Weiberhaushalt hat geschrieben:
Ich muss auch gestehen, dass ich momentan auch erst anfange, mich damit zu arrangieren, wie mein Leben so verläuft. Ich hinke noch hinterher.......und mir wurde jahrelang unterstellt ich hätte die Kinder so "gemacht". Also das ja quasi irgendwas was ich getan habe dafür gesorgt hat, dass sie so sind. Ich entdecke jetzt erst, dass manches gar nicht so untypisch ist und nicht ich Schuld bin. Ich muss nur noch lernen damit umzugehen. Und nicht sofort an ein Versagen meinerseits denken.
Es ist ganz, ganz wichtig, wirklich zu erkennen, dass unsere Kinder eben so sind, wie sie sind und (bis auf Ausnahmen im Extrem-Bereich) nicht aufgrund von "richtiger" oder "falscher" Erziehung so geworden sind. Das Schlimme an unserer Gesellschaft sind die Normen für alles und jedes. Leider auch dafür, wie sich Kinder (oder auch Erwachsene) in einem bestimmten Alter "zu verhalten haben".
Erich Fromm ist einer meiner Lieblingsautoren. Im Buch "authentisch leben" beschreibt er diese gesellschaftlichen Erwartungen als "anonyme Autorität". Wörtlich heißt es:
Wie aber sieht die anonyme Autorität heute aus? Sie ist der Markt, die öffentliche Meinung, der gesunde Menschenverstand, das, was, alle tun, der Wunsch, sich nicht von anderen zu unterscheiden, und die Angst, drei Meter von der Herde entfernt ertappt zu werden. Jeder lebt dabei in der Illusion, er handle aus eigenem, freien Willen. In Wirklichkeit aber macht er sich über nichts so viele Illusionen wie über sich selbst.
Genau diese Worte kann man 1:1 darauf umlegen, welches Verhalten von einem "normalen" Kind erwartet wird. Dabei spielt gar nicht so viel Rolle wie viel oder wenig Trotzphase dem Kind zugestanden wird oder mit welchem Alter diese überwunden sein sollte. Es ist vielmehr so, dass leider sehr viele Menschen glauben, zu wissen, wie sich ein Kind zu verhalten habe, weil SIE SELBST als Kinder in strenge Verhaltens-Korsetts gepresst wurden.
Und so, wie Du Deine Töchter beschreibst, ist natürlich vorprogrammiert dass genau DIESE Menschen irgendjemand brauchen, der schuld an so einem "schwierigen" Verhalten sein muss.
Was ich sehr gut verstehe ist, dass du dich erst damit arrangieren musst, wie dein Leben jetzt läuft. Mir geht es genauso obwohl ich es allein dadurch leichter habe als du, weil ich in einer funktionierenden Beziehung lebe. Aber natürlich fällt mir immer wieder auf dass meine beiden Kinder in vielerlei Hinsicht schwieriger und "anders" sind als andere.
Koschka hat geschrieben:
Nur Menschen, die ein-zwei komplett unproblematische Kidner haben belächeln andere Eltern, und schieben alles auf die Erziehungsprobleme. Spätestens beim 3. Kind kommt man auf die Idee, dass Erziehung an sich stark überbewertet ist und das Kind so durchs Leben geht, wie es auf die Welt kam... Veilleicht mit kleinen kosmetischen Veränderungen, die eher schon im vernünftigen Alter anerzogen wurden.
Das sehe ich ganz genauso

!
Abgesehen davon gibt es auch noch Menschen (mMn gar nicht so wenige), die einfach so tun, als gäbe es bei ihnen keine Probleme mit den Kindern, tatsächlich schaut es aber ganz anders aus. Da ist mir schon lieber ich gehöre zu denen, die einmal zuviel jammern, als in der Vorstellung zu leben keine dürfe durchschauen dass ich manchmal schlichtweg überfordert bin.
Weiberhaushalt hat geschrieben:Wie seid ihr denn immer damit umgegangen, als ihr festgestellt habt, dass eure Kinder hb sind? Ich hab immer dieses Beürfnis, das alles "kleinzureden". Ich hab ja auch lange gedacht, das verwächst sich alles....so als wäre man Angeber, wenn man damit anfängt, dass sie schlauer oder weiter sind. Geht ihr alle damit ganz offen um?
Da ich selbst HB bin und meine Eltern nach dem Motto "Reden wir nicht viel drüber und vielleicht verwächst es sich ja noch" damit umgegangen sind, suche ich bewusst einen anderen Weg. Denn dadurch, dass ich erst Jahre später erfahren habe, dass schon beim Einschulungstest meine Hochbegabung erkannt worden ist, habe ich leider viele Jahre die Schuld dafür, dass "etwas mit mir nicht stimmt" auf mich genommen. Und dann, als ich mit 14 oder 15 selbst draufgekommen bin, dass ich HB bin (habe einen Selbsttest aus einem Buch gemacht) kippte ich in das andere Extrem und fühlte mich lange wie ein unverstandenes, ausgestoßenes Genie.
Jetzt, mit 44, habe ich mit mir und meinen Schwächen und Gaben Frieden geschlossen. Ich bin nicht mehr bereit mir ausreden zu lassen, meinen Mitmenschen in vielen Punkten weit voraus zu sein. Umgekehrt kenne ich aber auch meine Schwächen und brauche mich dafür weder schämen noch rechtfertigen - genausowenig wie für meine Gaben

.
Ich habe bei meinem älteren Sohn kein Testergebnis in Form eines Zahlenwertes, aber in der Entwicklungsdiagnostik war er in allen Bereichen "überdurchschnittlich" oder "außergewöhnlich überdurchschnittlich". Empfohlen wurde übrigens dringend langfristige Psychotherapie

. Mein Sohn gehört zum Untertyp "Rampensau" und daher fallen seine Begabungen allgemein auf.
Vergangenes Wochenende war ich mit ihm campen (Mama-Sohn-Wochenende) und dort hat mein 5jähriger einer Gruppe Jugendlicher aus seinem Buch "Pixi Wissen Haie" vorgelesen und deren Wissensfragen beantwortet. Die Jugendlichen konnten ihn weder mit einem "do you speak english?" noch mit der Frage "Welche Kontinente gibt es?" in Verlegenheit bringen und natürlich hatten sie ihren Spaß mit meinem Sohn. Erst die Frage "Wie sieht es in einem Atomkern aus?" konnte er nicht beantworten. Heißt im Klartext - ich brauche im Normalfall nicht erwähnen dass mein Sohn sehr klug ist - es fällt auch so auf. Und warum sollte ich das, was er tatsächlich KANN oder WEISS (und auch zeigt) kleinreden?
Großsohn liebt es, im Mittelpunkt zu stehen und auf Grund seiner Fähigkeiten und Kenntnisse bewundert zu werden. Alles, womit er sich irgendwie wichtig machen kann, bringt er zur Sprache. Da ertappe ich mich manchmal dabei, dass mir das unangenehm ist, vor allem wenn er zum x-ten Mal laut rausposaunt "Mein kleiner Bruder ist gehörlos!". Dabei will ich die Behinderung des Kleinen nicht verheimlichen, es ist kommt nur irgendwie so ... prahlerisch ... rüber, wie mein Großer damit umgeht.
Schwierigkeiten hat Großsohn dort, wo sein Können und seine Art nicht auf unverhohlene Bewunderung stoßen bzw. wo einfach nur Anpassung erwartet wird und er einer von vielen ist (z.B. im Kindergarten). Dabei hat er dort durchaus seine Freundinnen und Spielkameradinnen (er bevorzugt nach wie vor Mädchen) und ist in der Gruppe gut integriert. Da ist mir aber bewusst dass das durchaus an den sehr engagierten KindergärtnerInnen dort liegt.
Auch Kleinsohn (3) fällt durch buchstabieren und zählen schon auf, obwohl er nur Gebärdensprache kann. Neulich wurde ich von einer seiner Kindergärtnerinnen angesprochen dass er vielleicht hochbegabt sein könnte

. Da kann man aber mMn noch nicht wirklich viel sagen weil wegen der Behinderung viele andere Dinge (noch) nicht altersgemäss sind.
Ich gehe daher ganz natürlich damit um, wenn jemand darüber staunt, was meine Kinder schon alles machen bzw. können. Da kann durchaus ein "Ja, er ist ein wirklich schlauer Bub" dabei sein. Ich empfinde die Einstellung, dass Eltern alle Fähigkeiten eines Kindes groß hervorheben "dürfen", überdurchschnittliche Intelligenz aber möglichst verstecken sollten, als extrem ungerecht.
Wenn ein 6jähriges Kind am Fußballplatz in einem Match 3 Tore geschossen hat und der Vater dieses Kindes sagt "Naja, so besonders gut kann er/sie nicht Fußball spielen. Er/sie hat einfach nur Glück gehabt und die Gegner waren auch sehr schwach. Beim nächsten Match trifft er/sie sicher nicht so oft!" - wie wäre dann die Reaktion der anderen Eltern? Wahrscheinlich würden sie nicht verstehen dass der Vater nicht stolz auf sein Kind ist und dessen (ehrliche) Leistung würdigt. Warum glauben dann Eltern von klugen Kindern so oft, die Schwächen in den Vordergrund rücken zu müssen und so tun zu müssen, als wäre das Kind ohnehin ganz "normal".
Neider gibt es sowieso! Auch dann, wenn man schweigt oder die Leistunden des eigenen Kindes sogar kleinredet! Und auch diejendigen, die glauben, man sei eine Eislaufmutter und würde ständig mit dem Kind irgendetwas üben und ihm damit die Kindheit rauben, muss es leider geben. Aber GsD ist das wirklich nur ein kleiner Teil der anderen Eltern. Und ganz ehrlich - sind DAS wirklich die Personen, mit denen DU zu tun haben willst und deren Meinung für dein Leben bedeutend ist

?