ADS im Alter?

hochbegabt oder ADS oder beides?

ADS im Alter?

Beitragvon Melina23 » Di 31. Mär 2020, 11:21

Hallo alle zusammen,

ich habe vor Kurzem einen Artikel gelesen, dass gerade bei Frauen ADS selten getestet und frühzeitig erkannt wird. Ich habe das Gefühl, dass meine Schwester so eine Kandidatin ist.
Sie merkt sich nichts, ist immer durch den Wind und ist mit den einfachsten Alltagsaufgaben überfordert.. Ein - Zwei Mal ist es vorgekommen dass sie vergessen hat ihre Kinder abzuholen!
In dem Artikel stand, dass sowas ein Zeichen dafür ist, dass ADS nicht rechtzeitig erkannt wurde und behandelt werden konnte..

Gibt es hier jemanden mit Erfahrungen?
Melina23
 
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Re: ADS im Alter?

Beitragvon Rabaukenmama » Di 31. Mär 2020, 22:20

Hallo Melina,

da ich in Sachen ADHS (mit H) selbst betroffen bin, melde ich mich mal hierzu. Ich weiß nicht, was für einen Artikel du da gelesen hast, aber die Merkfähigkeit hat mit AD(H)S nur bedingt was zu tun. Auch die Überforderung durch Alltagsaufgaben ist kein Merkmal dafür. Ich versuche mal, meine Sichtweise auf meine Störung (nichts anderes ist es) zu beschreiben.

Mir gehen ständig Gedanken durch den Kopf, pausenlos. Dabei springe ich (gedanklich) von einem Thema zum nächsten, oft, ohne mir dessen selbst bewusst zu sein. Ich schreibe mal ein Beispiel, damit man sich was drunter vorstellen kann.

Ich denke an den Film, den ich soeben gesehen habe, und dessen Hauptdarsteller, der außerdem Burgschauspieler ist. Dann fällt mir ein, dass ja wegen des Coronavirus das Burgtheater geschlossen hat und ich frage mich, ob es so was wie Kurzarbeit auch für Schauspieler gibt. Bei der Gelegenheit fällt mit ein Online-Auftritt eines Kabarettisten ein, der auch mal ein Buch geschrieben hat. Dieses Buch hat mir von 3 Jahren eine Freundin geschenkt, mit der ich jetzt keinen Kontakt mehr habe. Ich frage mich also, wie es dieser ehemaligen Freundin wohl gehen mag und denke dabei auch an deren psychisch kranken Sohn und ob der noch in der geschlossenen Anstalt ist. Dabei fällt mir eine Doku über psychisch kranke Menschen ein und die Aussage eines Arztes in dieser Doku, die mir total gegen meine Einstellung gegangen ist und die mich sehr aufgeregt hat. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass sich eine andere Freundin in einem komplett anderen Zusammenhang von einer Ärztin mal eine sehr unsensible Aussage anhören musste und ich denke darüber nach, wie man die Kriterien für den Arztberuf dahingehend verändern könnte, dass solche Leute dafür nicht mehr zugelassen werden. Dann fällt mir ein, dass sich eine eher menschenfeindliche, abweisende Einstellung in Kombi mit sich-über-den-Patienten-stellen vielleicht auch erst im Laufe der Ausbildung und der Praxis entsteht. Bei Lehrern ist es ja auch so, dass diese oft erst mal voll motiviert durchstarten und dann, nach einigen Jahren sind sie dauerfrustriert und desillusioniert. Dann denke ich weiter, ob das denn sein muss und warum es nur bei manchen Menschen so ist, bei anderen aber nicht. Dabei fällt mir als positive Beispiel die Klassenlehrerin meines älteren Sohnes ein, die auch noch nach vielen Jahren die Kinder einfach gern hat. Dann fällt mir ein ich könnte mal im Schulnetzwerk nachschauen, ob es was Neues gibt. Während ich den PC hochfahre kommt ein Anruf meiner Mutter rein, wir reden 10 Minuten über Gott und die Welt und wenn ich wieder zum Computer gehe weiß ich nicht mehr, was ich hier eigentlich machen wollte,...

Das, was ich gerade beschrieben habe, hat sich in meinem Kopf in nicht mal zwei Minuten abgespielt. Ich kann ja nicht in andere Köpfe reinschauen, vermute aber, dass es nicht "normal" ist. Ich kann auch z.B. im Beruf keinen Ablauf (z.B. einen Auftrag erfassen) immer in derselben Reihenfolge machen. Das schaffe ich einfach nicht, obwohl ich schon mehrmals bewusst versucht habe, es mir anzugewöhnen. Statt dessen hab etliche "Sicherheitsmaßnahmen" im Kopf, wo ich (auch nicht in derselben Reihenfolge) alles auf mögliche Fehler kontrolliere.

In manchen Dingen habe ich geschafft, meinen "Autopilot" einzuschalten. So öffne ich z.B. immer, wenn ich an einem Tag zum ersten Mal nach Hause komme, den Briefkasten und checke gleich nach dem Heimkommen meine e-mails. Da ich ein sehr aktiver Mensch bin gehe ich auch im Urlaub mindestens 1x am Tag außer Haus. Im momentanen Fall kann ich das aber nicht, weil ich mich bestmöglich an die Corona-Richtlinien halte und außerdem ungewohnter Weise die Kinder den ganzen Tag zu Hause sind und auch noch für die Schule lernen sollen. Da sich mein Automatismus mit "nach Hause kommen - Briefkasten leeren - Mails checken" so nicht eingeschaltet hat, habe ich ganze 5 Tage weder nach der Post geschaut noch meinen Mailaccount geöffnet :P .

Anderen mag das unverständlich sein, gerade in Zeiten wie diesen nicht mal die eigenen mails zu checken. Aber durch dieses Beispiel ist mir noch einmal mehr bewusst geworden, wie wichtig für mich all die Routinen sind, die ich mir selbst eingerichtet habe, um den Tag zu überstehen. So denke ich z.B. nie an den Frühstücksdienst, der in meine Firma kommt. Daher habe ich auf meinem Handy einen Klingelton eingestellt, der mich daran erinnert. Ich habe einen Terminkalender, ohne den ich komplett aufgeschmissen wäre. Und ich habe mir zur Gewohnheit gemacht, diesen Kalender ständig (in meiner Bauchtasche) bei mir zu haben und sämtliche Termine SOFORT einzutragen, weil ich es später wieder vergessen würde.

So gesehen bin ich deiner Schwester vermutlich ähnlich. Vielleicht würde ich auch vergessen, meine Kinder abzuholen, wenn ich nicht jeden einzelnen Termin, an dem ich sie abholen muss, (samt Uhrzeit und Ort) in meinem Terminkalender festhalten würde.

Was ich damit sagen will: AD(H)S hat man oder hat man nicht, aber man kann lernen, damit umzugehen. Es geht darum, individuelle Wege zu finden, wie man selbst "funktionieren" kann. Ich kenne eine Frau, die auch erst als Erwachsene (mit 32) ihre ADHS erkannt hat, und die dann erstmals Medikamente probiert hat. Sie meinte, es wäre ein wahnsinniges AHA-Erlebnis für sie gewesen, plötzlich so klar und fokusiert denken zu können. Nach 1/2 Jahr regelmäßiger Einnahme von Ritalin hat sie es dann probehalber wieder abgesetzt und erstaunt festgestellt, dass sie auch nach dem Absetzen deutlich klarer denken konnte als vor ihrem Medikamentenversuch. Mittlerweile handhabt sie es so, dass sie das Ritalin selten punktuell einsetzt, wenn besondere Konzentration erforderlich ist (z.B. beruflich), es aber nicht regelmäßig einnimmt.

Nach dem Gespräch habe ich ernsthaft überlegt, das auch auszuprobieren. Doch ich habe mich dagegen entschieden, weil ich mittlerweile schon selbst Strategien gefunden habe, mit meiner Störung zurecht zu kommen. So viel dazu von mir ;) !
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Re: ADS im Alter?

Beitragvon Melina23 » Mi 13. Mai 2020, 10:49

Hallo Rabaukenmama,

ich danke Dir herzlich, dass Du es aus deiner Sichtweise so ausführlich beschrieben hast. Eigene Strategien sind natürlich der Medikamente vorzuziehen.

Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute.
Melina23
 
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