distanzieren, weil
sie merkte, dass er sehr manipulativ ist. Nun hat sie ihn „losgekriegt“, weil beide nun an unterschiedlichen Schulen eingeschult wurden. Jetzt in der neuen Klasse verkehrt sie fast ausschließlich mit ebenfalls sozial kompetenten Kindern (bis jetzt), außer ihrer besten Freundin, die zwar sehr beliebt ist, zu Erwachsenen aber oft sehr unhöflich :schwitz: (hat mich bspw. schon als „dumm“ und blöd bezeichnet, weil ich keine Bonbons dabei hatte).
Es kann sein, dass nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält, denn er kann irren, aber in allem, was er sagt, muss er wahrhaftig sein.
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Re: Hb-chen und "Problemkinder"

Beitragvon sinus » So 15. Nov 2020, 20:48

Meine3 hat geschrieben:Ich war Scheidungskind, komme aus „schwierigen Verhältnissen“ und war nie sozial „auffällig“ im Sonne von störend, bösartig, berechnend, intrigant... Was ich sagen will: Kinder, die sozial auffällig sind indem
sie Hinterlist zeigen oder bösartig wirken, sind das nicht, weil
die Eltern geschieden sind oder viel auf Reisen waren. Mittlerweile reagiere ich auf solche Vermutungen etwas unwillig. Denn ich hätte selbst nie gedacht mal ein sozial auffälliges Kind zu haben und habe früher auch vieles der Erziehung zugeschrieben.


Hm, ich habe es im Bekanntenkreis bei einem Kind (was ich sehr mag) unmittelbar miterlebt, wie er durch schwierige Verhältnisse (in dem Falle eine lebensbedrohliche Erkrankung des Bruders) zu einem "Problemkind" (und nach der Krise wieder zu einem sozial ausgesprochen kompetenten Kind) wurde.
Soll heißen - ich halte es für viel wahrscheinlicher, dass es für schwieriges Verhalten eine Ursache gibt, als dass es eine entsprechende unschöne Anlage ist. Es also eher ein Symptom eines Misfits ist.

Grundsätzlich bin ich auch jemand, der zunächst nicht das "Arschlochkind" (schrecklicher Begriff) sieht, sondern erstmal einfach ein Kind, was momentan grad mal nicht so gut "funktioniert".

Ich selbst habe in der ersten Klasse eine Mitschülerin - aus heutiger Sicht würde man so sagen - gemobbt.
Später wurden wir aber dann sogar zeitweise Freunde und noch etwas später habe ich mich mehrfach ganz bewusst für die Kinder eingesetzt, die von anderen regelmäßig geärgert wurden.
Darum würde ich ein nicht so nettes Kind niemals vorschnell als "echtes" Problemkind abschreiben, es kann ebensogut auch nur eine Phase sein oder eben für das Kind was gerade mal irgendwas nicht passen.
Bei dem Mädchen aus der Klasse wie gesagt hatte ich beim Ausflug das Gefühl, dass es die ganze Welt als feindlich erlebt.
Dafür wird es meiner Meinung nach eine Ursache geben.
An sich sind 7jährige da ja nicht so...

Nur das wollte ich ausdrücken - nicht, dass die Kinder zwingend so sind, weil bei der Erziehung was schief läuft.
Was ich ja in den beiden Fällen auch nicht so geschrieben habe, oder? Die erwähnten Zwillinge steckten damals übrigens mitten in der Scheidungsphase, waren also nicht einfach nur Kinder geschiedener Eltern. Das war uneindeutig formuliert.
Ich bin gespannt, wie sich das bei der Klassenkameradin entwickelt... sie wird uns ja jetzt 4 Grundschuljahre lang begleiten.
Zuletzt geändert von sinus am So 15. Nov 2020, 22:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Kluge Kinder und "Problemkinder"

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » So 15. Nov 2020, 21:10

Was ich wichtig für jedes Kind finde ist die Fähigkeit ein belastendes Verhältnis abbrechen zu können und generell die Sicherheit, dass sie in zweifelhaften Situaiton "NEIN" sagen dürfen. Selbst nachdem der Soziopath mein Kind gewürgt hat und dafür keine Entschuldigung, sondern eher Anschuldigung seitens der Eltern des Angreifers kam, war mein Kind immer noch beim Grübeln - "... und wenn ich mit ihm nicht spiele, ist er doch ganz alleine!"
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Re: Kluge Kinder und "Problemkinder"

Beitragvon sinus » So 15. Nov 2020, 22:13

Katze_keine_Ahnung hat geschrieben:Was ich wichtig für jedes Kind finde ist die Fähigkeit ein belastendes Verhältnis abbrechen zu können und generell die Sicherheit, dass sie in zweifelhaften Situaiton "NEIN" sagen dürfen. Selbst nachdem der Soziopath mein Kind gewürgt hat und dafür keine Entschuldigung, sondern eher Anschuldigung seitens der Eltern des Angreifers kam, war mein Kind immer noch beim Grübeln - "... und wenn ich mit ihm nicht spiele, ist er doch ganz alleine!"


Das ist ein sehr reifes Denken, aber nicht immer unbedingt gut für das reife Kind selbst...
Es ist wichtig, eigene Grenzen zu erkennen und zu verteidigen und ebenso - auch in entsprechender Literatur für Kinder mit wenig Selbstwertgefühl immer wieder empfohlen - die Ursache/Schuld für unschönes Verhalten anderer auch nicht stets zuerst bei sich selbst zu suchen.
Bei meiner Kleinen denke ich aber, dass sie das zumindest beherrscht. Immerhin ist sie allein durch ihre Rolle als jüngeres Geschwister ganz gut geschult darin, ihre Grenzen aufzuzeigen, selbst wenn der andere überlegen ist, sowie sich zu verteidigen. :roll:

Übrigens hatte sie wie gesagt das Freundenbuch jetzt da. Bei "das kann ich gut:" hat sie neben "Klettern" auch "Teilen" gesagt.
Das fand ich sehr süß und ja, es stimmt auch.
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Re: Kluge Kinder und "Problemkinder"

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Mo 16. Nov 2020, 07:28

@sinus

Ich war bei den Großen sehr lieberal. Ich weiß nicht, ob es am Alter liegt, an den Lebenserfahrungen oder sonst was... aber dem Kleinen stehe ich beratend zu Seite und bei fraglichen Kontakten kappe ich die Verbindung ab. Ich habe lange versucht einem Kind im Not zu helfen. Es hat an der Situation des Betroffenen nichts geändert, ich habe nur mein Kind dadurch in die zusätzliche Gefahr gebracht. Ich hätte mit meinem Kind gesprochen, und das nicht ausgefüllte Freundebuch zurückgeschickt.
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Re: Kluge Kinder und "Problemkinder"

Beitragvon sinus » Mo 16. Nov 2020, 08:49

Naja, einen Eintrag ins Freundebuch finde ich jetzt für mein Kind nicht problematisch, da finde ich es eher etwas "drüber", das Buch ohne Eintrag zurückzugeben.
Wir haben das Thema aber natürlich besprochen. Bei ihr sehe ich eigentlich nicht die Gefahr, dass sie sich von dem Mädchen vereinnahmen lässt.
Ich hatte nur aus Interesse gefragt, was ihr denkt, woran es liegt, dass problematische Kinder die Nähe suchen.
Zuletzt geändert von sinus am Mo 16. Nov 2020, 13:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Kluge Kinder und "Problemkinder"

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Mo 16. Nov 2020, 09:44

@sinus

warum soll man sich ins Freundebuch von einem eintragen, den man nicht mag? Nur wenn keiner mit diesem Kind spielt? Ich glaube genau diese Reife die dazu führt, dass sozial überkompetente Kinder den Schmerz des ausgeschlossenen sprüren, bringt sie in Gefahr. Ich habe mir bei einem Problemfall die Finger verbrannt. Den zweiten habe ich nach dem 2. Besuch des Hauses verwiesen. Nicht in grober Form mit Darlegung der Gründe, sondern mit konsequenter "freundlicher" Abweisung: "der Kleine hat keine Zeit, ist müde, hat schon einen Freund..." Einige Monate danach habe ich erfahren, dass die anderen Eltern sich über den Verhalten des Kindes sich massiv beschweren und mittlerweile das Jungedamt schon dabei ist. Die Beschreibung des Verhaltens des Mädchens aus deinem Ursprungspost erinnert mich schon sehr an den Fall.

PS. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Problematisch aus meiner Sicht sind weder hyperaktive Kinder, die das ganze Haus durcheinander bringen können, noch Scheidungskinder, und auch nicht die Kinder aus Familien, die nicht zu gebildeten Kreisen gehören. Das sind für mich Kinder, die in der Lage sind einem anderen Kind absichtlich und geplannt weh zu tun, egal ob physisch oder psychisch, und dabei auch nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden können.
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Re: Hb-chen und "Problemkinder"

Beitragvon Meine3 » Mo 16. Nov 2020, 11:45

sinus hat geschrieben:
Meine3 hat geschrieben:Ich war Scheidungskind, komme aus „schwierigen Verhältnissen“ und war nie sozial „auffällig“ im Sonne von störend, bösartig, berechnend, intrigant... Was ich sagen will: Kinder, die sozial auffällig sind indem
sie Hinterlist zeigen oder bösartig wirken, sind das nicht, weil
die Eltern geschieden sind oder viel auf Reisen waren. Mittlerweile reagiere ich auf solche Vermutungen etwas unwillig. Denn ich hätte selbst nie gedacht mal ein sozial auffälliges Kind zu haben und habe früher auch vieles der Erziehung zugeschrieben.


Hm, ich habe es im Bekanntenkreis bei einem Kind (was ich sehr mag) unmittelbar miterlebt, wie er durch schwierige Verhältnisse (in dem Falle eine lebensbedrohliche Erkrankung des Bruders) zu einem "Problemkind" (und nach der Krise wieder zu einem sozial ausgesprochen kompetenten Kind) wurde.
Soll heißen - ich halte es für viel wahrscheinlicher, dass es für schwieriges Verhalten eine Ursache gibt, als dass es eine entsprechende unschöne Anlage ist. Es also eher ein Symptom eines Misfits ist.

Grundsätzlich bin ich auch jemand, der zunächst nicht das "Arschlochkind" (schrecklicher Begriff) sieht, sondern erstmal einfach ein Kind, was momentan grad mal nicht so gut "funktioniert".

Ich selbst habe in der ersten Klasse eine Mitschülerin - aus heutiger Sicht würde man so sagen - gemobbt.
Später wurden wir aber dann sogar zeitweise Freunde und noch etwas später habe ich mich mehrfach ganz bewusst für die Kinder eingesetzt, die von anderen regelmäßig geärgert wurden.
Darum würde ich ein nicht so nettes Kind niemals vorschnell als "echtes" Problemkind abschreiben, es kann ebensogut auch nur eine Phase sein oder eben für das Kind was gerade mal irgendwas nicht passen.
Bei dem Mädchen aus der Klasse wie gesagt hatte ich beim Ausflug das Gefühl, dass es die ganze Welt als feindlich erlebt.
Dafür wird es meiner Meinung nach eine Ursache geben.
An sich sind 7jährige da ja nicht so...

Nur das wollte ich ausdrücken - nicht, dass die Kinder zwingend so sind, weil bei der Erziehung was schief läuft.
Was ich ja in den beiden Fällen auch nicht so geschrieben habe, oder? Die erwähnten Zwillinge steckten damals übrigens mitten in der Scheidungsphase, waren also nicht einfach nur Kinder geschiedener Eltern. Das war uneindeutig formuliert.
Ich bin gespannt, wie sich das bei der Klassenkameradin entwickelt... sie wird uns ja jetzt 4 Grundschuljahre lang begleiten.


Natürlich können schwierige Familienverhältnisse zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Aber was genau das für Verhaltensaufälligkeiten sind, ob das Kind dann mit Bösartigkeit, Feindseligkeit und Hinterlist reagiert oder aber mit Rückzug und Depression, DAS ist sehr wohl auch zu einem großen Teil charakterlich bedingt.

Ein Beispiel: ich habe eine Zeit lang bei meinem Vater gelebt, weil meine Mutter eine Art Burn-Out hatte und sich eine Auszeit (auch von mir!!) genommen hat. Sie ist nach Portugal gereist. 3 Monate lang. Für mich war das die bis zu diesem Zeitpunkt schlimmste Zeit in meinem Leben. Mein Vater war schwerer Alkoholiker und ziemlich sicher shizophren. Ich war dort diesem Mann ausgeliefert. Manch ein Kind hätte darauf mit Rebellion, aggressivem oder oppositionellem Verhalten, Schulverweigerung oder weiß der Geier wie reagiert. Ich reagierte mit Rückzug und depressiven Verstimmungen und weil ich nach der Schule nicht nach Hause wollte, trieb ich mich in Kaufhäusern rum, stundenlang oder bin mit zur Freundin gegangen, bis ich dort heimgeschickt wurde. Nie im Leben wäre ich bösartig geworden oder hätte meinen Frust an anderen Kindern ausgelassen... Aber manche Kinder reagieren so. Mein Vater schmiss mich im Suff mit 12 Jahren mitten in der Nacht raus. Manch ein Kind wäre jetzt auf der Straße gelandet und wäre weiß der Geier wie abgerutscht: Kriminalität, Drogen, etc. Ich hingegen habe all meine Kraft zusammen genommen und bin zurück zu meiner Mutter (die seit einigen Tagen wieder im Land war), obwohl ich das Gefühl hatte, dort nicht willkommen zu sein, obwohl ich sauer und wütend auf sie war, weil sie mich mit diesem Mann allein gelassen hatte. Ich habe vernünftig gehandelt. DAS war nicht der ERziehung geschuldet, sondern meinem Charakter.

Das meinte ich damit. Wenn ein Kind bösartig, intrigant oder hinterlistig ist, dann liegt ein grundliegendes Problem vor oder es ist eben charakterlich bedingt, ABGESEHEN von der familiären Situation. Denn sofern es nicht pathologisch bedingt ist, hat man immer eine Wahl, WIE man sich verhält...

Ich beziehe mich hier auf das Mädchen, dass dir so unangenehm aufgefallen ist. Wenn sie so intrigant ist (sich freut, wenn sie was zerstört, das mit Absicht tut, etcpp), dann ist das nicht NUR durch die familiäre Situation erklärbar.

Ich wäre vorsichtig beim Umgang mit diesem Kind und würde versuchen deiner Tochter klar zu machen, dass sie sich da auch abgrenzen DARF, wenn ihr das nicht geheuer ist. Das dient dem Selbstschutz und ist wichtig. Sozial schwierige Kinder darf man auch nicht alle in einen Topf schmeißen. Oft ist es auch schön, wenn ein sozial schwieriges Kind eine Person findet, die hilft und unterstützt, denn das sozial schwierige Kind kann dadurch lernen. Aber man muss natürlich aufpassen, ob das andere Kind (in deinem Fall eben deine Tochter) nicht gefährdet wird.
Es kann sein, dass nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält, denn er kann irren, aber in allem, was er sagt, muss er wahrhaftig sein.
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