Hilfe! Underachiever?

Einfach nur über sich und seine Kinder erzählen

Hilfe! Underachiever?

Beitragvon Underachiever » Di 30. Okt 2018, 11:40

Hallo liebe Foren-Mitglieder,
ich brauche dringend Rat von Menschen, die vielleicht ähnliches durchgemacht haben oder auch noch machen.
Mein Sohn ist neun Jahre alt und geht in die 4. Klasse.
Es begann schon im Kindergarten mit diversen Auffälligkeiten ( Flüchten aus Sitzkreisen, Stören beim Basteln, Provokation der Kinder und Erzieher, ewiges diskutieren. Teilweise starkes Fokussieren auf Dinge, die ihn interessierten, da war er dann kaum ansprechbar. Kita Leitung riet uns zu einem IQ- Test, weil sie angeblich Kinder kenne mit ähnlichen Auffälligkeiten, bei denen dann ein überdurchschnittlicher IQ festgestellt wurde. Leider habe ich diese Aussagen nie ernst genommen, weil in diesem Kinergarten einiges nicht so rund lief, viele Eltern unzufrieden waren und die Stimmung zwischen Eltern und Erzieherinnen aus diversen Gründen angespannt war.
Dann kam die Einschulung. In den ersten drei Wochen lief es rund und ab da begann es problematisch zu werden. Mein Sohn störte den Unterricht, kam aus den Pausen nicht zurück, musste mehrmals während des Unterrichts auf die Toilette ( um der Situation zu entkommen) und braucht immer ewig um mit seinen Aufgaben zu beginnen. Seine Leistungen waren gut bis sehr gut. Keine Probleme Freunde zu finden, war gut integriert. Er eckte nur manchmal etwas an, weil er alles kommentierte und auch manchmal verletzende Kommentare raus haute. Ich bekam regelmäßig negative Rückmeldungen von Lehrern, saß regelmäßig in der Schule und musste mir anhören, was er alles so macht und nicht macht. Er spielte auch gern mit seinen Stiften während des Unterrichts und war motorisch unruhig, rutschte auf seinem Stuhl hin und her. So verlief auch das zweite Schuljahr. Ich ließ ihn auf ADHS testen, in einen Institut, welches sich auf diesem Gebiet spezialisiert hat. Heraus kam nur, dass er nur ein geringes Durchhaltevermögen besitzt, aber keine ADHS Diagnose.
Im dritten Schuljahr ging es dann mit den Schulleistungen dramatisch bergab, nur noch Vieren und Fünfen in fast allen Fächern, außer Sport und Musik. Er störte weiterhin und die motorische Unruhe blieb auch bestehen. Nun las ich viel über diese Symptome und stieß auf den Begriff Underachiever. Ich vereinbarte einen Termin mit einer Kinderpsychologin, die einen Intelligenztest vornahm. Ergebnis IQ 120, keine Hochbegabung. Leider ließ sie uns mit dem Ergebnis allein und ich wusste nicht so recht etwas damit anzufangen. Ende der dritten Klasse entschieden wir uns, ihn ab der 4. Klasse auf eine Privatschule zu geben, kleinere Klassen, mehr Ruhe zum Lernen. Zusätzlich fragte ich beim Kinderarzt nach Ergotherapie. Damit wurde ich abgewiesen, der Junge ist gesund, der braucht keine Ergotherapie ( Aussage des Kinderarztes).
Nun ist mein Sohn auf der neuen Schule. Es ging die ersten drei Wochen gut, sehr fleißig, engagiert, motiviert. Plötzlich wieder das gleiche Spiel. Keine Motivation, keine Leistungsbereitschaft, stört den Unterricht, albert herum, kommentiert alles, schlechte Noten.
Nun meine Frage, kann es sein, dass auch Kinder mit einem IQ von 120 derartige Probleme in der Schule haben können??? Wenn ja, was kann man tun? Ich verzweifle daran und die Lehrer inzwischen auch.
Zusätzlich möchte ich noch sagen, dass es auch hier zu Hause nicht immmer einfach ist, er diskutiert, ist extrem eigensinnig, Wutanfälle ( aber immer nur verbal, er hat noch nie geschlagen oder etwas zerstört, er ist in der Tat völlig gewaltfrei). Aber alles noch im Rahmen und gut zu händeln.
Vielleicht gibt es hier jemanden, der mir einen Rat geben kann oder sich austauschen mag??
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Re: Hilfe! Underachiever?

Beitragvon Koschka » Di 30. Okt 2018, 14:22

Hallo,

Unterachiever ist ein falscher Begriff. Das sind Verahltensauffälligkeiten, die mit IQ nur sekundär was zu tun haben. Das ist Charakter. Damit kann man nichts machen, außer lernen damit so zu leben, dass alle Beteiligten am zufriedensten sind. Lies dich in das Thema Protestverhalten ein. Vermeide so weit es geht ALLE wirklich unnötige Konfrontationen, lasse dich nicht auf die Diskussionen ein. Unterstüze die Stärken deines Kindes und erziehe nur durch positives Feedback. Das ist extrem schwer, aber andes geht es wohl kaum.

LG
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Re: Hilfe! Underachiever?

Beitragvon BiHa » Di 30. Okt 2018, 14:30

Hallo,
Protestverhalten erklärt es wohl sehr gut, wobei die Frage ist, wogegen er protestiert. Was ist denn anders gewesen zwischen 2. und 3. Klasse? Ein IQ von 120 ist eigentlich einer mit dem man die Schule problemlos durchlaufen kann. Deshalb ist die Frage, ob er sich vielleicht massiv langweilt, deshalb stört und sich grundsätzlich nicht konzentrieren kann? Was hält er denn grundsätzlich von Schule?

LG BiHa
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Re: Hilfe! Underachiever?

Beitragvon Koschka » Di 30. Okt 2018, 14:40

Protestverhalten kommt nicht unbedingt als Antwort auf eine Unterforderung. Es ist eine Art zu leben. Erstmal "NEIN" sagen, und dann überlegen wollen, ob JA vielleicht nicht doch besser wäre. Das zeigt sich schon in frühen Kindheit. Je mehr Druck so einem Kind entgegen kommt, desto weiter rutscht sein Verhalten in Richtung Protest ab. Die Schule passt solchen Jungs nicht nur weil sie langweilig ist. Allein schon die Tatsache, dass sie fremdbestimmt werden reicht, um Protest auszulösen. Weil sie aber wenig sturkturiert sind und nicht wirklich Durchhaltevermögen besitzen, können sie alleine auch nicht arbeiten. So ist die optimale Kombination eine Gratwanderung zwischen Zurückhaltung und Anleitung.
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Re: Hilfe! Underachiever?

Beitragvon Underachiever » Di 30. Okt 2018, 15:10

Vielen Dank für die schnellen Antworten!
Weshalb es mit seinen Leistungen nach der 2. Klasse so extrem kippte lässt sich nur vermuten. Der Druck auf ihn und sein störendes Verhalten wurde natürlich immer grösser, seitens der Lehrer und auch von unserer Seite. Es machte den Eindruck, als würde er immer weiter dicht machen. Eine Negativspirale. Er äußert oft Langeweile im Unterricht, aber aufgrund seiner miserablen Leistungen fällt es mir schwer, der Lehrerin zu erzählen, er könnte evtl. etwas mehr Anspruch gebrauchen. Noch geht er gerne zur Schule, weil er auch hier wieder schnell in die Klasse integriert war. Die Motivation, die Leistungsbereitschaft und sein Verhalten sind die Hauptprobleme.
An Koschka: Es ist tatsächlich so, dass er sich ganz ungern etwas sagen lässt, großer Eigensinn mit einer gewissen Egozentrik. Er ist sehr unstrukturiert und besitzt, wie Du schreibst kein Durchhaltevermögen.
Wir werden hier zu Hause auf jeden Fall darauf achten, keinen Druck auszuüben und ihn positiv zu bestärken.
Was kann ich mit den Lehrern besprechen bzw. wie können sie ihn unterstützen?Hat da jemand eine Idee?
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Re: Hilfe! Underachiever?

Beitragvon Koschka » Di 30. Okt 2018, 15:32

Zu dem Abfall der Leistung. Bei uns war das so, dass die 1-2. Klasse absolut keine Leisung verlangten. Wer halbwegs das Thema verstanden hat und irgendwas geschireben hat, bekam in der Probe schon eine 3. In der 3. stiegen abrupt die Anforderungen. Es hagelte bei der 1. Leseprobe 4er und 5er. Solche Kinder wie dein Sohn können zwischen der Beurteilung der Arbeit und der Persönlichkeit nicht unterscheiden. Sie empfinden die auf die Arbeit gerichtete Kritik als persönlichen Angriff und machen dicht.

Ich weiß nicht, was mit der Lehrerin zu besprechen wäre. Eigentlich gelten für sie die gleichen Grundsätze wie für die Eltern: wenig Druck, konstruktive Vorschläge und positives Feedback. Ob das im Rahmen einer Klasse umsetzbar ist, das weiß ich nicht... Eigentlich soll man den Interessen des Kindes nachgehen.
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Re: Hilfe! Underachiever?

Beitragvon Koschka » Di 30. Okt 2018, 15:40

das Wichtigste habe ich fast vergessen... Liebt euer Kind über alles! Er hat ein gutes Herz und einen klugen Kopf. Auch wenn seine Erzeihung viel Stress, Fragen und manchmal Verzweifelung mit sich bringt, wachsen aus solchen Jungs unter günstigen Umständen führende Persönlichkeiten. Ganz egal was die Außenwelt sagt, ihr seid auf der Seite des Kindes. Er hat es auch nicht leicht. Ihn plagen auch Selbstzweifel. Ihn zerreißt die Unruhe. Er brauch euch...
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Re: Hilfe! Underachiever?

Beitragvon alibaba » Do 1. Nov 2018, 19:00

Ohjemine .....

Underarchiever ...... ja, das hab ich auch mal gedacht ..... schnief ...... glaub ich nicht mehr. ;)

Ich versuche mal zu mutmaßen ..... mit dem IQ hat das Verhalten nicht so viel zu tun. Der Leistungsabfall könnte am System liegen, von 2 auf 3 erfolgte hier auch immer ein harter Cut, gefolgt dann von 4 auf 5, das kommt also noch mal.
Mit dem genannten IQ sollte ein Kind eigentlich gut durch die Schule kommen. Geht das nicht so wie gedacht, liegt das nicht am IQ sondern an der Persönlichkeit des Kindes. Die einen ziehen Schule eben durch, andere nicht. Ich hab’s auch noch nicht ergründet, woran das letzten Endes liegt. Eigentlich müsste es ja super laufen. :gruebel:

Ich möchte Dich aber beruhigen. Ich hab auch so ein „Underarchiever“, der mit zunehmender Klasse immer besser wird. Das System läuft immer runder. Was auch daran liegt, das mein Kind jetzt begreift und zukunftsorientiert blicken kann. Das geht eben noch nicht in Klasse 4.

Ich würde genau schauen. Klappt es grundsätzlich. Versteht das Kind leicht. Wie läuft es bei den Hobbys, was kommt da für ein Feedback? Fördernde und fordernde Hobbys unterstützen Durchhalten und Dranbleiben. Das kann man da geschützt, ohne Noten, Stück für Stück üben. Meine haben ihre Instrumente, auch Sport kann unterstützen.

Grundsätzlich würde ich keinen Druck aufbauen, wenn Ihr keine gebundene Empfehlung benötigt oder der Wechsel schon feststeht. Mit der Reife der Kinder werden sich diese verändern, bei uns war das bisher immer in Richtung positiv.

VG
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Re: Hilfe! Underachiever?

Beitragvon Underachiever » Do 1. Nov 2018, 20:01

Vielen lieben Dank für Eure Antworten!
Den Begriff Underachiever benutze unter anderem auch die Schulpsychologin, deshalb hatte ich ihn immer im Kopf.
Diese schlechten Leistungen und das Verhalten beunruhigt mich natürlich und da sind der Fantasie betreffend der Zukunft meines Sohnes natürlich keine Grenzen gesetzt )-: Er spielt Gitarre und Geige ( Einzelunterricht in der Schule). Das macht ihm Spaß, keine Probleme. Er liebt Musik. Einmal in der Woche geht er zum Tennis, wobei das Thema Sport immer etwas schwierig ist. Also er hat auch genug Freizeit, weil der Instrumentalunterricht in der Schule stattfindet.
Er hat zeitweise unter Druck sogar besser mitgearbeitet, aber das ist ja kein Dauerzustand und der Motivation ja auch nicht wirklich dienlich. Man hat das Gefühl, egal wie man es versucht, nichts fruchtet. Das ist einfach sehr frustrierend.
Aber ich danke Euch sehr für die Tips und Ratschläge! Manchmal ist es gut, wenn mal jemand von außen seine Meinung und Erfahrung abgibt. Ich werde mal versuchen das ganze etwas gelassener zu sehen und die weiterführende Schule abwarten.

Viele Grüße!
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Re: Hilfe! Underachiever?

Beitragvon Koschka » Fr 2. Nov 2018, 15:48

... was bei solchen Sympthomen einem noch einfällt ist ADHS. Menschen ohne ADHS-Sympthomatik fällt es wesentlich leichter sich auf den langweiligen Sachen zu konzentrieren und das Verlange einfach zu absolvieren. Ich will keinesfalls andeuten, dass in solchen Fällen eine Therapie nötig oder sinvoll wäre. Aber einiges könnte man sich doch damit erklären... und Verständnis ist vor allem für die Fremdbetreuer könnte eine Brücke zur Akzeptanz sein.

Ich habe mit meinen Kindern vor kurzem den Film "In die Wildnis" angeschaut. Die Hauptperson ist ein junger Mann, der m.E. sowohl Protestverhalten als auch ADHS-Problematik aufweist. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, und man erschriekt sich, wenn man sich darüber Gedanken macht, welche Richtung die umtriebigen Jungs einschlagen können, wenn sie unglücklich aufwachsen.
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