Hallo EmmiR,
Ich möchte hier erst einmal die Definition "Underachiever" klar stellen: Ein Underachiever ist ein durch IQ-Test nachgewiesener hochbegabter Mensch, der im Alltagsleben (Schule, Beruf, Studium, etc) im Vergleich zu seinem IQ (nicht dem wie intelligent das Kind TADSÄCHLICH ist, sondern das was im Inteligenztest ermittelt wurde und das deckt sich in den allermeisten Fällen nicht vollständig, da eben viele Bereiche garnicht getestet werden UND manche z.B. unter Zeitdruck nicht gut performen, oder die Testbedingungen anderweitig nicht optimal waren) weit zurück bleibt. Es handelt sich bei einem Underachiever um "Minderleister" , sprich um Menschen die ihr kognitives Potenzial, aus welchen Gründen auch immer, nicht in entsprechende LEISTUNG umwandeln (können). Mein Bruder und ich sind übrigens typische Underachiever:
"krummer" Lebenslauf mit vielen Umwegen und Neustarts, schlechte Leistung in der Schule (im Vegleich dazu, was geleistet hätte werden KÖNNEN), Orientierungslosigkeit in Bezug auf die berufliche Entwicklung...
Nun zu deiner eigentlichen "Angst" in Bezug auf deinen Sohn: Dass Kinder, vor allem im Vor- und Grundschulalter, im IQ-Test nicht so abschneiden, wie sie es unter
optimalen Bedingungen könnten, kommt sehr häufig vor. Es kann also auch durchaus bei deinem Sohn passieren. Es kann dennoch sein, dass die Hochbegabung schon in so jungem Alter erkannt wird. Ist aber meiner Meinung nach schwieriger als wenn das Kind 10,12 oder älter ist. Denn eine gewissen Lebenserfahrung und Resilienz tragen durchaus zu einem besseren Testergebnis bei, bei gleicher Intelligenz. Ebenso kann es sein, dass dein Kind einfach nicht hochbegabt ist, sondern "lediglich" in Teilbereichen hochbegabt ist oder einfach "nur" überdurchschnittlich intelligent. Ich finde hier die Prozentränge oft im übrigen aussagekräftiger als die IQ-Werte. Bei einem IQ von 120 bist du intelligenter als über 90% der gleichaltrigen Probanden. Auch das kann sich schon stark im Alltag bemerkbar machen.
Das (auch erwachsene) Menschen unter ihrem eigentlichen kognitiven Potenzial bleiben bei solchen Tests kann abgesehen von den o.g. unterschiedliche Gründe haben:
fehlende Motivation (oft weil sich ihnen der Sinn des Tests nicht erschließt oder eben nicht genau wissen, worauf es ankommt), Hunger, Müdigkeit, Gesundheitszustand, neurotypisch oder (unentdeckt) wahrnehmungsgestört, Beziehung zum Tester, etcpp...
Man sagt oft, dass sein solches Ergebnis, in aller Regel nach oben abweichen KANN, seltenst aber nach unten (da liegen dann meist Fehler auf der Seite des Testers vor oder man hat vorher "geübt", was in meinen Augen aber absolut den Sinn eines solchen Tests verfehlt und daher nicht zu empfehlen ist).
Es gilt also hier: Ein Kind kann nicht zeigen, was nicht da ist. Sehr wohl aber nicht alles zeigen, was da ist

.
Ich hatte damals, vorm 1. Test ähnliche Bedenken. Unser Sohn war damals 6, aber noch nicht eingeschult, konnte noch nicht lesen und schreiben und hat, sagen wir mal, einen schwierigen Charakter

. UND: nach Absprache mit der Psychologin haben wir dem Sohn nicht im Detail erklärt warum er getestet wird und WAS (seine Intelligenz). Er ist vom Typ her sehr praktisch und zweckorientiert. ER gibt nicht mehr, wenn es nicht sein muss. Er ist kein überfleißiger, übermotivierter (außer aus intrinsischer Motivation heraus) UND wenn sich ihm der Sinn einer Aufgabe nicht erschließt, dann ist da auch nicht viel mit gutem Zureden zu machen

. Was soll ich sagen?! Meine Befürchtungen, dass der Test quasi für die Katz sein könnte, bewahrheiteten sich.
Resultat war, dass unser Sohn bei manchen Tests einfach gar nicht bis zu seiner Leistungsgrenze gegangen ist, sondern nur so weit mitgemacht hatte, wie er "Lust" hatte. Ergebnis war sehr heterogen (die sprachliche Hochbegabung kam dennoch deutlich zum Vorschein!) und zwar insgesamt überdurchschnittlich, aber nicht über 130. Er wurde aber nicht offiziell im Gesamtergebnis errechnet, weil die Diskrepanzen zwischen den einzelnen Tests zu hoch waren, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu haben UND weil die Psychologin selbst erkannte, dass er sehr "lustgebunden" agiert hat.
Beim zweiten Test haben wir unserem Sohn reinen Wein eingeschenkt. Er wusste um was es geht (eventueller Schulwechsel, ermitteln, warum er in der Schule Konzentrationsprobleme hat, etc.pp.) und was mit dem Test überhaupt geprüft wird (seine kognitiven Fähigkeiten). Dadurch, dass die Motivation dieses Mal stimmte, lag das Gesamtergebnis mit 128 IQ-Punkten um die 8 Punkte höher und somit ganz knapp UNTER der HB-Grenze. Die damit ermittelten Schwächen und Stärken stimmten weitestgehend mit dem 1. Test überein (außer in einem Teilbereich, da gab es bei einem Untertest ebenfalls ein Ergebnis über 130, beim 1. Test bei weitem nicht), aber es gab weiterhin zwischen den höchsten ermittelten Werten (150+) und dem niedrigsten Wert ((zwischen 90 und 110), hier habe ich keine exakte Zahl, da diese "niedrigen", bzw. im Durchschnitt liegenden Ergebnisse in den Bereichen Verarbeitungsgeschwindigkeit und Arbeitgsgedächtnis lagen und davon jeweils nur ein Untertest absolviert wurde, was zu der Ermittlung eines IQ-Wertes eines Teilbereiches nicht ausreicht) sehr hohe Diskrepanzen. Eigentlich hätte auch dieser Test im Gesamtergebnis nicht ermittelt werden dürfen und nachgetestet, bzw. nachgeforscht werden müssen, warum die Diskrepanz zwischen den reinen "Aufmerksamkeitstests" und restlichen kognitiven Tests so hoch ist. Zumindest so die Empfehlungen der Entwickler des Wisc V. Eigentlich ist solch eine hohe Abweichung zwischen Teilbereichen ein Hinweis auf eine Wahrnehmungsstörung, die ich bei meinem Sohn auch vermute und diese auch offengelegt habe UND es war für mich sogar der vorrangige Grund nochmal in die Testung zu gehen: weil ich wissen wollte, ob eventuell neben der sehr guten Intelligenz noch ein Wahrnehmungsdefizit/-problem vorliegt.
Allerdings war aber auch der zweite Tester (der angeblich u.a. darauf spezialisiert ist, Hochbegabung in Kombination mit Teilleistungsschwächen oder Wahrnehmungsstörungen zu entdecken) der Meinung, dass ein ADHS-Kind keine "so guten" Ergebnisse bei den Konzentrationsstests hätte und "schob" die abweichenden Ergebnisse auf seine noch nicht ausreichende Feinmotorik (da bei der Verarbeitungsgeschwindigkeit unter Zeitdruck gezeichnet/geschrieben werden muss) und eine eventuelle visuelle Wahrnehmungsstörung (Stichwort Winkelfehlsichtigkeit). Was noch dazu kommt ist, dass unser Sohn es sogar geschafft hat, INNERHALB ein und des selben Fähigkeitsbereiches eine Abweichung von über 20 IQ-Punkten zu haben, was ja total unlogisch ist

.
Der zweite Tester hat jedoch ein weitaus ausführlicheres Gutachten erstellt, in dem u.a. mehrmals vermerkt ist, da aufgrund der schnell abfallenden Konzentration von einem höheren Potenzial in einigen Teilbereichen ausgegangen werden kann. Die schnell abfallende Konzentration und starke Unruhe wird mehrmals erwähnt.
Für uns ist das jetzt rein vom Intelligenztest her okay. Ich persönlich brauche keinen Wisch auf dem ei IQ Wert über 130 steht und die Tendenz ist eindeutig genug. War sie auch für die Lehrer, die aber auch ohne Test schon bemerkt hatten, dass mein Sohn in manchen Bereichen stark von seinen Altersgenossen abweicht (sowohl sozial-emotional

, als auch kognitiv nach oben). Was für MICH ein Problem am Ausgang des Tests war, dass wieder nicht berücksichtigt wurde, dass die Konzentration nicht in Relation zu seinem restlichen kognitiven Potenzial steht und DAS eben sehr wohl auffällig und nicht unbedingt nur mit einer mühsamen Feinmotorik zu tun hat. Es wurde WIEDER nicht beachtet, dass hochbegabte NICHT neurotypische Kinder ihre Schwächen und Probleme sehr gut kompensieren können, so dass sie nach außen nicht so auffällig sind, was aber noch lange nicht heißt, dass es für das Kind weniger anstrengend ist als für ein nicht hochbegabtes, nicht neurotypisches Kind. Es bedeutet für so ein Kind sehr viel Energieaufwand und Anstrengung zu kompensieren und führt über kurz oder lang auch zu Problemen, da dies nicht immer und langfristig aufrecht erhalten werden kann.
Wir werden jetzt Ergo beantragen und, wenn sich Corona-technisch alles ein wenig beruhigt hat, wahrscheinlich auch nochmal "nachfühlen" im Bereich Wahrnehmungsstörung, da wir hier innerhalb der Familie und auch schulisch (bevor das Homeschooling los ging) an unsere Grenzen gestoßen sind und wir eindringlich von der Schule auch zurück gemeldet bekommen haben, dass es sozial betrachtet einige "Baustellen" gibt. Mein Mann, der nun unseren Sohn auch viel unter normalen Alltagsbedingungen "erleben durfte"

, hat nun auch eingesehen, dass mit dem Sohn irgendwas "nicht so ganz stimmt" und das nicht allein mit der hohen Intelligenz zu erklären ist.
Was bedeutet das für dich: Meine Empfehlung: sprich so offen wie möglich mit deinem Sohn darüber, WAS der Test testet, dass es wichtig ist, dass er so weit mitmacht wie er KANN und nicht wie er WILL. Erkläre ihm, dass er da mal so richtig zeigen kann, was er kann und genau das soll er auch. Das ganze aber "ohne Druck"

. Wichtig ist auch, dass er keinen Hunger hat. ausgeschlafen und fit ist und mit dem Tester gut kann.
Ich wünsche euch optimale Testbedingungen und ein realistisches Ergebnis.
Gruß
Meine3