Sine hat geschrieben:Rabaukenmama, was ich mir vorstellen könnte ist, daß es schwer ist, nach zu vollziehen, wie es ist mit zwei Kindern, ohne große Unterstützung zu erhalten.

Damit meine ich, was ich schon angesprochen hatte, daß mal wer die Kinder nimmt z.B. Bei uns ist die Situation ähnlich, Eltern wohnen weit weg (gute 500 km), bzw. eine Stunde, aber dann zu alt, um die Kinder oder auch nur eins zu übernehmen, und sei es nur für eine Stunde. Ich glaube, das kann man gar nicht nachvollziehen, wenn man es nicht selbst erlebt, so sehr man auch versucht, sich da hinein zu versetzen. Ein Kind ist was ganz anderes als zwei, auch wenn man mit den Aufgaben wächst, wie man so schön sagt. Und zwei Kinder sind etwas anderes, die auch mal von den Großeltern übernommen werden, zum Kiga gebracht oder abgeholt werden oder am WE für einige Stunden außer Haus sind, das man den Kopf für was anderes frei bekommt, als zwei Kinder, für die man rund um die Uhr alleine verantwortlich ist. Wenn mein Mann mal für einen halben Tag die Kinder nimmt, merke ich, wie ich in dieser Zeit Kraft tanke. Einfach mal Ruhe im Haus, alleine auf's Klo gehen können, den Müll rausbringen, ohne das die Kinder hinterher auf die Strasse laufen oder womöglich die Tür zuknallen und einen aussperren etc. Mal 10 Minuten am Stück lesen, ohne unterbrochen zu werden.... In einer halben Stunde schaffe ich mehr, als sonst an einem ganzen Tag. Wenn solche Pausen regelmässig wären, wäre das Leben ein ganz anderes. Und nein, das soll jetzt kein rumjammern sein.
Ja, es ist so, wie Du scxhreibst. Ich bin auch sehr dankbar für die Tage, wo mein Mann einen Teil "übernimmt". Ich habe das grosse Glück, einen Partner zu haben, der dazu bereit ist und das sogar gerne tut. In meinem Bekanntenkreis gibt es auch Alleinerzieherinnen oder de-dacto-Alleinerzieherinnen (deren Partner schon mit den Kindern überfordert sind wenn die Partnerin einmal die Woche eine Stunde turnen geht). Dagegen geht´s mir in einer wirklich gut. Auch meine Söhne hängen sehr an ihrem Vater. Durch meinen Mann habe ich die Möglichkeit, zweimal die Woche alleine fortzugehen, einmal in den Gebärdensprachkurs und einmal Freundinnen besuchen. Zum Besuch meiner ältesten und besten Freundin (auch 1x die Woche) nehme ich beide Buben mit, so hat mein Mann auch mal einen "freien" Abend.
Was die Grosseltern betrifft so hat meine Schwiegermutter eine Einstellung zu Erziehung dass ich nicht mal auf die Idee käme, ihr die Kinder anzuvertrauen (was sie ohnehin noch nie angeboten hat). Meine Eltern dagegen mögen ihre Enkel, sind aber schon mit dem Grossen allein oft überfordert. Sie wohnen 140km entfernt und haben bisher den Grossen alle 6-8 Wochen für ein Wochenende bei sich gehabt. Er war auch immer gerne bei Oma und Opa. Doch jetzt hat meine Mutter akut eine bedenkliche gesundheitliche Diagnose bekommen und beim letzten Besuch vor 3 Wochen war sie total überfordert. Sie hat meinem Sohn sogar angedroht, ihn zu schlagen (obwohl das gar nicht ihre Art ist) weil sie sich einfach nicht mehr zu helfen wusste. Daher habe ich beschlossen, den Grossen bis zum KIGA-Urlaub nicht mehr zu Oma und Opa zu bringen. So viel Spannnung tut beiden Seiten nicht gut.
Ich sehe das auch nicht als rumjammern. Es sind Versuche meinerseits, anderen die Situation zu erklären. Wer es verstehen will hat die so Möglichkeit und andere, denen es nur ums immer-recht-haben geht werde ich sowieso nicht ändern.
Sine hat geschrieben:Du hast auf eine gewisse Weise dann noch ein doppeltes Paket. Ein schlaues Kerlchen, der viel fordert UND den kleinen Bruder (sie sind ja beide auf ihre Weise anstrengend, wenn man das so sagen möchte. Wenn Dein großer Sohn so ähnlich tickt wie meiner, dann reicht bereits dieser eine kleine Mensch, um einen an seine Grenzen zu bringen.). Ganz kann auch ich mir nicht vorstellen, wie das sein muß, aber es muß sau anstrengend sein. Zumal beim kleinen Bruder ja nicht nur die Arztbesuche anstehen. Da gibt es ja auch den ewigen Kontakt mit den Krankenkassen und Behörden - Anträge stellen, Nächte überlegen, ob man die OP durchführen läßt oder nicht (mittlerweile habt ihr das ja hinter euch, aber ich kann mir vorstellen, daß das Thema damit nicht durch ist, weil jetzt noch wieder xy sein/passieren kann), nach der speziellen Kita suchen usw. Das schlaucht nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Und am Ende befindet man sich in einem blöden Teufelskreis aus langsam nachlassender Kraft, Müdigkeit und sich daraus ergebenden anderen Umgang im Alltag.
Der Grosse ist zwar sehr fordernd, aber als er noch ein Einzelkind war bin ich nie an meine Grenzen gestossen. Jetzt geschieht das geschätzte 3x im Monat. Da reagiere ich dann über, schreie mit den Kindern und weine manchmal. Auch meinem Mann, der die Gutmütigkeit in Person ist, kann das mal passieren. Einmal kam ich vom Freundinnen-Besuch heim und mein Mann war fix und fertig. Der Kleine war draufgekommen, dass man sich selbst zum erbrechen bringen kann, wenn man sich den Finger in den Mund steckt. Mein Mann hat ihn dann immer wieder (in Gebärdensprache) gesagt, er solle das nicht tut. Doch der Kleine hatte eine seiner provokanten Phasen und das "Nein, tu das nicht!" war für ihn kein Verbot sondern eine Aufforderung. Beim Grossen half in solchen Situationen, die Stimme zu erheben - was beim Kleinen natürlich völlig sinnlos ist. Der findet die Mimik und das rumgestikulieren nur witzig. Jedenfalls hat der Kleine hintereinander etwas 10x erbrochen. Der Grosse ist dann mit den Patschen durchgegangen und hat das Erbrochene so in der Wohnung verteilt. In seiner Verzweiflung hat mein Mann die Hände des Kleinen festgehalten. Doch sobald er sie losgelassen hat (weil er die Sauerei wegmachen wollte) hat sich der Kleine noch mal den Finger reingesteckt und das Ganze wiederholt. Gott sei Dank hatte ich, als ich in diese Situation nach Hause kam, ausreichend Kraft getankt. Ich habe beide Kinder übernommen und während mein Mann versucht hat, wieder seine Mitte zu finden, habe ich seelenruhig zugesehen wie der Kleine provokant grinsend wieder mit dem Zeigefinger in Richtung Mund gefahren ist. Und was soll ich sagen - ab dem Zeitpunkt, wo ich zu Hause war, hat der Kleine nicht mehr erbrochen. Das Ganze war GsD eine einmalige Angelegenheit. Aber sie zeigt, wie schnell man mit 2 Kindern an seine Grenzen stösst.
Ja, die Zeit der Entscheidung wegen der Hörinplantate war sehr intensiv. Wir (mein Mann und ich) haben 11 Monate zu dieser Entscheidung gebraucht. Nicht alle Entscheidungen im Leben sind rational zu treffen und es gibt immer wieder Menschen, die einem ein schlechtes Gewissen machen wollen - egal, wie die eigene Entscheidung (die man letztendlich selbst zu verantworten und zu tragen hat) auch ausfallen mag.
Sine hat geschrieben:Ich könnte mir fast vorstellen, daß eure Situation sich entschärft, wenn Du sozusagen mal zu Hause raus kommst. Bzw. ganz viel abgeben kannst, um Dich selbst zu erholen. Oder wenigstens eine Zeit, ohne Termindruck für irgendetwas. Ich finde nicht, daß Du Dich hinter Deinem kleinen Sohn versteckst. Ich hatte einst in einer Familie mit behindertem Kind (allerdings schon erwachsen) gearbeitet und kann es mir in etwa vorstellen, was Du jetzt zu leisten hast. Da sind Dinge zu erledigen, auf die man als Außenstehender gar nicht kommt. Während Person X sich abends vor den Fernseher setzt oder ein gutes Buch liest, plagst Du Dich mit anderen Dingen rum.
Bei Deinem Sohn fängt es ja schon mit solchen banalen Sachen an, daß man ihm nicht hinterher rufen kann, wenn eine Gefahr besteht. Wir rufen einfach "NEIN!", Kind dreht sich um, zieht die Hand zurück... Du müßtest dem Kind hinterher laufen. Wir rufen eine Frage vom Flur aus in das Kinderzimmer: ist bei Deinem kleinen Sohn nicht möglich (oder zumindest noch nicht?). Du müßtest zumindest Sichtkontakt aufbauen - hast also auch wieder einen extra Weg. Ich weiß nicht, wie tröstet man ein gehörloses Kind, wenn es Kummer hat? Da hast Du Dir sicher Deine Methoden erarbeitet, während wir wieder nur einfach hingehen brauchen, und über die Sprache viel klären können. Und dann ist da der andere Sohn, der sich womöglich in solchen Situationen "zwischen drängelt", was alles noch etwas schwieriger macht.
Ja, es ist schwer einem Kind nicht hinterherrufen zu können, vor allem in Gefahrensituationen. Dazu kommt, dass mein Kleiner ein Nestflüchter ist und auch mal still und leise heimlich die Wohnung verlassen will. Wir müssen immer von innen zusperren und wenn einer von uns mal vergisst (wie mein Mann vorgestern abend) dann ist der Kleine plötzlich nicht mehr in der Wohnung sondern schon bei der Haustür (wie gestern um 6h30 im Pyjama) oder ganz draussen. Gross genug, alle Türen selbst zu öffnen, ist er ja.
Das mit dem Sichtkontakt hat einen Haken: es klappt nur bei beidseitiger Kooperation. Während ein hörendes Kind sich auch Dinge anhören muss, die ihm nicht in den Kram passen, schaut mein Kleiner einfach weg, wenn ich etwas gebärde, was er nicht hören (bzw. sehen) will. Praktisch: Eine Kopfdrehung und Mama ist aus dem Blickwinkel. Wenn ich ihn dann hochhebe habe ich keine Hand mehr zum gebärden frei. Selbst wenn mein Mann da ist und ihn hochhebt und ich gebärde (oder umgekehrt) dreht sich der Kleine einfach in die andere Richtung. Das macht es viel schwerer, Dinge rüberzubringen. Leider gebe ich dann auch oft auf, weil es in der momentanen Situation ohnehin nicht machbar ist, meinen Standpunkt klarzumachen.
Das mit dem Termindruck ist jetzt nicht so eine grosse Sache für mich. Natürlich habe ich immer wieder Termine für den Kleinen (Akkustiker, Logopädin, Audiogramm, Frühförderung), aber hier habe ich das eigentlich nur erwähnt als das selbst-anziehen als Nebenthema reinkam. Denn wenn man um eine bestimmte Uhrzeit wo sein muss wäre es nur unter sehr erschwerten Umständen möglich, auf der Selbstständigkeit des Grossen zu beharren. Natürlich gäbe es die Möglichkeit, meinen Sohn täglich dazu zu bringen, sich selbst anzuziehen. Aber eine halbe Stunde früher als normal gewaltsam wecken hat Nebenwirkungen: schlechte Laune, weniger Zeit für meine Hausarbeit (die ich gerne in der Früh erledige wenn der Grosse noch schläft, also zwischen 6h und 7h), so dass ich da die 5 Minuten, die es dauert, bis ich meinen Sohn angezogen habe, als einfachere Lösung sehe.
Sine hat geschrieben:Ich kann mir nicht vorstellen, daß an der Qualität Deiner Mutterliebe etwas nicht stimmt. Vielleicht ist es eine gewisse Grundspannung, die durch eure Familie zieht und Unruhe/Ängste reinbringt, auf die dann jeder auf seine Weise reagiert. Ganz einfach, weil die Umstände momentan sind, wie sie sind. Jeder hat seine Bedürfnisse, aber aufgrund von Stress und Zeitmangel und Überforderung können diese nicht so optimal erfüllt werden. Die Erwachsenen können damit anders umgehen, als Kinder, weil sie die Gründe verstehen. Das Kind sucht sich seine Möglichkeiten des Ausdrucks.
Normalerweise ist keine Grundspannung in unserer Familie. Aber wie schon erwähnt habe ich alle 1-2 Wochen mal einen Punkt erreicht, wo ich mit den Nerven am Ende bin. Dass das nicht gut ist (weder für mich noch für die Kinder) ist mir völlig klar, nur habe ich bisher keine Lösung dafür gefunden. Mein Grosser ist im Moment sehr fordernd und heult etliche Male am Tag wegen irgend einer Kleinigkeit laut auf (wie ein winselndet Hund). Dann frag ich nach der Ursache, die er mir auch sagt (z.B. dass sein Flaschi einen roten Rand hat, er aber einen rosa Rand will) und versuche rüberzubringen, dass er auchsagen kann "Mama, gibst Du mir bitte ein Flaschi mit rosa Rand" statt laut loszuheulen.
Es gibt auch Momente, wo er sich einbildet dass irgend etwas genau JETZT zu geschehen hat und genau so, wie er das will. Dann will er (um aufs Wickeln zurückzukommen) z.B. nur von mir gewickelt werden. Drei Tage später kann sein dass er nur vom Papa gewickelt werden will. Wenn wir beide Zeit haben und es daher egal ist dann machen wir so, wie er es sich vorstellt. Aber wenn ich z.B. schon am Aufbruch zum Gebärdensprachkurs bin dann muss Sohnemann eben damit leben dass ihn der Papa wickelt.
An Samstagen und Sonntag haben mein Mann und ich abwechselnd "Frühschicht" (d.h. mit dem Kleinen zwischen 5h30 und 6h30 aufstehen und der Grosse kommt zwischen 7h und 8h nach) und der andere darf ausschlafen. Dafür darf sich derjenige, der Frühschicht hatte, mal unter Tags 1-2 Stunden schlafen legen. Doch seit etwa 3 Wochen ist mein Grosser dagegen, dass sich einer von uns hinlegt. Er kommt dann ins Schlafzimmer, ist absichtlich laut oder greift einem während des Schlafes ins Gesicht (dabei erschrecke ich sehr). Daher geht tagsüber-hinlegen jetzt nur, wenn man die Schlafzimmertür von innen zusperrt. Vorgestern (Feiertag) habe ich mich tagsüber hingelegt und mein Grosser hat deshalb eine halbe Stunde gebrüllt, obwohl der Papa da war. Umgekehrt ist es dasselbe: mein Mann geht zum Vereinsabend und Sohnemann brüllt wie am Spiess weil der Papa geht - obwohl ich da bin. Das sind so Situationen, wo sich für mich keine Reaktion "richtig" anfühlt. Ich komme mir herzlos vor, meinen Sohn vor dem verschlossenen Schlafzimmer brüllen zu lassen, weiss aber, dass ich im Moment wirklich zu erschöpft bin, um für ihn da zu sein. Und ich weiss, dass mein Mann ausgeschlafen ist und super für die Kinder da sein kann. Da geht´s für mich nicht darum dem Kind irgend etwas zu beweisen oder einen Machtkampf auszufechten. Vielleicht geht es aber meinem Kind darum...
Sine hat geschrieben:Klingt jetzt vielleicht alles etwas komisch, oder so nach: oh, wie schrecklich das Leben doch ist. Nee, so ist es ja auch nicht wirklich. Auch tust Du die Dinge ja alle, weil Dir Deine Kinder so sehr am Herzen liegen. Leider sehen das die Kinder ja noch nicht. Das werden sie erst später verstehen. Jetzt sind sie auf ihre Weise "trotzig", weil sie sich Deine Zuwendung anders vorstellen, ohne das sie merken, wie viel Du eigentlich bei ihnen bist und für sie tust. Ihnen in dieser Situation nach ihren Wünschen immer und stets und sofort gerecht zu werden, stelle ich mir wahnsinnig schwer vor. Ob es überhaupt einen Menschen gibt, der das zu 100 Prozent erfüllen könnte? Nicht nur in der Theorie? Meinst Du, Du kannst irgendwie eine Auszeit organisieren? Oder belastet Dich das ganze Drumherum der Erledigungen gar nicht mal so sehr und interpretiere zu viel/falsch rein? Ich in Deiner Situation würde mich sicher regelmässig regelrecht gelähmt fühlen. Und wenn Du sagt "Ich KANN nicht", kann ich es nachvollziehen. Nur darf es ja nicht so bleiben, für euch alle.
Ich erwarte nicht von meinen Kindern zu sehen, was ich für sie tue. Klar ist es - wie beschrieben - oft schwer. Aber an sich komme ich mit kleinen Auszeiten (maximal einige Stunden) gut aus. Ich kenne Mütter (GsD nicht viele), die echt den ganzen Tag rumjammern wie sehr sie die Kinder belasten und fertig machen - zu denen will ich nie gehören! Insgesamt überwiegen die schönen Stunden bei weitem.
Heute z.B. haben wir alle vier den ganzen Tag an einem von der Pfarre organisierten Familien-Wandertag teilgenommen. Mit Naturpark-Besuch, Ruinen-Wanderung, Abenteuerspielplatz und anschließendem Grillen. Klar war´s anstrengend. Aber es war auch sehr schön. In meinem Kopf zurückgeblieben ist das Bild von meinem Grossen, der dem Kleinen auf der Wiese einen Fussball zuschiesst und dem Kleinen, der freudenstrahlend auf den Ball zuläuft und ihn weiter kickt. Dann nimmt der Grosse im laufen von hinten die Hand des Kleinen und sie laufen gemeinsam lachend dem Fussball nach. Solche Momente habe ich immer wieder und sie sind für mich ganz, ganz wichtig.
Das Internet ist ein Medium, in dem die momentane Tagesverfassund sehr starkt einfliesst. Gestern war ich noch voller Wut über manche Ansichten. Heute ist das ganz anders. Ich habe einen wunderschönen Tag mit meinen Kindern hinter mir, da gelingt es mir problemlos, mich gar nicht erst mit Personen auseinander zu setzen, die alles für andere zu wissen glauben.