Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

ganz allgemein zu Kleinkindern, ob nun aufgeweckt, klug oder hochbegabt

Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon orangenminze » Do 8. Jan 2015, 21:48

Da melde ich mich doch auch mal zu Wort: diese authentische Antwort habe ich exakt so auch schon von meinem Sohn bekommen... es ist egal, ob ich Koffer packen muss, die Küche aufräumen, am Schreibtisch arbeiten, er würde gerne mitmachen und helfen (denn das könne er besonders gut und sei auch bestimmt weder jetzt müde noch morgen früh). Letztendlich ist es auch bei ihm eine große Anhänglichkeit und der Wunsch nach ständigem Kontakt. Anziehen ist ähnlich wie von Rabaukenmama beschrieben; liegt einfach nicht im Fokus des Interesses, Denk- Sprach- Bewegungsspiele, Lieder erfinden alles spannender als sich die Hose anzuziehen. Ich glaube, die Male, die Sohnemann sich alleine ein Kleidungsstück angezogen hat, kann ich an einer Hand abzählen, bzw. ohne komplette 1:1 Begleitung funktioniert nicht.
Und das sind dann oft Situationen, in denen mir Erziehungsratgeber (und wenn sie noch so entspannt und großzügig sind wie z.B. die von Juul) wenig weiterhelfen. Denn durch das Gezappel, Erzähle und mit dem Kopf in den Wolken sein, kommt es vor, dass ich noch so früh und organisiert beginnen kann mit Anziehen, wenn wir z.B. in den Kiga gehen oder Rausgehen möchten... es dauert und dauert und dauert... wäre ja mit nur einem Kind nicht so ein Problem, aber wenn der Kleine dann bereits müde wird, anfängt zu Schreien, weil es einfach zu lange dauert, dann gerate ich an meine Grenzen. Da fehlt mir dann auch die Ruhe und die GEduld, denn da muss ich dann einfach auch schauen, dass es für beide Kinder und für mich passt (gerade jetzt in der Schneeanzug-Zeit).
Dennoch greife ich gern auf die Bücher von Jesper Juul oder Gordon zurück, weil sie mir immer wieder die Möglichkeit geben, mich darauf zu besinnen, wovon möchte ich ausgehen und die Wahrnehmung nicht im Negativ- Modus zu belassen. Hilft wie gesagt nicht immer in der konkreten Situation, aber um mich wieder zu entspannen und gelassener zu werden in meiner grundsätzlichen Haltung meinen Kindern und mir selbst gegenüber.
Eben das Miteinander- leben zu genießen, weniger zu mahnen und zu gängeln, nicht drohen, nicht erpressen, nicht bestechen... heisst nicht, dass es immer klappt. Manchmal versuche ich auch nach besonders konfliktreichen Tagen, mich an diese besonderen Momente zu erinnern, also das Gefühl noch einmal hervorzuholen: wie war das als ich merkte, ich bin schwanger= nicht mehr für mich allein verantwortlich? Wie war der Moment nach der Geburt, das erste miteinander in Kontakt treten? Was hat mein Kind da von mir gebraucht? Und merke, dieses Gefühl der Liebe ist das, worauf ich bauen kann. Klingt jetzt vielleicht ein wenig arg pathetisch, ich hoffe, Ihr versteht, was ich meine.
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Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon Momo » Fr 9. Jan 2015, 01:09

Deine Beschreibung finde ich sehr schön, Orangenminze. Genau so kenne und sehe ich es auch. Ich glaube, diese anstrengenden Situationen kennt jeder und jedes Kind spielt lieber irgend etwas anderes, als sich unter Zeitdruck anzuziehen, oder etwas Anderes unter Druck zu tun. Witziger Weise erstaunt es mich dann oft, wie schnell sich meine Tochter anziehen kann, ihr Zimmer aufräumen kann oder wie selbstständig sie sein kann, wenn sie es selbst möchte. Das ändert zwar nichts daran, dass ich mich unter Zeitdruck manchmal ärgere, wenn sie nicht mitzieht, doch andererseits hilft es auch, gelassener zu sein. Dann ist sie halt nicht perfekt angezogen, ich kann ja noch einen Pulli mehr mitnehmen...

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Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon charlotte2 » Fr 9. Jan 2015, 13:18

@orangenminze: Danke für den Tipp mit Gordon - von ihm habe ich noch nichts gelesen, und die Beschreibungen hören sich vielversprechend an :) Welches Buch von ihm würdest Du für den Anfang empfehlen?
Was bei uns übrigens gar nicht funktioniert, ist ein Ansatz a la "Kohn: Liebe und Eigenständigkeit". Vermutlich liegt das daran, dass dort v.a. gegen zu autoritäre Erziehung argumentiert wird und ich sowieso eher dazu neige, zu antiautoritär als zu streng zu reagieren.
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Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon Rabaukenmama » Sa 10. Jan 2015, 17:30

orangenminze hat geschrieben:Da melde ich mich doch auch mal zu Wort: diese authentische Antwort habe ich exakt so auch schon von meinem Sohn bekommen... es ist egal, ob ich Koffer packen muss, die Küche aufräumen, am Schreibtisch arbeiten, er würde gerne mitmachen und helfen (denn das könne er besonders gut und sei auch bestimmt weder jetzt müde noch morgen früh). Letztendlich ist es auch bei ihm eine große Anhänglichkeit und der Wunsch nach ständigem Kontakt. Anziehen ist ähnlich wie von Rabaukenmama beschrieben; liegt einfach nicht im Fokus des Interesses, Denk- Sprach- Bewegungsspiele, Lieder erfinden alles spannender als sich die Hose anzuziehen. Ich glaube, die Male, die Sohnemann sich alleine ein Kleidungsstück angezogen hat, kann ich an einer Hand abzählen, bzw. ohne komplette 1:1 Begleitung funktioniert nicht.


Jaah, genauso ist es! Aber auch so, wie momo es beschreibt: wenn er sich alleine anziehen WILL geht es superflott. Im Sommer habe ich meinen Sohn auch mal im Pyjama zum Kindergarten radeln lassen (die Temperaturen haben es erlaubt und die Leute sind mit egal) weil er an diesem Morgen partout nicht rechtzeitig anziehen wollte, ich aber pünktlich in die Arbeit musste. Das Ganze war ohne großes Drama meinerseits, ich meinte nur "Wenn Du bis 5 Minuten nach 8 nicht fertig bist fahren wir so, wie du gerade bist!". Habe dann noch 2x an die Uhrzeit erinnert und das Ding dann durchgezogen. Sein Gewand habe ich ihm einfach in einem Sackerl mit in den Kindergarten gegeben.

Was war die Reaktion? Eigentlich gar keine, Sohnemann hat sich dann eben erst im Kindergarten angezogen und meinte einige Tage später in einer ähnlichen Morgen-Trödel-Situation "Dann fahre ich eben wieder im Pyjama" :P . Kurz danach bin ich aber auf eine Lösung gekommen, die für alle halbwegs "passt": ich stelle auf meinem Handy Erinnerungs-Töne ein wann was am Morgen erledigt sein sollte: aufstehen, aufs Klo gehen, anziehen, aus dem Haus gehen. Das Ganze mit 10 Minuten "Sicherheit" und es klappt meistens ganz gut :) . Mittlerweile ist Normalzustand dass sich Sohnemann selbst anzieht, doch ganz ohne zumindest ein paar lautere Aufforderungs-Worte klappt es noch nicht.

Zu Sylvester hatte ich ein kleines Familien-Feuerwerk-Set gekauft, wo auch einige Knallerbsen beigepackt waren. Die anderen Dinge waren alle nicht jugendfrei, doch die Knallerbsen waren für meinen Sohn gleich ein Magnet. Ich habe ihm dann klargemacht dass er bis zum 31.12. warten muß und nicht vorher knallen darf und er hat es zähneknirschend akzeptiert. Als ich im 31. 12. (nachdem ich mich von der Harmlosigkeit überzeugt hatte) zu meinem Sohn, der noch im Pyjama war, sagte "Komm, zieh dich an, dann probieren wir die Knallerbsen aus!" war ich selbst überrascht, dass es ihm offensichtlich möglich ist, sich innerhalb einer Minute komplett anzuziehen - inklusive Schuhe und Winterjacke :mrgreen: !

orangenminze hat geschrieben:
Dennoch greife ich gern auf die Bücher von Jesper Juul oder Gordon zurück, weil sie mir immer wieder die Möglichkeit geben, mich darauf zu besinnen, wovon möchte ich ausgehen und die Wahrnehmung nicht im Negativ- Modus zu belassen. Hilft wie gesagt nicht immer in der konkreten Situation, aber um mich wieder zu entspannen und gelassener zu werden in meiner grundsätzlichen Haltung meinen Kindern und mir selbst gegenüber.


Genau DAS halte ich für extrem wichtig: zu wissen, wo der Weg ist, den ich (in Sachen Erziehung) gehen WILL!

Leider kenne ich viele Eltern, die diesen roten Faden nicht haben sondern sich von allen möglichen Eindrücken "von außen" beeinflussen lassen. Erzählt eine andere Mutter im Elterntreff von gewaltfreier, wertschätzender Erziehung erscheint ihnen das der richtige Weg, behauptet einige Stunden später eine ältere Nachbarin dass "man da streng durchgreifen muss und nichts durchgehen lassen darf" erscheint ihnen das genauso plausibel...der Fokus liegt darauf, wie die Umgebung sich (nach Ansicht der Eltern) vorstellt, dass Kinder zu sein haben. Solche Eltern richten sich nach dem, was sie als "Durchschnitt" ansiehen, weil sie glauben, dann am wenigsten falsch liegen zu können. Tatsächlich plagen sie sich nach bestem Wissen und Gewissen, hängen dabei aber selbst emotional "in der Luft".

Dabei geht´s gar nicht darum, Erziehungsratgeber zu lesen und zu sagen "ich erziehe nach Montessori/Juul/Gordon (oder auch Amy Chua)" sondern um das Wissen des Weges, den man beschreiten will. Das "Ziel" ist ja bei fast allen Eltern gleich. Wer will nicht glückliche, gesunde, erfolgreiche Kinder, die sozial anerkannt sind und sich in der Welt "behaupten" können? Nur die Auffassungen, wie man dort hinkommt, unterscheiden sich einfach.

orangenminze hat geschrieben:Eben das Miteinander- leben zu genießen, weniger zu mahnen und zu gängeln, nicht drohen, nicht erpressen, nicht bestechen... heisst nicht, dass es immer klappt. Manchmal versuche ich auch nach besonders konfliktreichen Tagen, mich an diese besonderen Momente zu erinnern, also das Gefühl noch einmal hervorzuholen: wie war das als ich merkte, ich bin schwanger= nicht mehr für mich allein verantwortlich? Wie war der Moment nach der Geburt, das erste miteinander in Kontakt treten? Was hat mein Kind da von mir gebraucht? Und merke, dieses Gefühl der Liebe ist das, worauf ich bauen kann. Klingt jetzt vielleicht ein wenig arg pathetisch, ich hoffe, Ihr versteht, was ich meine.
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Ich glaube, gut zu verstehen, was du meinst. Eine Bestätigung ist dabei meine Mutter, die schon einige Male zu mir meinte "Du bist viel ruhiger im Umgang mit Deinen Kindern als ich es bei Dir war! Jetzt erst sehe ich, wie angespannt ich damals (als ich noch ein Kind war) gewesen sein muss, denn ich habe doch sehr viel mit Dir rumgebrüllt."

Ja, Mama, stimmt ;) !Aber wir haben auch ganz viel gekuschelt und am Abend gab´s im Bett immer "ein Stündchen dies und das", wo du bei mir gelegen bist, mich gewärmt hast, und ich Dir alle meine Probleme (in der Schule, im Hort, mit anderen Kindern) erzählen konnte! Ich weiß ja dass du selbst noch sehr autoritär erzogen wurdest und du für die damalige Zeit in deiner Erziehung schon weit voraus warst, denn es gab nur in sehr seltenen Ausnahmesituationen Schläge (und es hat Dir dann selbst immer leid getan) und damals übliche Strafen wie Ausgeh- oder Fernsehverbot, Taschengeldentzug und Süßigkeitenverbot gab´s auch nie!


@Orangeminze: das Gefühl der Liebe, von dem du schreibst, merke ich auch immer wieder! Ich habe da einige Bilder von Situationen mit meinen Kindern "im Kopf" die ich mir auch immer wieder "herhole".

Die Geburten sind´s bei mir nicht, gerade beim Großen war das ziemlich enttäuschend weil ich mir eigentlich eine normale Geburt gewünscht hatte, es aber ein medizinisch indizierter Kaiserschnitt geworden ist und die Haupterinnerung ist, dass ich eine gefühlte Ewigkeit bewegungslos (durch den Kreuzstich) auf einer Liege im Krankenhausflur rumgestanden bin und keine Ahnung hatte, wo mein Kind (und auch mein Mann) ist. Als dann irgendwann mein Mann total entspannt mit nacktem Oberkörper und dem Kleinen am Arm in diesen Flur kam habe ich mich nicht etwa gefreut sondern war eifersüchtig auf die Zeit, welche die beiden schon miteinander gehabt hatten :oops: . Die Geburt des Kleinen war positiver, ich habe aber auch noch die Schmerzen durch den Dammriss 2. Grades in guter Erinnerung.

Daher sind meine positiven Bilder andere: beide Buben, die auf der Wiese lachend einem Fußball nachlaufen. Mein Großer, wie er auf der Brust meines Mannes als Baby seinen Mittagsschlaf hält. Mein Kleiner wie ein Strahlen über sein Gesicht geht weil er am Christbaum doch noch ein Schokoschirmchen entdeckt hat. Beide Buben, wie sie sich in der Badewanne gegenseitig lachend mit Wasser überschütten. Ein "ganz normaler" Sonntagmorgen wo wir irgendwie alle vier im selben Bett wach werden (ist unter der Woche auch manchmal der Fall, nur muß mein Mann da schon um 5h30 aufstehen) und einfach noch "rumkugeln". Es gibt so viele schöne Momente, die mir niemand mehr wegnehmen kann :D .
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Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon Rabaukenmama » Sa 10. Jan 2015, 17:41

charlotte2 hat geschrieben:@orangenminze: Danke für den Tipp mit Gordon - von ihm habe ich noch nichts gelesen, und die Beschreibungen hören sich vielversprechend an :) Welches Buch von ihm würdest Du für den Anfang empfehlen?
Was bei uns übrigens gar nicht funktioniert, ist ein Ansatz a la "Kohn: Liebe und Eigenständigkeit". Vermutlich liegt das daran, dass dort v.a. gegen zu autoritäre Erziehung argumentiert wird und ich sowieso eher dazu neige, zu antiautoritär als zu streng zu reagieren.


Ich halte "autoritär" und "antiautoritär" (in der Erziehung) nicht für echte Gegensätze. Es sind zwar verschiedene Ansätze, sie haben jedoch beide zur Folge dass das Kind mit seinen Gefühlen "allein gelassen" wird.

Bei autoritärer Erziehung wird das Kind dahingehend beeinflusst, andere Gefühle zu haben, als die es tatsächlich hat und Verhaltensmuster zu zeigen, die "erwünscht" sind. Diese Beeinflussung erfolgt durch Druck, sei es durch körperliche Gewalt, Drohungen, verbal "runtermachen", Strafen oder Liebesentzug. Das Kind bekommt den Eindruck, seine Gefühle seien falsch und schlecht und versucht sich - je nach Wesensart - entweder anzupassen, oder es lehnt sich auf.

Bei antiautoritärer Erziehung wird das Kind mit seinen Gefühlen allein gelassen. Sie werden nicht bewertet und das Kind darf - zumindest scheinbar - machen, was es will. Es wird nicht eingegriffen und nicht kommentiert, auch dann nicht, wenn das Kind mit seinen Worten oder Handlungen Grenzen von anderen Menschen (oder Lebewesen) überschreitet. Das Kind bekommt den Eindruck, seine Gefühle wären ohnehin egal und probiert - je nach Wesensart - mehr oder weniger aus ob es doch irgendwo eine "Grenze" gibt.

Ich bin gespannt auf den Buchtipp von orangenmize, mir selbst gefällt das Buch "Familienkonferenz" von Thomas Gordon sehr gut. Ich mach dann auch mal einen eigenen Thread für Erziehungsbücher auf. Selbst habe ich im Laufe der letzten Jahre sehr viele gelesen und bin auf viel wertvolles, aber auch auf viel Müll gestoßen ;) .
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Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon orangenminze » So 11. Jan 2015, 11:33

Hallo,

@ Charlotte2: von Gordon habe ich bisher nur die Familienkonferenz gelesen, das fand ich gut.

Oh, das mit dem Moment nach der Geburt, liebe Rabaukenmama, das kenne ich auch von der Geburt meines 1. Sohnes (auch ungeplanter Kaiserschnitt, im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass es für Sohn lebensrettend war, von daher bin ich versöhnt mit der Entscheidung, außerdem war ich wach und konnte Sohn gemeinsam mit Partner direkt nach der Geburt begrüßen, kurz halten): aber diese halbe Stunde fehlte dennoch und ich konnte sie meinem Partner auch schlecht gönnen.

Was mir noch zu Erziehungskonzepten einfällt: unsicher bin ich trotzdem manchmal, vor allem gerate ich manchmal in Konflikt mit Mustern, die ich aus meiner Herkunftsfamilie mitbringe: nicht auffallen, nicht laut sein, gut in der Schule sein müssen, keinen Ärger machen, fremden Erwachsenen nicht zu viele Fragen stellen, lieber zu Hause fragen oder im Lexikon nachlesen (bin in einer Familie "mit Hintergrund" aufgewachsen). Das ist nicht per se schlecht gewesen, im Gegenteil, ich habe liebevolle Eltern, aber der Wunsch auf keinen Fall negativ aufzufallen, sondern im Gegenteil durch gute berufliche Leistungen und gute Schulleistungen der Kinder sich als "würdig" zu erweisen hier leben zu dürfen, hat sich unbewußt auf mich sehr übertragen. Und so stellt unser Sohn mich mit seiner Art (jedem viele Fragen stellen, Autoritäten hinterfragen (nicht frech, aber neugierig und selbstbewußt), auch mal laut sein, sehr klar zu formulieren, was er gut kann, aber auch, was er nicht so gut kann) so manches Mal vor die Herausforderung, ihn dann nicht zur Ruhe zur ermahnen, ihn in seinem Wissensdurst auch anderen Erwachsenen gegenüber nicht zu bremsen etc. aber andererseits ihm auch zu vermitteln, wann es vielleicht wirklich angemessener oder taktvoller ist, nicht direkt nachzufragen...oder nicht ganz so stark zu betonen, dass er bestimmte Dinge bereits kann, um andere nicht dadurch herabzusetzen.

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Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon charlotte2 » So 11. Jan 2015, 18:40

Danke für Euren Tipp :)
@Rabaukenmama: Ich wollte jetzt eigentlich nicht sagen, dass ich antiautoritäre Erziehung und Vernachlässigung gut finde, sondern, dass ich eher dazu neige, meiner Tochter zu viel als zu wenig zu erlauben, vieles mit ihr zusammen auszuhandeln und dass dabei eher meine als ihre Grenzen in Gefahr sind. Und wenn ich dann noch ein Buch lese, das dafür plädiert, alles auszudiskutieren ("Liebe und Eigenständigkeit"), dann endet das bei uns mit endlosen Nonsense-Diskussionen im völligen Chaos. In Rezessionen wurde dieses Buch hochgelobt. Für uns passt es überhaupt nicht, obwohl es sich beim Lesen toll anhört.

Ich hatte mir irgendwann mal vorgenommen, mich nur noch an Jesper Juul zu halten, da sämtliche andere Ratgeber, die ich gelesen habe, entweder für mich nicht passten oder im Desaster endeten. Werde mit Gordon gerade rückfällig :)

Meine Tochter reagiert auch extrem darauf, wenn ich meinen Erziehungsstil ändere. Sie schlägt dann völlig über die Stränge und nichts funktioniert mehr. Wie neulich - wir waren zum Essen eingeladen. Kind ist fertig, übt friedlich unter dem Tisch Fünfecke-malen. Kommentar der Gastgeber - warum bleibt das Kind nicht sitzen, bis alle gegessen haben? Stimmt, Knigge sagt so was. Ok, ich versuche, mein Kind dazu zu bewegen, an den Tisch zu kommen. Kind brüllt, schreit, tobt, tickt komplett aus. Kommentar, dass ich da strenger durchgreifen müsse. Hab sie mir dann unter den Arm geklemmt und bin mit ihr raus. War im Endeffekt auch nicht höflicher, als wenn ich sie trotz Beschwerde der Gastgeber malen lassen hätte...
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Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon Momo » So 11. Jan 2015, 21:28

charlotte2 hat geschrieben:
Meine Tochter reagiert auch extrem darauf, wenn ich meinen Erziehungsstil ändere. Sie schlägt dann völlig über die Stränge und nichts funktioniert mehr. Wie neulich - wir waren zum Essen eingeladen. Kind ist fertig, übt friedlich unter dem Tisch Fünfecke-malen. Kommentar der Gastgeber - warum bleibt das Kind nicht sitzen, bis alle gegessen haben? Stimmt, Knigge sagt so was. Ok, ich versuche, mein Kind dazu zu bewegen, an den Tisch zu kommen. Kind brüllt, schreit, tobt, tickt komplett aus. Kommentar, dass ich da strenger durchgreifen müsse. Hab sie mir dann unter den Arm geklemmt und bin mit ihr raus. War im Endeffekt auch nicht höflicher, als wenn ich sie trotz Beschwerde der Gastgeber malen lassen hätte...


Hallo Charlotte2,
das kenne ich :) Am Schwierigsten ist es, wenn ich meiner Tochter gegenüber nicht authentisch so reagiere, wie ich es richtig finde. Ich musste und muss es auch lernen, gerade in Bezug auf meine eigenen Eltern, wenn wir dort zu Besuch sind. Wir hatten dort vor einiger Zeit ziemlich genau die gleiche Situation, was damit endete, dass nicht nur meine Tochter völlig "austickte" sondern dass ich mich auch noch furchtbar mit meinen Eltern stritt, weil ich mich einfach "zwischen den Stühlen" fühlte und es irgendwie allen recht machen wollte. Ich habe an diesem Tag beschlossen, dass ich versuchen werde, nur noch so zu handeln, wie ich es in dem Moment für richtig halte und fühle und nicht weil etwas Bestimmtes von mir erwartet wird oder weil ein Herr Knigge es so sagt :fahne: Das habe ich übrigens auch meinen Eltern klar gemacht und seitdem bin ich viel entspannter.
Ich glaube, sich völlig nach einem Erziehungsexperten richten zu wollen, ist gar nicht möglich. Mir geht es jedenfalls so, dass ich bestimmte Pädagogen und Wissenschaftler sehr schätze, gerne ihre Ansichten lese und verinnerliche und mit diesem Wissen wieder intuitiv reagiere. Verstehst Du, was ich meine? Und wenn ich etwas ehrlich meine, dann bin ich auch nicht unsicher, sondern sehr authentisch und das verstehen glaube ich alle Kinder.
Ganz abgesehen davon bin ich auch ein Fan von Jesper Juul ;)

Liebe Grüße von Momo
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Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon charlotte2 » So 11. Jan 2015, 23:21

Hallo Momo,

das beruhigt mich, dass es nicht nur mir so geht :) Seltsamerweise hilft es auch nicht, jeden Einmischungsversuch abzublocken. Ich weiß nicht, ob es an der dann folgenden Diskussion über die richtige Erziehung liegt, die meine Tochter natürlich interessiert verfolgt. Oder daran, dass ich dann vermutlich wieder nicht authentisch sondern nachgiebiger als sonst bin, weil ich ja bewusst nicht strenger sein will. Oder daran, dass ich grundsätzlich dazu neige, Murks zu bauen, wenn ich kritisch beobachtet werde. Auf jeden Fall endete auch diese Version schon im Chaos. Gut an Jesper Juul bzw. "großen" Namen allgemein ist, dass man dann zumindest begründen kann, warum man bestimmte Erziehungs-Ratschläge nicht aufgreifen will.
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Re: Erziehungskonzepte und eigene Vorstellungen

Beitragvon Rabaukenmama » Mo 12. Jan 2015, 08:30

charlotte2 hat geschrieben:Meine Tochter reagiert auch extrem darauf, wenn ich meinen Erziehungsstil ändere. Sie schlägt dann völlig über die Stränge und nichts funktioniert mehr. Wie neulich - wir waren zum Essen eingeladen. Kind ist fertig, übt friedlich unter dem Tisch Fünfecke-malen. Kommentar der Gastgeber - warum bleibt das Kind nicht sitzen, bis alle gegessen haben? Stimmt, Knigge sagt so was. Ok, ich versuche, mein Kind dazu zu bewegen, an den Tisch zu kommen. Kind brüllt, schreit, tobt, tickt komplett aus. Kommentar, dass ich da strenger durchgreifen müsse. Hab sie mir dann unter den Arm geklemmt und bin mit ihr raus. War im Endeffekt auch nicht höflicher, als wenn ich sie trotz Beschwerde der Gastgeber malen lassen hätte...


Hallo Charlotte! Es geht nicht so sehr darum WELCHEN Erziehungsstil du verfolgst sondern darum, ob du selbst davon überzeugt bist. Ich reagiere bei meinen Kindern auch nicht immer in ein- und derselben Situation genau gleich. Meine Reaktion hängt vielmehr davon ab, was vorher schon vorgefallen ist und wie es MIR SELBST insgesamt geht.

Ein Beispiel ist die Angewohnheit meines Sohnes an den Fingern seiner Handschuhe zu nuckeln. Eigentlich habe ich Verständnis dafür weil ich das selbst als Kind immer gemacht habe obwohl die Handschuhe natürlich darunter gelitten haben und schneller kaputt gingen. Wir haben daher auch sehr preisgünstige Handschuhe gekauft (3 Paar um 5 Euro) wo es eigentlich vom finanziellen her keine Rolle spielen sollte wenn er mal ein Paar "kaputtnuckelt". Trotzdem habe ich manchmal so eine Phase (jaaaa, nicht nur meine Kinder haben die :mrgreen: !) wo ich von der Grundstimmung her nervöser bin und wo ich meinen Sohn anschnauze dass es das doch nicht geben kann dass er ständig die Finger (mit den Handschuhen) im Mund haben muss! Obwohl das nicht meiner normalen Reaktion entspricht (die ist entweder ignorieren oder freundlich darauf aufmerksam machen mit der Bitte, die Finger doch aus dem Mund zu nehmen) kommt mein Sohn damit erstaunlich gut zurecht, weil er anscheinend merkt, dass es trotzdem authentisch ist.

Bei Deinem Beispiel kommt mir aber vor, dass du eine Haltung angnommen hast, von der du selbst nicht überzeugt warst, um den Vorstellungen der (kinderlosen?) Gastgeber zu entsprechen. Und genau DAMIT kommen die meisten Kinder nicht zurecht. Christine Nöstlinger, eine meiner Lieblingsautorinnen, hat mal in einer Zeitungskolumne geschrieben, dass die meisten Eltern zwei "Erziehungsstile" haben: einen toleranten für "zu Hause" und einen strengen für "die Leute" und Kinder sich dabei natürlich nicht auskennen können, was wirklich von ihnen erwartet wird.

Bei mir waren früher immer die Schwiegermutter-Besuche so ein "Prüfstein" wie sicher ich mir in meinen Ansichten (in Sachen Erziehung) bin. Hatte vorher schon Bedenken ob mein damals knapp 3jähriger Sohn es schaffen würde, ruhig beim Tisch zu sitzen und sich so zu benehmen, wie sich Kinder nach Schwiegermutter-Einstellung nun mal zu benehmen haben. Ich war ganz erstaunt wie gut es klappte: Sohn saß auf seinem Platz, aß schön mit dem Besteck ohne zu patzen (reiner Zufall :lol: ) und benahm sich mMn wirklich gut. Natürlich gab´s trotzdem was zu meckern, denn Sohnemann hielt die Gabel in der linken Hand und meine Schwiegermutter versuchte ständig, sie ihm in die rechte Hand zu drücken. Achja, zuerst hat sie noch gefragt ob er ein Linkshänder ist, denn dann hätte er die Gabel - ihrer Ansicht nach - in der linken Hand halten dürfen :gruebel:. Dass er normalerweise in der rechten Hand das Messer hält (weil wir ihm das Fleisch zu Hause nicht vorschneiden) und wohl daher die linke Hand "gewohnheitsmäßig" auch verwendet, wenn er kein Messer hat (weil Messer ja nichts für kleine Kinder sind) tat natürlich nichts zur Sache...

dafür war meine Schwiegermutter beim nächsten Besuch bei uns entsetzt dass Sohnemann mit dem Rohr und der Bürste unserer Staubsaugers "staubsaugen" spielte. "Das darfst Du ihm nicht durchgehen lassen! Der hat Deine Sachen gar nicht anzugreifen, wozu hat er denn Spielsachen?" lautete da der Kommentar. Da war ich dann aber schon so weit ruhig zu antworten "Du hast es anders gemacht und ich mache es eben so!". Das gemurmelte "Wirst schon sehen was du davon hast..." habe ich auch ausgehalten ;) .
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