Hallo,
ich denke wir sind uns alle einig, dass wir hier ein hochbegabtes Kind von dir geschildert bekommen haben. Keine Frage. Ob sie höchstbegabt ist, das würde nur ein Test zeigen. Ich kann verstehen, dass Katze dies vermutet, da deine Tochter extrem schnell, fokussiert und pragmatisch ist. Ihr geht alles zu langsam, alles ist zu ineffizient oder unlogisch. Sie will schnell voran kommen, hat einen unruhigen und ungeduldigen Geist. DAS macht das Kind zu einem Hochleister und deswegen wirkt sie auch wie ein "Wunderkind", dass scheinbar keine Grenze nach oben hat. Für mich heißt das dennoch nicht automatisch, dass sie HÖCHSTbegabt sein muss. Ein Kind mit einem IQ um die 140 kann ebenso agieren und ist per Definition noch nicht HÖCHStbegabt, denn Höchstbegabung beginnt ab 145+. Und hier kommen wir zu dem Punkt, auf den ich gern eingehen möchte. Der Charakter. Dass ein hochbegabtes Kind auch zu einem HochLEISTER wird, dafür sind bestimmte Charaktereigenschaften notwendig, die deine Tochter ALLE mitbringt:
Ehrgeiz, intrinsiche Motivation in den Gebieten, die in der Schule von Belang sind, Schnelligkeit, eine gewisse Ungeduld, gepaart mit unbändigem Wissensdrang, Effizienz, Fokussiertheit.
Auf der Strecke bleiben bei deiner Tochter dadurch aber die sozialen Aspekte: warten können (auf andere, langsamere, umständlichere Kinder/Menschen), Rücksicht, höflicher und respektvoller Umgang mit Menschen, die ihr vielleicht nicht kognitiv gewachsen sind, aber älter (Lehrer, Trainer...) sind und mehr Lebenserfahrung mitbringen.
Zum einen ist hier sicherlich eine asynchrone Entwicklung vorhanden, was bei weitem nicht bei allen hochbegabten Kindern so extrem der Fall ist. Das heißt, sozial und emotional scheint sie tendenziell eher etwas zurück zu liegen oder eben "nur" durchschnittlich entwickelt zu sein. Es gibt nämlich durchaus hoch- oder höchstbegabte Kinder, die ebenso emotional und sozial hochbegabt also überdurchschnittlich befähigt sind, die diese sozialen Anpassungsprobleme dann überhaupt nicht haben. Mein Neffe ist so ein Mensch. Er ist höchstbegabt, und das nicht nur kognitiv. Er ist es auch im sozialen Bereich. Er hatte immer einen festen Freundeskreis, ist außerordentlich beliebt, ausgeglichen und, zumindest nach außen hin, geduldig (auch wenn ihm DAS oft schwer fällt. Ein Augenrollen konnte er sich oft nicht verkneifen, aber maßregeln anderer Personen, die in seinen Augen "dummes" Zeug machen, das wäre ihm nie in den Sinn gekomme, schon garnicht beim Trainer oder einem Lehrer). Er hat nie eine Klasse übersprungen, obwohl ihm oft todlangweilig war, ist nie in einem solchen Ausmaß wie deine Tochter als außergewöhnliches Wunderkind aufgefallen, trotz eines enorm hohen IQ's. Er hat eben einen Teil seiner "Energie" in das soziale Miteinander investiert

und vor allem schon immer Hobbies, denen er intensiv nachgeht. Sein Leben war nie die Schule als Ort der Lehre sondern seine Freunde, Familie, seine privaten Interessen...
Was will ich damit sagen: deine Tochter könnte natürlich nochmal springen. HIer bei uns in Bawü ginge das auf jeden Fall theoretisch. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass sie das wirklich will, wenn ihr ihr erklärt, was das bedeutet, nämlch, dass sie 2.3 Jahre jünger sein wird als ihre Schulkameraden. Natürilch kann man sagen "ist doch egal"
wo sie keine Freunde hat. Dann muss man aber überzeugt sein, dass sich dieser Umstand nicht ändern wird.
Und wie geht es weiter?
Ich persönlich sage: es ist grundsätzlich (nicht unbedingt auf euer Kind bezogen) nicht egal, sobald die anderen Kinder in die Pupertät kommen und sie noch KIND ist.
Bei dem Charakter deiner Tochter wird sie auch im Gymnasium keine kognitiven Grenzen finden und auch hier nochmal oder mehrmals springen wollen und dann eventuell eines der Kinder sein, dass mit 14 studieren will. Wenn sie das glücklich macht, sie WIRKLICH keine Freunde braucht

oder ihr nicht die Chance seht, dass sie sich in naher Zukunft mit Gleichaltrigen anfreunden will, so würde ich das auf jeden Fall in Erwägung ziehen. Der ungestillte koginitive Hunger wird aber ziemlich sicher bleiben. Ich bin daher auch der Meinung, dass deine Tochter etwas finden muss, was sie ausfüllt, ABGESEHEN vom Schulstoff. Wenn es nicht Fussball oder ein Instrument ist, so ist es vielleicht tatsächlich die Mathematik, Chemie, Biologie, Astrophysik, programmieren, tanzen, zeichnen, was auch immer. Dies kann auch wechseln. Wichtig ist, zu verstehen, dass der Fokus der kognitiven Auslastung nicht alleinig über die Schule stattfinden KANN. Nicht auf einer "normalen" Regelschule, nicht mit ihrem Tempo.
Es kann auch gut sein, dass Eure Tochter so sehr kognitiv auf einem anderen Level ist (also extrem höchstbegabt

), dass es quasi gar keinen Sinn ergibt, zu versuchen FReunde in ihrer Altersklasse zu finden. Aber das ist nur eine Möglichkeit.
Mein Sohn (7 Jahre, 1. Klasse) ist ein gaaaanz anderer Typ als eure Tochter und hat dennoch auch einiges gemein mit ihr. Er ist gefühlt unbegrenzt auffassungsfähig in Dingen, die ihn interessieren. Aber das ist NICHT der Schulstoff in der 1. oder 2. Klasse, sondern eher Klasse 5 oder höher. Ich greife aber hier nicht vor. Wir lesen und unternehmen viel. Unser Kind hatte IMMER die Möglichkeit sich in Wissensgebiete zu stürzen, die nicht im direkten Zusammenhang mit dem Schulstoff stehen und sich anderweitig "auszutoben".Derzeit sind es Schlangen, Schnecken, und Harry Potter

. Als Sport macht er Parkour und Freerunning, Tischtennis (fällt leider vereinstechnisch derzeit noch aus) und jüngst auch wieder Fussball.
Er arbeitet liest auch oft vor in Schulbüchern und behält sich das direkt oder kennt es schon, obwohl er das ausdrücklich nicht soll und wir darauf achten, dass er sich dann den "Stoff" fürs Gehirn zu Hause woanders herholt.
Aber unser Sohn hat, obwohl er kognitiv locker hätte springen können und das auch u.a. nach dem 1. halben Schuljahr im Gespräch war, im Gegensatz zu eurer Tochter, kein Interesse die Grundschule so schnell als möglich hinter sich zu bringen, weil ihm das soziale sehr wichtig ist. Er BRAUCHT und hat Freunde und will auch nicht von ihnen getrennt sein, obgleich er in der Schule oft schwer unterfordert ist. Auch unser Sohn ist oft "genervt", wenn die Kinder in der Klasse wieder ewig für etwas brauchen, was für ihn sterbenslangweilig und ein alter Hut ist. Und leider hält er damit auch nicht immer hinterm Berg, sondern korrigiert seine Klassenkameraden oder quatscht rein, wenn ihm was nicht schnell genug geht oder was nicht "korrekt" oder vollständig genug ist (was SEEEEEEHR oft der Fall ist

). Auch ist er motorisch sehr unruhig und oft unkonzentriert (bei zu leichten Aufgaben, wenn er zu Hause etwas erledigen soll

, wenn er uns zuhören soll und wir reden grade nicht von seinem neuen Interessengebiet). ER hat also schon durchaus auch seine sozialen Baustellen, so große, dass wir sogar immer wieder daran zweifeln ob das wirklich "nur" vom inhomogenen Intelligenzprofil mit einer partiellen Höchstbegabung im sprachlichen Bereich herrührt und immer wieder steht ADHS im Raum. Sicherlich ist unser Sohn asynchron entwickelt. Sprich: im Kopf so um die 14, im Herzen 6

(so meine persönliche Einschätzung).
Aber er ist definitiv interessiert an sozialer Interaktion, braucht Kinder als Spielkameraden (wenn es auch am besten mit 2-3 Jahre älteren Kindern klappt, sofern die ihn mitmachen lassen). Am Anfang der Schule haben wir auch sehr viel Fokus darauf gelegt, dass unser Sohn kognitiv unterfordert ist (was er auch ist), mittlerweile legen wir, auch zu Hause, den Fokus eher auf das, was er NICHT so gut kann. Nämlich soziale Interaktion und Rücksichtnahme. Besonders als hochintelligenter Mensch MUSS man lernen Geduld zu haben mit seinen Mitmenschen und gewisse soziale Regeln beachten und lernen. Außer man möchte sich wirklich lebenslang ausschließen oder findet mit Glück andere Hochbegabte, die ähnlich ticken. Im Moment fahren wir mit dieser Strategie ganz gut. Der Schul-Rektor, der anfangs keine Ahnung von Hochbebgabung hatte und ÜBERZEUGT war, dass Sohnemanns "Probleme" nicht nur von hoher Intelligenz herrühren können (er ist im Gegensatz zu deiner Tochter auch kein Hochleister, fällt aber durchaus kognitiv auf), und er schlicht mehr Sport bräuchte, hat sich zwischenzeitlich wohl mit Kollegen vom hiesigen Gymnasium mit HB-Zug zusammen gesetzt, die ihm exakt die Verhaltensweisen schildern (in Klasse 5 und 6 wohlbemerkt immer noch), die unser Sohn an den Tag legt. Und da sein Verhalten durch viele Gespräche und viel Geduld der Lehrerin und unsererseits langsam besser wird, sind wir auf einem guten Weg. Unser Sohn leidet nach wie vor darunter, dass alles so langsam geht und oft nur an der Oberfläche gekratzt wird. Ich sage ihm dann immer, dann soll er seine überschüssige Energie darauf verwenden zu versuchen, nicht dazwischen zu rufen

und dass er, wenn er nicht springen will, da eben durch muss. Wir machen all das nicht, weil wir der Meinung sind, dass ein Klassensprung grundsätzlich ein ungeeignetes Mittel für hochbegabte Kinder ist. Nein das kann sogar lebensrettend sein, je nachdem wie sehr das Kind unter der kognitiven Unterforderung leidet. Wenn das Kind DARUNTER mehr leidet als unter der Tatsache keine Freunde zu haben, ist der Klassensprung sogar genau richtig. Wenn das Kind, wie in unserem Fall sehr wohl darunter leiden würde, keine Freunde zu haben und die derzeitigen Freunde mit ihm in die Klasse 1 gehen, dann ist es nicht der richtige Schritt.
Kurz und gut: was ihr mit eurer Tochter machen sollt, das kann euch niemand wirklich raten. Höchstens jemand der euer Kind gut kennt. Aber sicher nicht wir. Hier kann man Erfahrungen und Meinungen austauschen. Aber tatsächlich Empfehlungen auszusprechen, empfinde ich hier als schwierig. Letztendlich kennt man ja das Kind nur anhand der Beschreibung der Eltern.Und diese kann nie vollständig und allumfassend sein.
Ihr müsst euch einfach im Klaren darüber sein, dass ihr mit einem 2. Sprung einen Weg für euer Kind festlegt, nämlich dass der Schulstoff und das "hinter sich bringen" der Schule Vorrang vor dem sozialen Miteinander mit Gleichaltrigen hat. Wenn ihr meint, das ist der richtige Weg für Euer Kind, dann auf geht's. Es gibt ja tatsächlich Kinder/Menschen, die sich selbst genug sind und nicht so sehr auf eine Peergroup angewiesen sind. Wenn ihr aber genau darüber zweifelt, dann wartet lieber noch ab. Es kann immer die richtige, aber auch immer die falsche Entscheidung sein

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Gruß
Meine3