Beziehung statt Erziehung

besondere Ansätze für besondere Kinder

Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon Rabaukenmama » Fr 9. Dez 2016, 19:43

Bliss hat geschrieben:Ich weiss nicht welches Verkehrsmittel es war, aber in einem Bus z.B finde ich es schon gefährlich ein Kind herumlaufen zu lassen. Und es gibt eben auch Leute mit Gleichgewichtsproblemen, für die Ein- und Aussteigen eh schwer genug ist, die stresst das dann vermutlich noch mehr auf ein kleines Kind achten zu müssen.


Das meinte ich mit"wenn jemand tatsächlich beeinträchtigt ist". Solche Situationen hatte ich auch schon mehrmals, da habe ich aber immer alles mir mögliche gatan (z. B. brüllendes, um sich schlafendes Kind von der Bustür weggezogen) und mich auch dann entschuldigt wenn niemand was gesagt hat. Seltsamerweise hat in so Fällen nie jemand was gesagt.

Im Zug hingegen, wo alle ihren Sitzplatz hatten (und auch problemlos Waggon wechseln könnten) habe ich mir schon einige Male Beschwerden wegen eines herumlaufenden Kindes anhören können. Das war häufig auf der 4stündigen Heimfahrt von der Klinik, wo Kleinsohn davor mindestens 4 Stunden nach Melatonin-Gabe tagsüber geschlafen hatte (für die Horchi- Einstellung). Das hat seinen Rhythmus so durcheinandergebracht dass er dann total aufgekratzt war. Absolut nicht lustig für mich, aber ich konnte nicht mehr tun als Ablenkungsmanöver zu versuchen (die dann irgendwann mal angenommen wurden).

Auf gebärdetes Bitten, sich hinzusetzen und leise zu sein, hat mein Sohn nicht reagiert. meistens war er sogar zu aufgedreht um sie mitzubekommen. Festhalten wäre in Ringkampf unter ohrenbetäubendem Gebrüll ausgeartet. Ich weiß, dass mein Sohn locker 2 Stunden durchbrüllen kann (und sich schlimmstenfalls so reinsteigern, dass er erbrechen muss) und lachendes rumlaufen sowohl für mich als auch für die anderen Fahrgäste das kleinere Übel ist. Aber wie soll ich das kommunizieren?

Generell beobachte ich dass "schimpfen" von vielen Mitmenschen erwartet wird, wenn sich ein Kind wo daneben benimmt. Und das mache ich durchaus wenn ich das Gefühl habe, dass es angebracht ist bzw. was bewirken kann. Schimpfen geht auch in Gebärdensprache :mrgreen: nur bekommen die Leute da nicht mit WAS ich meinem Kind sage. Und wenn schimpfen nicht "wirkt" dann ist in deren Augen eben die lasche Erziehung schuld daran. Tatsächlich könnte ich Kleinsohn erschlagen (nicht ganz ernst zu nehmen ;) ) und er wäre trotzdem nicht bereit, sich ruhig hinzusetzen oder einen akuten Trotzanfall zu beenden.

Bei Großsohn ist es generell leichter. Der merkt in angespannten Situationen schon an meinem Tonfall, wenn er den Bogen überspannt hat, und reagiert entsprechend.
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Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon Momo » Sa 10. Dez 2016, 11:19

Gerade lese ich ein sehr kurzweiliges und spannendes Buch zu diesem Thema: "Aus Erziehung wird Beziehung" von Jesper Juul. Dieses Buch besteht aus einem Interview von Jesper Juul zu unterschiedlichsten Themen, die alle den Tenor "Beziehung" zwischen Eltern und Kindern haben. Es ist sehr lebendig und vieles wird einem wieder einmal deutlich. Es gibt nicht DEN Erziehungsweg, es geht um das Gefühl, um die zwischenmenschliche Beziehung und das persönliche Verhalten, Gespräch und Miteinander. Und ganz wichtig, um die persönliche, authentische Sprache. Lesenswert!

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Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon Momo » Mo 19. Dez 2016, 17:09

Ich denke, wenn die Beziehung zwischen Kindern und Eltern "stimmt", d.h. wenn verständnisvoll und respektvoll miteinander umgegangen wird, einander zugehört wird, in persönlicher Sprache miteinander gesprochen wird, sich nicht hinter Erziehungsphrasen versteckt wird, dann muss man einem Kind nicht sagen, wie es sich wo zu "benehmen" hat. Dann hat es das Gespür, sich "richtig" zu verhalten. Und wenn dem nicht so ist merke ich, dass es wieder an der Zeit ist, an meiner Beziehung zu meiner Tochter zu arbeiten.

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Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon orangenminze » Mo 19. Dez 2016, 18:16

... wenn es nur daran liegt, dann habe ich definitiv Schwierigkeiten im Beziehungsbereich... das klappt bei uns so nicht. Das gleiche Kind, dass 2,5 Stunden völlig gebannt und ruhig (besser als mancher Erwachsener) in der Oper sitzt oder im Konzert; kann zwei Wochen später bei einem (wesentlich kürzeren) Theaterstück in der Gundschule nicht ruhig bleiben und muss mit mir rausgehen, weil es zu sehr stört. Ob das an unserer Beziehung liegt? Ich weiss nicht. In dem Fall lag es einfach daran, dass Kindergartenfreunde anwesend waren. Da war es wichtiger diese zu "beeindrucken", sich mit ihnen zu unterhalten, als dem Stück zu folgen, bzw. den Kindern auf der Bühne gegenüber so rücksichtsvoll zu sein, nicht zu stören. Wäre vielleicht anders gewesen, wenn Kind eins zu eins betreut neben mir gesessen hätte, war aber nicht der Fall. Also, da war mit intuitiv merken, welches Verhalten angemessen ist, nicht mehr viel los. Bei uns spielen auch häufig solche Konstellationen eine Rolle, unsere Kinder können wunderbar hören, aufmerksam sein, höflich sein etc. wenn der Rahmen dementsprechend ist, am wunderbarsten, wenn sie 1:1 von einem Elternteil betreut werden. Schwierig wird´s schon, wenn sie uns teilen müssen, dann führt das schnell dazu, dass sobald meine Aufmerksamkeit sich dem einen zuwendet, der andere sich nicht mehr "konform" verhält. Ja, klar, er will Aufmerksamkeit (soviel ist mir dann auch klar), aber wie das immer lösen??? Keine Ahnung. Und insgesamt habe ich trotzdem das Gefühl, dass unsere Beziehung in Ordnung ist. Aber vielelicht habe ich da auch irgendwas nicht richtig im Blick. Werde darüber nachdenken.
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Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon Rabaukenmama » Di 20. Dez 2016, 11:23

Momo hat geschrieben:Ich denke, wenn die Beziehung zwischen Kindern und Eltern "stimmt", d.h. wenn verständnisvoll und respektvoll miteinander umgegangen wird, einander zugehört wird, in persönlicher Sprache miteinander gesprochen wird, sich nicht hinter Erziehungsphrasen versteckt wird, dann muss man einem Kind nicht sagen, wie es sich wo zu "benehmen" hat. Dann hat es das Gespür, sich "richtig" zu verhalten. Und wenn dem nicht so ist merke ich, dass es wieder an der Zeit ist, an meiner Beziehung zu meiner Tochter zu arbeiten.


Exakt so habe ich viele Jahre auch gedacht - bevor ich selbst Kinder hatte ;) . Gute, wertschätzende Beziehung, soziales Miteinander vorleben - und das Kind kann ja gar nicht anders als sich ebenfalls "richtig" zu verhalten. Tja, und dann kamen meine zwei Rabauken und haben mir gezeigt, dass Kinder eigene Persönlichkeiten sind und nicht kleine Spiegel der Eltern :mrgreen: .

Ich habe ja viele Bekannte die großteils älter sind als ich und bereits erwachsene Kinder haben. Eine dieser Bekannten hat mal so nett erzählt "Als mein (älterer) Sohn klein war habe ich nie die Probleme verstanden, die andere Leute mit ihren Kindern hatten. Mein Sohn hat sich nie aufgeführt wie ein Wilder. Wir hatten eine sehr wertschätzende Beziehung und er hat auf mein Urteil vertraut. Wenn ich z.B. gesagt habe "Da würde ich nicht raufklettern, das sieht gefährlich aus" hat er sich die Sache überlegt und dann auf mich gehört. Grüßen, bitte, danke und höflicher Umgang waren sowohl im Umgang mit Bekannten als auch mit fremden Personen für ihn selbstverständlich. Ich dachte damals das sei, weil ich es so gut vorlebe und selbst so ein gelassener, lebensbejahender Mensch bin. So dachte ich 5 Jahre lang. Und dann kam mein jüngerer Sohn und ich erkannte nach und nach dass absolut NICHTS vom Verhaltens seines großen Bruders tatsächlich MEIN Verdienst gewesen ist."

Ich habe diese Geschichte gehört bevor meine eigenen Kinder zur Welt kamen. Da ich diese Bekannte gut kenne und weiß, dass sie eine sehr ehrliche, lebhafte und weltoffene Frau ist dachte ich mir damals "Naja, vielleicht ist da wirklich was dran dass Kinder einfach so sind, wie sie sind." Jetzt weiß ich, wie recht sie hatte. Es gibt durchaus Kinder, die einfach "von Natur aus" wissen, welches Verhalten angebracht ist. Wenn bei denen doch mal ein "mißfit" auftritt ist sein Ursprung tatsächlich in der Beziehungsebene zu suchen (und zu beseitigen). Aber so einfach, dass eine gute Beziehung zu den eigenen Kindern auch "richtiges" Verhalten nach sich zieht, ist die Sache leider doch nicht. Ich sehe es bei beiden Kindern, wenn auch in unterschiedlicher Art.

Mein älterer Sohn ist sehr sensibel und haßt es, ausgelacht zu werden. Das macht ihn unheimlich wütend. Klar, kein Kind will ausgelacht werden, aber andere Kinder können so was viel lockerer wegstecken als er. Leider kommt bei ihm dazu dass er häufig etwas auf sich bezieht, wo gar nicht er gemeint ist. Sprich: ein anderes Kind lacht laut und sieht dabei zufällig in seine Richtung - mein Sohn fühlt sich ausgelacht und geht aggressiv auf das andere Kind los, im festen Glauben dass ihm durch das vermeintlich auslachen furchtbares Unrecht geschehen ist. Für jemanden, der meinen Sohn nicht kennt, macht es den Anschein, als würde er aus heiterem Himmel auf ein anderes Kind losgehen. Also gar kein angepasstes Verhalten, eher ein Zeichen für lasche Erziehung oder ein grottenschlechte Eltern-Kind-Beziehung! Und solche und ähnliche Dinge "passieren" meinem Sohn immer im Umgang mit anderen Menschen, vor allem Kindern.

Zu Hause dagegen kommen wir fast immer super klar. Er ist so, wie ich damals war: ein daheim-brav-Kind :) !

Mein jüngerer Sohn ist im Umgang mit mir zu 95% freundlich, friedlich und kooperativ. Bei Menschen, die er nicht so gut kennt, steigt dieser Prozentsatz auf annähernd 100%. Ich höre immer wieder wie brav er ist, wie gut man mit ihm auskommt, wie toll er kooperiert, wie sozial er sich verhält, usw. Schön, mit meinem jüngeren Sohn habe ich somit auch ein auswärts-brav-Kind :) !

Wenn Kleinsohn hingegen seine Trotzphase hat ist er schlichtweg unausstehlich. Nichts passt ihm, überall hat er was auszusetzen. Da reicht schon, wenn ich das Wasser abdrehe, nachdem ich mir die Hände gewaschen habe. "NEIN, ICH WOLLTE DAS WASSER ABDREHEN! ICH! ICH!". Gut, ich drehe das Wasser wieder auf damit er es abdrehen kann "NEIN, JEZT MAG ICH NICHT MEHR! ICH MAG NICHT! ICH MAG NICHT!". Gut, ich frage ob ich selbst das Wasser abdrehen soll und mein Sohn nickt. Kaum drehe ich es aber ab kommt sofort wieder "NEIN; ICH WOLLTE DAS WASSER ABDREHEN! ICH! ICH!". Ich steige dann nicht mehr drauf ein und verlasse das Badezimmer. Mein Sohn kommt laut brüllend hinterher gebärdet dabei "ICH WILL WASSER ABDREHEN! ICH WILL WASSER ABDREHEN!". Ich gehe in einen andere Raum wo ich das Licht aufdrehe. Das Brüllen wird noch zwei Stufen lauter, unterstützt von Gebärdern "ICH WOLLTE DAS LICHT AUFDREHEN! ICH! ICH!". Unterstützt wird das Ganze dann auch noch von Faustschlägen und Tritten. So was kann bis zu 2 Stunden dauern :schwitz: !

Wie ich mich in so Situationen so offen und wertschätzend verhalten kann dass mein jüngerer Sohn zufrieden ist (oder auch nur mit dem brüllen und schlagen aufhört) habe ich noch nicht herausgefunden. Und so was kommt durchaus auch in Situationen vor, wo ich URSPRÜNGLICH gelassen und in meiner eigenen Mitte gewesen bin (danach nicht mehr) :P .

Bliss stime ich auch zu: in 1:1 Situationen ist es generell leichter. Wenn mein Mann mit unserem älteren Sohn ins Kind geht und sich dieser dann beim Film ("pets") fürchtet, können die beiden gemeinsam das Kino verlassen. Wenn mein jüngerer Sohn beim Kasperltheater statt brav stillzusitzen selbst mitspielen will kann ich mit ihm woanders hingehen - sofern nicht mein älterer Sohn dortbleiben und sich das Stück zu Ende ansehen will!

Wenn mein älterer Sohn seine Großeltern besucht geht er seit Jahren sehr gern in die Kinderbetreuung des Einkaufszentrums in der Heimatstadt meiner Eltern. Das Einkaufszentrum ist eher klein und meistens ist er dort das einzige Kind in der Kinderbetreuung - eine Situation, die er sehr genießt. Die Betreuerinnen freuen sich auch, dass endlich ein Kind da ist, und widmen ihm viel Zeit und Aufmerksamkeit. Sie kennen meinen Sohn seit Jahren und mögen ihn. Nur letztes Mal waren mehrere Kinder in der Kinderbetreuung und mein Sohn hatte anscheinend auch einen schlechten Tag. Jedenfalls wurden meine Eltern über Lautsprecher aufgerufen, ihn von der Kinderbetreuung abzuholen. Dort haben sie erfahren dass mein Sohn trotz mehrmaliger Ermahnung andere Kinder getreten hat und so ein Verhalten natürlich nicht tragbar ist. Mein Sohn wurde quasi "rausgeworfen". Warum hat er die anderen Kinder getreten? Kann ich nicht genau sagen! Vielleicht hatte er die Erwartungshaltung, wieder Exklusivbetreuung zu bekommen und war frustriert, als diese nicht erfüllt wurde. Vielleicht hat auch eine Betreuerin oder ein anderes Kind was gesagt oder getan, womit er nicht klargekommen ist. Aus ihm selbst ist nach so Situationen nie was rauszubekommen, er erfindet dann verbale oder körperliche Angriffe von anderen, die gar nicht stattgefunden haben, um selbst unschuldig dazustehen. Was aber tun :? ? Wie ist der "korrekte" Weg mit so Situationen umzugehen? Meine Eltern haben jedenfalls danach auf meinen Sohn eingeredet und versucht, ihm klarzumachen, dass so ein Verhalten einfach nicht geduldet werden kann und dass die anderen Kinder, die getreten wurden, ihm ja nichts getan haben. Eigentlich alles Dinge, die er sicher ohnehin weiß. Nicht, dass ich es schlecht finde, ihm es nochmal zu sagen (hätte ich wahrscheinlich auch getan), aber tatsächlich zweifle ich daran, dass er sich aufgrund dessen beim nächsten Mal anders verhalten wird.

Eine ähnliche Situation hatten wir bei der Samstags-Betreuung im "alten" Kindergarten meines älteren Sohnes. Mein Sohn hatte sich schon sehr darauf gefreut weil er endlich viele alte Freunde vom Kindergarten wieder sehen würde. Und dann war er dort einfach unmöglich! Hat andere Kinder getreten und geschlagen und einen Tobsuchtsanfall bekommen weil seine Lieblings-Kindergärtnerin seinem Wunsch, eine bestimmte CD einzulegen, nicht ad hoc nachgekommen ist. Sie war gerade beim Kekse backen und hatte die Hände voll Teig, hat aber freundlich gesagt "Gerne, nur ein bißchen Geduld, ich muß mir noch die Hände waschen!". Also durchaus wertschätzend und auf Augenhöhe! Aber mein Sohn wollte dass die CD SOFTORT eingelegt wird und es wurde ein furchtbaret Anfall mit kreischen, schimpfen und um-sich-schlagen!

Warum hat er sich so verhalten? Wieder: keine Ahnung! Zwei Wochen später war wieder Samstag-Betreuung und ich habe meinem Sohn ÜBERHAUPT NICHTS auf dem Weg mitgegeben. Also nicht gesagt "Aber dass du dieses Mal braver bist!" oder "Bitte schlag heute keine anderen Kinder!" oder "Du weiß hoffentlich, wie du dich zu benehmen hast!". Ich war der festen Überzeugung dass es nichts gab, was ich meinem Sohn sagen könnte, was er nicht ohnehin selbst weiß. Und siehe da, dieses Mal klappte alles wunderbar! Mein Sohn war freundlich, höflich und rücksichtsvoll und hatte außerdem noch einen Heidenspaß!





Mir geht es wie Bliss, ich glaube, trotzdem dass die Beziehung zu meinen Kindern grundsätzlich in Ordnung ist.
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Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon orangenminze » Di 20. Dez 2016, 15:48

@Rabaukenmama,

wie so oft, wenn Du Deine beiden "Rabauken" beschreibst, muss ich unwillkürlich an meine beiden Rasseljungs denken:). Das mit dem Auslachen kenne ich übrigens auch von meinem älteren Sohn. Sei es beim Bäcker, oder bei einem Familienfest etc., wenn mehrere Erwachsene zusammen sind und er einen wirklich ernst gemeinten Gesprächsbeitrag leistet (und ich muss sagen, oft sachlich durchaus richtig und gut und verständlich formuliert). Und wenn die anwesenden Erwachsenen ihn dann nicht gleich ernst nehmen oder es zum schmunzeln (und manchmal eben auch lachen finden), wenn ein gerade fünfjähriger irgendetwas zu Atomen oder Magneten oder Knochen oder sonst irgendetwas erzählt. Da ist es dann auch schon mal passiert, dass Sohnemann, zornesrot wurde und auf die Erwachsenen losgehen wollte und sie dann auch mal als Blödies beschimpft hat :schwitz: wenig adäquat und natürlich soll er das nicht, aber in dem Moment geht es manchmal einfach mit ihm durch. Bei Kindern ganz ähnlich, egal ob jünger, gleich alt oder älter. Auslachen geht gar nicht.
Dazu muss ich aber sagen, dass er nicht unbedingt umgekehrt immer einen wertschätzenderen Umgang mit anderen Kindern oder Erwachsenen pflegt, da arbeiten wir noch dran :roll: .
Tja und mit Kleinsohn ist es bei uns auch ähnlich. während Großsohn sich vor allem unter vielen Menschen "daneben" benimmt, schneller ausrastet, nicht gut zuhören kann etc., ist kleinsohn wenn wir unterwegs sind, äußerst pflegeleicht, würde nie einen Schreianfall kriegen, wenn ich (wie neulich) im Grundshcultheater sage, nun müssen wir mittendrin gehen. Zu Hause hingegen sieht das ganz anders aus, da wackeln oft die Wände (auch oft, wenn er Dinge alleine machen will oder ich ihm mit manchen Handlungen zuvor komme).
Bei meinem großen Kind bin ich mir übrigens auch ziemlich sicher, dass es kein "Wissens"-Problem ist. Er kennt die Regeln des Zusammenseins, aber manchmal je nach Reizüberflutung oder keine Ahnung, was da manchmal passiert, kann er das Wissen besser oder schlechter umsetzen. Häufig ist es ihm (ein paar Tage später dann) sogar ganz, ganz arg unangenehm, wenn er sich nciht "richtig" benommen hat (so wie in dem Theaterstück neulich). Da musste ich gar keinen Vortrag halten, das schlechte Gewissen setzte von allein ein. Da tat er mir dann fast (aber nur fast ) schon wieder leid, weil er dann dazu neigt, sich arg Vorwürfe zu machen und sich selber dann auch sehr schlecht macht.
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Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon Bliss » Di 20. Dez 2016, 23:33

Momo hat geschrieben:Ich denke, wenn die Beziehung zwischen Kindern und Eltern "stimmt", d.h. wenn verständnisvoll und respektvoll miteinander umgegangen wird, einander zugehört wird, in persönlicher Sprache miteinander gesprochen wird, sich nicht hinter Erziehungsphrasen versteckt wird, dann muss man einem Kind nicht sagen, wie es sich wo zu "benehmen" hat. Dann hat es das Gespür, sich "richtig" zu verhalten. Und wenn dem nicht so ist merke ich, dass es wieder an der Zeit ist, an meiner Beziehung zu meiner Tochter zu arbeiten.

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Lass mich raten, du bist selten bis nie mit mehreren Kindern auf einmal unterwegs?

Ich glaube so eine Einstellung und Erwartung kann man sich nur leisten, wenn man sich voll und ganz auf ein (kooperatives) Kind konzentrieren kann. Ansonsten ist man ohne Ende frustriert, wenn es nicht mal ausreicht, dass das Kind auf Ansage versteht was Sache ist, sondern es auch noch selbst erspüren muss. Und wie soll man sich erst fühlen, wenn das Kind sich trotz Ansage daneben benimmt.
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Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon Rabaukenmama » Mi 21. Dez 2016, 11:40

Bliss hat geschrieben:Lass mich raten, du bist selten bis nie mit mehreren Kindern auf einmal unterwegs?

Ich glaube so eine Einstellung und Erwartung kann man sich nur leisten, wenn man sich voll und ganz auf ein (kooperatives) Kind konzentrieren kann. Ansonsten ist man ohne Ende frustriert, wenn es nicht mal ausreicht, dass das Kind auf Ansage versteht was Sache ist, sondern es auch noch selbst erspüren muss. Und wie soll man sich erst fühlen, wenn das Kind sich trotz Ansage daneben benimmt.


So Aussagen kommen immer nur von kinderlosen Menschen oder von 1-Kind-Eltern wo die besprochene Sache zufällig gut funktioniert ;) . Eltern von 2 Kindern sind da schon viel zurückhaltender und von Eltern von 3 oder mehr Kindern habe ich so Weisheiten, was man als Eltern tun muss, damit sich die Kindern schön angemessen benehmen, noch gar nie gehört. Warum nur :mrgreen: ?

Ich habe mir erst neulich von einer kinderlosen Mittsechzigerin freundlich angehört dass es kein Problem ist, dass Kinder zu einer "vernünftigen" Zeit ins Bett gehen - man muß nur von Anfang an konsequent sein! Wissen tut die Frau das weil es bei den Kindern ihrer Schwester vor etlichen Jahren ja super geklappt hat :P . Mittlerweile ärgern mich so Aussagen gar nicht mehr, ich finde sie eher amüsant.

Mal überlegen... ...was könnte ich anderen Eltern generell raten? Ach ja, wenn die Kinder nicht gerne im Kindergarten bleiben wollen und ihnen die Trennung schwer fällt, kann das ja nur daran liegen, dass die Eltern einfach nicht gut genug "loslassen" können und ihre Verlustängste auf die Kinder projezieren! Denn meine Buben hatten nie Probleme mit Kindergarten oder Trennung. Sicher, weil ich so viel Gelassenheit ausgestrahlt habe 8-) !

Ist natürlich Quatsch, schon klar! Nicht alle Kinder sind im gleichen Alter so weit, sich "auf Zeit" von den Eltern zu trennen und sich auf neue Situationen und Menschen einzulassen! Eines "kann" das schon mit 3 Jahren, ein anderes hat mit 13 noch Probleme damit. Genauso ist es mit sozial angepasstem Verhalten. Vorbild hin oder her!

Wertschätzender Umgang und authentisches Verhalten sind natürlich trotzdem gut, aber das Patentrezept für sich angemessen verhaltende Kinder sind sie nicht.
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Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon Rabaukenmama » So 25. Dez 2016, 13:07

orangenminze hat geschrieben:@Rabaukenmama,

wie so oft, wenn Du Deine beiden "Rabauken" beschreibst, muss ich unwillkürlich an meine beiden Rasseljungs denken:).


Mir geht es genaus wenn ich Deine Beiträge lese. Unsere Kinder haben einige ähnliche Verhaltensweisen.

orangenminze hat geschrieben:Das mit dem Auslachen kenne ich übrigens auch von meinem älteren Sohn. Sei es beim Bäcker, oder bei einem Familienfest etc., wenn mehrere Erwachsene zusammen sind und er einen wirklich ernst gemeinten Gesprächsbeitrag leistet (und ich muss sagen, oft sachlich durchaus richtig und gut und verständlich formuliert). Und wenn die anwesenden Erwachsenen ihn dann nicht gleich ernst nehmen oder es zum schmunzeln (und manchmal eben auch lachen finden), wenn ein gerade fünfjähriger irgendetwas zu Atomen oder Magneten oder Knochen oder sonst irgendetwas erzählt. Da ist es dann auch schon mal passiert, dass Sohnemann, zornesrot wurde und auf die Erwachsenen losgehen wollte und sie dann auch mal als Blödies beschimpft hat :schwitz: wenig adäquat und natürlich soll er das nicht, aber in dem Moment geht es manchmal einfach mit ihm durch. Bei Kindern ganz ähnlich, egal ob jünger, gleich alt oder älter. Auslachen geht gar nicht.
Dazu muss ich aber sagen, dass er nicht unbedingt umgekehrt immer einen wertschätzenderen Umgang mit anderen Kindern oder Erwachsenen pflegt, da arbeiten wir noch dran :roll: .


Bei uns ist das exakt dasselbe. Das sind auch die Dinge, auf die ich meinen Sohn öfter aufmerksam mache als auf generelle Verhaltensregeln. Wenn ich z.B. höre, dass er im Hort ein anderes Kind geschlagen hat, weil er sich durch dessen singen provoziert gefühlt hat und das andere Kind trotz mehrmaliger Aufforderung nicht damit aufgehört hat, dann stelle ich das dem gegenüber, dass er einige Stunden später mit der Hortbetreuerin rangeln wollte und ihre mehrmalige Aufforderung, damit aufzuhören, in seinem Übermut ignoriert hat.

orangenminze hat geschrieben:Ja und mit Kleinsohn ist es bei uns auch ähnlich. während Großsohn sich vor allem unter vielen Menschen "daneben" benimmt, schneller ausrastet, nicht gut zuhören kann etc., ist kleinsohn wenn wir unterwegs sind, äußerst pflegeleicht, würde nie einen Schreianfall kriegen, wenn ich (wie neulich) im Grundshcultheater sage, nun müssen wir mittendrin gehen. Zu Hause hingegen sieht das ganz anders aus, da wackeln oft die Wände (auch oft, wenn er Dinge alleine machen will oder ich ihm mit manchen Handlungen zuvor komme).


Mein jüngerer Sohn kann durchaus auch "auswärts" ausrasten - aber immer mit mir oder meinem Mann als "Sparingpartner". Vor allem überfüllte öffentliche Verkehrsmittel sind so ein Bereich. Bei Kindergartenausflügen oder wenn z.B. meine Mutter mit ihm unterwegs ist, ist er auch in proppenvollen Öffis das bravste Kind :? . Richtig "aufdrehen" traut er sich offenbar nur in geschützen Bereichen. Das ist zu Hause, zusammen mit der Frühförderin (die ihn kennt seit er 4 Monate alt ist) und im teilweise im Kindergarten, wenn er sich sicher fühlt.

Seine Ergotherapeutin z.B. kennt diese Wutanfälle nur aus Erzählungen. Dabei hat sie mir schon gesagt dass es für sie sehr interessant wäre, meinen Sohn mal in so Situationen beobachten zu können. Ist aber bei ihr nicht, da ist er immer das Musterkind per excellance.


orangenminze hat geschrieben:Bei meinem großen Kind bin ich mir übrigens auch ziemlich sicher, dass es kein "Wissens"-Problem ist. Er kennt die Regeln des Zusammenseins, aber manchmal je nach Reizüberflutung oder keine Ahnung, was da manchmal passiert, kann er das Wissen besser oder schlechter umsetzen. Häufig ist es ihm (ein paar Tage später dann) sogar ganz, ganz arg unangenehm, wenn er sich nciht "richtig" benommen hat (so wie in dem Theaterstück neulich). Da musste ich gar keinen Vortrag halten, das schlechte Gewissen setzte von allein ein. Da tat er mir dann fast (aber nur fast ) schon wieder leid, weil er dann dazu neigt, sich arg Vorwürfe zu machen und sich selber dann auch sehr schlecht macht.
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Während mein älterer Sohn generell auch sehr gut weiß, was im Umgang mit anderen "erlaubt" ist, kennnt er den Unterschied nicht, ob jemand ihn absichtlich provoziert, oder einfach aus Übermut gerade seine Bedürfnisse nicht wahrnimmt. Dabei ist er selbst oft genau in derselben Lage. Da ist mir schon wichtig, genau DAS klar anzusprechen damit er es erkennen kann. Ob er daraus Schlüsse zieht, welche das sind und vor allem ob er beim nächsten Mal seine Emotionen besser unter Kontrolle hat, kann ich natürlich nicht beeinflussen. Aber ein "Hey, das was du gerade tust ist dasselbe wie das, was dich erst kürzlich von anderen sehr geärgert hat!" regt mMn mehr zum nachdenken an als so Floskeln wie "Du weißt doch dass du andere Kinder keinesfalls schlagen darfst!".

Das schlechte Gewissen im nachhinein kenne ich von mir selbst. Bei meinem Sohn habe ich es noch nicht beobachtet - aber er gibt seine innersten Gefühle nur selten preis und das, was ich mitbekomme, ist nur das obere Achtel des Eisberges :cry:. Ich weiß aber von mir selbst, dass ich im Alter meines Sohnes (und auch noch Jahre später) fast täglich zu Gott gebetet habe, er möge mich doch "braver" machen. Davon habe ich niemanden was erzählt. Ich habe mich geschämt, meine Gefühle so wenig unter Kontrolle zu haben und mir war irgendwie lieber, als "schlimm" gesehen zu werden als dass jemand bemerkt hätte dass ich wirklich nicht anders handeln KANN. Und da ich ein sehr gläubiges Kind war habe ich immer darauf gehofft dass Gott meine Gebete erhören wird und eines Tages kann ich ganz gelassen reagieren wenn ich provoziert werde und gerate nicht immer wieder in unangenehme Situationen. Nur hat das leider nicht geklappt. Ich habe es nicht Gott angelastet sondern dachte, ich sei ein besonders schwerer Fall und wenn ich mich selbst nur mehr "plagen" würde dann würde das mit dem braver-werden auch gelingen. Wie habe ich die "braven" Mädchen in meiner Klasse beneidet! Die, die sich nicht täglich schmutzig gemacht haben, die nie Einträge ins Mitteilungsheft bekamen, die nicht immer beschuldigt wurden, frecht und vorlaut zu sein, die nie im Schlägereien verwickelt waren, die nicht immer dreingeredet haben, wenn die Erwachsenen gesprochen haben.... wie gern wäre ich so ein Kind gewesen!

Meine eigenen Erinnerungen lehren mich, das Verhalten meines Sohnes milder und versöhnlicher zu sehen. Leider besteht aber ein krasser Unterschied zwischen mir und ihm: ich habe meiner Mutter immer die Wahrheit gesagt und mein Sohn belügt mich :cry: ! Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher dass er es nicht tut, weil es bei einer Mutter wie mir nicht anders kann. Aber es hilft nichts, er tut es trotzdem. Daher kann ich nicht in einer Weise hinter ihm stehen, wie ich es gerne tun würde.

Meine Mutter konnte selbstbewusst am Telefon zur Mutter des Buben, den ich am Spielplatz gebissen habe, sagen "Ja, meine Tochter hat ihren Sohn gebissen! Aber vorher hat er sie mehrmals als "Depperte" beschimpft und ist vor ihr davongelaufen als sie ihm wütend hinterher ist. Sie hat sich sehr geärgert weil er schneller laufen kann und als er gestolpert ist sah sie ihre Chance, sich zu rächen! Natürlich werde ich mit meiner Tochter sprechen dass sie andere Kinder nicht beißen darf! Aber Sie sollten Ihrem Sohn auch beibringen, andere Kinder nicht zu beschimpfen und zu provozieren!".
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Re: Beziehung statt Erziehung

Beitragvon orangenminze » So 25. Dez 2016, 15:09

... nur kurz, werde die Tage noch mal schreiben, hier ist gerade viel los. Nur, dass es nicht zu verschönt rüberkommt, unser kleiner Sohn kann auch in der Öffentlichkeit Wutanfälle bekommen (mit seinen Eltern), allerdings haben diese andere Auslöser und eine andere Qualität als bei unserem großen Sohn. Bei Kleinsohn sind es vor allem die klasssischen ich will etwas und darf es nicht- Geschichten, während es bei unserem Großen manchmal nur ein Ansprechen bedarf. Ist jetzt auf die schnelle schwierig zu erklären, werde ich nach den Feiertagen noch mal probieren.

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