charlotte12 hat geschrieben:Für deinen jüngeren Sohn ist das geschriebene Deutsch ja praktisch eine Fremdsprache. Wäre da nicht ein ähnlich systematischer Ansatz sinnvoll wie für hörende Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen? Gibt es nicht auch im Deutschen so wie in anderen Sprachen feste Regeln und unregelmäßige Verben, die man extra lernen muss? Warum soll ein gehörloses Kind Deutsch nicht ebenso gut lernen können wie Menschen mit anderer Muttersprache? Vielleicht ist meine Frage komplett dumm -ich habe keinerlei Erfahrung mit gehörlosen Kindern, hatte mich das nur bei deinen Beiträgen immer wieder mal gefragt.
Deine Frage ist nicht dumm. Nur lernt ein Großteil der Menschen Sprache über das hören. Im Beispiel "Du badest im See" wissen hörende Kinder, dass es nicht "Du badst" heißen kann, weil die das noch nie so gehört haben. Ähnlich ist es bei Mehrzahlbildung. Wenn die Mehrzahl von "der Apfel" "die Äpfel" lautet, warum ist dann nicht die Mehrzahl von "der Uhr" logischerweise "die Ühr"? Für hörende Menschen schlichtweg, weil es sich ungewohnt anhört. Und für anderssprachige Menschen mit der Zeit einfach nur, weil sie es noch nie so gehört haben.
Logik gibt es kaum. Es gibt männliche, weibliche und sächliche Artikel. Warum hat der Stuhl den männlichen Artikel obwohl er eine Sache ist und das Mädchen, welchesdoch klar weiblich ist, hat den sächlichen Artikel? Wenn es "die Susi" und "der Kuchen" heißt, warum ist dann der Satz "Ich gebe die Susi der Kuchen." falsch?
Wenn man eine Sprache immer wieder (korrekt gesprochen, versteht sich) hört, entwickeln die Menschen ein Gefühl dafür, was richtig und falsch ist.Das muss nicht in der direkten Konversation sein, auch Lern-DVDs, Filme oder Nachrichtensendungen erfüllen diesen Zweck. Aber dieser Informationskanal fällt bei Gehörlosen komplett weg.
Lesen ist mit hören da nicht vergleichbar. Wenn ein Gehörloser einen längeren Text liest konzentriert er sich auf den Inhalt, den er versteht, weil er weiß, dass etliche Wörter dieselbe Bedeutung haben.Die Konzentration ist auf dem Inhalt, wenn man da lange nachdenken würde, warum hier "rief" und da "gerufen" steht, würde man entweder wuggy oder nie fertig werden.
In Gebärdensprache gibt es nur die Nennform, keine Artikel und keine Füllwörter und es ist trotzdem eine vollwertige Sprache. Da der Gebärdenraum dreidimensional genutzt werden kann (so werden z.B. Zeiten wie Vergangenheit odet Zukunft dargestellt) und mehrere Gebärden zu einer anderen kombiniert werden können (Inkorporation), ist wirklich nichts mit gesprochener Sprache vergleichbar.
"Ich fahre mit dem Bus in die Schule." heißt z.B. ICH -BUS-SCHULE. " Da sich das "fahren" aus dem Kontext ergibt, wird es weggelassen. "Ich bin mit dem Bus in die Schule gefahren." bedeutet ICH-BUS-SCHULE-FERTIG. Und "Ich werde morgen mit dem Bus in die Schule fahren" wird gebärdet MORGEN-ICH-BUS-SCHULE.
BEI anderen Personen z. B. er oder wir ändert sich nur ein einziges Wort. Wenn du dir nur die Möglichkeiten dieses einen Satzes mit allen persönlichen Fürwörtern und in allen Zeiten vorstellst, weißt du, wie schwer das ist.
Mein Sohn hat ein gutes Wortbildgedächtnis und kennt den passenden Artikel für den 1.Fall der meisten üblichen Wörter (wobei er bei Mädchen auch in Einzahl stur auf "die" beharrt

), aber das mit den Fällen, wo aus DIE plötzlich DER wird, versteht er einfach nicht.
Darum liebt mein Sohn ja Mathe, weil alles so schön logisch ist

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