Rabaukenmama hat geschrieben:
Auch wenn ich freie Schule grundsätzlich für ein gutes Konzept halte (sofern es richtig umgesetzt wird) glaube ich nicht, dass es für ALLE Kinder die Ideallösug ist. Allein durch die Tatsache, dass keiner in der Klasse bleiben muß, entsteht in einer offenen Schulklasse eine gewisse Unruhe. Und wenn - wie in der Schule meines Sohnes - ca. 20 Kinder individuelle Aufgaben bekommen ist auch immer ein leichter Lärmpegel da wenn die Lehrer einem Schüler was erklären. Die meisten Kinder können das locker "ausblenden", aber nicht alle. Auch habe ich sehr wohl Kinder kennengelernt, die eben NICHT von sich aus vielseitig interessiert und experimentierfreudig sind und einfach leichten Druck BRAUCHEN um sich an was "Neues" heranzutrauen.
Liebe Rabaukenmama, ich habe lange über diese Frage nachgedacht. Brauchen Kinder wirklich Druck um sich für Themen zu interessieren oder um zu lernen? Oder ist dies nur eine Folge von einem nicht konstruktiven Umgang mit einem Kind, wenn ihm z.B. nichts zugetraut wird, wenn Dinge erwartet werden, wenn dem Kind nicht vertraut wird? Wenn das Kind also nicht frei lernen darf und somit die Motivation verliert und zwangsläufig Druck braucht? Wenn wir ganz junge Menschen anschauen- brauchen sie Druck, um zu Entdecken, Laufen und Sprechen zu lernen? Passiert dies nicht ganz von alleine und aus eigener Motivation? Natürlich zu unterschiedlichen Zeitpunkten, denn jeder Mensch ist verschieden, aber jedes Kind beginnt damit. Warum sollte sich dies ändern, wenn ein Kind 6 Jahre oder älter ist? Ganz im Gegenteil ist es ja z.B. erwiesen, dass Kinder, die ständig beim Sprechenlernen korrigiert werden, langsamer lernen, oder sogar beginnen, zu stottern. Oder das Kinder, die beim Laufenlernen gehalten und gestützt werden, unsicherer laufen. Warum sollte dies beim Schulkind anders sein?
Ich gebe Dir recht, dass einige Kinder vielleicht mehr Führung brauchen als andere. Oder mehr Ruhe beim Lernen. Hier könnte es unterschiedliche Schulmodelle geben, die aber ebenso das eigenständige Lernen und den gleichwürdigen Umgang umsetzen und pflegen. Auch in diesen Schulen sollte kein künstlicher (Leistungs-) Druck erzeugt werden, auch hier sollten jungen Menschen nicht beurteilt werden und als gute und schlechte Schüler abgestempelt werden auch hier sollten sich die Kinder frei entfalten dürfen!
Rabaukenmama hat geschrieben:
Nicht zuletzt ist "freie Schule" ein schwieriger Platz für Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Wenn zu Hause "du hast nichts zu melden, ich bin der Chef!"-Mentalität herrscht ist es sehr schwer für solche Kinder, in einer gleichwürdigen Schule "ihren" Platz zu finden. Diese Kinder kennen nur unterdrücken oder unterdrückt-werden. EIN solches Kind in der Klasse ist schon schwierig genug zu integrieren, sind es zwei oder mehrere kann ich mir vorstellen dass die Lehrer davon so in Anspruch genommen werden, überhaupt für eine halbwegs friedliche Stimmung zu sorgen, dass die Qualität des Unterrichts leidet. Denn Unterricht findet ja auch in freien Schulen statt, die Lehrer sind offen für Fragen, regen zu selstständigem probieren an, usw. Aber das alles braucht Zeit und Geduld.
Das stimmt wahrscheinlich, es sind zwei Welten, doch es sollte kein Hinderungsgrund dafür sein, andere Lernmodelle, und zwar flächendeckend möglichst viele, für Kinder anzubieten. Auch wenn Kinder dann in unterschiedlichen Welten leben, so erleben sie dann wenigstens in der Schule einen kindgerechten Umgang. Die Vorstellung ist doch furchtbar, dass ein Kind, welches in einer autoritären Familie aufwächst, keinen anderen Umgang kennenlernen darf. So wird sich nie etwas ändern, denn dieses Kind wird als Erwachsener genauso autoritär mit seinen Kindern umgehen. Wenn dieses Kind jedoch zumindest in der Schule einen gleichwürdigen Umgang erfahren durfte, besteht zumindest die Möglichkeit, dass dieser Mensch mit seinen späteren Kindern achtsam umgeht, oder?
Koschka hat geschrieben:
ich glaube vielen Eltern wäre es ganz Recht, wenn die Kinder sanft und ohne Druck in einer freien Umgebung den gleichen Wissensstand und die gleichen Fertigkeiten wie die meisten Kinder in der Regelschule erlernen würden. Aber so geht das nicht. Verzichte ich aufs Üben, werden die Fertigkeiten schlechter trainiert und ungeliebte Themen werden gar nicht erst angeschnitten. Somit ist die freie Schule nicht gleichwertiger, sondern ein alternativer Weg, der den Kindern einerseits einige zusätzliche Möglichkeiten beschert, andererseits aber einige Türe schließt. Das blödste ist, dass das Fehlen der perfekten Abiturs dann den Weg zum Traumberuf versperen kann.
Liebe Koschka, die Kinder Freier Schulen haben im Notenschnitt gleichwertige (Abitur-) Prüfungen. Sie sind weder besser noch schlechter (es gibt unterschiedliche Studien, die dies belegen). Der Unterschied ist, dass die Kinder Freier Schulen mit Eigenmotivation gelernt haben und aus ihrem Schulalltag sehr viel mehr als reines Wissen mitgenommen haben. Sie haben sich täglich viele Stunden im Dialog miteinander auseinandergesetzt. Haben das gesamte Spektrum der menschlichen Gesellschaft kennengelernt, alle Licht- und Schattenseiten. Natürlich gibt es auch in Freien Schulen "schwierige Kinder". Kinder, die schlechte Erfahrungen gemacht haben oder die in Regelschulen nicht klargekommen sind. Das ist nicht nur Bullerbü- überhaupt nicht! Doch diese Kinder setzen sich täglich ersthaft miteinander auseinander, Konflikte werden von den Lernbegleitern begleitet, Projekte unterstützt und viele viele Freundschaften geschlossen. Das ist das Leben, das ist das, was wir brauchen, um uns zu glücklichen Menschen zu entwickeln und im Leben gut klarzukommen. Übrigens erwarte ich überhaupt nicht, dass meine Tochter Abitur macht. Vielleicht will sie gar nicht studieren? Vielleicht hat sie ganz andere Pläne? Ich habe mein Abitur letztendlich auch nicht gebraucht, da ich nicht studiert habe. Warum gehen wir alle davon aus, dass ein Abitur soooo wichtig ist? Wichtig ist, dass ein junger Mensch das macht, auch beruflich, was ihm Freude macht- dafür braucht man nicht zwingend ein Abitur! Und auch hier gibt es Studien die belegen, dass vor allem angepasste, brave Mädchen spätestens mit 40 Jahren krank werden und höchst unglücklich sind. Was wünschen wir uns für unsere Kinder? Ist nicht das allerwichtigste, dass sie ein glückliches Leben führen dürfen? Zählt die Kindheit nicht als wichtiges Fundament dazu?
Koschka hat geschrieben:
ich betreibe ja selbst einigermaßen freie Schule und sehe die Vorteile und die Nachteile. Wer sich nicht organisieren kann, kann es in der freien Umgebung noch weniger als in der befestigten.
Kinder lernen meiner Meinung nach wirklich Organisation erst durch Freiheit. Ansonsten
werden sie organisiert.
Koschka hat geschrieben:
Wer keine Motivation hat von alleine sich durch die schweren Brocken durchzubeißen, der macht es ohne Druck noch weniger.
Kinder, die keine Lust haben, sich durch schwere Brocken durchzubeißen, würden es zähneknirschend (vielleicht) mit Druck machen. Doch was würde dies bringen?? Meinst Du, ein mit Druck gelerntes Wissen wird wirklich behalten? Oder dient es nur der Erfüllung eines Lehrplans? Nach dem Motto- ok, Haken darunter- kann wieder vergessen werden? Wozu das Ganze?
Koschka hat geschrieben:
Aktuell habe ich das Gefühl, dass meine Kinder, sollten sie die absolute Freiheit haben, nur Romane lesen würden. Reicht das aus, um sich zu bilden? Ich glaube nicht.
Ja, vielleicht würden sie im Moment viele Romane lesen. Doch ganz abgesehen davon, dass es in einer Zeit wieder ganz anders aussehen kann, würden Deine Kinder auch beim Lesen von Romanen unglaublich viel lernen, oder? Grammatik, Satzbau, Gefühl für Sprache, Rechtschreibung, Aufbau eines Romans etc. etc. Vielleicht würde dies dazu führen, dass Deine Kinder selbst anfangen würden, Geschichten zu schreiben. Dann würden sie dies eine Zeit lang tun. Vielleicht würden sie dann selbst ein Buch gestalten wollen. Sie beschäftigen sich dann vielleicht mit Gestaltungselementen, Grafik, Farben, bis hin zur Bindetechnik und Buchdruck. Dann könnte es weitergehen, sie könnten sich über Kosten Gedanken machen, über die Frage, wie man ein Buch vermarkten könnte etc. etc. ect. Oder wie man eine Geschichte in einer anderen Sprache schreiben könnte. Beim Tun einer Sache, die einen interessiert, entsteht Begeisterung. Und wenn man dieser Begeisterung nachgehen darf, entsteht ganz viel Neues. Das sind Dinge, die bleiben im Kopf. Die vergisst man nicht mehr.
Ich habe als Schülerin z.B. einige Dinge selbstständig über einige Monate erarbeiten dürfen. Dieses Wissen oder diese Erlebnisse werde ich nie vergessen. Während ich wirklich große Teile meiner Abiturprüfung komplett aus meinem Hirn geschmissen habe- da ich sie schlicht und ergreifend nie wieder gebraucht habe!
Gut, das Abi habe ich, doch mein "ich", mein "Wesen" wurde dadurch nicht gebildet. Dies wurde durch alles drumherum geformt und vor allem durch die schönen Erlebnisse, die ich gemeinsam mit Mitschülern in Projekten, Theatergruppen, Orchesteraufführungen, eigenen Studien etc. hatte. Das hat mich wirklich geprägt und das schimmert auch heute noch in meinem Wesen durch

So wie bei allen anderen Menschen!
Vielleicht hilft es uns, dies alles zu verstehen, wenn wir uns selbst einmal fragen, was uns geprägt hat. Was ist Euch noch im Kopf geblieben aus Eurer Schulzeit? Erinnert Ihr Euch noch an Lerninhalte? An welche genau? Und an welche Erlebnisse? Was überwiegt? Was hättet Ihr Euch mehr gewünscht? Was hat Euch Freude gemacht? Was habt Ihr als Kinder und als Jugendliche gedacht? Wie habt Ihr die Schule erlebt? Meint ihr wirklich, dass es sinnvoll war, all das Wissen einmal gelernt zu haben, auch wenn ihr es jetzt überhaupt nicht mehr wisst bzw. braucht? Könnt Ihr Euch vorstellen, dieses Wissen für Eure Prüfung innerhalb von relativ kurzer Zeit zu lernen? Stellt Euch vor, ihr hättet die andere Zeit so nutzen können, wie es Euch entspricht und für Themen, die Euch interessieren- wie fühlt sich das an? Wer sagt, dass das nicht funktioniert? Woher kommt diese Annahme?
Ein paar Gedanken und jute Nacht!
Momo