Hilfe! Überanpassung...

Probleme und Lösungen für den Schulalltag

Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon Edainwen » Di 12. Feb 2019, 10:58

Koschka hat geschrieben:@Edainwen
[...]
Ich glaube, dass es meinem Kind ziemlich genau geht wie dir in deiner Gymnasialzeit. Hast du eine Idee, was dir damals geholfen hätte mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und ein objektiveres Bild von dir selber zu verschffen? Wir war deine Position bei den Eltern/Lehrern? Haben sie erkannt, wie klug du bist oder haben es alle verschwiegen?


Die Lehrer wussten wohl schon, dass ich recht klug bin. Ich hatte auch einige "Narrenfreiheiten", die sich andere Kinder nicht erlauben konnten. Ich hatte mich z.B. in der Oberstufe recht oft für Mathe krank gemeldet, weil ich die Langeweile dort nicht ertragen haben. Jeder wusste, dass ich nicht wirklich krank war, aber mit durchgehend 15 Punkten ...

Die Lehrer versuchten auch alle, mich zu mehr mündlicher Mitarbeit zu bewegen. Das hat nie geklappt. Ich selber war einfach überzeugt davon, dass meine Antworten, die ich eine Viertelsekunde nach der Fragestellung im Kopf hatte, nicht richtig sein können. Warum sollten sonst die anderen so lange überlegen. Die eigentliche Frage musste viel schwieriger sein, nur ich hatte sie nicht verstanden ... Erst irgendwann in der Oberstufe fiel mir auf, dass meine Antworten, die ich im Kopf hatte, tatsächlich die richtigen waren, dass die Fragen wirklich so einfach waren und der Lehrer über jede Antwort dankbar war. Da wurde es dann besser. Aber ich glaube nicht, dass mir irgendetwas vorher zu dieser Erkenntnis hätte verhelfen können. Die musste mir schon selbst kommen.

Meine Mutter dachte wahrscheinlich nicht, dass ich besonders intelligent bin. Sie hat meine guten Noten einfach hingenommen und sich nicht besonders für das Schulische interessiert. Sie war aber auch ganztags arbeiten und ich bin quasi bei meinen Großeltern aufgewachsen - , die sich auch nicht für Schule interessiert haben ;) ("Woisch, des verstand' ih it!")

Nein, ich habe leider keine Ahnung, was mir hätte helfen können. Vielleicht, wenn sich jemand in meiner Familie für die Sachen interessiert hätte, die ich mache, das irgendwie wertgeschätzt hätte ...
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Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon alibaba » Di 12. Feb 2019, 11:17

Edainwen hat geschrieben: Meine Tochter (12) dagegen war bisher noch nie im Herdentrieb drin, sie hat immer ihr eigenen Ding durchgezogen. Bei mir war das übrigens genauso.


Vielleicht schwätzen wir ja bezüglich Herdentrieb aneinander vorbei, weil wir unterschiedliche Vorstellungen oder Interpretationen davon haben. Mein ziehen durchaus ihr eigenes ding durch. So ist mein Herr Sohn ganz konsequent im nicht melden, obwohl die Herde sich durchaus meldet. Und Herr Sohn bewertet den Unterricht auch ganz krass mit: "das ist Schrott was der Lehrer macht", obwohl viele aus der Herde damit zufrieden sind. Bloß keine Ansprüche an den Lehrer stellen. :schwitz: Und trotzdem ist er, z.B. beim Thema 'was trage ich heute für eine Hose', voll in der Herde drin. Er ist auch in der Herde was den Abnabelungsprozess angeht. Trotzdem sitzt er nicht rauchend und kiffend im Buswartehäuschen (Herde) sondern geht eben in die Musikschule. Aber auch da folgt der dem Peergroupherdentrieb, da er ja auch eine ein solche spezielle Klasse geht. Auf der anderen Seite war er der einzige Bub in seiner ehemaligen Klasse, der sich für eben diesen Kurs entschieden hat. Also da war es nichts mit Herdentrieb, die sind nämlich alle in NWT gegangen.

Ich glaube daher, dass man aufpassen muss, was biologisch geprägt wird und was eben die Umgebung formt. Und - ganz klar - Ausnahmen bestätigen, wie überall, die Regel.

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Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon Koschka » Di 12. Feb 2019, 18:15

Kennt jemand dieses Buch?

https://www.amazon.de/Extrem-beschenkt- ... 0MGDRDBHAQ

Gibt es dort was praktisches? Beim Vorschau auf das Inhaltsverzeichnis habe ich mich schon in ein Wort "Aufschieberitis" verliebt.
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Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon Koschka » Di 12. Feb 2019, 22:55

Zum Thema Anderssein...

Ich habe fast fünf Jahre lang auf einem Boot reisend unter Aussteigern gelebt. Vor allem im Kreis der Familie, aber auch unter Freunden. Mein Mann hatte den Mut zu sagen: "Ich verlasse meinen gut bezahlten sicheren Job, weil ich die Welt sehen möchte". Er wollte sich nicht darauf verlassen, es im Rentenalter machen zu können. Das haben die Meisten nicht verstanden. Es gibt auch keine Garantie für den Wiedereinstieg, wie kann man den so was machen?! Ich habe viele Länder, Landschaften und Völker gesehen, von chilenishcen Gletschern bis zu den australischen Wüsten. Es kam ein Zeitpunkt ab dem alles Landschaftliche, egal wie reizend einfach langweilig wurde. Auch die primitiven Kulturen, mit all ihrer Freundlichkeit und Offenheit hat man irgenwann mal satt. Was mir wirklich fehlt und wovon ich nicht genug bekommen habe, sind die Aussteiger. Das sind Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen das bequeme geregelte Leben verlassen haben, um was Neues, was Anderes, was Spannendes zu leben. Zum Teil sind das sehr nachvollziehbare Geschichten, wie bei Menschen, die Krebs besiegt haben und wirklich zu spüren bekommen haben, dass das Leben zu kurz ist, um es im Büro zu verbringen. Zum Teil sind das sehr skurille Sachen, wie ein Informatikgenie, der per se nach dem Ende von DDR nicht mehr nach Deutschland wollte und lieber in einem der ärmsten Länder der Welt lebt und sich mit dem regierenden Diktator anfreundet. Die meisten lagen in der Mitte, stiegen nur für einen begrenzten Zeitraum aus und plannten wieder einzusteigen. Die Kinder verstanden sich sowieso alle untereinander. Es gab so weniger von ihnen, dass sie für einander von einem unschätzbaren Wert waren. Es gab viele Franzosen, Australier, Neuseelander, aber deutsche Familie mit Schulkinder gab es außer uns nur eine. Die meistsen Deutschen waren Rentner. Traf uns ein Deutscher im Ausland wurde sofort gefragt: "Und die Schule?!" Dem Rest der Welt war die Schule egal. Selbst den Schweizern. Auch Erwachsene verstanden sich meistens sehr gut untereinander. Sie hatten alle ein Ziel, ein wenig Mut und einen breiten Horizont. Unter dem Strich fehlt mir jetzt nicht so sehr die tropische Sonne, die schlagende Brandung oder das breite grinsen der freundlichen Fijianern, sondern diese Menschen mit Mut und Horizont und ohne Vorurteile. Menschen, die kilometerweit laufen, meilenweit rudern oder zwei Tage segeln um einen Kaffee und Kuchen mit Halbbekannten zu teilen. Menschen, bei denen man keine Angst haben braucht, für eine Party nicht eingeladen zu werden, egal wie schräg man ist. Einige haben ich so ins Herz geschlossen, dass ich hoffe, dass wir uns trotz der Entfernungen wieder sehen. Sie kommen aus Neuseeland, Brasilien, Australien, England oder haben gar keinen festen Wohnsitz. Ich konnte jeden von ihnen anschreiben und fragen, ob ich nächste Woche zu 6 zum Besuch für eine Woche kommen darf, und die meisten würden zusagen und sich vom Herzen freuen. Ich wohne in meinem Dorf seit einiger Zeit, wir kamen noch vor der Reise hierher. Ich bin mir nicht sicher, dass ich im Not einen Platz für eine Nacht zum übernachten hier finden würde. Ich kenne kaum Nachbarn, weil man wenig miteinander spricht und sich am liebsten durch eine fünf Meter hohe Hecke abgrenzt. Die Kinder sind alle weg, irgendwo bei nachmittaglichen Aktivitäten untergebracht. Auf der Straße hat noch nie jemand gespielt. Wenn jemand hier so anders ist wie ich, dann hält er sich genauso wie ich tief versteckt. So ist das Leben.

Meine überangepasste, so gut wieder integrierte Tochter würde am liebsten alles hinschmeißen und zurück in die Freiheit gehen. Die bittere Wahrheit besteht nur dadrin, dass sie die Freiheit nicht mehr geschenkt bekommt, sondern sie sich selber erarbeiten muss. Das wird wohl viele Jahre dauern.
Zuletzt geändert von Koschka am Mi 13. Feb 2019, 10:54, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon alibaba » Mi 13. Feb 2019, 09:44

Koschka hat geschrieben: Zum Thema Anderssein...

Ich habe fast fünf Jahre alt auf einem Boot reisend unter Aussteigern gelebt.


Da ich das wusste, was ich übrigens sehr mutig fand, schrieb ich bereits weiter oben etwas dazu, das die Probleme deiner Tochter viele Gründe haben. Und so bin ich dann doch "erleichtert" das Du es doch noch schreibst ….

Koschka hat geschrieben:
Meine überangepasste, so gut wieder integrierte Tochter würde am liebsten alles hinschmeißen und zurück in die Freiheit gehen. Die bittere Wahrheit besteht nur dadrin, dass sie die Freiheit nicht mehr geschenkt bekommt, sondern sie sich selber erarbeiten muss.


…… denn diese Erfahrung wird eine große Prozentzahl der Unzufriedenheit einnehmen. Sie kannte das freie System. Umso schwerer fällt dann die Akzeptanz der Starrheit und des Vorgegebenen. Ein wichtiger Aspekt. Hinzu kommen dann noch viele andere Gründe.

Vielleicht solltest du Dir überlegen, denn es bleiben ja auch viele Dinge bei solchen Abenteuern auf der Strecke, der Normalität ein Stückchen auf die Sprünge zu helfen. Daher nochmals die Erinnerung an ein Hobby.

Der Buchtipp ist ganz interessant. Ich wusste gar nicht, dass es so viel spezifische Literatur darüber gibt. Ich werde das demnächst im Buchladen bestellen, da es ja auf die Probleme der Teenager einzugehen scheint. Das darf dann mein Sohn lesen. Mal sehen ob er sich wieder findet. Daher mein Dank fürs stöbern.

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Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon Koschka » Mi 13. Feb 2019, 10:04

Was sind denn Hobbys? Natürlich geht meine Tochter wie alle meine Kinder wohin, macht dort was, je nach Wochentag ein wenig Musik, Kunst oder Sport. Na und? Wenigstens von der Musiklehrerin weiß ich, dass sie gelobt wird, gut vorwärts kommt. Es löst nicht das grundlegende Problem. Mein Sohn stellt sich auf die Bühne, spielt einmal die zweite Geige, die er gerade so hingekriegt hat, und fragt das nächste mal, wann die Partie von der 1. Geige frei werde. Meine Tochter will gar nicht auf die Bühne, sie will nicht in Chor, da muss man ja auftreten. Ich weiß, dass dieses Problem nicht durch die Reise entstand. Das war so zu sagen schon immer so, auch in der frühesten Kindheit.
Zuletzt geändert von Koschka am Mi 13. Feb 2019, 10:42, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon sinus » Mi 13. Feb 2019, 10:35

@Koschka, danke fürs Erzählen deiner Geschichte!
Ich hab grad nur ein paar Minuten Zeit, sonst würde ich mehr schreiben...
Ich kann es mir nur schwer vorstellen, wie du es beschreibst nach so einer Erfahrung ein so völlig anderes Leben zu leben.
Ich hab hier das Glück, so einige nicht ganz "stromlinienförmige Menschen" zu meinem Bekanntenkreis zu zählen und profitiere sehr davon...
Meine Tochter scheint deiner sehr ähnlich - sie singt gern im Chor, hasst aber Auftritte.
Heute ging die Kleine in den Kita-Fasching und die Große erzählte mir, dass sie es so gar nicht mochte, wenn bei Fasching die Kostüme vorgestellt wurden. Da wird immer so ein Lied gesungen: "Und wer als ... gekommen ist, tritt ein, tritt ein, tritt ein..." und dann gehen alle mit dem passenden Kostüm in die Mitte des Kreises.

Zur Kleinen schreib ich gern andermal ausführlicher. Sie ist lockerer, aber in Vielem auch der Großen auch ähnlich. Aber sie ist mit sich selbst viel mehr im Reinen und auch nicht so ungeduldig und überkritisch mit sich selbst.
Sie ist auch eher zurückhaltend und steht ungern im Mittelpunkt (in der Krippe hat sie den Kita-Fasching einmal komplett im Bett verbracht, weil ihr das Ganze zu viel war), aber sie geht von sich aus eher mal auf andere zu. Sie macht es sich selbst nicht so schwer.

Die Große ist übrigens an sich gut integriert, wird geschätzt, eingeladen, hat mehrere recht enge Freunde (die besten aber nicht in der Schule, sondern im Bekanntenkreis - alles Jungs und tw auch irgendwie "besondere" Kinder.)
Es scheint also wirklich vor allem ein inneres Gefühl des "Anders-Seins" zu sein.
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Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon alibaba » Mi 13. Feb 2019, 12:36

Koschka hat geschrieben: Was sind denn Hobbys? Natürlich geht meine Tochter wie alle meine Kinder wohin, macht dort was, je nach Wochentag ein wenig Musik, Kunst oder Sport. Na und? Wenigstens von der Musiklehrerin weiß ich, dass sie gelobt wird, gut vorwärts kommt. Es löst nicht das grundlegende Problem. Meine Tochter will gar nicht auf die Bühne, sie will nicht in Chor, da muss man ja auftreten. Ich weiß, dass dieses Problem nicht durch die Reise entstand. Das war so zu sagen schon immer so, auch in der frühesten Kindheit.


Es geht doch nicht darum, sich irgendwo hinzustellen und dort etwas zu präsentieren. Es geht bei einem Hobby darum, etwas zu tun, wo man Glück empfindet und sich gefordert fühlt. Zumindest machen wir das so. :gruebel:

Koschka hat geschrieben: Mein Sohn stellt sich auf die Bühne, spielt einmal die zweite Geige, die er gerade so hingekriegt hat, und fragt das nächste mal, wann die Partie von der 1. Geige frei werde


Ich werde bei Euch nicht das Gefühl los, dass deine Kinder nur etwas tun um den Eltern zu gefallen. Ich tue mich da sehr schwer, diese Beschreibungen der ständigen Unterforderung zuzuschreiben.

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Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon Koschka » Mi 13. Feb 2019, 13:43

Nein, alibaba, du hast den falschen Eindruck. Mein Großer überschätzt sich ganz von alleine, genauso wie meine Tochter sich von alleine unterschätzt. Wobei mir überschätzen noch lieber ist.
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Re: Hilfe! Überanpassung...

Beitragvon alibaba » Do 14. Feb 2019, 09:28

Koschka hat geschrieben:Nein, alibaba, du hast den falschen Eindruck. Mein Großer überschätzt sich ganz von alleine, genauso wie meine Tochter sich von alleine unterschätzt. Wobei mir überschätzen noch lieber ist.


Ich weiß immer nicht, wie ich das alles einordnen kann. Bei einer Überschätzung muss man genauso kritisch hinschauen, wie bei einer Unterschätzung. Warum können deine Kinder sich nicht, in einem gesunden Rahmen, einschätzen? Warum liegen sie so falsch? Weil der IQ so hoch ist? :gruebel:

Am Rande: An der Schule meiner Kinder müssen die Kinder sich regelmäßig selber einschätzen. Mittels eines Fragebogens bewerten die Lehrer, in einigen Fächern, die mündliche Note die sich die Kinder selber vergeben. Also wie schätze ich meine mündliche Leistung ein. Das ist immer ein ganzes DIN A4-Blatt. Weicht die Differenz sehr stark ab (Selbsteinschätzung zur Lehrereinschätzung), gibt es Gespräche.
Ich kann nur für uns sagen, meine Kinder schaffen das erstaunlich gut, wenn sie ehrlich sind, sich treffend einzuschätzen.

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