Momo hat geschrieben:Ich finde dieses Schulthema so wichtig, weil es ganz klar die Persönlichkeit, das Selbstgefühl und die Gesamtentwicklung unserer Kinder prägen wird. Da kann ich mich nicht einfach einfügen und das System hinnehmen. Da will ich mich auseinandersetzen und beschäftigen. Allein das würde in der Masse schon extrem viel bewirken, oder? In Berlin gibt es eine große und immer größer werdende Elternschaft, die ähnlich denkt wie ich. Die Privatschulen mit alternativen Lernformen erleben einen absoluten Run, die Wartelisten sind ellenlang. Der Wunsch sehr vieler Eltern ist groß, ihren Kindern eine bereichernde und erfüllende Schulzeit zu ermöglichen.
Glaubst du wirklich dass eine immer größer werdende Elternschaft so denkt wie du, nur weil du einen Run auf Privatschulen mit alternativen Lernformen beobachtest? Die Motive, sein Kind in so eine Schule zu geben sind mMn so unterschiedlich, wie die Menschen selbst.
Ich staune selbst immer wieder wie viele Menschen sich an anderen orientieren und die Schulwahl ihrer Kinder z.B. danach richten, in welche Schule die Kinder der Nachbarn gehen oder was gerade "in" ist. Und dann ist die Klientel für Privatschulen ja meistens ziemlich begütert. Da können durchaus auch Prestigegründe bei der Schulwahl mitspielen.
Letztendlich geht es aber den meisten Eltern gar nicht um eine Änderung des "System Schule" sondern lediglich um das Wohl der eigenen Kinder. Die ganzen schönen, alternativen, "freien" Schulformen, auf die gerade ein Run herrscht, sind auch (nicht nur!) eine Zeitgeisterscheinung und die Folge von Angebot und Nachfrage. Wenn freie, alternative Schulformen gefragt sind und Eltern dabei nicht auf die Kosten schauen (müssen) werden sich solche Schulen entwickeln. Wie beispielgebend diese Schulen für das staatliche System sein werden steht auf einem anderen Blatt Papier. Für mich ist es eher ein Schritt in Richtung 2-Klassen-Gesellschaft.
Abgesehen davon ist eine Schule nicht allein aufgrund von alternativen Unterrichtsmethoden "besser" als eine, die klassischen Frontalunterricht bietet. Und es gibt auch Kinder, die wesentlich besser mit klaren Vorgaben zurechtkommen als mit Selbstentscheidung in allen Bereichen.
Solange die Unzufriedenheit mit staatlichen Schulen groß ist wird auch die Nachfrage nach "besseren" Privatschulen groß sein. Und da Eltern (wie auch Kinder) verschieden sind, werden durch diese Nachfrage sowohl die klassischen Privatschulen (mit Konkurrenzdenken und Leisungsdruck) als auch "neue" Privatschulen mit alternativen Lernmethoden gefragt sein.
Daher glaube ich nicht, dass der Großteil der Eltern, die du ansprichst, tatsächlich bereit ist, für eine allgemeine Verbesserung der Schulen zu kämpfen. Den meisten geht es darum für die eigenen Kinder den Weg zu finden, der ihnen am besten erscheint. Wer also den finanziellen Background hat, sich eine gute Privatschule für sein Kind auszusuchen, wird vielleicht noch manchmal auf die staatlichen Schulen schimpfen, aber nichts zur Änderung des Systems beitragen oder unternehmen. Und wer es sich nicht leisten kann seine Kinder privat beschulen zu lassen hat meistens nicht die Voraussetzungen um so einen Kampf zu führen.
Trotzdem bin ich zuversichtlich dass auch hier "etwas weitergeht". Ich merke z.B. in meiner Heimatstadt Wien, was es ausmacht, wenn für Kindergärten richtig viel Geld in die Hand genommen wird. Wenn ich hier im Forum von den Zuständen in manchen deutschen Kindergärten lese komme ich mir vor wie auf einer Insel der Seeligen. Soziale Unterschiede lassen sich damit zwar nicht abschaffen, aber minimieren. Das verpflichende Kindergartenjahr vor Schuleintritt bewirkt außerdem gerade bei sozial schwachen Familien (teilweise mit Migrationshintergrund) eine deutliche Verbesserung der Sprachkenntnisse der Kinder bei der Einschulung. Es gibt also durchaus Entwicklungen in die richtige Richtung, wenngleich natürlich noch viel zu tun ist.
Warum soll es nicht mit der Schule genauso sein? Es braucht keine riesige Eltern-Lobby um unser Schulsystem zu verbessern. Es reichen einige kluge, engagierte Personen unter allen beteiligten Gruppen: Eltern, Lehrer, Schulleitung und Politiker und guter Wille. Wenn 90% der Menschen der Meinung sind, am System können man ohnehin nichts ändern dann ist von diesen Personen auch nicht viel Widerstand zu befürchten wenn einige wenige sich zusammentun um DOCH etwas zu ändern.