Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Einfach nur über sich und seine Kinder erzählen

Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Beitragvon Hope » Do 10. Okt 2019, 21:41

Nabend allerseits!

Nach meinem Verzeiflungspost von neulich bin ich euch noch eine Vorstellung schuldig ;-)

Ich bin eine Anfang 30 Mama mit zwei Jungs, 5 und 1 Jahr. Seit der Maxi ca 1,5 ist lese ich hier phasenweise mal mehr mal weniger mit und wegen ihm auch meine Anmeldung hier. Er war vom ersten Tag an einfach anders "der guckt aber aufmerksam" und hat sehr viel und sehr laut geschrien. Körperkontakt mochte und mag er nicht, wollte aber immer, vom Körper weg, getragen werden, damit er was sieht und weil er die waagerechte Position gehasst hat. Schlafen war eine Katastrophe, er hat Reize aufgesogen wie ein Schwamm, konnte aber nicht verarbeiten. Die ersten Jahre mit ihm waren leider die schlimmsten meines Lebens, ich erkrankte an einer schweren Wochenbettdepression, was ich allerdings erst verstand als mein Frauenarzt nicht lang vor Maxis erstem Geburtstag mit mir Klartext sprach. Es folgte eine Odysee an Maßnahmen, wir haben viel und hart gekämpft und haben es überwunden.
:fahne:
In der Zeit habe ich viel über mich gelernt, mich viel mit Hochbegabung und Hochsensibilität beschäftigt und letzteres in mir und meinem Sohn erkannt.
Ob er (oder ich?) hochbegabt ist weiß ich nicht, wir wurden ein paar mal darauf angesprochen, denn der Maxi fällt einfach auf. Er denkt viel, schneller als er redet, sehr komplex und kreativ. Er ist das Kind das einen Wutanfall bekommt weil Papa nicht DIESE EINE ganz bestimmte Hebelmaschine mit ihm bauen kann die er vor seinem inneren Auge sieht. :geek: Trotz gemalter 'Bauanleitung'...:roll: Solche Diskussionen sind unser täglich Brot und nicht gerade förderlich für den Familienfrieden :oops:

Er hat früh angefangen zu sprechen, die Babysprache übersprungen und mit zwei Jahrem fließend mit allem Drum und Dran gesprochen (mit 2,1 Jahren:"Mama wenn du die Augen zu machst siehst du kein Flugzeug mehr"). Sowas wie Entwicklungsschübe kenne ich nicht von ihm, er kam mir immer vor wie ein Erwachsener der höchst frustriert in diesem beschränkten Babykörper gefangen ist und sich über seine Unfähigkeit ärgert.
Er ist emotional gesehen der Flummi unter den Kindern, himmelhochjauchzendzutodebetrübt, sowas wie eine ausgegliche Mitte kennen wir bei ihm nicht.
Er hat massive Probleme mit der Konsistenz von Essen, vor gar nicht langer Zeit war Erbrechen am Tisch, weil er zB ein Kleines Stück einer Tomatenhaut abbekommen hat, an der Tagesordnung. Außerdem darf das Essen sich nicht berühren, geschweige denn vermischen. Kürzlich musste ich versprechen NIEMALS Nudelauflauf zu machen, und nein,dem gab es an dem Tag nicht :lol:
Er spielt kaum mit Spielzeug, hat er im Vergleich zum Bruder auch nie getan, was uns schon so manches Mal gefrustet hat. Aktuell gibt es eine Legophase, aber er hasst es mit den Händen in dem Haufen nach den passenden Steinen zu wühlen. Bis auf Bücher - die liebt er rauf und runter- und Bastelsachen ist alles andere eigentlich überflüssig. Er malt sehr detailliert und hat ein Auge für Details und merkt sich die, wo wir oft nur staunen können.
Er kannte mit 2 alle Automarken und begann sich für Buchstaben zu interessieren. Mit drei schrieb er seinen Namen, Mama, Papa, Oma, Opa. Im Laufe des vierten LJ kamen weitere Buchstaben dazu und mit 4,5 fing er plötzlich an kurze Wörter zu lesen, dessen Buchstaben er kannte. Vor ein paar Wochen überraschte er mich als ein recht kompliziertes Wort mit Kleinbuchstaben las, ich hab nicht gewusst dass er die auch kennt und ich weiß auch nicht wirklich woher :shock: . Leider hat er absolut NULL Lust sich anzustrengen und alles was wir vorschlagen ist pauschal doof weil könnte ja anstrengend sein ( "mir ist langweilig!" "magst ein Rätsel aus dem Buch machen?" "näää"). Mit etwas mehr Ehrgeiz würde er wahrscheinlich schon fließend lesen. Überhaupt scheint alles was mit alltäglicher Anstrengung zu tun hat, wie das Anziehen, eine Qual für ihn zu sein.
Er ist ein seeeeeeehr vorsichtiger Typ. NIE ist der als Baby irgendwo rein oder hoch, nichts in den Mund, keine Rutsche, keine Schaukel, Fahrrad mit viel Protest und guten zureden inzwsichen immerhin mit Stützrädern.

Er fällt eigentlich immer auf. Meistens Gott sei Dank positiv, seine interessanten Fragen, seine verrückten Ideen, sein Reden Reden Reden, seine lustigen Sprüche, seine teils theatralische Gestik. Er teilt gern, liebt es etwas zu verschenken und geht mit Dingen vorsichtig um. Manchmal scheint es mir als hätte er einen siebten Sinn, er sagte mir dass ich kit seinem Bruder schwanger bin als ich es noch nicht wissen konnte. Er ist außerdem extrem sensibel und lärmempfindlich, kann aber selbst nicht laut genug sein :roll:
Wo er sich sicher fühlt zeigt er sich auch von seiner schwachen Seite. Häufige Wutausbrüche und "Abstürze" wie wir es nennen, wo er wie eine Schallplatte hängen bleibt und irgendwie nicht mehr normal ist. Früher hatte er sehr aggressive Phasen. Uns ist mittlerweile aufgefallen dass er im 1:1 Kontakt ein unkomplizieres Kind ist, aber kommen weitere Personen dazu tendiert er dazu schwierig zu werden, im KiGa (Waldkindergarten) spielt er alleine (Beobachter Position)oder mit einem Kind. Kommen weitere Kinder dazu, ist es als wenn er die Kontrolle verliert und schnell wütend wird.
Wir lieben ihn sehr aber ich gebe zu dass ich oft meine Mühe mit ihm habe und ihn als sehr herausfordernd erlebe. :|

Aktuell gibt es große Schwierigkeiten im Kindergarten und auch Zuhause, darüber hatte ich ja geschrieben (ständige Regelverstöße, Provozieren, Wutanfälle, Stören von Gruppenaktivitäten). Wir haben nun einen Beratungsprozess gestartet und schauen wie wir ihm helfen und unseren Alltag entspannen können. Wir haben aktuell die Vermutung dass er eventuell Asperger Autist ist, da und wie ihr eine eventuelle HB einschätzen würdet- wäre ich gespannt eure Meinungen zu hören :fahne:

Damit beende ich meinen Roman und sage 'Moin' :)

PS. Und sein kleiner Bruder ist natürlich auch noch da :mrgreen: Mini ist ein Babs und Kind 'nach Lehrbuch' ;) Ihn zu beobachte, wie er unbeschwert die Welt entdeckt und einfach KIND ist, ist echter Balsam und eine große Freude für mein Mamaherz. Spätestens seit er bei uns ist weiß ich dass der Maxi definitiv ANDERS ist...
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Re: Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Beitragvon alibaba » Fr 11. Okt 2019, 11:15

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Re: Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Beitragvon Meine3 » Fr 11. Okt 2019, 16:40

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Re: Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Beitragvon Meine3 » Fr 11. Okt 2019, 16:44

Hallo nochmal,


Er spielt kaum mit Spielzeug, hat er im Vergleich zum Bruder auch nie getan, was uns schon so manches Mal gefrustet hat. Aktuell gibt es eine Legophase, aber er hasst es mit den Händen in dem Haufen nach den passenden Steinen zu wühlen.


Mich würde ja interessieren ob es die Haptik ist, die ihn dabei stört oder ob er einfach sehr ungeduldig ist und suchen nicht mag 8-) . Mein Sohnemann hasst suchen. Wir haben mehrere Plastikboxen und die Legosteine sortiert. (z.B.: Sonderteile, wie die mit glatter Oberfläche, transparente oder außergewöhnliche Formen, Autoteile Sitze, Lenkräder, Räder, Radkappen, Schutzbleche, etc, "Kleinteile" Teile, die nicht mehr als 3 Noppen haben, und den Rest nach Farben sortiert). Vielleicht wäre das etwas, was eurem Sohn "hilft".

Leider hat er absolut NULL Lust sich anzustrengen und alles was wir vorschlagen ist pauschal doof weil könnte ja anstrengend sein ( "mir ist langweilig!" "magst ein Rätsel aus dem Buch machen?" "näää"). Mit etwas mehr Ehrgeiz würde er wahrscheinlich schon fließend lesen. Überhaupt scheint alles was mit alltäglicher Anstrengung zu tun hat, wie das Anziehen, eine Qual für ihn zu sei


Warum sollte er sich "anstrengen" oder Ehrgeiz haben, wenn er es nicht braucht? ;). Leider hat Intelligenz nichts mit Ehrgeiz zu tun oder mit Faulheit. Es gibt sicher viele sehr fleißige und ehrgeizige Hochbegabte, aber eben auch die Faulen und da sie oft damit bequem durchs Leben kommen, sehen sie auch keinen Grund diese Strategie zu ändern. Doof wird es, wenn man dann "plötzlich" (mit Ende der Grundschulzeit oder Beginn des Studiums spätestens) lernen MUSS... Aber: Er ist noch nicht in der Schule, ihr lest ihm vor :mrgreen:, warum sollte er sich zum jetzigen Zeitpunkt anstrengen lesen zu lernen? Mein Sohn hat sich auch nicht sonderlich fürs lesen interessiert, teilweise sogar vorgegeben die Buchstaben nicht zu können, aber versehentlich doch immer wieder gezeigt, dass er sowohl das Prinzip des Lesens als auch die Buchstaben (größtenteils) kennt. Er ist jetzt seit 3 Wochen in der Schule, kennt nun "plötzlich" alle Buchstaben (hups, wie ist denn das passiert ;) ) und liest. Bücher hat er schon immer geliebt, mit 26 Monaten konnte er die Bücher nach ein paar Wiederholungen auswendig "nachlesen". Da gibt es auch das ein oder andere sehr süße Video aus der Zeit :). Forciert hätte ich persönlich das lesen und schreiben lernen nicht. Ich habe es immer so gehalten, dass ich einfach auf die Interessen und Bedürfnisse meiner Kinder eingehe. Wenn sie lesen WOLLEN, so versorge ich sie mit Material, das ihnen hilft es selbst zu lernen. Wenn sie mich fragen, antworte ich. Ich sitze aber nicht mit meinem Kind zusammen da und ÜBE lesen... Jetzt in der Schule natürlich schon, sofern er das will, aber vorher nicht.

Er ist ein seeeeeeehr vorsichtiger Typ. NIE ist der als Baby irgendwo rein oder hoch, nichts in den Mund, keine Rutsche, keine Schaukel, Fahrrad mit viel Protest und guten zureden inzwsichen immerhin mit Stützrädern
.

Mein Sohn hat einmal Sand probiert, ihh schmeckt nicht, nie wieder davon gekostet. Meine Tochter (die auch nicht blöde ist :lol:) hat Sand gegessen, als wäre es eine Delikatesse :roll:... Auch hier: es gibt viele Internetseiten und sicherlich auch den ein oder anderen Fachmann, die Vorsicht mit Hochbegabung in Verbindung bringen (vor allem bei Kleinkindern, da dies zeigt, dass sie sich der möglichen Folgen ihres Tuns und eben der Gefahren bewusst sind), ein eindeutiges Indiz ist das aber sicherlich nicht. Mein Sohn ist eher unvorsichtig und ungestüm, meine Jüngste ist sehr ängstlich und vorsichtig.

Früher hatte er sehr aggressive Phasen. Uns ist mittlerweile aufgefallen dass er im 1:1 Kontakt ein unkomplizieres Kind ist, aber kommen weitere Personen dazu tendiert er dazu schwierig zu werden, im KiGa (Waldkindergarten) spielt er alleine (Beobachter Position)oder mit einem Kind. Kommen weitere Kinder dazu, ist es als wenn er die Kontrolle verliert und schnell wütend wird.


ähnliches haben wir auch beobachtet (1:1 Situation unkompliziert, denn er bekommt die gesamte Aufmerksamkeit, sind mehrere dabei wird er "laut und wild") und uns einige Sorgen im Vorfeld wegen der Schule gemacht, bzw. sind wir von den Erziehern damals auch "gewarnt" worden, dass das in der Schule problematisch werden könnte. Bislang aber (Klopf auf Holz) benimmt er sich weitestgehend anständig. Er erzählt sehr viel von der Schule und erzählt uns auch, wenn er mal an die Tafel geschrieben wurde, weil er zu viel getuschelt hat und heute hat er stolz sein Abziehtattoo- Bild gezeigt, dass er bekommen hat, weil er 1 Woche lang ganz brav war ;) .

Euer Sohn ist sicherlich intelligent, wahrscheinlich auch überdurchschnittlich, ob hochbegabt - keine Ahnung, das zeigt eben nur ein Test. Und auch diese können grade bei "schwierigen" Kindern wie den unseren, nicht immer zuverlässig den "echten" IQ ermitteln, zumindest nicht, wenn sie im Vorschulalter sind und sehr lustgebunden oder eben tatsächlich eine Wahrnehmungsstörung haben. Bei meinem Sohn ist der Intelligenztest sehr heterogen ausgefallen. Wir haben Unterstests (alle, die mit Sprachverständnis zu tun haben und teilweise auch Arbeitsgedächtnis), da sind wir bei über 145IQ-Punkten, wir haben aber auch Teilbereiche, da hat er grade den Durchschnitt erreicht (Konzentration, "eintönige" Aufgaben :roll: ), einen Untertest im Mathematisch-logischen Bereich hat er schon fast boykottiert (er mag keine Puzzles, war schon immer so), das hat natürlich dann den gesamten Mathematisch-logischen Bereich "runtergezogen". In der Schule hat die Mathelehrerin trotzdem schnell gemerkt, dass da was im Köpfchen ist. Er macht jetzt nach den normalen Aufgaben im Unterricht Sudoku und wird mit Zusatzaufgaben versorgt (Stand Ende 1. Klasse, nach 3 Wochen...). Im Gesamtwert war der Test nicht aussagekräftig, aufgrund der hohen Diskrepanzen. Wir haben den Gesamtwert auch nicht besprochen, sondern nur die einzelnen Bereiche. Er war teilweise hoch motiviert/interessiert, bei anderen Aufgaben wieder sehr "angestrengt"/lustlos... ein Intelligenztest zeigt nur, was das Kind an dem Tag zu zeigen bereit war. Das entspricht nicht immer dem tatsächlichen Potenzial. Dies schreibe ich so ausführlich, weil ich "befürchte", ähnlich wie @alibaba, dass euer Sohn eventuell nicht immer zu 100% kooperationsbereit sein wird und es eventuell für euch frustrierend sein könnte, bezüglich der Begabung, dann immer noch nicht genau bescheid zu wissen. Im Endeffekt ist das aber egal. Seit mein Sohn in der Schule ist, sehe ich, dass (zumindest bei uns, zum Glück!!) die Lehrer schon aufmerksam schauen und eben auch versuchen individuell zu fördern. In unserem Fall eben mit schwereren Aufgaben, zum Glück nicht nur mehr von dem gleichen langweiligen Kram 8-) . Ich war nach dem Test-Ergebnis sehr verwirrt und verunsichert, was aber hauptsächlich daran lag, dass die KJP uns danach so ein wenig hängen ließ mit dem Ergebnis und keinerlei "Tipps" oder Empfehlungen für uns hatte (außer, dass wir die hohe Begabung NICHT proaktiv ansprechen sollten). Mittlerweile kann ich damit sehr gut leben, nicht genau Bescheid zu wissen, das auch aber erst seit Schulbeginn. Vorher hatte ich Befürchtungen, dass mein Sohn im Unterricht vor lauter Langeweile anfängt zu stören, nur unangenehm auffällt, und hatte echt Kopfkino :oops: ... Aber diese Befürchtungen haben sich zum Glück nicht bestätigt, da sein kluges Köpfchen sehr schnell bemerkt wurde und er "gefüttert" wird. Wir haben unsere Mühe mit Hausaufgaben, aber sonst läuft es...


Die Sache mit der Hochsensibilität. Ich bin hochsensibel und zwar "extrem" und eine Zeitlang habe ich bei mir selbst auch Asperger vermutet :oops:, als ich mich aber tiefer eingelesen hatte, wurde mir klar, dass dieser Schuh nicht passt. Was ich damit sagen will: Hochsensibilität kann teilweise nach AUßEN wirken, wie Autismus, aber ein Experte wird hoffentlich den Unterschied machen können, den wir Laien eben nicht in der Lage sind zu machen.

Ich bin gespannt, was du weiter zu berichten hast.

Gruß Meine3

PS: zitieren kannst du mit dem Button Quote. Du markierst die zu zitierende Stelle und klickst dann auf den Button :) .
Meine3
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Beitragvon Rabaukenmama » Fr 11. Okt 2019, 20:42

Hallo Hope!

Mein älterer Sohn ist auch ein Kind, welches pausenlos reden kann. Und als er 4 Jahre alt war, war das auch noch für die meisten Leute total süß. Auch seine Distanzlosigkeit Fremden gegenüber wurde meistens als "süß" betrachtet - er hat nicht nur wildfremde Leute vollgequatscht sondern hatte auch kein Problem, sich ungeniert auf ihren Schoß zu setzen oder sie spontan zu umarmen - sowohl Erwachsene als auch Kinder. Mein Sohn hat auch immer höflich gesagt, was er gedacht hat, und mit 4 war auch das noch kein Problem.

Mittlerweile ist mein Sohn 9 1/2 Jahre alt und das lächelnde Verständnis von Außenstehenden für sein Verhalten ist deutlich weniger geworden. Er quatscht immer noch alle mit seinen Themen voll, aber einerseits kann ihm heute kaum mehr wer folgen (außer, er/sie hat ein Diplom in minecraft, Entenhausen und Astronomie :roll: ), zweitens sind seine Sätze sehr kompliziert und verschachtelt und drittens stottert er auch noch, was es, selbst wenn man ihm wirklich folgen will, sehr schwer macht. Und wenn er heute auf dem Spielplatz einen wildfremden Mann umarmt sagt keiner mehr "och, wie süß!" sondern alle Augen richten sich beklommen auf mich, wie ich das zulassen kann (und, nein, ich sehe es nicht voraus, so dass ich es verhindern könnte!). Auch die alte Dame, die er in der U-Bahn höflich angesprochen hat, ob sie vielleicht aufzustehen bereit ist, damit er sich hinsetzen kann, fand das eher befremdlich :P .

Wie dem auch sei, mein Sohn ist nun mal, wie er ist. Während mit 2-6 Jahren vor allem seine kognitiven Fähigkeiten aufgefallen sind, ist es jetzt eher sein doch etwas "schräges" Verhalten. Mittlerweile haben wir auch fixe Diagnosen, die sowohl Asperger Autismus als auch ADHS bescheinigen - leider eine etwas schwierige Kombi! Laut löchrigem IQ-Test (von dem er ganze Teilbereiche verweigert hat) beträgt sein Gesamt-IQ 118 mit einer extremen Spitze im sprachlichen Bereich (150+) und einer (für Autisten üblichen) langsamen Arbeitsgeschwindigkeit (die IQ 90 entspräche). Rein rechnerisch kommt da eben ein Gesamt-IQ von 118 raus, wobei einige Teilbereiche, von denen ich weiß, dass mein Sohn sehr gut abschneiden würde, fehlen. So war er z.B. nicht zum Allgemeinwissens-Test bereit, weil er verweigert hat, so einfache Wörter wie "Dienstag" zu erklären und daher zu den Wörtern, mit denen er glänzen könnte (Kolumbus, schwarzes Loch,...) gar nicht gekommen ist.

Mit4 Jahren hatte er übrigens eine Entwicklungsdiagnostik, wo er in allen Bereichen entweder "überdurchschnittlich" oder "außergewöhnlich überdurchschnittlich" abgeschnitten hat, wo aber z.B. Verarbeitungsgeschwindigkeit noch keinerlei Rolle gespielt hat.

Buchstaben kannte er bereits an seinem 2. Geburtstag alle (Groß- und klein), ebenso ca. 50 Automarken (ich wußte nicht mal, dass es so viele gibt :mrgreen: ). Mit 3 Jahren waren es dann mindestens 30 Bilderbücher, die er auswendig aufsagen konnte, mit 3 Jahren und 9 Monaten begann er, nach Gehör frei zu schreiben, mit 4 1/2 Jahren konnte er fließend sinnerfassend lesen, mit 5 hat er angefangen, selbst Bücher zu lesen und bei seiner Einschulung hatte er bereits über 100 Bücher selbst gelesen. Mit 5 kam ich auch drauf, dass er sich in englisch sowohl unterhalten als auch englische Texte mit korrekter Aussprache lesen kann :shock: - und das mit nur EINER Native-speakerin, die Teilzeit in seinem Kindergarten war!

Mehr später, meine Jungs brauchen mich gerade :) !
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Re: Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Beitragvon Rabaukenmama » Sa 12. Okt 2019, 11:19

Hallo, hier bin ich wieder :) !

Um zu meinem Sohn zurückzukommen: während ich anfangs noch an seiner Autismus-Diagnose gezweifelt habe, weil sein bereits diagnostizierter, jüngerer Bruder viel mehr Klischees entspricht, bin ich mir heute sehr sicher, dass die Diagnose korrekt ist. Vor allem das Buch "Autismus als Kontextblindheit" von Peter Vermeulen hat mir in der Hinsicht die Augen geöffnet.

Ich habe keine Ahnung, wie oft Hochbegabung mit einer Wahrnehmungsstörung wie Autismus oder ADHS verwechselt wird. Was ich aber definitiv weiß ist, dass das eine das andere nicht ausschließt. Der Großteil der Hochbegabten (Erwachsen und Kinder), die ich kenne, zeigt ein unauffälliges Sozialverhalten und kann mit den eigenen Emotionen (altersentsprechend) gut umgehen. Bei meinem Sohn ist das anders, was ich aber mit 4 Jahren einfach noch nicht wissen KONNTE. Denn mit 4 Jahren ist es einfach, herausforderndes Verhalten auf die "Trotzphase" zu schieben, danach kann man den Zahnwechsel dafür verantwortlich machen und wenn man alles relativieren will später immer noch die Vorpupertät, die Pupertät danach ist ohnehin eine Art Freibrief für kontroverses Verhalten jeglicher Art,... oder man sucht einfach irgendwo einen Schuldigen für das Verhalten.

Ich kenne tatsächlich einen hochbegabten Jungen (aktuell 9 Jahre alt), der im sozial-emotionalen Bereich in der Schule immer massive Schwierigkeiten hatte und der auch tatsächlich gemobbt wurde. Da ich selbst Mutter von zwei diagnostizierten Autisten bin, sind mir die Auffälligkeiten dieses Jungen in diese Richtung von Anfang an aufgefallen. Autismus ist ja eine Spektrums-Störung und es gibt praktisch keinen Autisten, der ALLE im Spektrum auffälligen Verhaltensweisen zeigt. Aber der Junge hat mehr davon als meine Jungs zusammen, und das will was heißen! Ich habe mit der Mutter einige Gespräche geführt, wo ich meine Vermutungen ausgesprochen habe, und hinter scheinbarem Interesse totalei innere Abwehr verspürt. Dieser Mutter geht es um das Stigma, das Autisten nun mal (leider) anhaftet. Daher strebt sie auch keine Diagnostik an, beschult das Kind mittlerweile das 2. Jahr zu Hause, macht vor allem frühere Lehrer und Mitschüler für die Probleme (auch die akuten) ihres Sohnes verantwortlich, redet sich ein, alles läge an der Hochbegabung und hofft, dass sich die Schwierigkeiten irgendwie noch auflösen.

Ich meine das überhaut nicht böse, ich mag sowohl die Mutter als auch den Bub gerne. Aber das ist schlichtweg Selbstbetrug und nicht-wahr-haben-wollen.

Man kann in beide Richtungen testen: Hochbegabung UND Wahrnehmungsstörung. Wenn beides im Raum steht würde ich auch beides abklären, einfach um als Mutter angemessen agieren und dem eigenen Kind den Rücken stärken zu können.
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Re: Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Beitragvon sinus » Sa 12. Okt 2019, 17:02

...ich habe auch eine Mutter im Bekanntenkreis, deren beide Kinder Richtung Autismus tendieren, die aber eine Diagnostik ablehnt. Sie meint, davon habe sie keine Vorteile und jeder sei nunmal wie er sei und sie bezweifelt, dass es Autismus überhaupt gibt, es sei ihrer Meinung nach einfach eine Abweichung vom Durchschnitt, so wie andere Abweichungen halt auch und warum man das unbedingt pathologisieren müsse.

Ich persönlich sehe das anders, ich denke, es hilft allen Beteiligten, eine Namen dafür zu haben und zu wissen, woran man ist. Aber ich kann auch ihre Argumentation folgen. Solange die Kinder nicht drunter leiden, anders zu sein...
Ist natürlich schwer einzuschätzen.
Sie sagt auch, sie wäre als Kind ähnlich gewesen und jetzt sei sie doch normal.
(Sie ist übrigens ziemlich sicher ziemlich hochbegabt, ich kenne sonst kaum jemanden, der so schnell lernt. Sei es Schach, eine Fremdsprache, ein Instrument... sie malt, sie schreibt, sie unterrichtet und braucht immer wieder neue Themen und Herausforderungen)

In der Lebensgeschichte von Daniel Tammet (hochfunktionaler Autist) übrigens beschreibt er auch, dass er seine Mitmenschen früher unendlich zugetextet hat. Er schreibt, dass er den Sinn von Kommunikation rein im Informationsaustausch gesehen hat und darum alles, was er zu einem Thema wusste, sagen zu müssen glaubte. Des soziale Aspektes beim Kommunizieren war er sich gar nicht bewusst und da er die unterschwelligen Signale des anderen (Langweile, wegdrehen, ungeduldig werden) nicht gut wahrgenommen hat, wunderte er sich immer, warum die Menschen oft so ablehnend ihm gegenüber gewesen sind.
Er habe im Lauf der Zeit dann mühsam gelernt, andere zu Wort kommen zu lassen, seinen Redefluss zu unterbrechen, dem anderen zuzuhören und ganz bewusst auch auf die Körpersprache des Gegenübers zu achten.
Sehr geholfen hätten ihm dabei u.a. seine Geschwister.
Er hat auch erst als junger Erwachsener seine Diagnose bekommen.

Dass 1:1 Situationen besser funktionieren, als in der Gruppe zu sein, würde ich nicht drauf zurückführen, dass ein Kind dann mehr Aufmerksamkeit bekommt, sondern, dass es weniger anstrengend und verwirrend ist. Gruppendynamik ist nochmal sehr viel komplexer und unvorhergesehener, als agieren in 1:1 Situationen.
Da kommen sehr viele zusätzliche Reize dazu, die dann schnell überfordern können.

Mit Krach Probleme haben, selbst welchen machen ist auch kein Widerspruch. Selbst erzeugte Geräusche können den Lärm um einen herum erträglicher machen, da er hinter dem eigenen Krach verschwindet.

Meine 10jährige Tochter hat übrigens viele der Merkmale, die ich bei der Beschreibung von Autisten finden konnte "in klein" auch. Bei ihr passt aber Hochsensibilität besser, da sie zwar soziale Interaktionen zwar mitunter anstrengend findet, aber sich ganz gut einfühlen kann. Sie sagt bspw, sie merkt immer frühzeitig, wenn jemand in der Klasse kurz vorm Weinen steht. (Sie leidet auch extrem mit, wenn ich bspw schlecht drauf bin. Allerdings ist sie davon eher überfordert/gestresst, wo die kleine sehr empathische Schwester dagegen sehr zielsicher weiß, wie damit umgehen - also ob es bswp besser ist, sich zurückzuziehen oder zu trösten oder die Situation mit Albernheiten zu entspannen. Die Große trifft da höchst selten "den richtigen Ton")
Ironie macht ihr trotz ihrer fast 11Jahre oft Probleme und sie scheint manchmal so gar keinen Humor zu haben, weil sie das nicht witzig findet. (wie die Oma übrigens auch, die fühlt sich "verscheißert" und kann null über sich selbst lachen)
Meine Tochter sagt, sie ist sich nie sicher, ob die Ironie nicht doch erst gemeint sei.
Im Kigaalter hat sie auch Blickkontakt zu anderen Erwachsenen gemieden, sie hasst es, berührt zu werden (außer von mir, aber schon bei Schwester und Oma wird eine Umarmung maximal eben grad so toleriert), von mir dagegen mag sie gern stärkere Umarmungen, sie liebt es, sehr doll gedrückt zur werden, sanfte Berührungen erträgt sie tw fast gar nicht. (dann widmet sie sich unter Lachkrämpfen und findet das äußerst unangenehm.)
Sie isst nur wenige Nahrungsmittel (das wird aber zunehmend besser), sie mag keine großen Gruppen und unvorhergesehene Situationen. (sie wollte im Kigaalter immer nur ungern zu Kindergeburtstagen gehen. Absoluter Horror waren Indoorspielplatzeinladungen, da hatte sie u.a. Angst vor den Durchsagen.) Sie hat eine Knopfphobie und würde mich nie umarmen, wenn ich ein Strickjacke mit Knöpfen anhabe.
Sie zieht sich oft zurück.
Sie selbst glaubt von sich, weinerlich/empfindlich/unbeherrscht zu sein, dabei stimmt das gar nicht - nie würde sie sich die Blöße geben, außerhalb von daheim zu weinen oder eine Wutausbruch zu bekommen oder überhaupt ihre Gefühle zu zeigen. (dafür ist es daheim dann mitunter recht "intensiv")
Früher hat sie viel an den Fingernägeln geknabbert - ab 2 bis etwa zur Einschulung. Sie hat mitunter heftige Wutausbrüche. (Vor allem beim Instrumentüben)
Sie redet auch entweder kaum (bzw äußerst einsilbig), oder wie ein Wasserfall, wenn es das richtige Thema ist.
Sie fühlt sich in der Natur sehr viel wohler, als unter Menschen.
Sie hat bspw nie Menschen gemalt und bei dem einen psychologischen Test (mit 9), wo sie aus Spielfiguren eine Welt bauen sollte, fehlten sämtliche menschlichen Figuren, aber auch menschengemachte Dinge (Häuser etc) vollständig. (das fiel den Psychologen auf und wurde auch als ungewöhnlich genannt)
Ihre liebsten Beschäftigunen bis ins Schulalter hinein waren übrigens Rollenspiel, Schleichtierwelten bauen und malen. Großes Interesse an anderen Spielzeugen zeigte sie auch eher wenig.
Im Kiga spielte sie fast nur allein, lief oft träumend durch den Garten, buddelte vor sich hin, schaute sich Pflanzen und Kleintiere an. Jage-/Fangespiele mochte sie überhaupt nicht, für sie war das bitterer Ernst und kein Spaß.

Allerdings hat sich vieles davon zunehmend und tw komplett "verwachsen". An einen Asperger glaube ich bei ihr eigentlich nicht, aber trotzdem entdecke ich bei ihr immer wieder Merkmale, wenn ich von ASS lese.
Darum denke ich persönlich, dass Hochsensibilität der Grenzbereich unterhalb des Spektrums ist.
Ab wann es "pathologische" Züge hat, ob das wirklich eine fließender Übergang ist, oder ganz bestimmte "Sprünge" stattfinden, würde mich ja mal sehr interessieren!

Laut Markarms "Intense World Theorie" ist eine autistisches Gehirn eine überaktives, überreaktives Gehirn. Und somit eine besonders leistungsfähiges.
Hochbegabung und Hochsenibilität setzt ja auch en leistungsfähiges/reaktives Gehirn voraus.
Aber wo ist dann wohl die Grenze, dass das dann eher einschränkt...?
Gibt es überhaupt eine Grenze oder kann durch richtigen Umgang/passendes Umfeld und durch bestimmte Charaktermerkmale das "pathologische" verschwinden?
sinus
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Re: Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Beitragvon Rabaukenmama » Sa 12. Okt 2019, 22:28

sinus hat geschrieben:...ich habe auch eine Mutter im Bekanntenkreis, deren beide Kinder Richtung Autismus tendieren, die aber eine Diagnostik ablehnt. Sie meint, davon habe sie keine Vorteile und jeder sei nunmal wie er sei und sie bezweifelt, dass es Autismus überhaupt gibt, es sei ihrer Meinung nach einfach eine Abweichung vom Durchschnitt, so wie andere Abweichungen halt auch und warum man das unbedingt pathologisieren müsse.

Ich persönlich sehe das anders, ich denke, es hilft allen Beteiligten, eine Namen dafür zu haben und zu wissen, woran man ist. Aber ich kann auch ihre Argumentation folgen. Solange die Kinder nicht drunter leiden, anders zu sein...
Ist natürlich schwer einzuschätzen.
Sie sagt auch, sie wäre als Kind ähnlich gewesen und jetzt sei sie doch normal.


Gerade kluge Autisten lernen irgenwann einmal, sich anzupassen und "normal" zu werden. Ich kann das Wort "normal" mittlerweile nicht mehr ausstehen, weil es heutzutage irgendwie als "alles ist ok" angesehen wird, während alles, was "nicht normal" ist grundsätzlich als schlechter als normal hingestellt wird. Normal zu sein ist der Zustand, den der Großteil der Menschen offensichtlich erstrebt.

Und jeder Hinweis, das eigene Kind könnte in irgendeiner Hinsicht nicht normal sein, löst erst mal große Ängste bei den Eltern aus. Das gilt selbst dann, wenn die Abweichung von der Normalität aus eigentlich BESSEREN Voraussetzungen besteht. Vor allem hier im Forum lese ich immer wieder Beiträge von Eltern, die neu hier hinzustoßen, und welche die Hochbegabung nicht als nettes Geschenk (wie die Fähigkeit, besonders schnell laufen zu können) oder neutral (wie die Haarfarbe) sehen. Statt dessen befürchten sie sofort mal jede Menge auf sie zukommende Schwierigkeiten, auch wenn das Kind aktuell keinerlei Probleme hat :roll: . Dabei geht es oft gar nicht so um das Kind sondern um die eigene Postition in der Gesellschaft und darum, wie sie selbst (als Eltern) gesehen werden.

Übrigens beginnt der 1. Harry-Potter-Band mit dem Satz "Mr. und Mrs. Dursley am Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar."

Das soll jetzt kein Pladoyer dafür sein, Kinder mit Verdacht auf ASS auf jeden Fall diagnostiizieren zu lassen. Mich befremdet nur, dass gerade Autismus eine Wahrnehmungsbesonderheit ist, welche auffällig viele Eltern gar nicht wissen wollen. Ich habe es an anderer Stelle schon mit der Sehkraft verglichen. Ich kenne keine Eltern, die mit einem Kind, wo von verschiedenen Seiten Fehlsichtigkeit vermutet wird, NICHT schnellstmöglich beim nächsten guten Augenarzt vorstellig werden.

Im besten Fall sagt der Arzt "Alles ok, die Sehkraft ihres Kindes ist völlig normal!" . Vielleicht sagt er auch "Ihr Kind sieht nicht 100%ig gut, aber die Fehlsichtigkeit ist so schwach, dass (noch) keine Brille benötigt wird. Er kann auch sagen "Ihr Kind hat -3 Dioptrin, daher empfehle ich dringend eine Brille". Im schlechtesten Fall sagt er "Ihr Kind hat eine Sehschwäche, welche von einer Brille nicht bzw. nicht vollständig korrigiert werden kann und die auch nicht operierbar ist!".

Wenn der Augenarzt zu einer Brille rät, kenne ich keine Eltern, welche dann sagen "Och nein, lieber nicht! Bisher ist unser Kind ja prächtig ohne Brille ausgekommen. Und außerdem könnte es ja von Lehrern und Mitschülern ausgegrenzt werden, wenn es eine Brille trägt. Das lassen wir mal lieber sein!".

Bei Autismus ist es aber komplett anders, da ist diese Einstellung durchaus üblich und ein Kind, das eigentlich die Möglichkeiten hätte, Hilfen (Nachteilsausgleiche, Therapien, Schulbegleitung, etc.) in Anspruch zu nehmen, muss weiter alleine wursteln und weiß im Normalfall nicht mal, dass es 1. eine Wahrnehmungsstörung HAT und dass es 2. dadurch in vielen Lebensbereichen schlechtere Voraussetzungen hat als neurotypische Kinder.

Das heißt jetzt auch nicht, dass man bei einer Autismus-Diagnose sofort alles, was man kriegen kann, beanspruchen sollte. Das ist IMMER individuell und vor allem unter Einbeziehung des Kindes zu entscheiden. Manche Kinder wollen absolut keine Sonderbehandlung, andere hingegen sind dankbar bereit, diese anzunehmen, wenn sie ihnen das Leben erleichtert.

sinus hat geschrieben:Dass 1:1 Situationen besser funktionieren, als in der Gruppe zu sein, würde ich nicht drauf zurückführen, dass ein Kind dann mehr Aufmerksamkeit bekommt, sondern, dass es weniger anstrengend und verwirrend ist. Gruppendynamik ist nochmal sehr viel komplexer und unvorhergesehener, als agieren in 1:1 Situationen.
Da kommen sehr viele zusätzliche Reize dazu, die dann schnell überfordern können.


Es gibt da einen Spruch: Allein hast du kein Asperger. Zu zweit ein kleines bißchen. Und mit jeder weiteren Person wird es mehr...

Dieser Spruch trifft es mMn sehr gut. Ich kenne keinen einzigen Autisten (und mittlerweile kenn ich doch einige) der in 1:1 Situationen mit Menschen, die er kennt und mag, Probleme hat (von bestimmten Situationen mit Triggern mal abgesehen). Auch meine Söhne agieren in 1:1 Situationen meistens völlig "normal".

sinus hat geschrieben:Laut Markarms "Intense World Theorie" ist eine autistisches Gehirn eine überaktives, überreaktives Gehirn. Und somit eine besonders leistungsfähiges.
Hochbegabung und Hochsenibilität setzt ja auch en leistungsfähiges/reaktives Gehirn voraus.
Aber wo ist dann wohl die Grenze, dass das dann eher einschränkt...?
Gibt es überhaupt eine Grenze oder kann durch richtigen Umgang/passendes Umfeld und durch bestimmte Charaktermerkmale das "pathologische" verschwinden?


Nein, das "pathologische" verschwindet nicht einfach. Es gibt aber passende und unpassende Umgebungen, so wie bei anderen Krankheitsbildern und Störungen auch. Eine Gesellschaft mit klar strukturierten Regeln und klar definierten Aufgaben ist auch für die meisten neurotypischen Menschen angenehmer, als eine Gesellschaft, wo alles drunter und drüber geht und wo es schwer ist, sich zu orientieren. Aber neurotypische Menschen schaffen das dennoch, wenn auch mit etwas Streß. Bei Autisten ist der Streßpegel in derselben Situation oft ein vielfaches höher, auch wenn sie es schaffen, nach außen ruhig und angepasst zu wirken.

So gesehen kann ein Autist bei einem passenden Umfeld durchaus "normal" wirken. Und kluge Autisten schaffen es als Erwachsene auch oft, sich so ein Umfeld zu schaffen bzw. finden Möglichkeiten, um nach Streßsituationen wieder runterzukommen (was im besten Fall von Außenstehenden gar nicht bemerkt wird).

Ich selbst lebe von Kindheit an mit ADHS und habe mittlerweile, als Erwachsene, auch meine Strategien gefunden, damit umzugehen. Das hat zwar Jahre gedauert und viel Kraft und Arbeit an mir selbst gekostet, aber heute wirke ich "nach außen" auf die meisten Menschen völlig normal (schon wieder dieses Wort :P ) - auch wenn ich es nicht bin. Ich bin froh, dass niemand in mein Hirn reinschauen kann und das absolute Chaos dort sieht. Durch viele Gespräche mit neurotypischen Freunden bin ich mir ziemlich sicher, dass es dort alles ander als "normal" aussieht. Aber meine eigene Entwicklung macht mir auch Hoffnung für meine Kinder :fahne: !
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Re: Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Beitragvon Meine3 » Mo 14. Okt 2019, 12:21

ich habe auch eine Mutter im Bekanntenkreis, deren beide Kinder Richtung Autismus tendieren, die aber eine Diagnostik ablehnt. Sie meint, davon habe sie keine Vorteile und jeder sei nunmal wie er sei und sie bezweifelt, dass es Autismus überhaupt gibt, es sei ihrer Meinung nach einfach eine Abweichung vom Durchschnitt, so wie andere Abweichungen halt auch und warum man das unbedingt pathologisieren müsse.


Ich habe auch so einen "Fall" im Bekanntenkreis. Die KJP, spezialisiert auf Autismus und von sich selbst sagend:"ich erkenne Autismus da, wo niemand ihn vermutet" hat bei diesem Kind Autismus (und nebenbei auch eine Hochbegabung) diagnostiziert. Die Eltern "sehen" das nicht und haben sich auch dieser Diagnose versperrt. Ich "sehe", was die KJP wahrscheinlich meint. Das Kind hat zum Beispiel eine etwas aufgesetzte Mimik. Er lächelt eigentlich immer. Wenn er wütend wird, zieht er die Augenbrauen zusammen, lächelt aber mit dem Mund weiterhin, er sieht nicht wütend aus, aber er "versucht" es. Er ist sehr anhänglich, kann sich ganz schlecht lösen und trennen (sei es nun aus Situationen oder von den Eltern), er wird manchmal "grundlos" aggressiv, für die Eltern ist es aber nicht grundlos, sie erkennen warum er wütend wird. Der Vater meinte auch:" muss man das "gleich" Autismus nennen? Ist er nicht vielleicht einfach nur hochsensibel?" Ich habe dazu nichts gesagt. Ich weiß nicht, ob das Kind ein Autist oder "nur hochsensibel" ist, ich maße mir da auch kein Urteil oder eine Diagnose an, aber ich weiß, was die KJP da "gesehen" hat, denn das sehe ich schon auch. Ob sie es nun missinterpretiert hat oder nicht, das ist wieder eine andere Sache.

Die Eltern haben sich nach außen hin gegen die Diagnose gewehrt, aber innerlich ging das Kopfkino los. Sie haben auch viel Selbstrecherche unternommen: Seminare besucht, Bücher gelesen und ihr Kind eben plötzlich auch mit "anderen Augen" beobachtet. Die Mutter sagt: Frau XY hat mir den Blick auf mein Kind "verdorben". Warum grade Autismus und ADHS so eine "Angst" auslösen bei vielen Eltern kann ich schon verstehen. Von beiden Wahrnehmungsstörungen bekommt man eben durch die Gesellschaft, Filme, Reportagen, etc ein ganz bestimmtes "Bild" vermittelt. Dass dieses Bild sehr einseitig und nicht wirklich tiefgehend und umfassend ist, ist in dem Moment der Diagnosestellung, glaube ich erst einmal, irrelevant. Da läuft dann im Inneren erst einmal ein Film ab...

Bringen tut es natürlich nichts, sich der Diagnose zu verweigern. Ich denke auch, dass es im Falle des Kindes nicht schlecht gewesen wäre, mit der KJP eine Therapie zu starten (was diese vorgeschlagen und empfohlen hat) und zu sehen was passiert.

Die KJP hatte keine konkreten "Beweise" für ihre Theorie. Ausschlaggebend waren wohl für sie zwei Situationen: der Sohn wollte nach einer Sitzung nicht gleich gehen, weil es ihm so gefiel :gruebel: und die zweite Situation war ein Bild, dass der Sohn "falsch" interpretiert hat: Es war ein Kind, dass mit einer Gabel einen Broccoli vor die Nase gehalten bekommen hat. Das Kind "rümpfte" die Nase. Der Sohn war wohl ein wenig genervt und meinte:" er hat Angst, dass er den Broccoli auf den Kopf gehauen bekommt.'" Später hat er dazu erklärt, dass das ein Witz war, weil er die Frage so blöd fand. Er hat auch einen echt skurilen Humor. Ich könnte mir beides vorstellen: dass er die KJP tatsächlich nur "verschaukelt" hat oder aber, dass er seine Unzulänglichkeit, nämlich, dass es ihm wirklich nicht gelingt, Gesichtsausdrücke zu "lesen", verstecken wollte. Die KJP interpretierte seine Antwort nun aber dahingehend, dass er den Gesichtsausdruck des Kindes (Ekel) nicht richtig deuten konnte. DAS und ihr "Gefühl" war für die KJP Haupt-Grund für die Diagnose Autismus. Als die Mutter argumentierte, dass man das Bild doch auf verschiedene Weise interpretieren könnte, meinte die KJP:" tja, Autismus liegt ja auch in der Familie". Die Mutter fand das total unverschämt.

Die Eltern hatten ja für beide Situationen eine gute "anderweitige" Erklärung und waren deshalb verunsichert und zweifelten and er Kompetenz der KJP, so dass es nicht möglich war, weiter zusammen zu arbeiten. Nun lassen sie das Ganze "ruhen". Aber im Hinterkopf haben sie das natürlich dennoch.


Dass 1:1 Situationen besser funktionieren, als in der Gruppe zu sein, würde ich nicht drauf zurückführen, dass ein Kind dann mehr Aufmerksamkeit bekommt, sondern, dass es weniger anstrengend und verwirrend ist. Gruppendynamik ist nochmal sehr viel komplexer und unvorhergesehener, als agieren in 1:1 Situationen.
Da kommen sehr viele zusätzliche Reize dazu, die dann schnell überfordern können.


ja, da hast du Recht. Das ist auch ein möglicher Grund. Es gibt ja nicht nur immer DEN einen möglichen Grund für eine Verhaltensweise, bei meinem Sohn sehe ich schon, dass er einfach extrem viel Aufmerksamkeit braucht, er braucht Lob und Anerkennung wie andere Luft zum atmen. Wenn er diese nicht mehr bekommt, so lässt er sich Dinge einfallen, damit er Aufmerksamkeit bekommt. Dieses Verhalten hat sich aber sehr gebesserst. Ob es sich nun "auswächst" oder ob er einfach grade lernt, sich anzupassen, weiß ich nicht. Ob es bei der POsterstellerin nun das eine oder das andere oder wieder ein anderer Grund ist: das können wir wohl aus der Ferne nicht beurteilen. Nur eben vermuten.

Mit Krach Probleme haben, selbst welchen machen ist auch kein Widerspruch. Selbst erzeugte Geräusche können den Lärm um einen herum erträglicher machen, da er hinter dem eigenen Krach verschwindet.


Ja. Da gebe ich dir 100% recht.

Ironie macht ihr trotz ihrer fast 11Jahre oft Probleme und sie scheint manchmal so gar keinen Humor zu haben, weil sie das nicht witzig findet. (wie die Oma übrigens auch, die fühlt sich "verscheißert" und kann null über sich selbst lachen)
Meine Tochter sagt, sie ist sich nie sicher, ob die Ironie nicht doch erst gemeint sei.


Das kenne ich leider nur zu gut von mir selbst :oops:. Als Kind war ich immer total beleidigt, wenn über mich gelacht wurde. Auch wenn es wohlwollend oder nett gemeint war. Dahinter steckte einfach eine sehr große Unsicherheit. Bei mir ist das immer noch so. Aber ich zeige es überhaupt nicht mehr und kann einfach besser damit umgehen.



An einen Asperger glaube ich bei ihr eigentlich nicht, aber trotzdem entdecke ich bei ihr immer wieder Merkmale, wenn ich von ASS lese.
Darum denke ich persönlich, dass Hochsensibilität der Grenzbereich unterhalb des Spektrums ist.


Das sehe ich auch so. Und habe ich auch schon mal versucht hier zu erklären. Ging aber ziemlich nach hinten los ;), wahrscheinlich hatte ich mich mal wieder unglücklich ausgedrückt...
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Re: Das Kind das nie aufhört zu reden... Hallo von mir!

Beitragvon Rabaukenmama » Mo 14. Okt 2019, 17:37

Meine3 hat geschrieben:Ich habe auch so einen "Fall" im Bekanntenkreis. Die KJP, spezialisiert auf Autismus und von sich selbst sagend:"ich erkenne Autismus da, wo niemand ihn vermutet" hat bei diesem Kind Autismus (und nebenbei auch eine Hochbegabung) diagnostiziert. Die Eltern "sehen" das nicht und haben sich auch dieser Diagnose versperrt. Ich "sehe", was die KJP wahrscheinlich meint. Das Kind hat zum Beispiel eine etwas aufgesetzte Mimik. Er lächelt eigentlich immer. Wenn er wütend wird, zieht er die Augenbrauen zusammen, lächelt aber mit dem Mund weiterhin, er sieht nicht wütend aus, aber er "versucht" es. Er ist sehr anhänglich, kann sich ganz schlecht lösen und trennen (sei es nun aus Situationen oder von den Eltern), er wird manchmal "grundlos" aggressiv, für die Eltern ist es aber nicht grundlos, sie erkennen warum er wütend wird. Der Vater meinte auch:" muss man das "gleich" Autismus nennen? Ist er nicht vielleicht einfach nur hochsensibel?" Ich habe dazu nichts gesagt. Ich weiß nicht, ob das Kind ein Autist oder "nur hochsensibel" ist, ich maße mir da auch kein Urteil oder eine Diagnose an, aber ich weiß, was die KJP da "gesehen" hat, denn das sehe ich schon auch. Ob sie es nun missinterpretiert hat oder nicht, das ist wieder eine andere Sache.

Die Eltern haben sich nach außen hin gegen die Diagnose gewehrt, aber innerlich ging das Kopfkino los. Sie haben auch viel Selbstrecherche unternommen: Seminare besucht, Bücher gelesen und ihr Kind eben plötzlich auch mit "anderen Augen" beobachtet. Die Mutter sagt: Frau XY hat mir den Blick auf mein Kind "verdorben". Warum grade Autismus und ADHS so eine "Angst" auslösen bei vielen Eltern kann ich schon verstehen. Von beiden Wahrnehmungsstörungen bekommt man eben durch die Gesellschaft, Filme, Reportagen, etc ein ganz bestimmtes "Bild" vermittelt. Dass dieses Bild sehr einseitig und nicht wirklich tiefgehend und umfassend ist, ist in dem Moment der Diagnosestellung, glaube ich erst einmal, irrelevant. Da läuft dann im Inneren erst einmal ein Film ab...

Bringen tut es natürlich nichts, sich der Diagnose zu verweigern. Ich denke auch, dass es im Falle des Kindes nicht schlecht gewesen wäre, mit der KJP eine Therapie zu starten (was diese vorgeschlagen und empfohlen hat) und zu sehen was passiert.

Die KJP hatte keine konkreten "Beweise" für ihre Theorie. Ausschlaggebend waren wohl für sie zwei Situationen: der Sohn wollte nach einer Sitzung nicht gleich gehen, weil es ihm so gefiel :gruebel: und die zweite Situation war ein Bild, dass der Sohn "falsch" interpretiert hat: Es war ein Kind, dass mit einer Gabel einen Broccoli vor die Nase gehalten bekommen hat. Das Kind "rümpfte" die Nase. Der Sohn war wohl ein wenig genervt und meinte:" er hat Angst, dass er den Broccoli auf den Kopf gehauen bekommt.'" Später hat er dazu erklärt, dass das ein Witz war, weil er die Frage so blöd fand. Er hat auch einen echt skurilen Humor. Ich könnte mir beides vorstellen: dass er die KJP tatsächlich nur "verschaukelt" hat oder aber, dass er seine Unzulänglichkeit, nämlich, dass es ihm wirklich nicht gelingt, Gesichtsausdrücke zu "lesen", verstecken wollte. Die KJP interpretierte seine Antwort nun aber dahingehend, dass er den Gesichtsausdruck des Kindes (Ekel) nicht richtig deuten konnte. DAS und ihr "Gefühl" war für die KJP Haupt-Grund für die Diagnose Autismus. Als die Mutter argumentierte, dass man das Bild doch auf verschiedene Weise interpretieren könnte, meinte die KJP:" tja, Autismus liegt ja auch in der Familie". Die Mutter fand das total unverschämt.


Naja, die Antwort beim Brokkoli ist mMn sehr wohl "typisch ausistisch". Im Buch "Autismus als Kontextblindheit" von Peter Vermeulen sind solche autistischen Mißverständnisse (bei normal oder überdurchschnittlich intelligenten Autisten) sehr häufig beschrieben. Und ich bemerke solche Mißverständnisse auch immer wieder bei meinem älteren Sohn. Das nicht-verstehen von ganz normalen, sozialen Situationen macht es ihm oft schwer, mit Gleichaltrigen zurecht zu kommen. Dabei geht es gar nicht so um das Erkennen eines Gesichtsausdruckes, denn gerade in Test-Situationen, wenn die Aufmerksamkeit von außen darauf gelenkt wird, können das die meisten hochfunktionalen Autisten genauso gut wie Nicht-Autisten. Es geht um das, was "dahinter" steckt. Einmal habe ich meinen Sohn von der Schule abgeholt und eine andere Schülerin kam daneben weinend aus dem Schulgebäude. Ich habe meinen Sohn gefragt, warum er GLAUBT dass das Mädchen weint. Genau weiß ich es nicht mehr, aber er hat geglaubt, dass ein Ereignis von "vor 3 Wochen" daran schuld wäre. Dass das Mädchen unmittelbar vorher z.B.Streit mit einer Freundin gehabt haben könnte, sich vielleicht weh getan hat, oder eine schlechte Note bekommen haben könnte, ist meinem Sohn gar nicht in den Sinn gekommen.

Dasselbe war beim Sally-Anne.Test der ToM. Als mein Sohn gefragt wurde, wo Sally ihre Puppe suchen würde (nachdem Anne sie in Sallys Abwesenheit vom Korb in die Schachtel gelegt hat), meinte mein Sohn, Sally würde ihre Puppe "draußen, im Garten" suchen, weil ihr eingefallen ist, dass sie sie dort verloren haben könnte :gruebel: . Das ist zwar eine nette Theorie, hat aber deutlich gezeigt, dass mein damals 7 1/2jähriger Sohn trotz großer kognitiver Fitness nicht imstande war, sich wie durchschnittliche 4jährige in andere Menschen hinein zu versetzen. Ich glaube heute wäre es noch genau dasselbe. Mein Sohn zieht irgendwelche Theorien und Erklärunen einfach an den Haaren herbei. So glaubt er z.B. die Hortbetreuerin würde den Ausflug nur planen, um IHN zu ärgen, wo sie doch schließlich genau weiß, dass er keine Ausflüge mag.

Im Fall des Sohnes deiner Bekannten ist es im Nachhinein leicht, zu behaupten, das Kind habe die Aufgabe mid dem Brokkoli-Bild nur deshalb nicht richtig gelöst, weil sie zu leicht war. Es kann sogar tatsächlich so sein. Hier wäre wichtig, im Alltag des Kindes zu schauen, ob Mißverständnisse dieser Art IM ECHTEN LEBEN auch öfter mal vorkommen. Dabei geht es überhaupt nicht darum, Gesichtsausdrücke auf Bildern deuten zu können. Kluge Autisten können das lernen, genauso wie sie ein Gedicht auswendig lernen können. Es geschieht aber nicht automatisch sondern ist eben antrainiert - die dahinter liegende Störung bleibt dieselbe. Es ist, wie wenn ein intelligenter Mensch mit schwerer Legasthenie jedes Wort einzeln auswendig lernt. Irgendwann kann er mal ausreichend gut schreiben, dass anderen die Legasthenie nicht mehr auffällt. Das ist bei Legasthenie möglich, weil die "Fehler" ja nur beim schreiben vorkommen. Beim Autisten passieren die Fehler aber beim interpretieren (von Gefühlen und Situationen) und das etwaige nicht-erkennen eines Gesichtsausdrucks ist nur ein Indikator, aber nicht die Störung selbst.

Darum ist Autismus auch nicht heilbar und wächst sich nicht aus. Das ist es, was so vielen Eltern große Angst macht, denn wer will schon ein unheilbar "krankes" Kind. Dabei ist Autismus keine Krankheit, sondern eine andere, nicht so übliche Form der Wahrnehmung. Wenn man die (bei jedem Autisten andersartigen) Wahrnehmungsbesonderheiten im Umgang berücksichtigt können viele Autisten ein selbstbestimmtes, glückliches Leben leben. Und vor allem entwickeln sich Autisten ja auch weiter. Sie lernen selbst, mit ihren Besonderheiten umzugehen, sich (mit wachsender Reife) ein Umfeld zu schaffen, in dem sie gut zurecht kommen und Strategien zu entwickeln mit autismusbedingtem Streß fertig zu werden. Sie lernen, wo welche Form von Anpassung erwartet wird und schaffen das zwar oft nicht auf Anhieb, aber nach einiger Übung immer besser. Eine Familie, welche die Besonderheiten akzeptiert und den Betroffenen dabei unterstützt, seinen eigenen Weg zwischen Anpassung und Authentizität zu finden, ist hier sehr hilfreich. Es braucht nicht immer eine Diagnose um diese Unterstützung zu bekommen, aber eine Diagnose macht doch klarer, um was es eigentlich geht. Und zwar nicht um die Defizitite, sondern um die Möglichkeiten, bestmöglich mit eben diesen Defiziten zu leben. Und nicht zuletzt gibt es auch noch "starke Seiten" von Autisten. In manchen Bereichen sind Autisten neurotypischen Menschen haushoch überlegen (damit meine ich keine Inselbegabungen), wobei diese Stärken auch nicht bei jedem Autisten dieselben sind.

Ich habe auch zwei Personen in meiner Familie, wo ich Autismus nicht nur vermute, sondern wo er einem praktisch "ins Gesicht springt". Einer davon ist ein Cousin von mir. Der hat sich selbst auch schon mit Autismus beschäftigt und schließt nicht aus, Autist zu sein. Aber seine Eltern wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, dass es nur so sein KÖNNTE. Was ich absolut nicht verstehe, denn mein Cousin ist intelligent mit einigen Inselbegabungen, hat seit vielen Jahren einen guten Job in einer Firma am 1. Arbeitsmarkt, lebt selbstständig in der eigenen Wohnung, hat gute Freunde, Hobbys, keine gröberen psychischen Probleme, kommt mit seinem Geld aus, ...

Der einzige Grund für meinen Cousin, mal eine Diagnostik machen zu lassen, wäre eigenes Interesse. Das hat er auch schon überlegt. Aber selbst da raten ihm seine Eltern ab und begründen wortreich, warum er definitiv (in ihren Augen) KEIN Autist sein KANN. Und das sind durchwegs Klischees (er schaut in die Augen, er hat Freunde, er hat vielseitige Interessen,...) die Austimus absolut nicht ausschließen.

Aber um wieder zu hope zurückzukommen: im Alter von 4 Jahren wird Autismus nur dann fix diagnostiziert, wenn er sehr offensichtlich ist. Selbst bei meinem jüngeren Sohn, der etliche Klischees erfüllt, stand mit 4 Jahren im Befund noch "VERDACHT AUF Autismus-Spektrumsstörung". Mir wurde dann aber im Gespräch gesagt, dass dieser Verdacht "sehr wahrscheinlich" sein, man aber vor einer fixen Diagnose noch abwarten wolle, weil viele wichtige Entwicklungsschritte bei neurotypischen Kindern erst zwischen dem 4. und 5. Geburtstag geschehen. Sprich: es könnte noch sein, dass bei meinem Sohn das, was ihn JETZT (also damals, mit 4 Jahren) autistisch erscheinen lässt, im kommenden Jahr von selbst vergeht.

Ich weiß aus einem anderen Forum, dass es durchaus auch Kinder gibt, die schon mit 3 oder 4 Jahren fix als Autisten diagnostiziert wurden, aber es ist wohl eher die Ausnahme, als die Regel. Und als erfahrene "Autistenmama" kann ich sagen, dass es zwar oft nicht einfach ist, aber dass eine Autismus-Diagnose beim Kind längst nicht den Zusammenbruch der Welt bedeutet.
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