Beschäftigung im Unterricht

Probleme und Lösungen für den Schulalltag

Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon sinus » Do 15. Okt 2020, 16:19

Ich vermute mal, dass die Lehrer, die heute ausgebildet werden, evtl. wenigstens ein Mindestmaß an Infos auch zum anderen Spektrumsende von Lernfähigkeiten bekommen.
Meine Nichte beginnt demnächst einen Studium als Grundschullehrerin - ich werde das beobachten.

Wenn ich versuche, mich zurückzuerinnern an meine Grundschulzeit... Ich hatte auch jahrelang ausschließlich 1en und bekam jedes Schuljahresende die Auszeichnung fürs reine 1er-Zeugis, die es damals gab.
An extreme Langeweile erinnere ich mich allerdings nicht.
Ob ich das verdrängt habe? Oder anders veranlagt bin? Nah genug noch an der Norm? Oder die Lehrer das besser im Griff hatten damals...? Waren die Schulen in der DDR vielleicht fordernder oder differenzierten mehr?
Auf jeden Fall gabs ab Klasse 1 schon Noten... Und die Klassen waren kleiner. (18-22 Kinder)
Zuletzt geändert von sinus am Do 15. Okt 2020, 17:20, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon Meine3 » Do 15. Okt 2020, 16:44

@sinus

ich denke es sind mehrere Faktoren, die da zusammenspielen.

Es war früher einfach anders. Man hat generell hat sich ja nicht so nah am Kind orientiert, also nicht NUR in der Schule nicht, sondern auch in der Erziehung nicht. Bedürfnisorientiert war die Erziehung schon, aber eben am Bedürfnis der Erwachsenen und nicht der Kinder 8-). Somit mussten wir "damals" viel früher mit Frustration, sich zurücknehmen, Langeweile aushalten und so weiter klar kommen und waren in der Schule dann schon damit mehr vertraut. Außerdem ist unsere Welt immer mehr eine Welt voller "Reize". Immer ist was los. Früher war alles ruhiger und es war weniger los. Keine Handys, weniger Fernsehen, Informationsflut, weniger Möglichkeit sich Informationen und Unterhalteung zu jedem Zeitpunkt in fast jeder Lebenslage zu beschaffen... weniger Spielzeug, MEHR mit den Nachbarkindern draußen spielen. Was bin ich oft von meiner Mutter einfach vor die Türe gesetzt worden mit den Worten "geh spielen!". Wenn ich das mit meinem Sohn probiere, dann steht er bockig vor der Haustüre rum, einfach aus Prinzip. WEnn er selbst auf die Idee kommt, draußen zu spielen, dann klappt das super und stundenlang, aber als "Beschäftigungstherapie" funktioniert das bei meinen Kindern leider nicht (außer bei den Mädels, aber auch nur, weil die Nachbarmädels da sind, mit denen man spielen kann. Sohnemann hat Pech, kein potenzieller Spielkamerad für ihn in der direkten Nachbarschaft).

Meine Kinder zum Beispiel schauen in der Woche ca. 1 Stunde Fern (mal garnichts, außer Sendung mit der Maus, mal dann auch 2 Stunden pro Woche, aber im Schnitt haut das so hin). Sie kennen noch keine Tabletts und Videospiele, mein Sohn hat seit der 1. Klasse ca. 10 Mal für ca. 10 Minuten Logikspiele am Handy machen dürfen und am PC das 1x1 üben. Wenn ich das mit anderen Kindern in dem Alter vergleiche :schwitz:, die haben teilweise seit der Vorschule Videospiele-Konsolen. Kleinkinder daddeln am Handy der Mama... Da kommt Langeweile viel schneller auf als früher, als es all diese Ablenkung und Beschäftigung noch nicht gab.

Warum speziell deine Tochter im Gegensatz zu dir mit der Langeweile so gekämpft hat, kann ich nun auch nicht beantworten, da müsste man euch schon persönlich kennen. Aber es ist eben grundsätzlich eben eine viel schnelllebigere Zeit, auch unabhängig davon, wie man sein Kind erzieht. Die Schule, auch die Grundschule müsste hier eben mehr mit der Zeit gehen: sprich moderne Medien einsetzen, etc.pp...

Auf der anderen Seite denke ich, dass es wirklich auch sehr charakterabhängig ist.

Meine Tochter langweilt sich auch in der Schule. Aber sie weiß sich zu beschäftigen. Mein Sohn nicht. Er braucht immer Input von außen, meine Tochter nicht. Wenn sie sich langweilt, sucht sie sich eine sinnvolle Beschäftigung. Mein Sohn weiß dann nichts mit sich anzufangen und wird leidlich. Meine Tochter malt. Sie erledigt schnell ihre Aufgaben in der Schule und holt sich dann weitere Aufgaben oder ein Ausmalblatt und ist damit zufrieden. Sie wirkt seit die Schule angefangen hat, insgesamt viel ausgeglichener als vor Schulbeginn. Sie mag die Schule, auch wenn es langweilig ist (sagt sie und grinst dabei). Ich war wie meine Tochter. Ich war eher so der Typus "Träumerle" und habe gemalt (und mit einem Ohr zugehört)... Mein Sohn ist mehr so der Typus "Krawallrakete", wenn da nichts spannendes passiert, dann macht er es sich eben spannend, aber auf nicht so tolle Art und Weise (reinrufen, Witzchen machen, Laserschwert spielen...)
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Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon Meine3 » Do 15. Okt 2020, 16:52

Katze_keine_Ahnung"

Danke fürs Mitfühlen! Wenn bis Mitte nächster Woche kein Heft der 4. Klasse in seinem Schulranzen auftaucht, gebe ich ihm das Heft der 5 mit. Es ist schon eher etwa zu einem Drittel in den Coronaferien ausgefüllt worden. Aber eigentlich hat mir der Rektor in Anwesenheit der Lehrerin versprochen, dass er das 4. Heft bekommt, sobald der Rechentrainer der 3. kompett ausgefüllt ist.


ich werde echt sauer, wenn man sich nicht an Verabredungen hält. Das ist das Gleiche wie mit dem Sprung. Erst zusagen., dass es auf Probe ist und dann aber nicht zurückspringen lassen :evil:. Ich boxe das jett aber durch. Durch die sozial-emotionale Überforderung ist mittlerweile mein Sohn garnicht mehr wirklich in der Lage im Unterricht mitzumachen, das funktioniert jetzt vielleicht noch ein paar Wochen, aber ich bin sicher, dass letzendlich auch seine Leistungen abrutschen werden, wenn er sich dauerhaft schlecht fühlt. Und dann hat der Sprung GARKEINE Vorteile mehr.

Die Lehrein hat versucht ihm aus dem Rechentrainer extra kleine Häppchen als HA zu geben. Das Maximale was er bis jetzt als Mathe-HA hatte war eine DINA5 Seite aus dem Trainer, meistens aber weniger bis gar nichts. Nachdem ich gestern erfahren habe, dass er auch im Unterricht malt, platzt mir der Kragen. Er hatte schon im Februar letzten Jahres 2+ für die Proben der 3. Klasse. Eine kurze Wiederholung wäre vielleicht ok, aber doch nicht in so einem Kaugummitempo...


:roll: Ich dachte, er soll das im Unterricht machen und nicht zu Hause?? :gruebel:
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Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon sinus » Do 15. Okt 2020, 17:33

Meine3 hat geschrieben:
Meine Tochter langweilt sich auch in der Schule. Aber sie weiß sich zu beschäftigen. Mein Sohn nicht. Er braucht immer Input von außen, meine Tochter nicht. Wenn sie sich langweilt, sucht sie sich eine sinnvolle Beschäftigung. Mein Sohn weiß dann nichts mit sich anzufangen und wird leidlich. Meine Tochter malt. Sie erledigt schnell ihre Aufgaben in der Schule und holt sich dann weitere Aufgaben oder ein Ausmalblatt und ist damit zufrieden. Sie wirkt seit die Schule angefangen hat, insgesamt viel ausgeglichener als vor Schulbeginn. Sie mag die Schule, auch wenn es langweilig ist (sagt sie und grinst dabei). Ich war wie meine Tochter. Ich war eher so der Typus "Träumerle" und habe gemalt (und mit einem Ohr zugehört)... Mein Sohn ist mehr so der Typus "Krawallrakete", wenn da nichts spannendes passiert, dann macht er es sich eben spannend, aber auf nicht so tolle Art und Weise (reinrufen, Witzchen machen, Laserschwert spielen...)


Du, deine Tochter geht ja auch erst ein paar Wochen. Da wird einem doch noch viel Neues geboten auch jenseits des Unterrichtsstoffes.
Bei meiner Großen wurde es erst in Klasse 2/3 schlimmer...
Und sie hat auch IMMER und ÜBERALL gemalt (wenn sie durfte) und sich weggeträumt.
(sie hat mir immer erzählt, welche Vögel etc sie beobachtet hat beim aus-dem-Fenster-schauen im Unterricht. Heute erzählt sie auch, dass sie heimliche imaginäre Freunde hatte, ein Tier meistens)

Also behalte deine Mittlere auch gut im Auge, dass ihr den Moment nicht verpasst, wo es vielleicht nicht mehr so gut funktioniert.

Wann geht deine Tochter eigentlich derzeit schlafen?
Hier berichten fast alle Eltern frisch eingeschulter Kinder, wie geschafft die Erstklässler abends sind, bspw schließen sie den Besuch meines einen späten Mal-Kurses, der 16.30-18 Uhr geht, als unmöglich aus, weil zu der Zeit nichts mehr ginge.
Oder ein Vater erzählte mir, dass sein Sohn derzeit halb acht todmüde ins Bett fällt.

Wie schon bei meiner großen Tochter damals ist es hier ganz anders.
Das Kind geht wie vorher auch gegen ca. 21 Uhr ins Bett, schläft zwar immerhin schnell ein (anders als die Große damals), aber ist bis zum Schluss fit und gut drauf (wir üben bspw meist erst nach 20 Uhr Geige) und früh (6:30 Uhr) problemlos wach und gut drauf.
Daran sieht man, dass sie aktuell gut, aber ganz bestimmt nicht übermäßig ausgelastet ist.
Ich denke schon, dass wir da dann dran bleiben müssen, dass es nach der ersten Alles-ist-Neu-Phase noch genug "Enrichment" gibt.
(Sie wird auf jeden Fall ab November in meinen späten Malkurs gehen und ich melde sie für Schach an. Beides will sie auch selbst unbedingt, also das ist jetzt nicht nur mein Programm für sie.)
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Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon Meine3 » Do 15. Okt 2020, 19:00

sinus hat geschrieben:
Meine3 hat geschrieben:
Meine Tochter langweilt sich auch in der Schule. Aber sie weiß sich zu beschäftigen. Mein Sohn nicht. Er braucht immer Input von außen, meine Tochter nicht. Wenn sie sich langweilt, sucht sie sich eine sinnvolle Beschäftigung. Mein Sohn weiß dann nichts mit sich anzufangen und wird leidlich. Meine Tochter malt. Sie erledigt schnell ihre Aufgaben in der Schule und holt sich dann weitere Aufgaben oder ein Ausmalblatt und ist damit zufrieden. Sie wirkt seit die Schule angefangen hat, insgesamt viel ausgeglichener als vor Schulbeginn. Sie mag die Schule, auch wenn es langweilig ist (sagt sie und grinst dabei). Ich war wie meine Tochter. Ich war eher so der Typus "Träumerle" und habe gemalt (und mit einem Ohr zugehört)... Mein Sohn ist mehr so der Typus "Krawallrakete", wenn da nichts spannendes passiert, dann macht er es sich eben spannend, aber auf nicht so tolle Art und Weise (reinrufen, Witzchen machen, Laserschwert spielen...)


Du, deine Tochter geht ja auch erst ein paar Wochen. Da wird einem doch noch viel Neues geboten auch jenseits des Unterrichtsstoffes.
Bei meiner Großen wurde es erst in Klasse 2/3 schlimmer...
Und sie hat auch IMMER und ÜBERALL gemalt (wenn sie durfte) und sich weggeträumt.
(sie hat mir immer erzählt, welche Vögel etc sie beobachtet hat beim aus-dem-Fenster-schauen im Unterricht. Heute erzählt sie auch, dass sie heimliche imaginäre Freunde hatte, ein Tier meistens)


Also behalte deine Mittlere auch gut im Auge, dass ihr den Moment nicht verpasst, wo es vielleicht nicht mehr so gut funktioniert.

Wann geht deine Tochter eigentlich derzeit schlafen?
Hier berichten fast alle Eltern frisch eingeschulter Kinder, wie geschafft die Erstklässler abends sind, bspw schließen sie den Besuch meines einen späten Mal-Kurses, der 16.30-18 Uhr geht, als unmöglich aus, weil zu der Zeit nichts mehr ginge.
Oder ein Vater erzählte mir, dass sein Sohn derzeit halb acht todmüde ins Bett fällt.

Wie schon bei meiner großen Tochter damals ist es hier ganz anders.
Das Kind geht wie vorher auch gegen ca. 21 Uhr ins Bett, schläft zwar immerhin schnell ein (anders als die Große damals), aber ist bis zum Schluss fit und gut drauf (wir üben bspw meist erst nach 20 Uhr Geige) und früh (6:30 Uhr) problemlos wach und gut drauf.
Daran sieht man, dass sie aktuell gut, aber ganz bestimmt nicht übermäßig ausgelastet ist.
Ich denke schon, dass wir da dann dran bleiben müssen, dass es nach der ersten Alles-ist-Neu-Phase noch genug "Enrichment" gibt.
(Sie wird auf jeden Fall ab November in meinen späten Malkurs gehen und ich melde sie für Schach an. Beides will sie auch selbst unbedingt, also das ist jetzt nicht nur mein Programm für sie.)


schon klar. Bin wachsam ;). Aber mein Sohn hat ab Tag 3 (das erste Mal Mathe-Unterricht) Krawall geschlagen und seinem Unmut Luft gemacht. Das ist so oder so jetzt schon ein Riesen-Unterschied :schwitz:. Und es ist ja auch im Alltag so. Meine Mittlere konnte sich schon immer gut selbst beschäftigen, der Sohn nie. Im Gegenteil meine Tochter WILL oft alleine spielen und deswegeb bekommt sie nächstes Jahr auch ein eigenes ZImmer (müssen dafür eine Wand einziehen, daher gehts nicht früher :schwitz:), weil sie einfach oft ihre Ruhe braucht und gern für sich ist.

Was das Schlafen gehen angeht, befinden wir uns wohl so in der "Mitte".: Wir räumen hier immer ab Herbst so ab 19:00 die Kinderzimmer auf und dann gehts ans Zähneputzen und umziehen. Etc. Geschichte, vorlesen bzw. selbst lesen ist dann meist gegen 19:30/19:45. So um 20:15 ist Licht aus. Im Frühling/Sommer wird es tendenziell abends 1 Stunde später. Wir sind besonders in der schönen Jahreszeit wirklich extrem viel draußen und die Kinder brauchen im Frühling/Sommer nicht so viel Schlaf wie im Herbst/Winter. Der Schlafrhythmus ist hier relativ abhängig vom Sonnenstand :). Das beobachte ich übrigens bei mir selbst auch. Im Sommer reichen mir 5 Stunden Schlaf die Nacht. Im Winter bin ich nach 7 noch unausgeschlafen :schwitz:

Je nach Stimmung und Kind geht es mit dem Einschlafen schneller oder weniger schnell. Die Mittlere ist grundsätzlich das Kind, dass die meisten Einschlafprobleme hat (obwohl sie in Babyjahren das pflegeleichteste Baby von allen 3en war, auch in Bezug auf den Schlaf. Sie hat schnell 6-8 Stunden am Stück nachts geschlafen). Aber die lösen sich auch grade in Wohlgefallen auf (zu wenig Auslastung während der Vorschul und Corona und Kindergartenfrei-Zeit). Die Mittlere war schon immer ein Langschläfer. Sie wäre, wenn sie es sich aussuchen könnte, tendenziell wohl eher länger wach abends (bis 22:00 schätzungsweise) und würde dann aber auch morgens bis 9:00 schlafen.

Sohn hat schon immer eher wenig geschlafen, aber nicht auffallend viel weniger. Er hat manchmal leichte Einschlafprobleme, aber er regelt das für sich. Er war sonst immer so ein "Hallo-Wach" Männchen, aber seit dem Vorschuljahr wird er morgens immer muffliger :roll:. Er kommt aber gut aus dem Bett.

Die Kleine schläft super ein und wacht super auf. Dafür hat sie mich bis sie 2,5 Jahre alt war fast 2-stündlich geweckt :schwitz:. Jetzt ist sie die Pflegeleichteste.
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Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon Auguste » Do 15. Okt 2020, 23:24

sinus hat geschrieben:Ich vermute mal, dass die Lehrer, die heute ausgebildet werden, evtl. wenigstens ein Mindestmaß an Infos auch zum anderen Spektrumsende von Lernfähigkeiten bekommen.
Meine Nichte beginnt demnächst einen Studium als Grundschullehrerin - ich werde das beobachten.

Wenn ich versuche, mich zurückzuerinnern an meine Grundschulzeit... Ich hatte auch jahrelang ausschließlich 1en und bekam jedes Schuljahresende die Auszeichnung fürs reine 1er-Zeugis, die es damals gab.
An extreme Langeweile erinnere ich mich allerdings nicht.
Ob ich das verdrängt habe? Oder anders veranlagt bin? Nah genug noch an der Norm? Oder die Lehrer das besser im Griff hatten damals...? Waren die Schulen in der DDR vielleicht fordernder oder differenzierten mehr?
Auf jeden Fall gabs ab Klasse 1 schon Noten... Und die Klassen waren kleiner. (18-22 Kinder)


Meine Beobachtungen und Erfahrungen decken sich in etwa mit dem, was Du hier schreibst. Die guten Lehrer/innen meiner Kinder waren die alten "Ost-Lehrer", also die, die vor der Wende in der DDR studiert haben und bei Einschulung meiner Kids schon mindestens 25 Jahre als Lehrer gearbeitet haben. Und die, die so ab 2015 mit dem Studium fertig geworden sind - also mit nur ganz wenig Berufserfahrung. So zwischen 1990 und 2010-2015 muss da beim Studium irgendwas schief gelaufen sein - ist zumindest mein persönlicher Eindruck an unserer Schule.

Aus meiner eigenen Schulzeit kann ich mich schon an viel Langeweile erinnern, aber auch an Differenzierung oder Dulden von Nebenbeschäftigungen seitens der Lehrer. In der DDR haben sie ja auch die "Bildungs-Elite" rausgefischt und ab der 8. Klasse in Spezialschulen (oder Klassen) gesteckt. Dafür war ich aber zu faul :mrgreen:

Ich kann mich noch gut an Extra-Aufgaben erinnern, die die guten Schüler regelmäßig bekamen, wenn die anderen noch den laufenden Stoff üben mussten - und zwar "anstatt", nicht zusätzlich ;) Und die Lehrer haben am Ende der Stunde auch die Ergebnisse kontrolliert.

Ich selbst habe mich oft gelangweilt (wenn es keine Extra-Aufgaben gab), habe aber nicht den Unterricht gestört, sondern halt gemalt oder gequatscht oder Hausaufgaben (aus anderen Fächern) gemacht. Ab Klasse 5/6 habe ich dann regelmäßig stundenweise (später auch tageweise) geschwänzt. :oops: Hat irgendwie keinen interessiert, so lange die Noten stimmten.

Ich denke, dass heute in der Grundschule tatsächlich weniger gefordert wird, als in meiner Schulzeit. Alles soll noch viel spielerischer und nicht so streng sein, weil "die Kleinen müssen sich ja erst an alles gewöhnen und dürfen nicht überfordert werden, damit sie nicht die Lust am Lernen verlieren" (Zitat der ersten Klassenlehrerin vom Sohn). Deswegen gibt es ja in Klasse 1 und 2 auch keine Noten. Dass Unterforderung auch nicht die Lust am Lernen fördert, ist bei vielen Lehrern halt noch nicht angekommen, wie viele von uns ja tagtäglich mitbekommen. :roll:

Als erstes wurde uns bei Einschulung unserer Kids gesagt, dass die Kinder am Ende der 1. Klasse noch nicht fließend lesen und richtig schreiben können müssen. Das wäre erst das Ziel zum Ende der 2. Klasse.

In der DDR mussten wir zum Ende der 1. Klasse "richtig" lesen und Schreiben können. Auch auf Rechtschreibung und Grammatik wurde von Anfang an geachtet und dies auch benotet - schon in Klasse 1. Wir haben schon in der 1. Klasse Diktate geschrieben (waren dann halt nur 3-4 Sätze, aber die mussten auch richtig geschrieben werden). Ich habe jetzt von einer Kollegin gehört, dass ihr Sohn in der 9. Klasse sein allererstes Diktat geschrieben hat. Der hat noch nie in den vorhergehenden 8 Schuljahren ein Diktat geschrieben :shock: Und das ist kein Einzelfall. In meinem Bekanntenkreis gibt es viele Grundschulen wo "Schreiben nach Gehör" auf dem Lehrplan steht und korrekte Rechtschreibung erst am Klasse 5 gefordert wird...
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Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Fr 16. Okt 2020, 08:45

Diktate gelten didaktisch gesehen als veraltert. Ein durchschnittliches Kind muss viel schreiben und relativ wenig dabei zu lernen. Die Effizienz der gezielten Regelübung ist viel höher. Keines meiner Kinder hat in der Grundschule je einen Diktat geschrieben. Die Tochter hat in der 9. so witzige Diktate geschrieben in denen Wörter wie Paillettentop vorkamen, aber eher halb im Scherz, es wurde nicht benotet. Der Kleiner, 3. Klasse, übt jetzt in der Schule Rechtschreibung mit einem, wie ich finde, guten Rechtschreibheft.

Das Problem der Grundschule sind nicht die Anforderungen, sondern das Verhalten der Kinder. Ich war einen Tag in einer Grundschulklasse einer kapverdianischen Grundschule. Die Kinder schauen dort mit so einer Mischung aus Respekt und Angst zur Professora, dass es ihnen nicht im Traum einfallen würde sich unpassend, frech oder vorlaut zu verhalten. Die Lehrerin hat dabei weder geschrien noch geschlagen, und nicht nur weil ich mit meinen weißen Kindern dort saß. Sie wurde mir von einem Einheimischen empfohlen. Dieser Respekt ist eingeboren.

Bei uns dagegen, und damit meine ich nicht D. allgemein, sondern unsere ganz konrkete Grundschule, kamen schon in der 3. Klasse Fälle vor, dass die Kinder die Lehrer/Hortbetreuer mit Arschloch betiteln. Darauf kommt vielleicht im besten Fall ein Verweis, aber nur bei Lehrer, nicht bei den Hortbetreuer. Zuhause wird es nur abgewunken, und das Kind getröstet: "Armes Kindchen hat ein Verweis gekriegt, die Welt ist so ungerecht!" Ich selber habe zwei Jungs geschimpft, die bei Rot auf der Bahnübergang unter der Schranke mit den Fahrädern gingen. Daraufhin bekam ich eine Antwort, dass Kinder unter 14 nicht strafmündig sind.

Die Lehrerin in der Grunschule verwenden einen Löwenteil ihrer Zeit und Kraft um aus dem Chaos ein halbwegs gut funktionierendes System zu verschaffen. In der 1.-2. Klasse beträgt pro Unterrichtseinheit die tatsächlich Wissensvermittlungzeit 10 Minuten.
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Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon sinus » Fr 16. Okt 2020, 10:28

...ja ich frage mich auch immermal, wie ein hochbegabtes Kind bspw in einem Dorf Nepal zurecht kommt (der Heimat des Vaters meiner Mädels)
Auf meinen Trekkingreisen habe ich mehrmals Schulen gesehen/belauscht. Da wird Stoff noch vorgesagt und die Kinder echoen im Chor.
Sogar Papier und Stifte sind manchmal Mangelware und es gibt laut M. (Vater meiner Kinder) tw Lehrer, die den Kindern an Wissen nicht allzu viel voraus haben.
(weil die Gebildeteren oft das Dorf lieber Richtung Stadt verlassen, bleiben eher die Ungebildeten zurück)
Allerdings haben sie früh schon mehrere Sprachen und 2 Schriften zu managen. Meist die Sprache der eigenen Ethnie (bspw Sherpa), dann nepalesische (mit Davangari Schrift wie in Indien) und recht früh auch schon Englisch in Wort und Schrift.

M. hat damals schon in der 8. Klasse die Schule verlassen, weil zu der Zeit die Maoisten die Schulen für politische Zwecke nutzen bzw "Freiheitskämpfer" dort rekrutieren und er und seine Eltern das nicht wollten.
Er hat sich dann als Porter (hierzulande fälschlicherweise "Sherpa" genannt) durchgeschlagen und so nebenbei etwas englisch gelernt, hatte dann das Glück, einen Touristen als Sponsoren zu finden, der ihm als er so 18/19 war 1 Jahr Englischunterricht + Kost und Logie in Kathmandu finanzierte, damit er weiterkam und so konnte er sich letzten Endes bis zum eigenen Trekkingunternehmen hocharbeiten.
Seine Kinder dort (noch zwei Mädchen) gehen jetzt in der Hauptstadt auf mittelgute Privatschulen. Ab 4 Jahren lernen sie da dann schon Lesen, Rechnen und Englisch. Aber auch eher auf "altmodische" Art.
Seine Frau stammt aus demselben Dorf wie er, aus einer Lama Familie. Also aus gutem Hause für dortige Verhältnisse. (Vergleichbar mit der Pastorenfamilie früher hier)
Sie hat auch die Schule abgeschlossen und eine Art Ausbildung in Kathmandu gemacht. Aber sie arbeitet nicht und hat/hatte das auch nicht vor.
Sie ist nur zu Hause und versorgt die Kinder. Sie ist soweit ich weiß vor allem froh, nicht im Dorf zu leben (wo man noch von Ackerbau und Viehzucht und erst seit wenigen Jahren zumindest tw mit Strom lebt), vielleicht wollte sie vor allem deswegen unbedingt M. heiraten (die Initiative ging wohl von ihr aus) - obwohl Kathmandu eigentlich auch nur ein schmutziger Moloch ist. (ich würde dort nur ungern Kinder aufwachsen lassen)
Der Schwester von M. hab ich damals ein paar Jahre lang die Schulbildung bezahlt. Bis sie dann doch - sehr zum Verdruss von M., der sich immer dafür eingesetzt hat, dass sie die Schule beendet und vielleicht Krankenschwester oder sowas wird - mit 17 geheiratet hat. Seitdem ist sie Hausfrau und Mutter.
Ich bin gespannt, welchen Weg die Halbschwestern meiner Mädchen gehen. Clever scheinen auch sie zu sein, aber ein emanzipiertes weibliches Vorbild haben sie ja nicht so richtig in der Familie...

(Sorry für den Exkurs mal wieder abseits vom Thema, war grad in Plauderlaune und hänge gedanklich grad noch dem Buch über Frauengeschichten nach)
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Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon Katze_keine_Ahnung » Fr 16. Okt 2020, 10:50

@sinus

Kinder auf Kapverden waren generell fröhlicher und glücklicher als die Deutschen. Obwohl dort Kinderschlagen ganz normal ist, kaum was zu Essen gibt, Wasser eine extreme Mangelware ist und eine gebrauchte Jungenhose aus USA auf dem Markt 10 Dollar kostet. Ich will keinesfalls Schlagen loben, aber diese Kinder haben einerseites einen ganz festen Rahmen in dem sie sich bewegen. Sie wisssen, dass sie mit Erwachsenen keinesfalls gleichrangig sind. Das tut ihnen gut. Auf der anderen Seite haben sie zwar kein Spielzeug, dafür relativ viel Freiheit. Sie gehen auf den Bolzplatz und können einen Tag lang einem Ball nachjagen. Wenn sie genug haben, dann gehen sie im Meer schwimmen, spirngen von den Klippen ins Wasser oder liegen einfach müde in der Sonne. Mit Sicherheit ist das Leben dort schwer, und die Eltern dieser Kinder haben viele Sorgen, wie sie die Kinder überhaupt über die Runden bringen, und vor Drogen und Gewalt bewahren. Aber diese Eltern bürden den Kindern keine Demokratie, die sie nicht Tragen können, keinen Schulstoff für den den ganzen Nachmittag nötig ist, und kein Programm, das noch danach folgt. Ich vermute, dass es in den städtischen Gegenden in Nepal ähnlich funktioniert. Selbst wenn Kinder arbeiten, fühlen sich sich nützlich und wichtig, und selbst das gibt ihnen ein Stück Selbswertgefühl. Kinder, die in der Schule hocken, fragen sich dagegen oft, wozu das überhaupt gut ist...
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Re: Beschäftigung im Unterricht

Beitragvon sinus » Fr 16. Okt 2020, 11:24

Katze_keine_Ahnung hat geschrieben:@sinus

Kinder auf Kapverden waren generell fröhlicher und glücklicher als die Deutschen. Obwohl dort Kinderschlagen ganz normal ist, kaum was zu Essen gibt, Wasser eine extreme Mangelware ist und eine gebrauchte Jungenhose aus USA auf dem Markt 10 Dollar kostet. Ich will keinesfalls Schlagen loben, aber diese Kinder haben einerseites einen ganz festen Rahmen in dem sie sich bewegen. Sie wisssen, dass sie mit Erwachsenen keinesfalls gleichrangig sind. Das tut ihnen gut. Auf der anderen Seite haben sie zwar kein Spielzeug, dafür relativ viel Freiheit. Sie gehen auf den Bolzplatz und können einen Tag lang einem Ball nachjagen. Wenn sie genug haben, dann gehen sie im Meer schwimmen, spirngen von den Klippen ins Wasser oder liegen einfach müde in der Sonne. Mit Sicherheit ist das Leben dort schwer, und die Eltern dieser Kinder haben viele Sorgen, wie sie die Kinder überhaupt über die Runden bringen, und vor Drogen und Gewalt bewahren. Aber diese Eltern bürden den Kindern keine Demokratie, die sie nicht Tragen können, keinen Schulstoff für den den ganzen Nachmittag nötig ist, und kein Programm, das noch danach folgt. Ich vermute, dass es in den städtischen Gegenden in Nepal ähnlich funktioniert. Selbst wenn Kinder arbeiten, fühlen sich sich nützlich und wichtig, und selbst das gibt ihnen ein Stück Selbswertgefühl. Kinder, die in der Schule hocken, fragen sich dagegen oft, wozu das überhaupt gut ist...



Ja, mag sein. Aber es hat alles zwei Seiten... In Nepal werden bspw immernoch Kinder "verkauft", weil man sie nicht ernähren kann bzw damit sie Geld verdienen. Da arbeiten Mädchen dann mit 8-10 Jahren schon bei anderen Familien als Magd (und leben fern der eigene Familie) und auch kleine Jungen sind in der Saison schon wochenlang als Arbeiter in den Gegenden, wo es was zu verdienen gibt.
In so manchen Dörfern weiß man noch nichtmal was von der Schulpflicht, die es in Nepal nun auch schon ein paar Jahre gibt.
Und wie es Kindern ergeht, die anders ticken bzw mehr wollen als der Durchschnitt weiß man auch nicht...
Wobei M. sich ja bspw auch ziemlich rausgekämpft hat - seine Eltern sind Ackerbauern mit ein bisschen Vieh und beide Analphabeten und haben soweit ich weiß bis heute noch keinen Strom in ihrem Lehmhaus.
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