charlotte12 hat geschrieben:Eine Freundin von mir gibt bei Bewerbungen ihre MS nicht mehr an. Sie wollte offen damit umgehen, nach x Absagen änderte sie ihre Meinung. Es gab sogar Seminare zum Thema, bei denen wohl klar geraten wurde, die Diagnose nicht anzugeben. Was raten denn Selbsthilfegruppen u.ä, zum Thema Asberger Autismus plus "Bewerbung" - offener Umgang oder lieber verschweigen?
Es ist ein Unterschied ob ich als Erwachsene für mich selbst entscheide, was ich preisgebe, oder ob die Sache mein Kind betrifft. Ich habe meine ADHS bei Bewerbungen auch nie angegeben und würde das auch nicht tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich wegen der ADHS mehr Fehlstunden habe oder schlechtere Leistungen bringe, ist gering. Das kann ich selbst aber besser einschätzen als jeder andere. Und wenn ein Dienstgeber mit meiner Art nicht zurecht kommt wird er es ohnehin thematisieren. Wie offen mein Sohn später, wenn er mal einen Job sucht, mit seinem Autismus umgehen will, soll er natürlich auch selbst entscheiden.
Nur JETZT ist er ein Kind und kann diese Entscheidungen noch nicht alleine treffen. Ich empfinde es als starken Widerspruch, wenn man nach Jahren Suche ENDLICH weiß, was die Ursache dafür ist, dass sich das Kind oft "anders" oder "falsch" fühlt, man dann als Eltern dem Kind vermittelt, dass es schon okay ist, wenn es Autist ist und auf der anderen Seite das Kind dazu anhalten muss, es ja nicht weiterzuerzählen und es auch vor der Schule (wo das Kind ja in den nächsten 8 Jahren fast täglich sein wird!) geheim zu halten.
Oder meinst du, dass man es zuerst mal geheim halten sollte, bis das Kind eine fixe Zusage hat und dann kommt man zum Direktor und mein "Ach ja, und mein Kind hat ADHS und ist außerdem Asperger Autist! Habe ich nur zu erwähnen vergessen!". Sorry, aber da käme ICH mir als Direktor schlichtweg überrumpelt und betrogen vor! Und ich glaube nicht, dass das meinem Kind in irgend einer Weise hilfreich ist!
Alternative wäre, es die ganze Zeit geheim zu halten. Dann bekomm das Kind seine vielleicht dringen benötigten Hilfen (Schulbegleitung, Nachteilsausgleiche, Turnbefreiung, Schulungen für die Lehrer in Richtung ASS,...) nicht, und muss sich dann halt durchwursteln?
Deine Frage, was Selbsthilfegruppen raten, befremdet mich ziemlich. Du warst noch nie länger in einer Selbsthilfegruppe, oder? Dort gibt es Menschen, die in einer ähnliche Lage sind wie du selbst (z.B. ein autisitsches Kind haben), und die dort mitteilen, was sie so erleben und erzählen, was sie tun und warum. Aber es gibt niemals eine generelle Empfehlung, was "man" in Situation xxx tun sollte.
Wer sollte mir auch raten, wie ICH mit der Behinderung MEINES Kindes umzugehen habe? Andere Eltern von anderen behinderten Kindern? Ich rate anderen auch nichts. Wenn sich jemand aus meinem Erfahrungsschatz war mitnehmen will, was er dann selbst anwendet, ist das natürlich okay und es freut mich auch. Dazu sind Selbsthilfegruppen ja da. Das sind Begegnungen auf Augenhöhe, wo jeder dem anderen zugesteht, seine eigenen Erfahrungen zu machen, nach den eigenen Werten zu leben und eigenständige Entscheidungen zu treffen.
Klar kann man wer sagen "Ich an deiner Stelle würde,..." aber das ist nichts anderes als wenn das z.B. wer hier im Forum sagt - eben eine Einzelmeinung.
Die Dame von der Bildungsdirektion (früher: Stadtschulrat) mit der ich heute das Gespräch hatte, hat übrigens dringend zur Offenheit mit der Diagnose geraten, weil man so viel leichter Barrieren (unbegründete Ängste der Direktoren und der Lehrerschaft) durch gezielte Gespräche und Schulungen abbauen kann und weil sie nur dann die Möglichkeit haben, Kind und Lehrer engmaschig zu unterstützen, wenn auch bekannt ist, wo genau die Schwierigkeiten liegen bzw. liegen könnten.