Meine3 hat geschrieben:
Was für mich Mist ist?
Dass es nicht okay ist (nur weil es viele Menschen gibt, die intolerant sind), seinem Kind zu vermitteln, dass es in Ordnung (oder "herr"lich) ist, so wie es ist UND dass es in Ordnung ist, wenn andere sie selbst sind und dadurch eventuell anders als die Masse. Und alibabas Kommentar zu meinem hat mir genau das vermittelt.
Das ist doch denken in Extremen. Für mich ist weder herrlich noch fürchterlich wenn mein Sohn Kleider tragen will. Mein Sohn ist mehrfach behindert und hat - wie schon beschrieben - dadurch gesellschaftlich den Sonderstatus der "Narrenfreiheit" - ihm wird man milde lächelnd nachsehen wenn er gegen Klischees verstößt. Ob ich bei meinem älteren Sohn auch sagen würde "Toll dass dir Kleider so gut gefallen! Willst du nicht auch mal eines in der Schule tragen?" bezweifle ich mal zutiefst. Und zwar nicht, weil ich selbst voller Vorurteile wäre oder anderen unterestelle, voller Vorurteile zu sein, sondern weil mein Sohn die möglichen Folgen selbst einfach noch nicht absehen kann.
Für mich sind schon zwei verschiedene Paar Schuhe, ob es um ein Kindergartenkind in der Unabhängigkeitsphase geht, das sich selbst und seine Umwelt erst einmal kennenlernen muss, oder um ein 135cm großes Schulkind. Beim Kindergartenkind habe zumindest ich keinerlei Problem, den Wunsch nach Kleid, Rüschen, rosa, Glitter, oder was-auch-immer zu respektieren und das Kind in der Hinsicht nach Herzenslust ausprobieren zu lassen (solange es finanziell leistbar ist

). Bei meinem älteren Sohn habe ich das auch so gehandhabt. Erst kürzlich habe ich beim aufräumen zwei seiner Lieblingsjeans mit rosa Applikationen gefunden

.
Beim (nicht offensichtlich behinderten) Schulkind fühle ich mich hingegen verpflichtet, es darauf aufmerksam zu machen, dass es "da draußen" in der Welt nun mal Menschen gibt, die diese Kleidung für Buben NICHT gut finden. Wenn das Kind dann sagt "Aber Mama, das weiß ich doch, damit kann ich leben!" ist es okay. Aber das Kind ungewarnt ins offene Messer rennen lassen fände ich persönlich verantwortungslos.
Damit meine ich, dass viele Grundschüler und fast alle Gymnasiasten heute bereits ein Handy mit Kamerafunktion und Internet haben und mein Kind im Kleid binnen nullkommanix ohne mein Wissen oder Einverständnis in den sozialen Medien durch den Kakao gezogen werden kann. Und das Internet vergißt nie! Ein junger Mensch kann auf Grund von solchen Fotos z.B. geringere Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Kein Dienstgeber würde offen zugeben "Nein, wir nehmen ihren Sohn nicht als Lehrling zum KFZ-Mechaniker, weil wir im Internet auf ein Bild gestoßen sind, wo er als 9jähriger Frauenkleider getragen hat!", aber de facto ist es leider oft so.
Wie schon gesagt, das ist für mich alles kein Grund, die Wünsche meiner Kinder aus Angst vor späteren Folgen zu unterbinden. Aber mir als Mutter muss trotzdem bewusst sein, dass mein Kind die Tragweite dessen, sich anders als gesellschaftlich "erwartet" wird, zu geben, einfach nicht bewusst ist, nicht bewusst sein KANN. Daher betrachte ich es als MEINE Verantwortung, das Kind darauf hinzuweisen, was alles passieren kann, wenn es offen gegen gesellschaftliche Normen rebelliert.
Je nach Situation würde ich meinem Sohn sogar ausdrücklich davon abraten (nicht verbieten!), in Mädchenkleidern zur Schule zu gehen. Vielleicht habe ich für dich jetzt auch so eine "mistige zementierte Haltung" wie bliss sie alibaba unterstellt. Aber wir wissen alle nicht, in welcher Gesellschaft unsere Kinder in 10, 20 oder auch 50 Jahren leben werden. Es ist noch keine 100 Jahre her da wurden auch hierzulande Leute sogar umgebracht, weil sie "anders" waren. Ich wünsche mir von Herzen, dass es NIE WIEDER so weit kommt und dass die Gesellschaft zunehmend offener und toleranter gegenüber jede Art von "Andersartigkeit" wird, solange dadurch niemand dritter Schaden nimmt. Aber davon AUSGEHEN dass es so sein wird, kann ich leider nicht.
@charlotte12: Meiner Meinung nach kann man das auch überhaupt nicht mit dem Kampf gegen eine Schlafpflicht im Kindergarten vergleichen. Denn wenn ich als Mutter mich da gegen die Masse stelle, dann ist es einzig MEINE Verantwortung, hingegen kann nur eine unbedachte Handlung, wo sich mein Kind ungewollt lächerlich macht, meinem Kind selbst noch Jahre später schaden. Ob mir das gefällt oder nicht tut dabei nichts zur Sache.