face-off hat geschrieben:So eine Lehrerin, die Neckris Tochter anfangs hatte,ist ein Traum. Jedes Kind da abzuholen,wo es grade steht,das wünschen sich wohl alle Eltern! Ich frage mich, ob die Lehrer so ausgebildet werden und es dann einfach aus Bequemlichkeit nicht umsetzen, oder ob sie nicht so ausgebildet werden und so ein Lehrer dann ein Glücksgriff ist.....
Hallo Claudia,
ohne eure zukünftige Schule zu kennen, würde ich schon mal sagen, dass es sehr positiv klingt, wie die Leute dort auf deine Anfrage reagiert haben. Ich hoffe, dass deine Maus auch so eine patente Lehrkraft erwischt.
Ich denke, es sind zwei Dinge, die beim Differenzieren eine Rolle spielen: Zum einen die Grenzen, die durch das Schulsystem gesteckt sind, und zum anderen die Freiräume, die jede Lehrkraft individuell gestalten kann.
Apropos Freiräume: Töchterleins Lehrerin hatte sich VOR der Einschulung die Mühe gemacht, jedes Elternhaus abzuklappern, um die Kinder kennenzulernen. Sie hat mit ihnen gespielt und gesprochen. Die Kinder zeigen in der Regel von sich aus ganz stolz, was sie ihr eigen nennen und was sie so alles schon können. Somit hatte die Lehrerin also schon ab der ersten Stunde so ungefähr gewusst, wie der Haufen Flöhe zusammengesetzt ist. Sie wusste dann auch so ungefähr, wie weit die Spanne auseinander ging.
Die Art der Bewertung der Schulleistung ist vorgegeben. In den ersten Schuljahren gibt es keine Noten, weil dort tatsächlich der Entwicklungsfortschritt (mündlich) bewertet wird. Allerdings ist die Bewertung so gehalten, dass sich die Kinder daran nicht wirklich orientieren können. Zuweilen gibt es dann die erste große Überraschung, wenn es zum ersten Mal Noten gibt... Das Bewertungssystem ist also irgendwie wischi-waschi...
Gerade in den ersten Klassen ist es im Moment - pauschal gesagt - gewünscht, dass eine Homogenisierung des Leistungsniveaus stattfindet. Das bedeutet aber selbstredend, dass leistungswillige Kinder eher nicht gefördert und gefordert werden, denn das wäre im Sinne der Homogenisierung ja kontraproduktiv.
So, und jetzt stell dir mal eine extrem junge, selbstbewusste Madame vor, die zu Hause dicke Romane liest, und die nun in einer Klasse zusammen mit Sechsjährigen sitzt, die mühsam die Buchstaben üben... Töchterleins Lehrerin hatte den Spagat hinbekommen, den anderen wertungsfrei zu erklären, wieso ein weitaus jüngeres Kind schon so viel kann, und gleichzeitig eine partielle Differenzierung eingeführt, die allen entgegenkam. Töchterlein durfte im Unterricht z.B. Was-ist-Was-Bücher lesen oder Rätsel lösen. Dies galt aber universell für alle Kinder, die lesen konnten. Der Ansporn zum Lesenlernen war dadurch immens in der Klasse. Wäre es nur darum gegangen, den aktuellen Lernstoff zu beherrschen, wäre die Motivation ungleich geringer gewesen. Diese Klasse hatte nachher (trotz des Lehrerwechsels) bis auf zwei Kinder die Gymnasialempfehlung erhalten. Das mittlere Notenniveau nach der vierten Klasse war 1,8!!!
Es ist also offenbar nicht so, dass die Differenzierung den leistungsschwächeren Kindern geschadet hätte oder eine Ungerechtigkeit entstanden wäre. Ich frage mich aber oft, was passiert wäre, wenn die Lehrerin nicht gewechselt hätte. Wäre uns all das, was nachher noch passiert war, erspart geblieben? - Oder sprengt ein gewisses Maß an Entwicklungsunterschieden dann doch den Rahmen eines Klassenverbands?
Claudia, vielleicht ist so eine Möglichkeit der Förderung über Klassenstufen hinweg letztlich wirklich das folgerichtige Vorgehen, wenn die klasseninterne Differenzierung im jetzigen Schulsystem an eine Grenze stößt. Das Ideal eines synchronen Lernfortschritts in einer Klasse auf möglichst homogenen Leistungsniveau - und die gerechte individuelle Förderung aller Kinder durch eine geeignete Differenzierung sind zwei Paradigmen, die im Moment diametral gegeneinander wirken, und daher so eine Art Eiertanz der Lehrkraft erfordern. Wie diese beiden entgegengesetzten Ansprüche an den Unterricht an der vordersten Front durch eine rege Fantasie der Lehrkräfte umgesetzt werden sollen, interessiert in den Amtsstuben der Kultusministerien wahrscheinlich nur am Rande...
Aber vielleicht ist es wirklich von großem Vorteil, wenn man vor dem Schuleintritt schon mal solche Knackpunkte anspricht. Ich hoffe, ich verunsichere dich dadurch jetzt nicht allzu sehr...
Viele Grüße von
Neckri